Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (15,36 - 18,22)

Apg 16,9-10

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 16,9-10

 

 

Übersetzung

 

Apg 16,9-10:9 Und des Nachts erschien dem Paulus ein Traumgesicht: Ein makedonischer Mann stand da und sprach: "Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!“ 10 Als er das Traumgesicht gesehen hatte, waren wir sogleich bestrebt, nach Makedonien abzufahren, in der Überzeugung, dass (der) Gott uns herbeigerufen hatte, ihnen zu verkündigen.

 

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Die Verse 16,9-10 bilden den Abschluss des Aufenthaltes des Paulus und seiner Begleiter in Asien und begründen, warum sie nun Asien verließen und die Mission in Europa fortsetzten.

 

Der Begriff "horama“ bedeutet zunächst einmal ganz allgemein "Erscheinung“. Dabei bleibt offen, ob Paulus die Erscheinung im wachen, ekstatischen oder schlafenden Zustand hatte. Dass es des Nachts zu der Erscheinung kam, lässt vermuten, dass Paulus schlief und die Erscheinung im Schlaf hatte. Folglich ist wahrscheinlich, dass es sich um eine Erscheinung im Traum, also um ein Traumgesicht handelte.

 

Unklar ist, woran Paulus erkannt hatte, dass der Mann ein makedonischer Mann war. Hat er ihn an der Sprache oder an der Tracht erkannt? Für den Fortlauf der Geschichte ist das unerheblich. Entscheidend sind die (richtige) Schlussfolgerung aus dem Traumgesicht und die Fortsetzung der Mission in Europa. Der Text setzt voraus, dass aus dem Traumgesicht eindeutig hervorging, dass es sich bei dem Mann um einen makedonischen Mann handelte. Eine genauere Bestimmung des Mannes nimmt der Verfasser der Apg nicht vor; sie scheint nicht von Bedeutung zu sein.

 

Der Mann sagt nicht, wen er mit "uns“ meint. Die Bedeutung, die der Herkunft des Mannes beigemessen wird, lässt darauf schließen, dass er sich und seine Landesgenossen meint.

 

Offen bleibt, wie Paulus helfen soll. Da die Apg von der Verkündigung des Evangeliums handelt und Paulus der Verkündiger schlechthin ist, dürfte bei der "Hilfe“ an die Verkündigung des Evangeliums gedacht sein.

Es stellt sich die Frage, woher die Makedonier überhaupt von der Existenz des Evangeliums wussten. In Makedonien war nämlich noch kein christlicher Missionar gewesen und in Troas und in der Provinz Asien durften Paulus und seine Begleiter nicht predigen. Zur Provinz Bithynien und Pontus hatten sie nicht einmal Zutritt erhalten und in den bisherigen Missionsgebieten waren sie noch keinen Makedoniern begegnet − zumindest wird von keiner Begegnung berichtet. Diese Ungereimtheiten deuten darauf hin, dass der Traum nicht als Hilferuf der Makedonier im eigentlichen Sinne, sondern als Eingebung Gottes zu verstehen ist. Gott forderte Paulus und seine Begleiter auf, nach Makedonien überzusetzen und den Makedoniern das Evangelium zu verkündigen. Um die Eingebung möglichst eindrücklich und deutlich zu gestalten, ließ Gott einen Makedonier einen Hilferuf sprechen und Paulus wissen, dass es sich um einen Makedonier handelte.

 

Makedonien war seit 146 v. Chr. römische Provinz und damit ebenso Bestandteil des Römischen Reiches wie die Provinz Asien. Somit stellt sich die Frage, ob Paulus und seine Begleiter die Überfahrt nach Europa überhaupt als Übertritt in eine andere Welt ansahen, oder ob es für sie nicht einfach nur der Übertritt von einer römischen Provinz in die nächste war, wie sie schon viele Provinzen mit ihren jeweiligen Eigenheiten erlebt hatten, ohne dass sie sich mit einer völlig anderen Kultur außerhalb des Römischen Reiches hätten auseinandersetzen müssen. Die Hauptbedeutung des Rufes nach Makedonien aus erzählerischer Sicht dürfte darin gelegen haben, dass Makedonien das erste Missionsgebiet sein würde, das sich auf direktem Wege nur über das Meer (Bosporus, Marmarameer, Ägäisches Meer) erreichen ließ und nicht − wie Zypern − in der Nähe der Heimat der Missionare lag. Makedonien stand symbolisch für eine deutliche Erweiterung des Missionshorizontes.

Angesichts der Tatsache, dass Paulus und seine Begleiter vermutlich sowieso planten, von Troas aus zu einem neuen Missionsgebiet in See zu stechen (vgl. Beobachtungen zu 16,8), handelte es sich bei dem Ruf nach Makedonien nicht um einen einschneidenden Eingriff in die Missionspläne des Paulus und seiner Begleiter. Diese waren aus eigenem Antrieb schon längst über den ursprünglichen Plan einer Visitationsreise durch bereits gegründete Gemeinden hinausgegangen und wurden vom heiligen Geist (oder: Geist Gottes) oder Gott nur noch von bestimmten Missionsgebieten abgehalten oder in bestimmte geführt.

 

Weiterführende Literatur: Eine postkoloniale, postfeministische Auslegung von Apg 16,6-40 bietet J. L. Staley 2004, 177-192.

 

F. Martin 1990, 9-29 befasst sich mit der Reiseroute des Paulus und mit den Begebenheiten in Philippi. Er vertritt die These, dass die Jerusalemer Versammlung (vgl. Apg 15) auf eine schwelende Konfliktsituation eine Antwort gegeben habe, und nun in Apg 16 in Form eines Berichtes auf die Bedingungen und Wirkungen der freimütigen Evangeliumsverkündigung in einer heidnischen Gesellschaft eingegangen werde.

 

Laut B. Heininger 1996, 273-279 habe Lukas eine Itinerar als Quelle benutzt, es überarbeitet und dabei u. a. das Nachtgesicht vom makedonischen Mann eingebracht. V. 8 sei integraler Bestandteil des paulinischen Nachtgesichts. Es biete sich eine Segmentierung der visionären Szene in drei Teile an: V. 8 lokalisiere das Geschehen, V. 9 stelle das eigentliche Gesicht vor, und V. 10 gebe Nachricht über dessen unmittelbare Folgen, nämlich die Deutung und den unverzüglichen Aufbruch nach Makedonien. Das nächtliche Gesicht in V. 9 sei wohl als Traum zu verstehen, der aber im Unterschied zur apokalyptischen Praxis nicht mittels Zweitoffenbarung, sondern im Rahmen einer Gemeinschaftsarbeit (Plural!) erschlossen werde.

 

P. Pilhofer 1995, 153-159 bietet eine Deutung der Übergangsszene 16,6-10, die nicht mit dem anachronistischen Gegensatz Europa/Asien zu arbeiten braucht und auch nicht nur von einem Übergang von einer römischen Provinz in die andere ausgeht. Sowohl die Stadt Philippi als auch die Provinz Makedonien würden vom Makedonen Lukas nicht mit römischen, sondern mit makedonischen Augen betrachtet. Für den Makedonen Lukas sei Makedonien eben nicht irgendeine römische Provinz. Der Verfasser der Apg spreche hier als Patriot; als einer, der zwar in Philippi lebe, dort aber nicht zur lateinisch sprechenden Oberschicht gehöre.

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Dementsprechend verstanden Paulus und seine Begleiter auch sofort das Traumgesicht. Dass sie sofort nach Makedonien aufbrechen wollten, zeigt ihren Gehorsam Gott gegenüber, denn die Missionare verstanden das Traumgesicht.

 

Erstmals erscheint in der Apg ein Wir-Bericht. Die Wir-Gruppe ist eindeutig die Gruppe der Missionare, doch wer ist der Sprecher? Aus V. 9-10 geht hervor, dass Paulus nicht der Sprecher sein kann, weil der Sprecher Paulus nicht als "Ich“ ansieht, sondern als "Er“. V. 10 lautet nicht "Als ich das Traumgesicht gesehen hatte, waren wir sogleich bestrebt,…“, sondern "Als er das Traumgesicht gesehen hatte, waren wir sogleich bestrebt,…“. Da nicht davon die Rede war, dass Silas oder Timotheus die Missionarsgruppe unterwegs verlassen hatte, kann der Sprecher nur Silas oder Timotheus oder ein anderer, bisher nicht in den Blick gekommener Begleiter sein. Möglich ist, dass dieser Begleiter der Verfasser der Apg war oder der Verfasser den Eindruck vermitteln wollte, er sei bei der Missionsreise dabei gewesen. Als (vorgeblicher) Augenzeuge konnte er für sich eine größere Autorität beanspruchen und der Apg größeres Gewicht verschaffen. Doch warum sollte der Verfasser der Apg erst in 16,10 mit dem Wir-Bericht beginnen? Stammte er aus Troas und schloss sich erst hier der Missionarsgruppe an? Dagegen spricht, dass es darauf keinen Hinweis gibt, zumal die antike Tradition Lukas, den angeblichen Verfasser der Apg, mit Antiochia am Orontes und nicht mit Troas oder Makedonien in Verbindung brachte. Und schließlich ist auch daran zu denken, dass es sich bei dem Wir-Bericht einfach nur um ein stilistisches Mittel handelt, mit dem der Verfasser der Apg die Erzählung lebendiger gestalten wollte.

 

Es stellt sich die Frage, wie die Wir-Gruppe sogleich bestrebt gewesen sein kann, nach Makedonien abzufahren, wenn doch nur Paulus das Traumgesicht erschienen war. Paulus muss seinen Begleitern das Traumgesicht erzählt haben. Diese Textlücke füllt der Codex Bezae Cantabrigiensis, der das Erzählen des Traumgesichtes seitens Paulus ausdrücklich erwähnt.

 

Dass Paulus und seine Begleiter nicht einfach nach Makedonien abfuhren, sondern bestrebt waren, nach Makedonien abzufahren, hängt damit zusammen, dass sie für die Überfahrt ein Schiff ausfindig machen mussten. Ein eigenes Schiff hatten sie nicht zur Verfügung, weil die bisherige Missionsreise über das Festland geführt hatte.

 

Weiterführende Literatur: J. Wehnert 1989, 192-193 hält fest, dass Lukas in Apg 16,10-17 bzw. in Apg 16-18 auf einen ihm zur Verfügung stehenden Erinnerungsbericht über die paulinische Erstmission in Europa habe zurückgreifen können.

C.-J. Thornton 1991 legt dar, dass es Lukas darauf ankomme, dass nicht missionarischer Ehrgeiz des Paulus oder eine zufällige Reiseangelegenheit das Evangelium nach Europa brachten, sondern Gott selbst habe diesen Schritt initiiert. Dafür sei Lukas Zeuge; das aber sei keine Zeugenschaft im Sinne historischer Autopsie, sondern ein Zeugnis des Glaubens, dass die miterlebte Vergangenheit von Gott geleitete Geschichte ist.

 

Zu Apg 16 gemäß der Textfassung des Codex Bezae Cantabrigiensis siehe É. Delebecque 1982, 395-405.

 

 

Literaturübersicht

 

Delebecque, Édouard; De Lystres à Philippes (Ac 16) avec le codex Bezae, Bib. 63/3 (1982), 395-405

Heininger, Bernhard; Paulus als Visionär: Eine religionsgeschichtliche Studie (Herders biblische Studien 9), Freiburg i. Br. 1996

Martin, François; Le geôlier et la marchande de pourpre: Actes des Apôtres 16:6-40 (Première partie), SémBib 59 (1990), 9-29

Pilhofer, Peter; Philippi, Bd. I: Die erste christliche Gemeinde Europas (WUNT 87), Tübingen 1995

Staley, Jeffrey L.; Changing Woman: Toward a Postcolonial Postfeminist Interpretation of Acts 16.6-40, in: A.-J. Levine [ed.], A Feminist Companion to the Acts of the Apostles (Feminist Companion to the New Testament and Early Christian Writings 9), London − New York 2004, 177-192

Thornton, Claus-Jürgen; Der Zeuge des Zeugen: Lukas als Historiker der Paulusreisen (WUNT 56), Tübingen 1991

Wehnert, Jürgen; Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte: ein lukanisches Stilmittel aus jüdischer Tradition (Göttinger Theologische Arbeiten 40), Göttingen 1989

 

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