Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (15,36 - 18,22)

Apg 18,18-22

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 18,18-22

 

 

Übersetzung

 

Apg 18,18-22:18 Nachdem (der) Paulus noch etliche Tage geblieben war, nahm er von den Brüdern Abschied und segelte nach Syrien ab, und mit ihm Priscilla und Aquila. Zuvor hatte er sich in Kenchreä das Haupt scheren lassen, denn er hatte ein Gelübde. 19 Sie kamen nach Ephesus, und er ließ jene dort zurück. Er selbst aber ging in die Synagoge hinein und redete zu den Juden. 20 Als sie ihn aber baten, eine längere Zeit zu bleiben, willigte er nicht ein, 21 sondern verabschiedete sich und sagte: "Ich werde wieder zu euch zurückkehren, so Gott will.“ Dann lief er aus Ephesus aus. 22 Und nachdem er in Cäsarea an Land gegangen war, stieg er hinauf, begrüßte die Gemeinde und ging nach Antiochia hinab.

 

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Nachdem die Anklage der Juden gegen Paulus von Gallio, dem Statthalter der Provinz Achaia, zurückgewiesen worden war (vgl. 18,17-22), war die größte Gefahr für Paulus gebannt. Zumindest brauchte er nicht mehr um sein Leben zu fürchten und konnte sich somit noch "etliche Tage“ in Korinth aufhalten, wobei über seine Tätigkeit in diesen Tagen nichts berichtet wird. Fraglich ist, ob diese abschließenden Tage in der in V. 11 genannten Aufenthaltszeit von einem Jahr und sechs Monaten eingeschlossen sind, oder ob sich die genannte Aufenthaltszeit nur bis zur Anklage erstreckte und die Zeitdauer "etliche Tage“ hinzuzufügen ist. Da die Zeitdauer "etliche Tage“ vergleichsweise kurz gewesen sein dürfte, wird sie die gesamte Aufenthaltsdauer aber auf jeden Fall kaum in nennenswertem Maße über ein Jahr und sechs Monate hinaus verlängert haben.

 

"Brüder“ meint hier nicht "leibliche Brüder“, sondern Glaubensbrüder, nämlich Christen. Dabei sind wohl die Glaubensschwestern eingeschlossen, die jedoch von der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt, unterschlagen werden.

Der Dativ "tois adelphois“ kann sich sowohl auf das vorausgehende "prosmeinas“ ("nachdem er geblieben war“) als auch auf das folgende "apotaxamenos“ ("nahm er Abschied“) beziehen. Bei ersterem Bezug lautet die Übersetzung "bei den Brüdern“, bei letzterem Bezug "von den Brüdern“.

 

Syrien wird als Ziel der Rückreise genannt, wobei der genaue Zielort offen bleibt. Am ehesten ist an Antiochia, die Hauptstadt der römischen Provinz Syrien (Syria) und der Ausgangsort der zweiten Missionsreise (vgl. 15,35-36), zu denken. Allerdings kommt auch Damaskus, die wichtige syrische Handelsstadt, infrage, in deren Nähe eine Erscheinung Jesu Christi (vgl. 9,1-9) die Hinwendung des Paulus zum christlichen Glauben einleitete.

 

Das Imperfekt "exeplei“ ("er segelte ab“) lässt an eine längere Zeitdauer denken. Das Imperfekt soll vermutlich unterstreichen, dass mit dem Absegeln von Korinth der Zeitraum der Seefahrt nach Syrien begann. Das Absegeln gehörte demnach zu diesem Zeitraum. Der Codex Bezae Cantabrigiensis bietet dagegen mit "epleusen“ ("er segelte ab“) einen Aorist, der das Absegeln als punktuelles Ereignis erscheinen lässt, das der eigentlichen Seefahrt vorausging.

 

Unklar ist, warum Priscilla und Aquila mit Paulus nach Ephesus mitkamen. Priscilla und Aquila waren "Juden“ − vermutlich sind Judenchristen gemeint -, die Paulus in Korinth getroffen und mit denen er zusammen als Zeltmacher gearbeitet hatte (vgl. 18,2-3). Ob sich die beiden in Ephesus bessere Arbeitsmöglichkeiten erhofften, oder ob sie in Ephesus das Missionswerk des Paulus fortsetzen sollten, bleibt offen.

 

Warum werden Silas und Timotheus nicht als Begleiter des Paulus erwähnt? Silas und Timotheus waren immerhin die wichtigsten Mitarbeiter des Paulus und Silas hatte Paulus von Beginn der zweiten Missionsreise an begleitet. Gemäß 18,5 waren sie in Korinth nach einer kurzzeitigen Trennung wieder zu Paulus hinzugestoßen, so dass sie eigentlich mit ihm zusammen hätten abreisen können. Sind sie vielleicht in Korinth zurückgeblieben? Dagegen spricht zum einen, dass Timotheus in 19,22 wieder erwähnt wird, wo sein Aufenthalt in Ephesus oder zumindest in der Provinz Asien vorausgesetzt wird. Ist Timotheus erst nach Paulus, Aquila und Priscilla aus Korinth abgereist? Zum anderen spricht gegen das Zurückbleiben des Silas und Timotheus in Korinth, dass der Verfasser der Apg zuvor (17,4) deren Zurückbleiben in Beröa ausdrücklich erwähnt hat. Auch in 18,18-22 wäre eine entsprechende Anmerkung zu erwarten gewesen. Wird vielleicht die Begleitung des Silas und Timotheus deshalb nicht mehr erwähnt, weil sie auf dem Rest der zweiten Missionsreise keine nennenswerte Rolle mehr spielten? Silas gehörte der Jerusalemer Gemeinde an, was nahe legt, dass er tatsächlich Paulus auf dem Weg zurück nach Syrien begleitet hat. Von Syrien aus war Jerusalem nicht mehr weit. Wie tatsächlich nach der letzten Erwähnung des Silas in 18,5 dessen Lebensweg verlaufen ist, lässt die Apg völlig offen, denn er verschwindet nun von der Bildfläche.

 

Kenchreä war einer der beiden Häfen von Korinth. Er lag etwa neun Kilometer östlich von Korinth am Saronischen Golf. Hier fuhren die Schiffe in den östlichen Mittelmeerraum ab.

 

Das Partizip "keiramenos“ ("scheren lassen habend“) kann sich auf Aquila oder auf Paulus beziehen. Für einen Bezug auf Aquila spricht, dass dieser unmittelbar vor dem Partizip genannt wird. Allerdings steht das Tun des Paulus im Mittelpunkt des Berichtes, weshalb näher liegt, das Partizip auf Paulus zu beziehen. Dann hätte sich Paulus und nicht Aquila aufgrund eines Gelübdes das Haupt scheren lassen.

 

Es wird nicht genauer dargelegt, um was für ein Gelübde es sich handelte. Als einzige Information darüber finden wir den Hinweis, dass zum Gelübde das Scheren des Haares gehörte, und dass dieses in Kenchreä stattfand. Bei dem genannten Gelübde ist zunächst an das Nasiräergelübde zu denken, das in Num 6,1-21 thematisiert wird. Dieses Gelübde nahm ein erwachsener Israelit aus eigenem Antrieb auf sich. Als Nasiräer (Gottgeweihter) verpflichtete er sich dazu, sich von berauschenden Getränken zu enthalten, sich keinem Toten zu nähern und sich nicht die Haare zu schneiden bzw. schneiden zu lassen. Dass Paulus gemäß 18,18 die Haare geschoren (oder: geschnitten) wurden, könnte auf das Ende eines solchen Gelübdes hinweisen. Doch warum könnte sich Paulus zu einem solchen Gelübde verpflichtet haben? War dies eine Reaktion auf das Traumgesicht 18,9-10, in dem der "Herr“ ihm seinen Beistand zugesichert hatte? Oder dankte Paulus Gott bzw. Jesus Christus dafür, dass er in Korinth nicht in Lebensgefahr geraten war? Möglicherweise wollte sich Paulus mittels des Gelübdes als frommer Israelit darstellen, dessen zweite Missionsreise in keinster Weise gegen die jüdischen Satzungen und Gebote verstoßen hatte. Allerdings wurde streng genommen das Gelübde in Jerusalem abgeschlossen. Vielleicht musste aber nur das abschließende Opfer am Jerusalemer Tempel erfolgen, wogegen das Scheren der Haare auch vorgezogen werden konnte (vgl. mNaz 3,6). Sollte vielleicht Paulus ein heidnisches Gelübde abgelegt haben, das mittels des Scherens der Haare abgeschlossen wurde? Das ist unwahrscheinlich, weil Paulus zwar unter den Heiden missionierte, aber als gebürtiger Jude wohl kaum deren Bräuche übernommen haben dürfte.

 

Weiterführende Literatur: Entgegen anderen Auslegern vertritt D. Slingerland 1991, 439-449 die Ansicht, dass sich von der Beziehung zwischen der Gallio-Inschrift und Apg 18,1-18 ausgehend keine halbwegs genaue absolute Datierung der verschiedenen Ereignisse des paulinischen Wirkens herleiten lasse.

 

W. O. Walker 2008, 479-495 vertritt die Meinung, dass alles, was die Apg über Aquila und Priscilla aussagt, von den paulinischen Briefen entnommen oder hergeleitet sei oder plausibel den literarischen, theologischen und/oder apologetischen Aussageabsichten des Verfassers der Apg zugeschrieben werden könne. Zusätzlich zu den paulinischen Briefen habe der Verfasser der Apg kein Quellenmaterial herangezogen. Es sei davon auszugehen, (a) dass der Verfasser der Apg wenigstens einen Teil der paulinischen Briefe kannte und benutzte, b) dass der Text der Apg eine ausgesprochen antifeministische Einstellung widerspiegele, c) dass der Gedankenhorizont des Verfassers der Apg eine antimarkionitische Komponente enthielt und (d) dass die Abfassung der Apg in das 2. Jh. n. Chr. − möglicherweise in die Mitte − zu datieren sei.

 

Als eine durchaus bedeutende Mitarbeiterin des Apostels Paulus sieht Y.-M. Lee 2006, 249-256 Prisca (= Priscilla) an. Die Nennung ihres Namens vor demjenigen ihres Ehemannes in Apg 18,18.26; Röm 16,3; 2 Tim 4,19 weise auf die Anerkennung ihrer Mitarbeit hin, da es nicht üblich gewesen sei, die Frau zuerst zu nennen. Dabei ließen sich die beiden Ausnahmen aus dem jeweiligen Kontext verständlich machen: So würden in Apg 18,2 die beiden zum ersten Mal erwähnt und vorgestellt. Hinsichtlich 1 Kor 16,19 könnte der Grund dagegen in der besonderen Situation der korinthischen Gemeinde liegen (vgl. z. B. 1 Kor 14,33-36).

 

G. G. Gamba 1999, 443-461 befasst sich mit drei Eigentümlichkeiten des Abschnitts 18,18-22, der als vorweggenommene Zusammenfassung der zweiten Missionsreise des Paulus diene: a) die Begleitung des Paulus seitens Aquila und Priscilla bis nach Ephesus; b) die Aufhebung eines Gelübdes in Kenchreä, bei der sich Paulus seine Haare scheren ließ; c) der Besuch des Paulus in der Synagoge während des kurzen Zwischenstopps in Ephesus trotz der Eile, rechtzeitig zum Pfingstfest Jerusalem zu erreichen. Diese Eigentümlichkeiten seien auf dem Hintergrund zu verstehen, dass die Apg eigentlich an den Tarentiner Reeder Theophilus und seine Familie gerichtet war; daher die bemerkenswerte Direktheit und Lebendigkeit der Erzählung des Lukas.

 

R. Tomes 1995, 188-197 befasst sich kritisch mit der gängigen These, dass Paulus ein Nasiräergelübde auf sich genommen habe, zu dessen Beendigung er sich habe die Haare scheren lassen. Tatsächlich habe ein Nasiräergelübde jedoch nur am Jerusalemer Tempel beendigt werden können. Da aber in 18,18 das Scheren der Haare nicht im Zusammenhang mit den Opfern am Jerusalemer Tempel zu sehen sei und es auch keinen Hinweis darauf gebe, dass sich Paulus die Haare aufgrund einer Verunreinigung durch einen Leichnam scheren ließ, sei hier nicht von einem jüdischen Nasiräergelübde auszugehen, sondern von einem anderen Gelübde. So habe sich Paulus seine Haare wahrscheinlich nach der Erhörung seiner Gebete scheren lassen, wobei nicht gänzlich ausgeschlossen sei, dass das Scheren den Beginn eines Gelübdes markierte. Ebenfalls sei möglich, dass es sich bei dem Scheren der Haare ganz unabhängig von Gebetserfüllung um einen symbolischen Akt der persönlichen Weihe handelte. Das Verhalten des Paulus sei wohl im Lichte von 1 Kor 9,21 zu sehen, wonach Paulus sein Verhalten auf die zum Christentum zu Bekehrenden ausrichtete, ohne dabei seine jüdische Identität zu verleugnen. Entgegen verbreiteter Annahme sei keineswegs sicher, dass Lukas hier Paulus als gesetzestreuen Juden darstellen wollte. Vielmehr sei daran zu denken, dass Lukas heidnischen Lesern Paulus als frommen Menschen darstellen wollte.

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Ephesus war die Hauptstadt der römischen Provinz Asien (= Asia). Paulus hatte zusammen mit seinem Begleiter Silas und vermutlich auch mit Timotheus bereits in der Provinz Asien predigen wollen, doch war ihnen das vom heiligen Geist verwehrt worden (vgl. 16,6). So kam es, dass Paulus bisher noch nie in Ephesus gewesen war.

Da Ephesus nicht auf dem direkten Wege nach Syrien lag und von einer Änderung der Reisepläne keine Rede ist, ist anzunehmen, dass der Zwischenstopp in Ephesus von vornherein eingeplant war.

 

Es verwundert, dass noch vor der paulinischen Verkündigung des Evangeliums in der Synagoge erwähnt wird, dass Paulus in Ephesus Aquila und Priscilla zurückließ. Diese Information wäre eher in direktem Zusammenhang mit der Abreise des Paulus aus Ephesus zu erwarten gewesen. In der vorliegenden Reihenfolge erscheint die Verkündigung in der Synagoge wie ein nachträglicher Gedanke des Verfassers der Apg.

 

Die Synagoge war als erster Ort der Verkündigung geeignet, weil Paulus selbst gebürtiger Jude war. Auch als Christ blieb er dem Judentum verbunden. Er wurde möglicherweise auch als Jude angesehen, nämlich als ein Jude, der Jesus als verheißenen Messias (= Christus = Gesalbten) ansah.

Paulus hatte zur Synagoge Zutritt und konnte dort reden (dialegomai). V. 19 lässt allerdings offen, in welcher Form er des tat. Redete er im Gottesdienst zur ganzen jüdischen Gemeinde und legte Schriftstellen aus? Oder redete er in einer Art Lehrgespräch nur mit einer Gruppe Juden? Oder redete er nur mit kleinen Gruppen oder mit Einzelpersonen?

 

Weiterführende Literatur: Ausführlich mit den Abschnitten, die vom Aufenthalt des Paulus in Ephesus handeln, und mit dem Kult der Artemis von Ephesus befasst sich R. Strelan 1996, der auf S. 204-210 auf die Forschungsdiskussion zu Apg 18,19-21 eingeht.

 

Mit der Paulusrezeption in Apg 19 befasst sich H. Omerzu 2009, 166-173. Sie sieht eine lukanische Tendenz, Konflikte herunterzuspielen und die herausragende Stellung des Paulus für die Ausbreitung des Christentums im gesamten Mittelmeerraum zu betonen. Gerade daher sei es aufschlussreich, dass Prisca und Aquila als Gründer der ephesinischen Gemeinde dargestellt werden (so die Deutung von 18,19) und bis zur Ankunft des Paulus auch als deren Leiter in Erscheinung treten. Dies laufe der lukanischen Intention zuwider, Paulus spätestens von Apg 16 an als die zentrale christliche Missionsgestalt zu zeichnen, und sei somit wohl als Zeugnis zu werten, dass die tatsächliche Bedeutung von Prisca und Aquila im frühen Christentum noch größer war, als es die Quellen ohnehin zu erkennen geben.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Dass die Juden Paulus baten, eine längere Zeit zu bleiben, zeigt eine gewisse Aufgeschlossenheit der Juden in Ephesus für die Verkündigung des Paulus. Mindestens wollten sie mehr über dessen Lehre hören. Ob sie zu dem Zeitpunkt auch schon zu einer Hinwendung zum christlichen Glauben bereit waren, lässt sich nicht sagen. Missionserfolge werden nicht erwähnt.

Es stellt sich die Frage, bei wem Paulus bleiben sollte. Eine Textvariante füllt die Lücke, indem sie mittels einer Einfügung die Antwort gibt: "bei ihnen“, d. h. bei den Juden. Diese Einfügung unterstreicht die Offenheit der Juden, indem sie diese als Gastgeber des Paulus erscheinen lässt.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Es bleibt offen, warum Paulus die ungewöhnliche Offenheit der Juden in Ephesus nicht für eine länger Missionsphase nutzte, denn im Laufe der bisherigen Missionsreise hatte er schon unter weitaus widrigeren Umständen verkündigt. Stand Paulus unter Zeitdruck, vielleicht weil er so schnell es ging die zweite Missionsreise abschließen wollte? Oder wollte Paulus zu einem späteren Zeitpunkt die Offenheit der Juden in Ephesus bei einem längeren Aufenthalt ausgiebiger nutzen und entsprechend intensiv predigen? Einen solchen Aufenthalt scheint Paulus tatsächlich im Blick gehabt zu haben, sofern man seinen Hinweis auf eine spätere Rückkehr nicht nur als Floskel versteht. Möglich ist auch, dass übergangsweise Aquila und Priscilla für die Verkündigung unter den Juden vorgesehen waren. Und schließlich kann auch Paulus in Eile gewesen sein, weil er in Jerusalem ordnungsgemäß sein Nasiräergelübde abschließen wollte.

Eine u. a. vom Codex Bezae Cantabrigiensis gebotene Textvariante gibt eine Erklärung, warum Paulus in Eile war: Er wollte rechtzeitig nach Jerusalem, um dort von Anfang an ein bevorstehendes Fest mitzuerleben. Um was für ein Fest es sich handelte, wird nicht gesagt.

 

Die Rückkehr nach Ephesus machte Paulus vom Willen Gottes abhängig. Nicht Paulus selbst lenkte seine Geschicke, sondern Gott.

 

Weiterführende Literatur: M. W. Holmes 2003, 197-198 merkt an, dass die von zahlreichen westlichen Textzeugen − u. a. der Codex Bezae Cantabrigiensis ausgenommen −eingeschobene Betonung, dass Paulus den Aquila in Ephesus zurückgelassen habe, die Präsenz der Priscilla in der Erzählung mindere. Aquila werde hervorgehoben, Priscilla übergangen.

 

J. M. Ross 1992, 247-249 legt dar, dass es sich bei dem u. a. im westlichen Text samt dem Codex Bezae Cantabrigiensis befindlichen Einschub um einen Einschub handele, der den Urhebern des westlichen Textes bereits vorlag, also nicht von diesen eingefügt wurde.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Es ist davon auszugehen, dass Paulus ohne Aquila und Priscilla Ephesus verließ und nach Cäsarea segelte. Dass Paulus Aquila (und sicherlich auch Priscilla) in Ephesus zurückließ, sagt eine von Minuskel 614, der Peschitta und einer Randglosse der Harklensis gebotene Textvariante ausdrücklich.

 

Das am Mittelmeer gelegene Cäsarea war Hauptstadt der römischen Provinz Judäa und zugleich wichtigster Hafen. Cäsarea lag also nicht in Syrien. Wie kommt es nun, dass gemäß V. 18 Syrien Reiseziel war, Paulus schließlich jedoch nicht in Syrien − konkret der syrischen Hafenstadt Seleukia (vgl. 13,4) -, sondern in Cäsarea, also in Palästina, in der römischen Provinz Judäa, an Land ging? War das Schiff wegen ungünstiger Winde vom rechten Weg abgebracht und nach Cäsarea getrieben worden? Oder ging der Verfasser aufgrund mangelnder geographischer Kenntnisse davon aus, dass Cäsarea zur römischen Provinz Syrien gehörte? Oder konnte in der Antike Palästina auch als "Syrien“ bezeichnet und somit geographisch im Zusammenhang mit dem eigentlichen Syrien gesehen werden? Oder ist hier zugrunde gelegt, dass die Provinz Judäa nicht gänzlich selbstständig, sondern der Provinz Syrien untergeordnet war? Oder stellte Syrien das eigentliche Reiseziel dar, wogegen Cäsarea nur die Hafenstadt dar, an der Paulus an Land ging, um auf dem Landweg schließlich nach Syrien zu gelangen? Für letztere Annahme spricht, dass Paulus schließlich (über Jerusalem?) nach Antiochia hinabging.

 

Wie ist das Verb "anabainô“ ("hinaufsteigen“) angesichts der Tatsache zu deuten, dass nicht gesagt wird, worauf Paulus stieg? Ist gemeint, dass Paulus aus dem Segelschiff stieg und an Land ging? Oder stieg Paulus in Cäsarea an einen nicht genannten höheren Punkt? Oder stieg er nach Jerusalem hinauf? Jerusalem lag im judäischen Bergland und war somit höher gelegen als Cäsarea, was einen Aufstieg mit sich brachte. Außerdem kam Jerusalem besondere Bedeutung zu, womit das Aufsteigen auch den Weg zu einer besonders wichtigen Stadt verdeutlicht. Allerdings verwundert, dass diese so wichtige Stadt nicht ausdrücklich erwähnt wird. Wollte der Verfasser der Apg den Weg nach Jerusalem und den dortigen Aufenthalt möglichst weit in den Hintergrund rücken? Auf jeden Fall spricht für einen Aufstieg nach Jerusalem, dass Cäsarea die Hafenstadt war, über die man direkt nach Jerusalem gelangte. Von Jerusalem stieg man dann wieder das judäische Bergland hinab und gelangte nach einer längeren Reise zum tiefer gelegenen Antiochia am Fluss Orontes.

 

Es bleibt offen, ob Paulus die Gemeinde in Cäsarea oder die Gemeinde in Jerusalem begrüßte. Ein besonderer Grund, warum Paulus gerade die Gemeinde in Cäsarea begrüßt haben könnte, wird nicht deutlich. Wahrscheinlicher ist, dass Paulus die Gemeinde in Jerusalem begrüßte. Vielleicht wollt er seine Verbindung zur Jerusalemer Urgemeinde zum Ausdruck bringen. Vielleicht wollte er auch Rechenschaft darüber ablegen, dass seine zweite Missionsreise nicht gegen die Bestimmungen der Jerusalemer Apostelversammlung verstoßen hatte.

 

Weiterführende Literatur: Laut G. Lüdemann 1980, 152-174 ließen sich aus den Paulusbriefen drei Jerusalemreisen des Paulus erschließen (erste Reise, um Kephas kennenzulernen, zweite Reise zum Konvent, dritte Reise zur Überbringung der Kollekte); die Apg berichte dagegen von fünf Reisen in die heilige Stadt (9,26ff.; 11,27ff.; 15,1ff.; 18,22; 21,15). Da Thesen wie die, Paulus habe eine Jerusalemreise unterschlagen, ausscheiden könnten, könne der Schluss nur lauten, dass zwei der in der Apg berichteten Reisen auf das redaktionelle Konto des Lukas gehen. Die zweite Jerusalemreise des Paulus in der Apg (11,27ff.) sei als lukanische Konstruktion erwiesen. Es bleibe die Frage bestehen, welche der drei übrigen Lukas zuzuschreiben ist. G. Lüdemann vermutet, dass die vierte Jerusalemreise (18,22) auf alte Tradition zurückgeht, denn diese sei am schmucklosesten. In 11,27ff.; 15,1ff. und 18,22 liege die Verdreifachung ein und desselben zweiten Jerusalembesuches vor. Dieser habe historisch in 18,22 − nach der Reise aus Griechenland nach Palästina − seinen ursprünglichen Ort.

 

Gemäß A. Satake 1985, 54-94 vermittele der knappe Bericht im Abschnitt 18,18-22 beinahe den Eindruck, Paulus sei von Ephesus (bei der Zwischenlandung) nach Ephesus (bei der dritten Missionsreise) einige hundert Kilometer herumgereist, ohne nennenswerte Dienste inzwischen geleistet zu haben. A. Satake begründet die Kürze und Undeutlichkeit damit, dass Lukas hier nur eine Reisenotiz zur Verfügung gestanden habe, die nur die Namen von Stationen nacheinander genannt hat. Dass das Stationenverzeichnis wider Erwarten die besonders bedeutende Stadt Jerusalem auslässt, sei folgendermaßen zu erklären: Wahrscheinlich sei in dem Stationenverzeichnis ein ausführlicherer Bericht von Paulus' Aufenthalt in Jerusalem enthalten gewesen. Lukas aber habe die Darstellung absichtlich undeutlich gehalten, da er das Geschehen damals in Jerusalem einem Idealbild der Kirche der Anfangszeit, das er in seinem Werk habe darstellen wollen, für schädlich gehalten habe.

 

A. Lindemann 2004, 731-744 befasst sich kritisch mit der These von W. Schmithals 1994, 236-243, dass die von Lukas erwähnte Reise des Paulus nach Jerusalem dazu gedient habe, die seit längerem geplante Romreise vorzubereiten, und dass man dabei mit einiger Sicherheit voraussetzen dürfe, dass Paulus bei dieser Gelegenheit auch den Ertrag einer Geldsammlung (von mehreren Geldsammlungen) überbrachte. Diese Überlegung, die weder am Text Apg 18,18-23 noch an eigenen Aussagen des Paulus Anhalt habe, basiere gemäß A. Lindemann nicht zuletzt auf der These, die beiden von Reiseplänen nach Rom bzw. nach Rom und Spanien sprechenden Aussagen in Röm 1,8-15 und in Röm 15,22-29 seien unterschiedlichen Briefen zuzuweisen. Wenn W. Schmithals schreibe, die von Paulus nach Jerusalem zu bringende Kollekte habe die dortige Gemeindekasse auffüllen und damit auch den Judenchristen das ebenso kühne wie kostspielige Unternehmen im fernen Westen des Reiches ermöglichen sollen, so sei diese Vermutung ohne Anhalt am Text und stehe geradezu im Widerspruch zu Röm 15,26. A. Lindemann folgt zwar der Annahme von W. Schmithals, dass alle erhaltenen Paulusbriefe das "Apostelkonzil“ und damit auch die Kollektenvereinbarung zeitlich voraussetzten, doch hält er die These, das Kollektenthema stehe auch im Hintergrund der Tätigkeit der Gegner des Paulus in dessen Gemeinden, für nicht überzeugend. W. Schmithals geht davon aus, dass die Gegner des Paulus dessen Autorität auch durch die Behauptung zu untergraben versucht hätten, dass Paulus die Kollekte zum eigenen Nutzen einsammle.

 

 

Literaturübersicht

 

Gamba, Giuseppe G.; Il voto di Paolo a Cencre e l'”armatore” Teofilo. Ipotesi interpretativa a proposito di Atti 18,18, Sal. 61/3 (1999), 443-461

Holmes, Michael W.; Women and the “Western” Text of Acts, in: T. Nicklas et al. [eds.], The Book of Acts as Church History: text, textual traditions and ancient interpretations (BZNW 120), Berlin 2003, 183-203

Lee, Young-Mi; Ich, Priska, in: M. Keuchen, H. Kuhlmann, H. Schroeter-Wittke [Hrsg.], Die besten Nebenrollen: 50 Porträts biblischer Randfiguren, Leipzig 2006, 249-256

Lindemann, Andreas; Der Galaterbrief als historische Quelle, in: C. Breytenbach [Hrsg.], Paulus, die Evangelien und das Urchristentum (AGJU 54), Leiden 2004, 731-744

Lüdemann, Gerd; Paulus, der Heidenapostel. Band 1: Studien zur Chronologie (FRLANT 123), Göttingen 1980

Omerzu, Heike; Apostelgeschichte als Theologiegeschichte: Apg 19 als Beispiel konstruktiver Paulusrezeption, in: D. Marguerat [ed.], Reception of Paulinism in Acts. Réception du paulinisme dans les Actes des apôtres (BETL 229), Leuven 2009, 157- 174

Ross, J. M.; The Extra Words in Acts 18:21, NT 34 (1992), 247-249

Satake, Akira; Paulus' Besuch der Gemeinde in Jerusalem am Ende seiner zweiten Missionsreise, AJBI 11 (1985), 54-94

Schmithals, Walter; Die Kollekten des Paulus für die Christen in Jerusalem, in: E. Axmacher, K. Schwarzwäller, Belehrter Glaube, FS J. Wirsching, Frankfurt a. M. u. a. 1994, 231- 252 (= C. Breytenbach [Hrsg.], Paulus, die Evangelien und das Urchristentum (AGJU 54), Leiden 2004, 78-106)

Slingerland, Dixon; Acts 18:1-18, the Gallio Inscription, and Absolute Pauline Chronology, JBL 110/3 (1991), 439-449

Strelan, Rick; Paul, Artemis, and the Jews in Ephesus (BZNW 80), Berlin − New York 1996

Tomes, Roger; Why Did Paul Get His Hair Cut? (Acts 18:18, 21:23-24), in: C. M. Tuckett [ed.], Luke’s Literary Achievement (JSNTS 116), Sheffield 1995, 188-197

Walker Jr., William O.; The Portrayal of Aquila and Priscilla in Acts: The Question of Sources, NTS 54/4 (2008), 479-495

 

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