Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 20,17-21

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 20,17-21

 

 

Übersetzung

 

Apg 20,17-21:17 Von Milet aus sandte er nach Ephesus und ließ die Gemeindeältesten zu sich kommen. 18 Als sie bei ihm eingetroffen waren, sprach er zu ihnen: "Ihr wisst, wie ich mich vom ersten Tag an, seit ich die [Provinz] Asien betrat, unter euch die ganze Zeit verhalten habe: 19 dass ich dem Herrn mit aller Demut und unter Tränen und Anfechtungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren, gedient habe; 20 wie ich nichts von dem, was [eurem Heil] zuträglich ist, zurückgehalten habe, indem ich es euch nicht verkündigt und (euch) gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern. 21 Sowohl Juden als auch Griechen bezeugte ich die Umkehr zu Gott und [den] Glauben an unseren Herrn Jesus.“

 

 

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V. 17

 

Beobachtungen: Der Abschnitt über die Abschiedsrede des Paulus an die Gemeindeältesten von Ephesus (20,17-38) unterbricht − wie schon die Erzählung vom Fenstersturz und der Auferweckung des Eutychus - den Reisebericht 20,1-6.13-16, der erst mit 21,1 fortgesetzt wird.

 

Gemäß 20,16 wollte Paulus zum Pfingsttag in Jerusalem sein und war daher in Eile. Deshalb hatte er beschlossen, an Ephesus vorbei zu segeln, um in der Provinz Asien keine Zeit zu verlieren. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass Paulus die Gemeindeältesten von Ephesus eben in jener Stadt aufsuchen würde. Dass er sie stattdessen in das auf dem Landweg − der Seeweg war etwas kürzer - etwa 60 Kilometer entfernte Milet kommen ließ, dürfte damit zu erklären sein, dass die Gemeindeältesten zwar ein oder zwei Tage für die Anreise benötigten, jedoch in Ephesus selbst kein womöglich längerer Zeitverlust zu befürchten war.

 

Da Paulus seine Abschiedsrede an die Gemeindeältesten (presbyteroi tês ekklêsias) und nicht an andere Funktionsträger richtete, dürften die Gemeindeältesten das höchste Gemeindegremium dargestellt haben. Ihre Aufgaben werden nicht ausdrücklich genannt, müssen − soweit überhaupt möglich − aus der Rede des Paulus erschlossen werden. Zum historischen Hintergrund des Ältestenamtes und zur Frage, ob dieses zur Zeit der Abfassung der Apg tatsächlich schon existierte, siehe Beobachtungen zu Apg 14,23.

 

Weiterführende Literatur: Zur Übersetzung von Apg 20,17-38 auf Portugiesisch siehe J. L. G. Prado 1984, 40-45.

 

Mit dem Vermächtnis des Paulus an die Gemeinde und ihre Ältesten (Apg 20,17-38) befasst sich R. Neuberth 2001, 237-326, wobei er zunächst eine synchrone und danach eine diachrone Analyse bietet.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Einige Besonderheiten kennzeichnen die Rede an die Ältesten der ephesischen Gemeinde: Sie ist in der Apg die einzige an Christen gerichtete Rede des Paulus. Im Gegensatz zu den anderen Reden des Paulus ist sie keine Reaktion auf eine bestimmte Situation, sondern eine Zusammenschau von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und schließlich ist sie in der Apg die einzige Rede, in der Paulus sich selbst und sein Wirken zum Thema macht.

 

Die Abschiedsrede an die Gemeindeältesten (20,18-35) lässt sich folgendermaßen untergliedern: Rechenschaftsablegung: der vorbildliche Dienst des Paulus in der Provinz Asien (20,18-21); Ausblick auf die bevorstehende Reise nach Jerusalem (20,22-24); Ermahnung an die Gemeindeältesten, die Gemeinde wachsam zu leiten und zu behüten (20,25-31); Grundsatz der Gemeindeleitung: Geben ist seliger als nehmen (20,32-35).

 

Der Papyrus 74, Codex Alexandrinus und Codex Bezae Cantabrigiensis bieten nach "Als sie bei ihm eingetroffen waren“ den Zusatz "und an einem Ort versammelt waren“. Die Schreiber der Handschriften verdeutlichen also, dass die Rede nur dann von allen Gemeindeältesten zugleich gehört werden konnte, wenn sie alle an einem ganz bestimmten Ort zusammengekommen waren.

 

"Asien“ ("Asia“) ist hier sicherlich nicht die Bezeichnung des Kontinentes, sondern die Bezeichnung der römischen Provinz Asien (Asia). Diese bestand aus dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Pergamon, das 133 v. Chr. als Erbschaft an das Römische Reich gefallen war.

 

Paulus stellte in seiner Rede sein Verhalten als vorbildlich dar. Diese Vorbildlichkeit beschränkte sich nicht nur auf einen bestimmten Zeitabschnitt des Wirkens in der Provinz Asien, sondern auf die ganze Zeit, vom ersten Tag an bis − wie aus den Worten des Paulus zu erschließen ist − zum letzten Tag.

 

Paulus betonte, dass den Gemeindeältesten − also nicht anderen Personen − das Wissen bezüglich seines vorbildlichen Verhaltens in der Provinz Asien zukam. Die Gemeindeältesten erscheinen also als ausgewählte Zeugen seines vorbildlichen Verhaltens.

 

Die ursprüngliche Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis lässt Paulus auch die Dauer der ganzen Zeit unter den ephesischen Gemeindeältesten nennen: drei Jahre oder sogar mehr. Diese Zeitdauer entspricht in etwa den "drei Jahren“ gemäß 20,31, nicht jedoch der Angabe "zwei Jahre“ in 19,10 (zu den möglichen Begründungen für die verschiedenen Angaben siehe Beobachtungen zu 19,10).

 

Weiterführende Literatur: Die drei Reden des Paulus im pisidischen Antiochien (vgl. 13,16b-41), in Athen (vgl. 17,22b-31) und in Milet (vgl. 20,18b-35) hat M. Quesnel 2001, 469-481 zum Thema. Dabei gibt er zunächst einen synoptischen Überblick über die Charakteristika der Reden, bevor er nacheinander auf jede einzelne Rede eingeht.

J. Lambrecht 1979, 307-337 gibt einen Überblick über Strukturanalysen zur Miletrede und stellt eine eigene Gliederung zur Diskussion: V.18b-27: Selbstverteidigung und Ankündigung (V. 18b-21: bisheriges Verhalten; V. 22-25: Ankündigung der Abreise und des bevorstehenden Leidens; V. 26-27: bisheriges Verhalten); V. 28-35: Ermahnungen und Abschiedsgruß (V. 28-31: Warnung; V. 32: Abschiedsgruß; V. 33-35: Warnung). Anschließend kommt er auf das Verhältnis von Tradition und Redaktion zu sprechen und fragt abschließend nach dem Ort und der Funktion der Miletrede in der Apg und in der gesamten lukanischen Theologie.

J. J. Kilgallen 1994, 112-121 schlägt folgende Gliederung der Miletrede vor: V. 25 und V. 28 stellten die zentralen Aussagen dar. V. 18b-21 und V. 22-24 führten zu V. 25 hin. V. 26 folge aus V. 25 und V. 27 folge aus V. 26. Die V. 29-30 begründeten V. 28 zwar, seien V. 28 jedoch untergeordnet. V. 31 paraphrasiere V. 28; V. 32 schließlich sei in enger Verbindung zu V. 25 und V. 28 zu sehen. Auch die V. 33-35 zeigten - in umgekehrter Reihenfolge - einen Bezug zu V. 32 und stünden auch untereinander in Beziehung.

Auch K. Nissilä 1984, 5-10 sieht in der Miletrede eine wohlüberlegte Struktur gegeben: Narratio (V. 18b-21); Argumentatio (V. 22-31); Peroratio (V. 32-35). Sie zeige die Vertrautheit des Lukas mit den Mitteln der antiken Rhetorik.

Eine rhetorische Analyse der Miletrede bietet ebenfalls D. F. Watson 1991, 184-208, die die Rede für ein epideiktisches Enkomion (= eine lobende Darstellung eines Menschen) hält und folgendermaßen gliedert: geschichtliche Einleitung (V. 17-18a), Exordium (V. 18b-24), Probatio (V. 25-31), Peroratio (V. 32-35), erzählerische Zusammenfassung (V. 36-38).

Eine Strukturanalyse von Apg 20,17-38 mehr unter pragmatisch-semantischen als unter syntaktischen Gesichtspunkten bietet J. S. Petöfi 1981, 359-378.

 

A. Antoniazzi 1984, 46-54 geht zunächst auf die Charakteristika der literarischen Gattung "Abschiedsrede“ ein und befasst sich dann mit dem Schema der Miletrede. Abschließend vergleicht er das Vokabular dieser Abschiedsrede mit dem der anderen ntl. Schriften.

 

Laut T. Haraguchi 2004/05, 137-153 seien in der Miletrede zwei literarische Traditionen miteinander verschmolzen, nämlich testamentarische Verfügungen gemäß den atl. Abschiedsreden und die tragische Abschiedsrede. In letzterer akzeptiere der Redner seinen bevorstehenden gewaltsamen Tod als sein Schicksal und drücke seinen tiefen Kummer aus.

 

Zu den Parallelen zwischen der Apg und Homers Ilias siehe D. R. MacDonald 2003, der auf S. 67-102 auf die Parallelen zwischen der Abschiedsrede des Paulus vor den ephesischen Gemeindeältesten (Apg 20,17-38) und der Abschiedsrede Priams vor seiner Frau Andromache (Ilias 6) zu sprechen kommt. Die beste Erklärung für die Parallelen sei Nachahmung. D. Zoroddu 2009, 563-603 knüpft an die Untersuchung von D. R. MacDonald an, geht jedoch über den Aspekt der Nachahmung hinaus, indem sie sich traditionsgeschichtlichen Aspekten widmet. Die Anspielungen auf Homers Ilias seien nicht nur als literarischer Kniff zu verstehen, sondern hätten auch theologische Bedeutung: Fortsetzung und Erfüllung.

 

Zur Komposition und zum Gedankengang sowie zur Funktion und zum Sitz im Leben der Abschiedsrede in Milet siehe F. Zeilinger 1981, 167-172. In der Miletrede fänden sich die gleichen Elemente wie in atl. Abschiedsreden, nämlich Rückblick, Ausblick, Unterweisung und Mahnung. Sie sei an die geistigen Erben des Paulus gerichtet. Er selbst sei Wurzel und Norm ihrer Lehre und ihrer Lebensführung. Die Seelsorger in der von ihm gegründeten Kirche erschienen somit als Hüter der von ihm ausgehenden Tradition. Die Abschiedsrede sei als Reaktion auf Kritik seitens der Juden an seiner Person und an seinem Wirken zu verstehen.

 

A. Lindemann 2009, 175-205 bietet eine Auslegung der Miletrede und fragt nach dem in ihr erkennbaren Paulusbild. Während von Petrus, der einfach aus der erzählten Handlung verschwinde, kein abschließendes Petrusbild gezeichnet werde, vollziehe sich der Abschied des Paulus von seiner Rolle als aktiv handelnder Missionar zumindest in Asien mit einer langen, programmatischen Rede, verbunden mit einer eindringlich geschilderten Reaktion seiner Zuhörer.

 

H. K. Kim, C. J. H. Venter 1999, 509-524 vertreten mit Blick auf Apg 20,17-38 die These, dass südafrikanische Christen, denen das Wort Gottes zuteil wurde, in ihrem zerrütteten Land zu gesellschaftlicher und politischer Stabilität beitragen könnten.

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Der Titel "Herr“ gibt ein Herrschaftsverhältnis an: Der "Herr“ herrscht über seine Diener/Sklaven, die ihm bedingungslos zu dienen haben. Im Römischen Reich galt der Sklave als Sache. Der "Herr“ konnte also am Sklaven Willkür walten lassen. Allerdings erscheint Jesus Christus nicht als ein willkürlicher "Herr“, sondern vielmehr als einer, der seinen Sklaven für ihren Dienst Heil zukommen lässt. Der Sklave/Diener Jesu Christi (oder: Gottes) gehört also zu den sozial privilegierten Sklaven/Dienern. Der Aspekt der Gegenseitigkeit, wie er für das römische Klientelverhältnis typisch ist, spielt eine entscheidende Rolle: Der "Herr“ übt über seine Untergebenen (= Klienten) Macht aus, ist zugleich aber deren Schutzherr. Die Untergebenen wiederum sind dem "Herrn“ dafür zum Dienst verpflichtet. Die Christen befinden sich demnach also in der machtvollen Heilssphäre Jesu Christi, dem sie untergeben sind und dienen.

 

Paulus beschreibt, in welcher Weise er dem "Herrn“ in der Provinz Asien − und sicherlich auch andernorts − diente. Die Demut ist die Haltung des gehorsam Untergebenen, der nicht seinen eigenen Willen tut, sondern den Willen seines "Herrn“.

Die Erwähnung der Tränen zeigt, dass Paulus die Nachstellungen der Juden nicht mit stoischer Gelassenheit ertrug, sondern unter ihnen (auch) seelisch litt. Möglich ist, dass Paulus die Tränen auch für die Juden vergoss, die die an ihre Vorfahren ergangene Messiasverheißung, die aus Sicht des Paulus mit Jesus Christus erfüllt war, mit Füßen traten und die sich durch die Verfolgung der Anhänger Christi vor Gott und Jesus Christus schuldig machten

Die Anfechtungen (peirasmoi) lassen erkennen, dass Paulus den Glauben nicht als etwas Sicheres ansah, sondern als etwas, was durch körperliches und seelisches Leid ins Schwanken geraten konnte.

 

Die Juden erscheinen als die Hauptgegner des Paulus. Nur deren Nachstellungen (epiboulai) kommen in den Blick, nicht aber diejenigen der Heiden. An welche Nachstellungen Paulus hier genau denkt, lässt er offen.

 

Weiterführende Literatur: Laut P.-R. Tragan 1985, 779-798 richte sich die Rede in Milet nicht nur an die Ältesten der Stadt Ephesus, sondern an die Ältesten aller in der gleichen Lage befindlichen Gemeinden der Provinz Asien und schließlich auch an sämtliche Gemeindeglieder. Parallelen zur in Apg 20,18-35 dargestellten Gemeindesituation gebe es insbesondere in den späten ntl. Schriften, von denen ausgehend P.-R. Tragan den kirchlichen Kontext der Rede in Milet erhellt. So seien die Gemeinden und ihre Leiter von Verweltlichung, Verfolgung und Irrlehren bedroht gewesen. Die Rede in Milet richte sich außerdem konkret an die Irrlehrer innerhalb der Gemeinden. Und schließlich seien auch alle Gemeindeglieder der nachapostolischen Zeit angesprochen.

 

L. Aejmelaeus 1987 unterstützt die These, dass Lukas sehr wahrscheinlich Paulusbriefe − konkret insbesondere auch 1 Thess - gekannt und verwendet habe. Unpaulinische Züge erklärten sich aus der neuen Situation, in der Lukas und seine Gemeinde lebten. Sie erklärten sich auch daraus, dass Lukas überhaupt nicht in jeder Wendung um jeden Preis nur paulinisieren wollte. Zu 20,19: Wenn der lukanische Paulus über Verfolgungen seitens der Juden und über ihren Charakter spricht, kämen gleichzeitig bekannte und fremde Züge zum Vorschein. Einerseits scheine hier ein Echo auf den echten Zug vorzuliegen, dass Paulus oft in Schwierigkeiten seitens seiner Stammesgenossen geriet. Andererseits spreche der authentische Paulus nicht von Hinterlistigkeit der Juden in Bezug auf die Verfolgungen. Der letztgenannte Zug erkläre sich jedoch leicht aus dem Willen des Lukas, das Schicksal des Paulus mit demjenigen Jesu zu parallelisieren.

Auch S. Walton 2000 sieht Parallelen zwischen der Miletrede und 1 Thess. So tauchten die vier zentralen Themen der Miletrede − zuverlässige Ausführung des Amtes, Leiden, Einstellung gegenüber Wohlstand und Arbeit, Tod Jesu − auch in 1 Thess auf und es gebe darüber hinaus sprachliche Übereinstimmungen. Lukas habe vermutlich paulinische Tradition unabhängig von den paulinischen Briefen gekannt. Darauf weise auch die Miletrede hin, deren Inhalt zwar paulinisch sei, jedoch nicht genau mit demjenigen des 1 Thess konform gehe. Vermutlich habe Lukas die paulinische Tradition besser gekannt als gemeinhin angenommen. Lukas übermittele paulinische Tradition und empfehle diese. Vgl. S. Walton 1997, 377-380. P. Elbert 2004, 258-268 hält zwar die Vermutungen von S. Walton für durchaus glaubhaft, hält jedoch die Annahme, dass Lukas vermutlich die paulinischen Briefe nicht gekannt habe, für über das Ziel hinausgeschossen.

A. Vögtle 1992,66-91 hält die Abschiedsrede in Milet für ganz aus der Sicht des Lukas gestaltet und verweist dabei auf die offenkundige Verwendung des Motivgerüsts der Gattung der Abschiedsrede, auf den Anachronismus des Presbyterinstituts und weitere Hinweise auf die nachpaulinische Zeit, auf Züge und Akzentuierungen der Selbstdarstellung, die in der historischen Situation überflüssig waren oder im Munde des historischen Paulus auffallen müssten, in der Zeichnung des Idealbildes des christlichen Verkünders und Seelsorgers aber zielgerecht und unanstößig seien, ferner auf die das Wissen um das erfolgte Martyrium voraussetzende Ankündigung des Todes als Begründung für das testamentarische Vermächtnis, und schließlich auf den lukanisch geprägten Sprachstil und typische Anliegen lukanischer Verkündigung. Das schließe die Verarbeitung von Daten und Elementen paulinisch beeinflusster Tradition nicht aus.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Die Formulierung "tôn sympherontôn“ ist mit "von dem, was zuträglich/nützlich ist“ zu übersetzen. Offen bleibt jedoch, wem oder in welcher Hinsicht das Zuträgliche/Nützliche zuträglich/nützlich ist. Da die Verkündigung des Evangeliums dem Heil derjenigen, die dem Evangelium Glauben schenkten, diente, dürfte Paulus wohl an das Heil der Hörer des Evangeliums − konkret der ephesischen Gemeindeältesten − gedacht haben.

 

Paulus unterstrich, dass er das gesamte Evangelium lückenlos verkündigt und gelehrt hatte. Möglich, aber nicht sicher ist, dass er mit dieser Unterstreichung auf den Vorwurf antwortete, er habe das Evangelium nur lückenhaft verkündigt und gelehrt und wesentliche Inhalte ausgelassen. Möglicherweise waren die angeblichen Auslassungen von den Kritikern auch konkret benannt worden, wozu sich jedoch nichts Genaueres sagen lässt.

 

"In den Häusern“ ist möglicherweise im Sinne von "privat“ zu verstehen, nicht im Sinne von "in den vier Wänden“. Ganz sicher privat waren Räumlichkeiten privater Häuser ohne öffentliche Funktion, ganz sicher öffentlich die öffentlichen Plätze. Privat und öffentlich lassen sich jedoch nicht bei allen Predigt- und Lehrorten des Paulus trennen. So waren manche Orte wie Synagogen und Versammlungsräume von Christen nur begrenzt öffentlich. Bezüglich letzterer ist zu bedenken, dass sich diese gewöhnlich in Privathäusern von wohlhabenden Christen befanden. Auch das Lehrhaus des Tyrannus (vgl. 19,9) war vermutlich ein Ort begrenzter Öffentlichkeit, insbesondere dann, wenn Tyrannus der Eigentümer des Lehrhauses war.

 

Weiterführende Literatur: Dass sich in Apg 20,18-35 der Gedanke der apostolischen Sukzession finde, versucht V. Fusco 1983, 87-142 nachzuweisen.

 

S. K. Stowers 1984, 59-82 vertritt die Ansicht, dass Paulus nicht wie die Kyniker auf Marktplätzen und an Straßenecken geredet habe, sondern in Häusern. So sei mit der in V. 20 erwähnten öffentlichen Lehre und Verkündigung die zweijährige Lehre und Verkündigung im Lehrhaus des Tyrannus (vgl. 19,9-10) gemeint. J. H. Neyrey 2003, 69-102 stellt diese These infrage. Der aus einer angesehenen Stadt, Tarsus, stammende Paulus komme in andere angesehene Städte und suche die nobelsten Stellen auf. "Öffentlich“ meine also die Sitze von Herrschern und Königen sowie Stadtzentren, wogegen "in den Häusern“ die Verkündigung in "privaten“ Versammlungsräumen meine, wobei auch die Synagoge im weiteren Sinne als "privat“ zu bezeichnen sei.

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Das Zeugnis des Paulus richtete sich nicht nur an die Juden oder nur an die Griechen − gemeint sind hier wohl die Heiden des griechischen Sprach- und Kulturraums -, sondern sowohl an die Juden als auch an die Griechen. Es hatte also universalen Charakter. Zwar stellten die Juden und die Griechen nicht die Gesamtheit aller damals auf der Erde lebenden Menschen dar, doch dürfte es sich um die Gesamtheit der Menschen im Wirkungsbereich des Paulus gehandelt haben. Das Wirken des Paulus war bis zum Zeitpunkt der Rede auf Palästina und den griechischen Sprach- und Kulturraum des östlichen Mittelmeeres, also auf den Osten des Römischen Reiches, beschränkt geblieben. Der lateinische Westen des Römischen Reiches und die Menschen gänzlich anderer Sprache und Kultur außerhalb des Römischen Reiches waren bisher nicht in den Wirkungsbereich des Paulus einbezogen.

 

"Umkehr/Buße“ ("metanoia“) und "Glaube“ ("pistis“) stellten die beiden zentralen Elemente der Bekehrung zum christlichen Glauben dar. Die "Umkehr/Buße“ wird als "Umkehr zu Gott“, der "Glaube“ als "Glaube an unseren Herrn Jesus“ präzisiert. Die "Umkehr/Buße“ setzt die Abkehr von einem fehlenden oder falschen Gottesverständnis voraus, wie es den Heiden ebenso zu eigen war wie den Juden. Rechtes Gottesverständnis beinhaltete aus Sicht des Paulus nicht nur die Verehrung des Gottes Israels statt heidnischer Götter, sondern auch die Erkenntnis, dass Gott den Messias (= Christus) Jesus verheißen hatte und dessen Vater war. "Umkehr zu Gott“ und "Glaube an unseren Herrn Jesus“ hängen also gemäß Paulus untrennbar zusammen.

 

Weiterführende Literatur: D. P. Moessner 1988, 96-104 legt dar, dass gemäß der Apg Paulus dem Volk Israel die eschatologische Umkehr gepredigt habe. Dabei entwickelt er seine These nicht aufgrund von einer möglichen Beziehung zwischen Paulus und Johannes dem Täufer, sondern aufgrund von Paulus’ und Jesu Gerichtsaussagen in der Apg bzw. im Lukasevangelium. J. R. Michaels 1991, 245-260 greift Moessners These auf, spürt jedoch Verbindungen zwischen Paulus und Johannes dem Täufer nach. Dabei sei zunächst festzustellen, dass Paulus zeitlich durch Jesu Wirken, Tod und Auferstehung und durch das Herabkommen des heiligen Geistes von Johannes dem Täufer getrennt sei und in seinen Briefen an keiner einzigen Stelle auf Johannes den Täufer zu sprechen komme. Dennoch sei eine Verbindung auszumachen. J. R. Michaels deutet 1 Thess 1,9-10 und Röm 2,4 von der Apg her und kommt zu dem Ergebnis, dass Johannes der Täufer neben Jesus im Hinblick auf die "eschatologische Umkehr“ Paulus' Vorbild gewesen sei.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Die Rezeption der Paulusbriefe in der Miletrede (Apg 20:18-35) (AASF.B 232), Helsinki 1987

Elbert, Paul; Paul of the Miletus Speech and 1 Thessalonians: Critique and Considerations, ZNW 95,3-4 (2004), 258-268

Fusco, Vittorio; L’idea di successione nel discorso di Mileto (At 20,18-35), in: M. D’Auria [ed.], Una Hostia, FS C. Ursi, Napoli 1983, 87-142

Haraguchi, Takaaki; A Tragic Farewell Discourse? In Search of a New Understanding of Paul’s Miletus Speech (Acts 20:18-35), AJBI 30-31 (2004-2005), 137-153

Kilgallen, John J.; Paul’s Speech to the Ephesian Elders: Its Structure, ETL 70/1 (1994), 112- 121

Kim, H. K.; Venter, C. J. H.; Equipping the Congregation by Means of Preaching: Paul’s Sermon at Miletus (Acts 20:17-38) − Perspectives for the South African Context, IDS 33/4 (1999), 509-524

Lambrecht, Jan; Paul’s Farewell-Address at Miletus (Acts 20,17-38), in: J. Kremer [éd.], Les Actes des Apôtres. Traditions, rédaction, théologie (BETL 48), Leuven 1979, 307-337

Lindemann, Andreas; Paulus und die Rede in Milet (Apg 20,17-38), in: D. Marguerat [ed.], Reception of Paulinism in Acts. Réception du paulinisme dans les Actes des apôtres (BETL 229), Leuven 2009, 175-205

MacDonald, Dennis R.; Does the New Testament Imitate Homer? Four cases from the Acts of the Apostles, London 2003

Michaels, J. Ramsey; Paul and John the Baptist: An odd Couple?, TynB 42/2 (1991), 245-260

Moessner, David P.; Paul in Acts: Preacher of Eschatological Repentance to Israel, NTS 34 (1988), 96-104

Neuberth, Ralph; Demokratie im Volk Gottes? Untersuchungen zur Apostelgeschichte (SBB 46), Stuttgart 2001

Neyrey, Jerome H.; “Teaching You in Public and from House to House” (Acts 20.20): Unpacking a Cultural Stereotype, JSNT 26/1 (2003), 69-102

Nissilä, Keijo; Paavalin jäähyväispuhe Miletossa (Apt 20:18-35), TAik 89/1 (1984), 5-10

Petöfi, Janos S.; La struttura della comunicazione in Atti 20,17-38, RivBib 29/3-4 (1981), 359-378

Prado, José Luiz G.; Versão Atual dos Atos dos Apóstolos, Estudos Bíblicos 3 (1984), 40-45

Quesnel, Michel; Paul prédicateur dans les Actes des Apôtres, NTS 47/4 (2001), 469-481

Stowers, Stanley K.; Social Status, Public Speaking and Private Teaching: The Circumstances of Paul’s Preaching Activity, NT 26 (1984), 59-82

Tragan, Pius-Ramon; Les “destinataires” du Discours de Milet. Une approche du cadre communautaire d’Ac 20,18-35, in: À cause de l’Évangile: (LeDiv 123), FS J. Dupont, Paris 1985, 779-798

Vögtle, Anton; Sorge und Vorsorge für die nachapostolische Kirche: Die Abschiedsrede von Apg 20,18a-35, in: A. Vögtle, L. Oberlinner [Hrsg.], Anpassung oder Widerspruch, Freiburg i. Br. 1992, 66-91

Walton, Steve; Leadership and Lifestyle: Luke’s Paul, Luke’s Jesus and the Paul of 1 Thessalonians, TynB 48/2 (1997), 377-380

Walton, Steve; Leadership and Lifestyle: The Portrait of Paul in the Miletus Speech and 1 Thessalonians (SNTS.MS 108), Cambridge 2000

Watson, Duane F.; Paul’s Speech to the Ephesian Elders (Acts 20:17-38): Epideictic Rhetoric of Farewell, in: D. F. Watson [ed.], Persuasive Artistry (JSNTS 50), FS G. A. Kennedy, Sheffield 1991, 184-208

Zeilinger, Franz; Lukas, Anwalt des Paulus. Überlegungen zur Abschiedsrede von Milet Apg 20,18-35, BiLi 54/3 (1981), 167-172

Zoroddu, Donatella; Does the New Testament imitate Homer?, Athenaeum (Pavia), 97 (2009), 563-603

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