Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 20,32-35

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 20,32-35

 

 

Übersetzung

 

Apg 20,32-35:32 Und nun befehle ich euch (dem) Gott und dem Wort seiner Gnade, das die Macht hat, aufzubauen und das Erbe unter allen Geheiligten auszuteilen. 33 Silber, Gold oder Kleidung habe ich von niemandem begehrt. 34 Ihr wisst selbst, dass für meine Bedürfnisse und für die, die mich begleiten, diese Hände [hier] gesorgt haben. 35 Ich habe euch in allem gezeigt, dass man sich mit solcher Arbeit der Schwachen annehmen und an die Worte des Herrn Jesus denken soll; denn er hat ja selbst gesagt: "Geben ist seliger als nehmen.'“

 

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Der Abschnitt 20,32-35 bildet den Schluss der Abschiedsrede des Paulus an die Gemeindeältesten (20,18-35), die sich folgendermaßen untergliedern lässt: Rechenschaftsablegung: der vorbildliche Dienst des Paulus in der Provinz Asien (20,18-21); Ausblick auf die bevorstehende Reise nach Jerusalem (20,22-24); Ermahnung an die Gemeindeältesten, die Gemeinde wachsam zu leiten und zu behüten (20,25-31); Grundsatz der Gemeindeleitung: Geben ist seliger als nehmen (20,32-35).

 

Das Verb "paratithêmi“ ("befehlen“) ist hier wohl im Sinne von "was einem selbst gehört in die Obhut eines anderen geben“ zu verstehen. Die Gemeindeältesten sind vermutlich durch die Predigt des Paulus zum christlichen Glauben gekommen und vielleicht auch von ihm getauft worden. Insofern hatten sie eine ganz besondere Beziehung zu Paulus und wähnten sich in seinem Schutz. Zwar gehörten sie schon die ganze Zeit der Zugehörigkeit zur Kirche zu Gott, jedoch trat diese Zugehörigkeit in dem Augenblick, in dem Paulus als besonders vertraute und Schutz gewährende Person sich endgültig verabschiedete, in den Vordergrund. Paulus konnte nun nicht mehr für den Aufbau der ephesischen Gemeinde sorgen, weshalb nun das ganze Vertrauen auf "Gott und das Wort seiner Gnade“ gelegt werden musste. Entscheidend ist, dass die Epheser von Paulus nicht allein gelassen wurden.

 

Mit dem "Wort“ ist wohl kein einzelnes Wort gemeint, sondern das Evangelium. Der Genitiv "Wort seiner Gnade“ kann als "Wort“, das von Gottes Gnade her stammt, als "Wort“, das Gottes Gnade als zentralen Inhalt hat, oder als "Wort“, das Gottes Gnade ist, verstanden werden. Die "Gnade“ kann folglich der Grund des Evangeliums, das Evangelium selbst oder der zentrale Inhalt des Evangeliums sein.

 

Da sich Gott im "Wort seiner Gnade“ als Spender des Heils erweist und dieses durch die Predigt und die Glaubensannahme der Predigthörer vermittelt, kann die Formulierung "Gott und dem Wort seiner Gnade“ als Hendiadyoin (hen dia dyoin = eins durch zwei) verstanden werden: ein und dieselbe Sache, nämlich Gott, der sich durch das Evangelium als aktiver Heilsspender erweist, wird durch zwei Begriffe bzw. Formulierungen ausgedrückt.

 

Es ist nicht gesagt, worauf sich das Verb "oikodomeô“ ("aufbauen“) bezieht. Es kann sowohl an den Aufbau der Gemeindeältesten als auch an den Aufbau der Gemeinden, konkret der Gemeinde in Ephesus, gedacht sein. Der Aufbau der Gemeindeältesten wäre wohl als Stärkung im Dienst, der Gemeindeaufbau als Stärkung des Glaubens und als Wachsen der Gemeinde zu verstehen.

 

Mit den "Geheiligten“ dürften die Christen gemeint sein. Die Bezeichnung macht die Nähe zu Gott, dem Heiligen, deutlich. Durch ihren Glauben an den Gott Israels und an Jesus, den von Gott verheißenen Messias (= Christus), waren die Christen gemäß Paulus geheiligt. Als solche hatten sie Anteil am von Gott durch Jesus Christus gewährten Heil.

Zwar bleibt offen, welches Erbe Paulus im Blick hatte, doch ist davon auszugehen, dass es als Anteil an dem von Gott durch Jesus Christus gewährten Heil zu verstehen ist. Zwar lässt sich aus V. 32 nichts Genaueres zum Heil erschließen, doch dürfte an die Heilsverheißungen des Evangeliums gedacht sein.

Da das Erbe an alle Geheiligten ausgeteilt wird, ist wahrscheinlich, dass sich auch das Aufbauen nicht nur auf die Gemeindeältesten, sondern auf die ganze Gemeinde der "Geheiligten“ bezieht.

 

Weiterführende Literatur: Die drei Reden des Paulus im pisidischen Antiochien (vgl. 13,16b-41), in Athen (vgl. 17,22b-31) und in Milet (vgl. 20,18b-35) hat M. Quesnel 2001, 469-481 zum Thema. Dabei gibt er zunächst einen synoptischen Überblick über die Charakteristika der Reden, bevor er nacheinander auf jede einzelne Rede eingeht.

 

Zur Übersetzung von Apg 20,17-38 auf Portugiesisch siehe J. L. G. Prado 1984, 40-45.

 

J. Lambrecht 1979, 307-337 gibt einen Überblick über Strukturanalysen zur Miletrede und stellt eine eigene Gliederung zur Diskussion: V.18b-27: Selbstverteidigung und Ankündigung (V. 18b-21: bisheriges Verhalten; V. 22-25: Ankündigung der Abreise und des bevorstehenden Leidens; V. 26-27: bisheriges Verhalten); V. 28-35: Ermahnungen und Abschiedsgruß (V. 28-31: Warnung; V. 32: Abschiedsgruß; V. 33-35: Warnung). Anschließend kommt er auf das Verhältnis von Tradition und Redaktion zu sprechen und fragt abschließend nach dem Ort und der Funktion der Miletrede in der Apg und in der gesamten lukanischen Theologie.

J. J. Kilgallen 1994, 112-121 schlägt folgende Gliederung der Miletrede vor: V. 25 und V. 28 stellten die zentralen Aussagen dar. V. 18b-21 und V. 22-24 führten zu V. 25 hin. V. 26 folge aus V. 25 und V. 27 folge aus V. 26. Die V. 29-30 begründeten V. 28 zwar, seien V. 28 jedoch untergeordnet. V. 31 paraphrasiere V. 28; V. 32 schließlich sei in enger Verbindung zu V. 25 und V. 28 zu sehen. Auch die V. 33-35 zeigten - in umgekehrter Reihenfolge - einen Bezug zu V. 32 und stünden auch untereinander in Beziehung.

Auch K. Nissilä 1984, 5-10 sieht in der Miletrede eine wohlüberlegte Struktur gegeben: Narratio (V. 18b-21); Argumentatio (V. 22-31); Peroratio (V. 32-35). Sie zeige die Vertrautheit des Lukas mit den Mitteln der antiken Rhetorik.

Eine rhetorische Analyse der Miletrede bietet ebenfalls D. F. Watson 1991, 184-208, die die Rede für ein epideiktisches Enkomion (= eine lobende Darstellung eines Menschen) hält und folgendermaßen gliedert: geschichtliche Einleitung (V. 17-18a), Exordium (V. 18b-24), Probatio (V. 25-31), Peroratio (V. 32-35), erzählerische Zusammenfassung (V. 36-38).

Eine Strukturanalyse von Apg 20,17-38 mehr unter pragmatisch-semantischen als unter syntaktischen Gesichtspunkten bietet J. S. Petöfi 1981, 359-378.

 

A. Antoniazzi 1984, 46-54 geht zunächst auf die Charakteristika der literarischen Gattung "Abschiedsrede“ ein und befasst sich dann mit dem Schema der Miletrede. Abschließend vergleicht er das Vokabular dieser Abschiedsrede mit dem der anderen ntl. Schriften.

 

Laut T. Haraguchi 2004/05, 137-153 seien in der Miletrede zwei literarische Traditionen miteinander verschmolzen, nämlich testamentarische Verfügungen gemäß den atl. Abschiedsreden und die tragische Abschiedsrede. In letzterer akzeptiere der Redner seinen bevorstehenden gewaltsamen Tod als sein Schicksal und drücke seinen tiefen Kummer aus.

 

Zur Komposition und zum Gedankengang sowie zur Funktion und zum Sitz im Leben der Abschiedsrede in Milet siehe F. Zeilinger 1981, 167-172. In der Miletrede fänden sich die gleichen Elemente wie in atl. Abschiedsreden, nämlich Rückblick, Ausblick, Unterweisung und Mahnung. Sie sei an die geistigen Erben des Paulus gerichtet. Er selbst sei Wurzel und Norm ihrer Lehre und ihrer Lebensführung. Die Seelsorger in der von ihm gegründeten Kirche erschienen somit als Hüter der von ihm ausgehenden Tradition. Die Abschiedsrede sei als Reaktion auf Kritik seitens der Juden an seiner Person und an seinem Wirken zu verstehen.

 

Mit dem Vermächtnis des Paulus an die Gemeinde und ihre Ältesten (Apg 20,17-38) befasst sich R. Neuberth 2001, 237-326, wobei er zunächst eine synchrone und danach eine diachrone Analyse bietet.

 

A. Lindemann 2009, 175-205 bietet eine Auslegung der Miletrede und fragt nach dem in ihr erkennbaren Paulusbild. Während von Petrus, der einfach aus der erzählten Handlung verschwinde, kein abschließendes Petrusbild gezeichnet werde, vollziehe sich der Abschied des Paulus von seiner Rolle als aktiv handelnder Missionar zumindest in Asien mit einer langen, programmatischen Rede, verbunden mit einer eindringlich geschilderten Reaktion seiner Zuhörer.

 

Dass sich in Apg 20,18-35 der Gedanke der apostolischen Sukzession finde, versucht V. Fusco 1983, 87-142 nachzuweisen.

 

H. K. Kim, C. J. H. Venter 1999, 509-524 vertreten mit Blick auf Apg 20,17-38 die These, dass südafrikanische Christen, denen das Wort Gottes zuteil wurde, in ihrem zerrütteten Land zu gesellschaftlicher und politischer Stabilität beitragen könnten.

 

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V. 33

 

Beobachtungen: Paulus machte deutlich, dass er für sein Wirken keine (nennenswerten) materiellen Gegenleistung verlangt hatte. Auffällig ist, dass Paulus mit Gold und Silber zwei wertvolle Edelmetalle nannte, hinter deren Wert der Wert der Kleidung abzufallen scheint. Wieso diese ungleiche Aufzählung? Dachte Paulus vielleicht bei der Kleidung an wertvolle Gewänder? Dann wären sowohl das Gold und das Silber als auch die Kleidung wertvoll und es wäre ausgesagt, dass Paulus keine wertvollen Gaben für sein Wirken verlangt hatte, die ihm Wohlstand und vielleicht auch hohes Ansehen gebracht hätten. Nicht ausgeschlossen wäre jedoch, dass er um für das Überleben notwendige Dinge wie Unterkunft, Nahungsmittel und einfache Gebrauchsgegenstände gebeten hatte. Geht man von ganz gewöhnlicher Kleidung aus, dann könnte ausgesagt sein, dass Paulus weder Kostbares noch Alltägliches verlangt hatte. Spricht die ungleiche Aufzählung eher für erstere Deutung, lässt die Tatsache, dass Paulus im Folgenden seiner Hände Arbeit und den Wert des Gebens betonte, eher für letztere Deutung. Da Paulus auf seinen Missionsreisen durchaus Unterkunft und Verpflegung gewährt worden sein dürften (vgl. Apg 16,15; Phil 4,10-18 u. a.), wird Paulus sicherlich nicht die Annahme jeglicher Unterstützung abgestritten haben. In Apg 20,33 geht es also vermutlich nur um eingeforderte materielle Gegenleistungen, nicht um aus freien Stücken gewährte Unterstützung.

 

Weiterführende Literatur: L. Aejmelaeus 1987, 102-104.266-268 unterstützt die These, dass Lukas sehr wahrscheinlich Paulusbriefe − konkret insbesondere auch 1 Thess - gekannt und verwendet habe. Unpaulinische Züge erklärten sich aus der neuen Situation, in der Lukas und seine Gemeinde lebten. Sie erklärten sich auch daraus, dass Lukas überhaupt nicht in jeder Wendung um jeden Preis nur paulinisieren wollte. Zu 20,33-35: Der Ton der Rede bezüglich der Unentgeltlichkeit der Amtsführung sei echt paulinisch, wobei Lukas diesen Zug sogar übertreibe.

Auch S. Walton 2000 sieht Parallelen zwischen der Miletrede und 1 Thess. So tauchten die vier zentralen Themen der Miletrede − zuverlässige Ausführung des Amtes, Leiden, Einstellung gegenüber Wohlstand und Arbeit, Tod Jesu − auch in 1 Thess auf und es gebe darüber hinaus sprachliche Übereinstimmungen. Lukas habe vermutlich paulinische Tradition unabhängig von den paulinischen Briefen gekannt. Darauf weise auch die Miletrede hin, deren Inhalt zwar paulinisch sei, jedoch nicht genau mit demjenigen des 1 Thess konform gehe. Vermutlich habe Lukas die paulinische Tradition besser gekannt als gemeinhin angenommen. Lukas übermittele paulinische Tradition und empfehle diese. Vgl. S. Walton 1997, 377-380. P. Elbert 2004, 258-268 hält zwar die Vermutungen von S. Walton für durchaus glaubhaft, hält jedoch die Annahme, dass Lukas vermutlich die paulinischen Briefe nicht gekannt habe, für über das Ziel hinausgeschossen.

A. Vögtle 1992,66-91 hält die Abschiedsrede in Milet für ganz aus der Sicht des Lukas gestaltet und verweist dabei auf die offenkundige Verwendung des Motivgerüsts der Gattung der Abschiedsrede, auf den Anachronismus des Presbyterinstituts und weitere Hinweise auf die nachpaulinische Zeit, auf Züge und Akzentuierungen der Selbstdarstellung, die in der historischen Situation überflüssig waren oder im Munde des historischen Paulus auffallen müssten, in der Zeichnung des Idealbildes des christlichen Verkünders und Seelsorgers aber zielgerecht und unanstößig seien, ferner auf die das Wissen um das erfolgte Martyrium voraussetzende Ankündigung des Todes als Begründung für das testamentarische Vermächtnis, und schließlich auf den lukanisch geprägten Sprachstil und typische Anliegen lukanischer Verkündigung. Das schließe die Verarbeitung von Daten und Elementen paulinisch beeinflusster Tradition nicht aus.

 

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V. 34

 

Beobachtungen: Paulus verwies auf "diese Hände“, wobei zu erschließen ist, um wessen Hände es sich handelt. Da Paulus in V. 33 betont hat, dass er nichts (von Wert) für seinen Missionsdienst hatte, und in V. 34 auf seinen Unterhalt und den seiner Reisebegleiter zu sprechen kam, dürfte er seine eigenen Hände gemeint haben. Diese zeigte er wahrscheinlich während seiner Rede den Gemeindeältesten vor. Möglicherweise ließen Hornhaut, Verletzungen oder andere Merkmale die viele Handarbeit erkennen, was die Worte des Paulus unterstrichen hätte.

 

Paulus blieb nicht bei der Aussage stehen, dass er sich selbst versorgt habe, sondern verlagerte das Schwergewicht der Aussage auf den Dienst an den Mitmenschen, konkret seinen Reisebegleitern.

Dass Paulus für den gesamten Lebensunterhalt seiner Begleiter sorgte, ist angesichts seiner umfangreichen Verkündigungstätigkeit eher unwahrscheinlich. Auch wird Paulus auf der strapaziösen und gefährlichen Missionsreise wohl kaum von kranken oder gebrechlichen Personen begleitet worden sein. Die Begleitung setzte ein Mindestmaß an Kraft und Gesundheit voraus. Somit ist davon auszugehen, dass Paulus an seinem Lebenserwerb auch die Reisebegleiter Anteil haben ließ, diese jedoch nach Möglichkeit auch für den Lebensunterhalt sorgten. Um seine Aussageabsicht deutlicher hervortreten zu lassen, dürfte Paulus seine Fürsorge in besonderem Maße betont und auch verallgemeinert haben.

 

Die Sorge für die Reisebegleiter war in der Vergangenheit erfolgt. Zur Zeit der Abschiedsrede befanden sich jedoch weiterhin Reisebegleiter bei Paulus. Dabei bleibt offen, um wen es sich handelte.

 

Weiterführende Literatur: Im Lichte von Ez 33-34 liest E. Lövestam 1987, 1-10 die Miletrede. Apg 20,26-27 liege das in Ez 33 thematisierte Wächteramt des Propheten zugrunde, 20,28-35 das Hirtenmotiv aus Ez 34. Vgl. E. Lövestam 1986/87, 137-147.

 

Y. Redalié 2009, 295-303 macht deutlich, dass Paulus in Apg 20,33-35 nicht nur ablehne, sich von der Gemeinde unterhalten zu lassen, sondern dass er hiernach − dieser Hinweis fehle in den paulinischen Briefen − auch seine Begleiter versorgt habe. Durch seiner Hände Arbeit werde Paulus zu einem normativen Vorbild der Solidarität, an dem sich auch die Gemeindeältesten orientieren sollten, um selbst Vorbilder für alle anderen Christen zu werden. 1 Tim 5,17-18 gehe im Gegensatz dazu von einer Entlohnung der Gemeindeältesten aus, die Selbstversorgung des Paulus sei demnach also eine Ausnahme. 2 Thess 3,7-10 gehe zwar ebenfalls von einem Recht der Versorgung der Gemeindeältesten aus, jedoch werde die Selbstversorgung als vorbildhaft dargestellt. So solle die Zahl derer, die sich ungebührlich auf Kosten der Gemeinde versorgen lassen, reduziert werden, und zwar bis hin auf Null.

 

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V. 35

 

Beobachtungen: Die ursprüngliche Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis bietet aller Wahrscheinlichkeit nach "pasi“ ("allen“) statt "panta“ ("in allem“; "in jeder Hinsicht“). Demnach wäre die Aussage "Ich habe euch allen gezeigt,…“ zu übersetzen, nicht "Ich habe euch in allem gezeigt,…“.

 

Paulus stellte seine vorbildliche Handarbeit und die Sorge nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Reisebegleiter nicht nur als historische Tatsache dar, sondern stellte die historische Tatsache in einen theologischen Rahmen. Demnach handelte es sich bei der Sorge für die Reisebegleiter um ein konkretes Beispiel für den christlichen Dienst an den Schwachen. Paulus war durch sein Beispiel das Vorbild für einen solchen Dienst. Er war nicht nur durch dieses eine Beispiel ein Vorbild, sondern durch sein ganzes Verhalten ("in allem“), das nicht nur auf die Selbstversorgung, sondern auch auf die Sorge für die Mitmenschen ausgerichtet war.

Fraglich ist, inwiefern die Reisebegleiter "Schwache“ waren. Handelte es sich insofern um "Schwache“, dass die Reisebegleiter wie Paulus durch die Missionsarbeit nicht in der Lage waren, sich ganz der eigenen Versorgung und vielleicht auch noch der Versorgung anderer Menschen zu widmen? Oder waren die Reisebegleiter kräftemäßig oder gesundheitlich nicht in der Lage, für sich den Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder konnten sie nicht wie Paulus auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen, das Gewinn bringende handwerkliche Arbeit ermöglichte? Vielleicht ist "Schwache“ auch einfach nur ein anderer Begriff für "Nächste“ oder "Mitmenschen“. Dann wäre jeder Mitmensch potenziell unterstützungsbedürftig, sei es dauerhaft oder nur in Ausnahmesituationen. Dass an "im Glauben Schwache“ gedacht ist, ist unwahrscheinlich, denn dann würden die Reisebegleiter des Paulus als "im Glauben schwach“ erscheinen. Die Reisebegleiter können aber kaum "im Glauben schwach“ gewesen sein, weil sie Paulus bei seiner Missionsarbeit unterstützten.

 

Paulus verwies auf einen Ausspruch, den er Jesus zuschrieb. In Wirklichkeit handelte es sich um einen persischen Grundsatz. So ist bei Thukydides in der Geschichte des Peloponnesischen Krieges (2,97,4) nachzulesen, dass die Thraker dem Grundsatz gefolgt seien, dass nehmen besser sei als geben. Da die Thraker als Gegensatz zu den Persern erscheinen, dürfte bei den Persern die Ansicht geherrscht haben, dass geben besser sei als nehmen. Eine entsprechende Aussage Jesu findet sich in der Bibel nicht. Allerdings findet sich die grundsätzliche Wertschätzung des Gebens, auch im vermutlich ebenfalls vom Verfasser der Apg stammenden Lukasevangelium (vgl. 6,38; 10,30-37). Insofern lag es wohl nahe, Jesus die Aussage in den Mund zu legen. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass Paulus bzw. dem Verfasser der Apg ein entsprechender Ausspruch Jesu mündlich überliefert war. Dies könnte auch die Ähnlichkeit des Ausspruchs mit den Seligpreisungen Lk 6,20-23; Mt 5,3-11 erklären. Möglich ist allerdings auch eine Anpassung des persischen Grundsatzes an die Seligpreisungen.

 

Die starke Betonung der Selbstversorgung und der Sorge für die "Schwachen“ erfolgte vermutlich im Hinblick auf das in Zukunft von den Gemeindeältesten zu erwartende Verhalten. Sie sollten ihr Amt nicht zur Selbstbereicherung und zur Steigerung des gesellschaftlichen Ansehens nutzen, sondern als fürsorglichen Dienst an den Gemeindegliedern ansehen. Auch wenn sich Paulus bezüglich eines solchen Dienstes als Vorbild darstellte, so ging es letztendlich nicht um das Ausführen seines eigenen Willens, sondern um das Ausführen des Willens Jesu bzw. Gottes.

 

Weiterführende Literatur: Laut P.-R. Tragan 1985, 779-798 richte sich die Rede in Milet nicht nur an die Ältesten der Stadt Ephesus, sondern an die Ältesten aller in der gleichen Lage befindlichen Gemeinden der Provinz Asien und schließlich auch an sämtliche Gemeindeglieder. Parallelen zur in Apg 20,18-35 dargestellten Gemeindesituation gebe es insbesondere in den späten ntl. Schriften, von denen ausgehend P.-R. Tragan den kirchlichen Kontext der Rede in Milet erhellt. So seien die Gemeinden und ihre Leiter von Verweltlichung, Verfolgung und Irrlehren bedroht gewesen. Die Rede in Milet richte sich außerdem konkret an die Irrlehrer innerhalb der Gemeinden. Und schließlich seien auch alle Gemeindeglieder der nachapostolischen Zeit angesprochen.

 

Im Rahmen seines Artikels über die "Imitatio Christi“ ("Nachahmung Christi“) in der Apg geht C. K. Barrett 1994, 251-262 auch auf die Miletrede und speziell auf V. 35 ein. Aus V. 35 gehe hervor, dass das Leben und der Dienst des Paulus auf Jesus zurückwiesen.

 

J. J. Kilgallen 1993, 312-314 analysiert Thukydides' Geschichte des Peloponnesischen Krieges 2,97,4 und kommt zu dem Ergebnis, dass dieser außerbiblische Text nur mit erheblichen Einschränkungen als Parallele zur Aussage "Geben ist seliger als nehmen“ angesehen werden könne. Er plädiert dafür, das Augenmerk verstärkt auf andere griechische und lateinische Aussagen, die sich mit dem Geben und Nehmen befassen, und auf den Ersten Klemensbrief zu richten.

Anders E. Plümacher 1992, 270-275, der die Meinung vertritt, dass sich Apg 20,33-35 und Thuk. 2,97,3-4 ziemlich genau entsprächen. In beiden Texten gehe es um das Entgegennehmen von Gold, Silber und kostbarer Kleidung (bzw. kostbaren und anderen Stoffen). In beiden Texten seien die - wirklichen bzw. potenziellen − Empfänger solcher Gaben nicht allein die jeweiligen Häupter der in Rede stehenden (Spende-)Gemeinschaften, der Odrysenkönig bzw. Paulus, sondern ebenso auch deren jeweilige Umgebung − Hof und Adel der Odrysen hier, die ohne zwingenden Grund erwähnten Paulusbegleiter dort. Beide Male gipfele der Text darin, das geschilderte Verhalten in einer Norm zusammenzufassen. Und schließlich: Der Inhalt der das Handeln bestimmenden Norm finde sich in beiden Texten mit Hilfe der gleichen Maxime formuliert. So kongruent, wie die beiden Texte in Inhalt, Topik, Reihenfolge der einzelnen Topoi und gelegentlich selbst im sprachlichen Klang seien, hält es E. Plümacher für wahrscheinlich, dass der Verfasser der Apg das Ende der Miletrede in Anlehnung an die Thukydidesstelle gestaltet hat.

 

Laut R. F. O’Toole 1994, 329-349 sei − entgegen der Annahme verschiedener Ausleger − der Inhalt von V. 35 nicht nur als Zusatz oder Anhang zur eigentlichen Miletrede, sondern als integraler Bestandteil derselben anzusehen. Das Geben, speziell auch das Geben Gottes bzw. Christi stelle einen wesentlichen Bestandteil der lukanischen Theologie dar. Mittels einer schlichten chiastischen Struktur werde verdeutlicht, wie sich Jesu Wort in Paulus' Dienst und Mahnungen aktualisiere.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Die Rezeption der Paulusbriefe in der Miletrede (Apg 20:18-35) (AASF.B 232), Helsinki 1987

Antoniazzi, Alberto; Discurso de Despedida. Paulo aos presbíteros de Éfeso, segundo Atos 20,18-35, EstB 3 (REB 44/175) (1984), 46-54

Barrett, Charles Kingsley; Imitatio Christi in Acts, in: J. B. Green et al. [eds.], Jesus of Nazareth: Lord and Christ. Essays on the Historical Jesus and New Testament Christology, Carlisle 1994, 251-262

Elbert, Paul; Paul of the Miletus Speech and 1 Thessalonians: Critique and Considerations, ZNW 95,3-4 (2004), 258-268

Fusco, Vittorio; L’idea di successione nel discorso di Mileto (At 20,18-35), in: M. D’Auria [ed.], Una Hostia, FS C. Ursi, Napoli 1983, 87-142

Haraguchi, Takaaki; A Tragic Farewell Discourse? In Search of a New Understanding of Paul’s Miletus Speech (Acts 20:18-35), AJBI 30-31 (2004-2005), 137-153

Kilgallen, John J.; Acts 20:35 and Thucydides 2.97.4, JBL 112/2 (1993), 312-314

Kilgallen, John J.; Paul’s Speech to the Ephesian Elders: Its Structure, ETL 70/1 (1994), 112- 121

Kim, H. K.; Venter, C. J. H.; Equipping the Congregation by Means of Preaching: Paul’s Sermon at Miletus (Acts 20:17-38) − Perspectives for the South African Context, IDS 33/4 (1999), 509-524

Lambrecht, Jan; Paul’s Farewell-Address at Miletus (Acts 20,17-38), in: J. Kremer [éd.], Les Actes des Apôtres. Traditions, rédaction, théologie (BETL 48), Leuven 1979, 307-337

Lindemann, Andreas; Paulus und die Rede in Milet (Apg 20,17-38), in: D. Marguerat [ed.], Reception of Paulinism in Acts. Réception du paulinisme dans les Actes des apôtres (BETL 229), Leuven 2009, 175-205

Lövestam, Evald; En gammaltestamentlig nychel till Paulus-talet i Miletos (Apg 20:18-35), SEÅ 51-52 (1986-87), 137-147

Lövestam, Evald; Paul’s Address at Miletus, ST 41/1 (1987), 1-10

Neuberth, Ralph; Demokratie im Volk Gottes? Untersuchungen zur Apostelgeschichte (SBB 46), Stuttgart 2001

Nissilä, Keijo; Paavalin jäähyväispuhe Miletossa (Apt 20:18-35), TAik 89/1 (1984), 5-10

O’Toole, Robert F.; What Role Does Jesus’ Saying in Acts 20,35 Play in Paul’s Address to the Ephesian Elders?, Bib. 75 (1994), 329-349

Petöfi, Janos S.; La struttura della comunicazione in Atti 20,17-38, RivBib 29/3-4 (1981), 359-378

Plümacher, Eckhard; Eine Thukydidesreminiszenz in der Apostelgeschichte (Act 20,33-35 − Thuk. II 97,3f), ZNW 83/3-4 (1992), 270-275

Prado, José Luiz G.; Versão Atual dos Atos dos Apóstolos, Estudos Bíblicos 3 (1984), 40-45

Quesnel, Michel; Paul prédicateur dans les Actes des Apôtres, NTS 47/4 (2001), 469-481

Redalié, Yann; "Travailler de ses mains“: Un modèle, plusieurs modes d’emploi (Ac 20,33ss; 1 Tm 5,17s; 2 Th 3,7-10), in: D. Marguerat [ed.], Reception of Paulinism in Acts. Réception du paulinisme dans les Actes des apôtres (BETL 229), Leuven 2009, 295- 303

Tragan, Pius-Ramon; Les “destinataires” du Discours de Milet. Une approche du cadre communautaire d’Ac 20,18-35, in: À cause de l’Évangile: (LeDiv 123), FS J. Dupont, Paris 1985, 779-798

Vögtle, Anton; Sorge und Vorsorge für die nachapostolische Kirche: Die Abschiedsrede von Apg 20,18a-35, in: A. Vögtle, L. Oberlinner [Hrsg.], Anpassung oder Widerspruch, Freiburg i. Br. 1992, 66-91

Walton, Steve; Leadership and Lifestyle: Luke’s Paul, Luke’s Jesus and the Paul of 1 Thessalonians, TynB 48/2 (1997), 377-380

Walton, Steve; Leadership and Lifestyle: The Portrait of Paul in the Miletus Speech and 1 Thessalonians (SNTS.MS 108), Cambridge 2000

Watson, Duane F.; Paul’s Speech to the Ephesian Elders (Acts 20:17-38): Epideictic Rhetoric of Farewell, in: D. F. Watson [ed.], Persuasive Artistry (JSNTS 50), FS G. A. Kennedy, Sheffield 1991, 184-208

Zeilinger, Franz; Lukas, Anwalt des Paulus. Überlegungen zur Abschiedsrede von Milet Apg 20,18-35, BiLi 54/3 (1981), 167-172

 

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