Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 21,18-26,32)

Apg 22,22-24

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 22,22-24

 

 

Übersetzung

 

Apg 22,22-24:22 Bis zu diesem Satz hörten sie ihm zu; dann erhoben sie ihre Stimme und riefen: "Weg vom Erdboden mit dem da! Er verdient es ja nicht zu leben.“ 23 Als sie aber schrien, ihre Oberkleider abwarfen und Staub in die Luft schleuderten, 24 gab der Tribun den Befehl, ihn in die Kaserne hinein zu führen, und ordnete an, man solle ihn unter Geißelhieben verhören, um so herauszufinden, aus welchem Grund sie so gegen ihn schrien.

 

 

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V. 22

 

Beobachtungen: V. 22 kommt auf die Reaktion der jüdischen Zuhörer auf die Verteidigungsrede des Paulus zu sprechen. Der Begriff "logos“ meint in V. 22 wohl nicht das einzelne Wort, sondern den ganzen Satz, und zwar den letzten der Verteidigungsrede des Paulus. Der letzte Satz war "Brich auf, denn ich werde dich zu Heiden in der Ferne aussenden“ (vgl. V. 21), wobei es sich um eine von Paulus zitierte Aussage Jesu handelte. Dass die jüdischen Zuhörer genau nach diesem Satz ihre Stimme erhoben und Paulus unterbrachen, lässt annehmen, dass er in besonderem Maße ihre Emotionen erregte. Es handelte sich bei dem Satz wohl um den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Dass die (angeblich) von Jesus selbst angeordnete Heidenmission des Paulus dermaßen die Gemüter der Juden erregte, mag damit zusammen hängen, dass die Juden sowohl die heidnische, römische Besatzungsmacht als auch die früheren heidnischen Besatzungsmächte und die mit diesen einhergehenden heidnischen Einflüsse ablehnten.

 

Das Verb "legô“ bedeutet eigentlich "sprechen/sagen“. Berücksichtigt man jedoch die Erregung der jüdischen Zuhörer, den räumlichen Abstand zwischen dem redenden Paulus und den Zuhörern und die Größe der Zuhörerschaft, dann ist die Übersetzung "rufen“ in V. 22 angemessener.

 

Der Imperativ "haire“ ("schaff/beseitige“) kann an eine bestimmte Person gerichtet gewesen sein, muss es aber nicht. Sollte dies der Fall gewesen sein, so wäre am ehesten anzunehmen, dass sich die Aufforderung an den Tribun, auf dessen Geheiß Paulus abgeführt worden war, richtete. Dann wäre der Tribun aufgefordert worden, Paulus von der Erde zu beseitigen (= aus der Welt zu schaffen). Andernfalls hätte es sich um eine grundsätzliche Forderung gehandelt, bei der offen gelassen worden wäre, wer das Geforderte ausführen sollte.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Das Verb "rhiptô“ kann "werfen“, "abwerfen“, "hinwerfen“, "hin- und herwerfen“ (im Sinne von "ausschütteln“?) oder "wegwerfen“ bedeuten. Die jüdischen Zuhörer können ihre Oberkleider also geworfen, abgeworfen, hingeworfen, hin- und hergeworfen oder weggeworfen haben. Das Ab- oder Hinwerfen der Oberkleider könnte als eine Vorbereitung einer Steinigung des Paulus gedeutet werden. Die Oberkleider wären abgelegt worden, weil sie beim Werfen der Steine hinderlich gewesen wären. Auch wenn den Juden bewusst war, dass der Tribun der römischen Kohorte wohl kaum eine Steinigung zulassen würde, konnten sie mittels dieser drohenden Handlung ihre Entrüstung kundtun. Die ebenfalls mögliche Deutung "hin- und herwerfen / ausschütteln“ könnte auf eine Handlung hinweisen, die mit dem Schütteln des Staubs von den Füßen (vgl. 13,51) zu vergleichen ist und Verachtung für vorausgehende Handlungen und/oder Worte zu erkennen gab. Mit Blick auf 14,14, wo das Zerreißen der Oberkleider ein Zeichen der Entrüstung ist, kann man "rhiptô“ auch mit "zerreißen“ übersetzen. Dann hätten die Juden ihre Oberkleider als Zeichen der Entrüstung zerrissen. Eine solche Bedeutung des Verbs "rhiptô“ wäre jedoch ungewöhnlich und es erscheint dementsprechend auch nicht in 14,14.

 

Das Verb "ballô“ ist gewöhnlich mit "werfen“ zu übersetzen. Deutet man das Werfen im engeren Sinn, dann haben die jüdischen Zuhörer mit den Händen Staub in die Luft geworfen/geschleudert. Möglicherweise drohte das Werfen von Staub das Werfen von Steinen an. Da Paulus in der Hand des römischen Militärs war, war den Juden die Steinigung jedoch unmöglich, weshalb sie wohl auch keine Steine zur Hand nahmen. Wenn man das Werfen im weiteren Sinn als "aufwirbeln“ deutet. dann haben die jüdischen Zuhörer auf irgendeine Weise Staub aufgewirbelt. Wie auch immer: Das Werfen/Aufwirbeln von Staub dürfte ein Zeichen der Entrüstung gewesen sein.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 24

 

Beobachtungen: Mit der Kaserne (parembolê) ist wahrscheinlich die Burg Antonia gemeint. Die in dieser Burg stationierten Soldaten, zu denen auch diejenigen der Kohorte des Tribuns gehörten, wachten darüber, dass auf dem Tempelgelände keine Unruhen ausbrachen, die die ganze Stadt Jerusalem anstecken konnten.

 

In V. 24 hat das Verb "legô“ (in Form des Partizip Aorist "eipas“) Befehlscharakter, weshalb sich nicht die übliche Übersetzung "sprechen/sagen“, sondern die Übersetzung "anordnen“ nahelegt.

 

Wie die "Peitsche/Geißel“ ("mastix“; lat. "flagellum“) beschaffen war, wird nicht gesagt. Wahrscheinlich handelte es sich um lederne Riemen oder gedrehte Stricke, die an einem Holzstiel befestigt waren (= Peitsche). An diesen können kleine Würfel aus Eisen, Blei oder Knochen befestigt gewesen sein (= Geißel). Dann wären die bei dem Verhör zu erwartenden Verletzungen noch größer gewesen, so dass das Verhör wahrhaft Foltercharakter gehabt hätte.

 

Bei der Verbform "epephônoun“ handelt es sich um ein Imperfekt. Es ist also ausgesagt, dass die Handlung über eine längere Zeit andauerte. Daher ist die Übersetzung "… sie gegen ihn schrien“ genauer als die Übersetzung "… sie gegen ihn ein [solches] Geschrei erhoben“. Das Erheben des Geschreis leitet genau genommen nur ein länger währendes Geschrei ein und würde somit einen Aorist erwarten lassen.

 

Das Personalpronomen "autô“ ("ihn“) bezieht sich nicht auf den zuletzt genannten Tribun, sondern auf Paulus. Die jüdischen Zuhörer schrien also gegen Paulus, nicht gegen den Tribun.

 

Weiterführende Literatur: É. Delebecque 1984, 217-225 vertritt die Ansicht, dass nicht nur die kurze Fassung von 22,22-30, sondern auch die längere, westliche Textvariante von Lukas verfasst worden sei. Die längere, westliche Textvariante sei von Lukas später verfasst worden und arbeite den kürzeren Text weiter aus, orientiere sich jedoch eng an diesem.

 

 

Literaturübersicht

 

Delebecque, Édouard; L’art du conte et la faute du tribun Lysias selon les deux versions des Actes (22,22-30), LTP 40/2 (1984), 217-225

 

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