Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 7,17-24

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 7,17-24

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 7,17-24:17 Jedoch wie es der Herr einem jeden zugeteilt hat, wie (der) Gott einen jeden berufen hat, so soll er leben. Und so ordne ich es in allen Gemeinden an. 18 Ist jemand als Beschnittener berufen, so soll er beschnitten bleiben; ist jemand in Unbeschnittenheit berufen, so soll er sich nicht beschneiden lassen. 19 Die Beschneidung ist nichts, und die Unbeschnittenheit ist nichts, sondern [das] Halten der Gebote Gottes [ist alles]. 20 Ein jeder in der Berufung, in der er berufen worden ist - darin soll er bleiben! 21 Bist du als Sklave berufen, so lass es dich nicht bekümmern. Aber wenn du auch frei werden kannst, nutze es umso lieber. 22 Denn der im Herrn berufene Sklave ist ein Freigelassener des Herrn; ebenso ist der berufene Freie ein Sklave Christi. 23 Für einen Preis seid ihr gekauft worden. Werdet nicht Sklaven von Menschen! 24 Worin ein jeder berufen wurde, Geschwister, darin bleibe er bei Gott.

 

 

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V. 17

 

Beobachtungen: Paulus setzt mit "ei mê“ ("jedoch/nur“; wörtlich: "wenn nicht / außer wenn“) neu an.

 

Jedem Menschen ist sein "Stand“ von Gott zugeteilt, er ist dazu berufen. Daher soll er aus ihm nicht ausbrechen, sondern der Zuteilung entsprechend seinen Lebenswandel führen.

Eine Berufung zum Christentum kann nicht im Blick sein, denn Paulus geht von verschiedenen Arten von Berufung aus.

 

Genau genommen hat der "Herr“ - meist Bezeichnung für Jesus Christus - zugeteilt, Gott jedoch berufen. Wie ist der Subjektwechsel zu erklären? Ist "der 'Herr’“ hier etwa eine Bezeichnung für Gott, den Vater? Schon in der Antike hat der Wechsel Verwirrung gestiftet, wie die Varianten der Textüberlieferung zeigen, die entweder eine Umkehrung der Reihenfolge - also zuerst "Gott“ und dann "der 'Herr’“ - oder zweimal "Gott“ bieten.

 

Die Anordnung des Paulus, dass jeder den seiner Berufung entsprechenden Lebenswandel führen solle, gilt für alle Gemeinden und nicht nur für diejenige in Korinth.

 

Weiterführende Literatur: Eine Auslegung zu 1 Kor 6,12-7,40 bietet H. Külling 2008.

 

Laut M. Y. MacDonald 2004, 148-168 ließen sowohl 1 Kor 7 als auch 1 Kor 11,2-16 parallele Aussagen über die jeweiligen Verpflichtungen von Männern und Frauen erkennen. Mittels einer sozialgeschichtlichen Analyse geht sie den Fragen nach, ob die parallele Struktur Hinweise auf initiatives Handeln von Frauen und auf ein besonderes Interesse des Paulus und der korinthischen Gemeinde am Verhalten von Frauen gibt, und ob es eine Verbindung zwischen den in 1 Kor 11,2-16 genannten Aktivitäten von Frauen und den Ermahnungen des Paulus in 1 Kor 7 gibt. M. Y. MacDonald kommt zu einem positiven Ergebnis.

 

Zu Fragen der Sexualität im christlichen Leben in 1 Kor 5-7 siehe A. S. May 2004, der auf S. 230-239 auf 7,17-24 eingeht.

 

Zu den stoischen und kynischen Elementen in 7,10-24 äußert sich W. Deming 1995, 131-173.

 

G. M. M. Pelser 1996, 715-733 untersucht, ob Paulus die Meinung vertritt, dass sich die Gläubigen neben der Verkündigung auch in weltliche Belange einmischen sollten. Ergebnis: Weder verlange Paulus weltliche Aktivität noch lehne er sie grundsätzlich ab.

 

G. J. Laughery 1997, 109-128 geht der Frage nach, ob Paulus Ehe und Sexualität als gottwidrig angesehen hat. Er verneint dies und kommt stattdessen zu dem Ergebnis, dass Paulus eine angesichts des nahen Weltendes übertrieben asketische Einstellung der Adressaten korrigiert habe. 7,17-24 stelle den Kern der paulinischen Theologie dar.

 

J. C. Laney 1982, 283-294 versteht Paulus als Ausleger der Aussagen Jesu zur Ehescheidung. Seiner Meinung nach gehe Paulus − ohne Ausnahmeklausel − davon aus, dass die Ehe unauflöslich sei. Beendet werde die Ehe allein durch den Tod.

 

B. R. Braxton 2000 befasst sich in seiner Dissertation ausführlich mit 1 Kor 7,17-24. Zunächst legt er den Abschnitt unter Berücksichtigung des Zusammenhangs aus, dann befasst er sich mit den gesellschaftlichen Grundlagen, auf denen der Text zu verstehen ist. Das dritte Kapitel hat die Beschneidung in der griechisch-römischen Welt zum Thema, das vierte die Sklaverei. Im letzten Kapitel widmet er sich den Ideologien, die die verschiedenen Auslegungstraditionen geprägt haben.

 

W. Wolbert 1981, 107-118 befasst sich mit dem Bleiben in der Berufung, wobei er die Meinung vertritt, dass die Themen Beschneidung und Sklaverei in 7,17-24 zur Illustration des zum Thema "Ehe und Ehelosigkeit“ Gesagten heranzuziehen seien.

 

U. von Arx 2009, 193-221, nimmt an, dass wir in 1 Kor 7,1-24 eine Art paulinischer Deutung von Gal 3,28 vor uns hätten und Paulus somit den Ersten Korintherbrief nach dem Galaterbrief geschrieben habe.

 

Zur Auslegung von 1 Kor seitens Johannes Chrysostomos siehe T. Zisis 2009, 603-612.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Die Berufung bezieht sich nicht auf die Ehelosigkeit oder die Ehe, wie angesichts der vorhergehenden Abschnitte über Ehelosigkeit und Ehescheidung zu erwarten wäre, sondern auf das Beschnittensein oder Unbeschnittensein. Da jedoch in 7,25-38 wiederum ein Abschnitt über Ehelosigkeit (Jungfrauen) folgt, ist zu vermuten, dass auch Ehelosigkeit und Ehe im Lichte der Aussagen zur Berufung zu sehen sind. Dass Paulus sowohl das Beschnittensein als auch das Unbeschnittensein erwähnt, lässt annehmen, dass sich in der korinthischen Gemeinde sowohl Juden- als auch Heidenchristen befinden.

 

Die Berufung erfolgt zunächst nicht zu einem bestimmten "Stand“, sondern in einem bestimmten "Stand“. In diesem lebt der Mensch also schon, wenn er berufen wird. Nun sollte man annehmen, dass die Berufung ihn aus dem gegenwärtigen "Stand“ heraus ruft und einen Wendepunkt in seinem Leben markiert - das ist jedoch nicht der Fall! Die richtige Antwort auf die Berufung ist das Bleiben. Daraus folgt, dass der Mensch nicht nur in einem "Stand“, sondern auch zu einem "Stand“ berufen wird (vgl. V. 17).

Unklar ist, woran sich die Berufung festmachen lässt.

 

Das mit "so soll er beschnitten bleiben“ übersetzte "mê epispasthô“ ist genau genommen mit "so soll er nicht [die Vorhaut] überziehen“ zu übersetzen.

Die Berufung in Unbeschnittenheit ist eine Berufung in Vorhaut. Der Nichtjude ist also daran zu erkennen, dass seine Vorhaut im Gegensatz zur derjenigen des Juden nicht beschnitten ist. Andere Kennzeichen spielen hier keine Rolle.

 

Weiterführende Literatur: G. W. Dawes 1990, 681-697 macht deutlich, dass es sich bei 7,17-24 nicht um eine Unterbrechung der paulinischen Argumentation in Kap. 7 handele, sondern um den Schlüssel. Das erste Beispiel, die Beschneidung, verdeutliche vorzüglich die Anordnung in V. 17.20.24(.27), dass jeder in dem Stand bleiben solle, in dem er berufen ist. Das zweite Beispiel, die Sklaverei, verdeutliche sowohl die völlige Bedeutungslosigkeit des weltlichen Standes als auch die Möglichkeit einer Präferenz, sofern es die Umstände erlauben.

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Beschneidung und Unbeschnittenheit sind nichts, d. h. sie sind von keiner Bedeutung. Von Bedeutung ist nur das Halten der Gebote Gottes. Die Geringschätzung der Bedeutung der Beschneidung ist aus jüdischer Sicht ein Affront, schließlich gilt den Juden die Beschneidung als Zeichen des Gottesbundes und der Zugehörigkeit zum Gottesvolk. Paulus ist jedoch nicht der Meinung, dass Äußerliches gilt, sondern ihm kommt es auf das Halten der Gebote an.

 

Paulus konkretisiert nicht, welche Gebote Gottes er im Blick hat. Geht man davon aus, dass sie sich in der Tora finden, so stellt sich die Frage, ob alle Gebote - und damit auch die Ritual, Reinheit und Speise betreffenden Gebote - gemeint sind. Das ist nicht anzunehmen, denn sonst könnte er wohl kaum die Heidenmission und das Heidenchristentum akzeptieren. Außerdem ist zu bedenken, dass sich auch das Beschneidungsgebot in der Tora findet (vgl. Gen 17,10-14). Doch könnte Paulus Gebote meinen, die nicht der Tora entnommen sind?

 

Weiterführende Literatur: F. W. Horn 1996, 479-505 versucht an der Beschneidung der männlichen Juden aufzuzeigen, wie und weshalb es zu einem eigenständigen, spezifisch anderen christlichen Weg kam. Auf S. 485 geht er neben Gal 5,6 und 6,15 auch auf 1 Kor 7,19 ein. Diese Texte sieht er als älteste christliche Aussagen zur Beschneidungsfrage an und hält sie für Traditionen der antiochenischen Gemeinde, in der Grundsätze der antiochenischen Mission sichtbar würden. Der Beschneidung werde keine Bedeutung beigemessen. Da diese adiaphoristische Position argumentativ im Rahmen jüdischen Denkens bleibe und keinesfalls mit der Nivellierung der Beschneidungsfrage die Tora insgesamt zur Diskussion stelle, so sprächen in ihr Judenchristen (und Heidenchristen, die diese Form von Toraobservanz akzeptieren) im Gegenüber zur Synagoge.

 

Laut A. Blaschke 1998, 397-401 finde sich der Ausdruck "Halten der Gebote Gottes“ bei Paulus und überhaupt im NT nur hier. Das könne auf einen vorpaulinischen Ursprung von V. 19 in Antiochia bzw. bei den "Hellenisten“ hinweisen, müsse es aber nicht. Dafür sei der Ausdruck doch zu nahe liegend. Sicher abzulehnen sei die These eines jüdischen Ursprungs des ganzen Verses; Josephus, Ant 20,41 sei keine echte Parallele zu V. 19. Ein aktueller Anlass habe in Korinth für das Verbot der Beschneidung und des nur hier im NT erwähnten Epispasmos nicht bestanden. Paulus könne sich aber beide Vorgänge in seinen oder anderen Gemeinden zumindest vorstellen.

 

F. Thielman 1992, 237-240 geht im Rahmen der Untersuchung, wie Paulus dem jüdischen Gesetz gegenüber eingestellt ist, auf 1 Kor 7,19 ein. Dieser Vers gehöre zu den Aussagen, in denen sich Paulus positiv - und nicht negativ - gegenüber dem Gesetz äußert.

 

L. Schottroff 2004, 183-194 geht insbesondere unter Heranziehung von 1 Kor 7,15 und Apg 9,36-43 folgenden Fragen nach: Was bedeutete es für eine nichtjüdische Frau, Christin zu werden? Was bedeutete es für eine jüdische Frau, Christin zu werden? Das traditionelle heidenchristliche Konzept gebe folgende, wenig befriedigende Antworten: Diese Frauen glauben an Jesus als den Messias des jüdischen Volkes. Das jüdische Religionsgesetz ist für sie kein Heilsweg mehr. In Übereinstimmung mit Paulus sollen sie die Beschneidung für männliche Nichtjuden ablehnen. Mit Blick auf 1 Kor 7,15 legt L. Schottroff dar, dass für Paulus das Leben gemäß der göttlichen Berufung und damit das Halten von Gottes Geboten (vgl. V. 19; gemeint sei die Tora) das entscheidende Kriterium sei, nicht der Familienstand (geschieden oder nicht), die religiöse Herkunft ("Beschneidung“, d. h. jüdische oder nichtjüdische Herkunft) oder der gesetzliche Status (Sklave oder Freier). Unter bestimmten Umständen brauche somit eine Ehe nicht aufrecht erhalten zu werden, ebenso wie ein männlicher Nichtjude nicht unbedingt beschnitten werden müsse. Nun stelle sich aber die Frage, was die anonyme heidenchristliche Frau von einer jüdischen Proselytin, von einer Gottesfürchtigen wie Tabitha (vgl. Apg 9,36-43) unterscheidet. Wo liegt der christliche Unterschied? Tabitha sei aufgrund ihres Christusglaubens ein besonderer Fall unter Proselytinnen und Gottesfürchtigen, doch folge sie der jüdischen Lebensweise, die zugleich die christliche Lebensweise sei. L. Schottroff betont nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten von Juden und Christen, zu denen zuvörderst das Nachdenken über die Frage gehöre, was das Leben nach Gottes Geboten, der Tora, ausmacht.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: V. 20 fasst die Aussage von V. 18, die in V. 19 begründet worden ist, zusammen: Ein jeder soll in seiner Berufung bleiben. Der etwas umständliche Satzbau betont das Bleiben im Sinne von "Ein jeder [lebt] in der Berufung, in der er berufen worden ist.“

 

Weiterführende Literatur: Mit Paulus' Einstellung gegenüber der Sklaverei befasst sich C. G. Atmatzidis 2009, 223-263. Die Aussagen des Apostels seien auf dem Hintergrund des Versuches zu verstehen, eine Isolierung der Christen von ihren nichtchristlichen Mitmenschen zu vermeiden. So folge er zwar einerseits einigen Intellektuellen seiner Zeit, die die Sklaverei in Frage stellten (vgl. Gal 3,28), gehe jedoch nicht so weit, dass er eindeutig gegen die Sklaverei Position bezieht.

 

N. Baumert 1986, 99-160 setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass die Christen laut Paulus in ihrer jeweiligen Situation verbleiben sollten. N. Baumert vertritt dagegen die Ansicht, dass Paulus sage, dass die Christen in ihrem jeweiligen Ruf bleiben sollten. Der Ruf sei aber nichts Konservierendes, sondern etwas Veränderndes insofern er "erlöse“. Dass der Ruf / die Berufung nicht einen vorgegebenen Beruf oder Stand des Menschen meine, macht N. Baumert 1992, 88-89.389-393 deutlich. Es könne sich um eine Berufung zur Ehe oder auch zur Ehelosigkeit handeln.

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Nun redet Paulus die Sklaven unter den Adressaten direkt an, vielleicht weil bei ihnen der Drang zum Verlassen ihres niedrigen "Standes“ am größten ist. Paulus macht ihnen deutlich, dass sie das Sklavendasein nicht bedrücken soll. Auch als Sklave sind sie berufen, und zwar in diesem "Stand“ zu bleiben. Sie sollen sich also nicht bemühen, ihn zu verlassen.

 

Mit dem adversativen "alla“ ("aber“) leitet Paulus jedoch eine andersartige Situation ein: Der Sklave bekommt das Angebot der Freilassung. Der Sklave steht nun vor der Wahl, in dem Sklavendasein zu verbleiben oder das Angebot anzunehmen. Paulus rät, das Angebot zu nutzen, es also anzunehmen. Dass dies "umso lieber“ geschehen soll, hebt hervor, dass es sich um die Gunst der Stunde handelt. Da Paulus das Bemühen um das Verlassen des Sklavenstandes - und erst recht einen Sklavenaufstand -ablehnt, bietet die Gunst der Stunde die einzige Gelegenheit zum Standeswechsel. Diese Interpretation geht davon aus, dass es sich bei dem Aorist Imperativ "chrêsai“ ("nutze!“) um eine Aufforderung zur Aktivität handelt. Der Aorist wäre also als ingressiver Aorist, der einen Beginn angibt, zu verstehen.

In Frage kommt auch eine Interpretation von V. 21b im Sinne von "Selbst wenn du frei werden kannst, bleibe in deinem Sklavendasein!“ Sie setzt voraus, dass es sich bei dem Aorist um einen komplexiven Aorist handelt, der einen andauernden Zustand wiedergibt. Eine solche Interpretation ist allerdings schon aufgrund des aktiven Charakters des Verbs "chrêsthai“ /"Nutzen / Gebrauch machen“) unwahrscheinlicher.

 

Weiterführende Literatur: W. Deming 1995, 130-137 vertritt die Ansicht, dass 7,17-24 nicht nur im Stil einer Diatribe geschrieben sei, sondern auch nach deren Muster. Dieses bestehe aus zwei, manchmal auch aus drei Elementen: a) Eine Tatsache werde in Form einer rhetorischen Frage ausgesagt. Diese stehe oft als direkte Anrede in der zweiten Person Singular. b) Es folge ein Imperativ, dessen wesentliche Absicht es sei, jegliche Bedeutung der Tatsachenaussage für das Leben eines Menschen zu leugnen. c) Manchmal folge schließlich eine Erklärung, warum der Tatsachenaussage keine Bedeutung beizumessen sei. Nachdem W. Deming anhand antiker Literatur seine These begründet hat, wendet er sich der Frage zu, was ihre Konsequenzen im Hinblick auf die Interpretation von V. 21-22 sind. Ergebnis: V. 21 besage, dass christliche Sklaven einerseits ihrem entrechteten Dasein keine Bedeutung beimessen sollten, sie aber andererseits nicht die Gelegenheit auslassen sollten, die Freiheit zu erlangen.

J. A. Harrill 1994, 5-28 kommt anhand einer Untersuchung aller Stellen, an denen "mallon“ in Verbindung mit dem Verb "chraomai“ vorkommt, zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich ein Gegensatz ausgedrückt werde. In V. 21 sei also "use (freedom) instead“ zu lesen; die Sklaven sollen von dem Angebot der Freilassung Gebrauch machen. Ausführlich geht J. A. Harrill 1995, 68-128 auf V. 21 ein. Er gibt einen Überblick über die Auslegungsgeschichte und führt eine philologische Analyse durch, wobei er auf antike griechische Texte eingeht, in denen "mallon“ und "chraomai“ in Verbindung vorkommen. Ergebnis im Hinblick auf V. 21: Paulus gestehe die Möglichkeit der Freilassung zu, wobei diese jedoch vom Sklaven nicht aktiv gesucht werde. Dieser mache nur von einem Angebot Gebrauch. Das paulinische Zugeständnis lasse sich mit römischem Brauch begründen, der auch für das römische Korinth gelte. Die Römer hätten die Freilassung als reguläre Belohnung für verdiente städtische Sklaven angesehen.

 

L. Schottroff 1994, 185-195 geht der Frage nach, was es bedeutete, eine christliche Sklavin zu sein. Auf S. 199-205 bietet sie feministische Beobachtungen zur Auslegungsgeschicht von 7,17-24, besonders der Gegenwart, und feministische Perspektiven.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Paulus begründet nun, warum ein Sklave in seinem Dasein nicht betrübt zu sein braucht: Er ist ein Freigelassener des "Herrn“. V. 22 knüpft also an V. 21a, nicht an V. 21b an. Die neu eingetretene Möglichkeit der Freilassung wird außer acht gelassen.

Offen bleibt, was Paulus unter "Freigelassener des Herrn“ versteht. Nicht gemeint dürfte sein, dass er vom Herrn, also Jesus Christus (oder Gott), freigelassen worden ist und damit Gott nicht mehr zu dienen bräuchte. Vielmehr dürfte ausgesagt sein, dass der gläubige Sklave durch das Heilswerk Jesu Christi befreit ist. Doch wovon könnte er befreit sein? In Frage kommen die Befreiung vom Hängen an weltlichen Dingen, die Befreiung von der Macht der Sünde oder die Befreiung von der Befolgung jüdischer Ritual-, Speise- und Reinheitsgebote.

 

Ein Freier ist genauso wenig völlig frei wie der Sklave. Der Sklave ist weiterhin sozialer Bindung unterworfen, der Freie der Bindung an Christus. Auch der Freie kann folglich nicht tun und lassen, was er will. Sowohl der Sklave als auch der Freie sind somit gleichzeitig frei und auch gebunden - je nach Sichtweise. Allerdings erwähnt Paulus nicht, dass der gläubige Sklave nicht nur Sklave eines irdischen Herrn ist, sondern darüber hinaus - wie der Freie auch - Sklave Christi, also des himmlischen "Herrn“.

 

Weiterführende Literatur: B. Kisembo 1995, 226-229 befasst sich mit verschiedenen englischen Übersetzungen von V. 22 und betont, dass der unterschiedliche Status des Freigelassenen und des Freien zu beachten sei. Aus der Übersetzung müsse deutlich werden, dass es sich in ersterem Fall um einen Freigelassenen ("freedman/freedperson“) und nicht um einen Freien ("free person“) handelt. Ähnlich D. B. Martin 1990, 63-68, der anmerkt, dass der Begriff "Freigelassener“ − und mehr noch "Freigelassener des "Herrn“ - die Statusverbesserung betone. Auch der Begriff "Sklave des "Herrn’“ weise nicht auf einen niedrigen Status hin. Kritisch mit dieser Meinung setzt sich M. J. Harris 1999, 128-131 auseinander.

M. J. Harris 1999, 47-68 geht auf die Einstellung des NT zur Sklaverei ein, wobei er auf S. 59-61 auf 1 Kor 7,17-24 zu sprechen kommt. Ähnlich der stoischen Auffassung, wonach der äußere Status keine Relevanz für die Freiheit der Seele habe, wende Paulus die Freiheit auf das Verhältnis zu Gott an. Wenn sich aber die Möglichkeit ergebe, frei zu werden, dann sollten die Sklaven davon Gebrauch machen. Zu bedenken sei, dass Sklaven keine Wahl hatten, ein Freilassungsangebot anzunehmen oder nicht.

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Fast wörtlich 1 Kor 6,20 entsprechend macht Paulus deutlich, dass die Adressaten für einen Preis gekauft worden sind. Bei dem Preis dürfte es sich wohl um den Kreuzestod Christi handeln, der stellvertretend für die Adressaten oder zu deren Gunsten erfolgt ist. Unklar ist, an wen der Preis gezahlt worden ist. Ist es der Satan?

 

Durch den Loskauf sind die Christen Sklaven des "Herrn“ und nicht der Menschen. Dass Paulus dies an dieser Stelle betont, mag damit zusammenhängen, dass er die Bedeutung, die seitens der Adressaten dem irdischen Status beigemessen wird, mindern will.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 24

 

Beobachtungen: "Geschwister“ meint hier nicht leibliche Geschwister, sondern Glaubensgeschwister, nämlich Christinnen und Christen. Bei dem Substantiv "adelphoi“ handelt es sich zwar um eine maskuline Form, die zunächst mit "Brüder“ zu übersetzen ist, jedoch sind hier vermutlich auch die "Schwestern“ eingeschlossen. Dass diese unkenntlich bleiben, liegt an der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt.

 

V. 24 stellt das Fazit von 7,17-24 dar. Jeder soll in dem "Stand“ bleiben, in dem er berufen wurde. Nicht dem Status ist Bedeutung beizumessen, sondern dem Bleiben bei Gott. Paulus konkretisiert die Formulierung "Bleiben bei Gott“ nicht. Es ist aber zu erschließen, dass das Bleiben einen Abfall vom Glauben ausschließt. Laut V. 19 gehört zum Glauben das Halten von Gottes Geboten, was auch immer damit gemeint sein mag.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Atmatzidis, Charalampos G.; Ho apostolos Paulos kai to zêtêma tês douleias (A' Kor 7,20- 21), in: C. J. Belezos et al. [eds.], Apostolos Paulos kai Korinthos / Saint Paul and Corinth, vol. I, Athen 2009, 223-263

Baumert, Norbert; Ehelosigkeit und Ehe im Herrn: eine Neuinterpretation von 1 Kor 7 (FzB 47), Würzburg, 2., durchges. Aufl. 1986

Baumert, Norbert; Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Missverständnisses, Würzburg 1992

Blaschke, Andreas; Beschneidung. Zeugnisse der Bibel und verwandter Texte (TANZ 28), Tübingen - Basel 1998

Braxton, Brad Ronnell; The Tyranny of Resolution: 1 Corinthians 7:17-24 (SBL.DS 181), Atlanta 2000

Dawes, Gregory W., “But if you can gain your freedom” (1 Corinthians 7:17-24), CBQ 52/4 (1990), 681-697

Deming, Will; A Diatribe Pattern in 1 Cor 7:21-22: A New Perspective on Paul’s Directions to Slaves, NT 37/2 (1995), 130-137

Deming, Will; Paul on Marriage and Celibacy: The Hellenistic Background of 1 Corinthians 7 (SNTS.MS 83), Cambridge 1995

Harrill, James Albert; Paul and Slavery: The Problem of 1 Cor 7:21, BR 39 (1994), 5-28

Harrill, James Albert; The Manumission of Slaves in Early Christianity (HUTh 32), Tübingen 1995

Harris, Murray J.; Slave of Christ. A New Testament metaphor for total devotion to Christ (NSBT 8), Leicester 1999

Horn, Friedrich Wilhelm; Der Verzicht auf die Beschneidung im frühen Christentum, NTS 42 (1996), 479-505

Kisembo, B.; The Free Man and the Freedman (1 Corinthians 7:22), BiTr 46/2 (1995), 226- 229

Külling, Heinz; Ehe und Ehelosigkeit bei Paulus. Eine Auslegung zu 1. Korinther 6,12-7,40, Zürich 2008

Laney, J. Carl; Paul and the Permanence of Marriage in 1 Cor. 7, JETS 25 (1982), 283-294

Laughery, G. J.; Paul: Anti-marriage? Anti-sex? Ascetic? A Dialogue with 1 Corinthians 7:1- 40, EvQ 69/2 (1997), 109-128

MacDonald, Margaret Y.; Virgins, Widows, and Wives: The Women of 1 Corinthians 7, in: A.-J. Levine [ed.], A Feminist Companion to Paul (Feminist Companion to the New Testament and Early Christian Writings 6), London − New York 2004, 148-168

Martin, Dale B.; Slavery as Salvation: the Metaphor of Slavery in Pauline Christianity, New Haven - London 1990

May, Alistair Scott; “The Body for the Lord”: Sex and Identity in 1 Corinthians 5-7 (JSNT.S 278), London 2004

Pelser, G. M. M.; Die verhouding kerk en wêreld/kultuur in die lig van die Pauliniese "asof nie“ (hôs me), HTS 52/4 (1996), 715-733

Schottroff, Luise, Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums, Gütersloh 1994

Schottroff, Luise; “Law-Free Gentile Christianity” − What about the Women? Feminist Analyses and Alternatives, in: A.-J. Levine [ed.], A Feminist Companion to Paul (Feminist Companion to the New Testament and Early Christian Writings 6), London − New York 2004, 183-194

Thielman, Frank; The Coherence of Paul’s View of the Law: The Evidence of First Corinthians; NTS 38/2 (1992), 235-253

von Arx, Urs; Gibt Paulus in 1 Kor 7 eine Interpretation von Gal 3,28? Zugleich ein Beitrag zur relativen Chronologie der Paulusbriefe, in: C. J. Belezos et al. [eds.], Apostolos Paulos kai Korinthos / Saint Paul and Corinth, vol. I, Athen 2009, 193-221

Wolbert, Werner; Ethische Argumentation und Paränese in 1 Kor 7 (Moraltheologische Studien 8), Düsseldorf 1981

Zisis, Theodoros; To 7o kephalaio tês A’ pros Korinthious epistolês hermêneuomeno apo ton hagio Iôannê Chrysostomo, in: C. J. Belezos et al. [eds.], Apostolos Paulos kai Korinthos / Saint Paul and Corinth, vol. I, Athen 2009, 603-612

 

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