Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 9,19-23

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 9,19-23

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 9,19-23: 19 Denn als einer, der frei ist von allen, habe ich mich allen zum Sklaven gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 20 Und ich wurde den Juden wie ein Jude, damit ich Juden gewinne; denen, [die] unter dem Gesetz [stehen], wie [einer] unter dem Gesetz - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz stehe -, damit ich die unter dem Gesetz gewinne; 21 den Gesetzlosen wie ein Gesetzloser - obwohl ich nicht ohne Gottes Gesetz, sondern im Gesetz Christi bin. -, damit ich die Gesetzlosen gewinne. 22 Ich wurde den Schwachen ein Schwacher, damit ich die Schwachen gewinne. Allen bin ich alles geworden, damit ich wenigstens einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, damit ich sein Mitteilhaber werde.

 

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Paulus greift erneut das Thema "apostolische Freiheit“ auf, das er schon in 9,1 angesprochen hat: Er ist als Apostel frei von allen und frei von allem - beide Übersetzungen sind möglich. Paulus ist frei von allen, weil er für seine Verkündigungstätigkeit keine Sach- oder Geldleistungen verlangt. Zugleich ist er frei von allem, weil er sich der nahen Wiederkunft Christi bewusst ist und an nichts Weltlichem hängt. Zu diesem Weltlichen gehört auch − aber nicht nur! − der Verzicht auf die Inanspruchnahme eines Rechtes.

 

In seiner Freiheit hat sich Paulus allen zum Sklaven gemacht, indem er allen das Evangelium unentgeltlich predigt, ja als beauftragter Verwalter des Evangeliums sogar predigen muss.

 

Paulus hat das Ziel, "die Mehrheit“ - also möglichst viele - zu gewinnen. Wofür er sie gewinnen will, sagt Paulus nicht, doch lässt sich die Antwort erschließen: für das Evangelium, und damit für das verheißene Heil.

 

Weiterführende Literatur: J. F. M. Smit 1997, 476-491 zeigt, dass 8,7-9,27 das Grundmuster einer Rede zugrunde liege und somit literarisch einheitlich sei.

J. S. Sibinga 1998, 136-163 kommt anhand einer nummerischen Analyse von 1 Kor 9 samt Kontext zu dem Ergebnis, dass Paulus die Abschnitte nach verschiedenen Methoden zusammengesetzt habe, die darauf abzielten, innerhalb eines wohldurchdachten und −integrierten Ganzen klare Proportionen und Muster zu schaffen. Die nummerische Klarheit seines Prosatextes trage wesentlich zu dessen literarischer Qualität bei.

 

W. Willis 1985, 33-48 vertritt die Ansicht, dass das Ziel von 1 Kor 9 sei, die Argumentation, wie Christen ihre Freiheit zum Gunsten Anderer ausdrücken sollten, weiterzuentwickeln. In 1 Kor 8 und 10 gehe es dabei konkret um das Problem des Essens von Götzenopferfleisch. Die Diskussion in Kapitel 9 diene nicht als Verteidigung. Paulus verteidige nicht sein Verhalten, sondern argumentiere von diesem ausgehend. Es sei irreführend, das Kapitel "Die Rechte eines Apostels“ zu betiteln, denn es handele nicht von den Rechten an sich, sondern vom Verzicht auf die Rechte im freien Dienst.

Auch K. V. Neller 1987, 129-142 nimmt nicht an, dass 1 Kor 9 rein apologetischen Charakter habe. Vielmehr lege Paulus das richtige Verständnis des Begriffs "Freiheit“ dar, d.h. den Verzicht auf eigenes Recht um des Anderen willen. Von dieser Beobachtung ausgehend untersucht K. V. Neller die Funktion von 1 Kor 9,19-23 im unmittelbaren Zusammenhang und im Zusammenhang des gesamten Briefes. Paulus’ Schilderung seines Vorgehens sei mehr als eine reine Schilderung der Missionstaktik. Die Art und Weise des Vorgehens sei ein Bestandteil des christlichen Daseins und damit heilsnotwendig. Daher fordere er die korinthischen Gemeindeglieder auf, darauf zu achten, wie sie ihre eigene Freiheit leben. Er ermutige sie, wie er selbst Selbstdisziplin zu üben und ihm nachzufolgen, wie er selbst Christus nachfolgt. Auch D. Rode 2002, 333-349 meint, dass es in 1 Kor 9,19-23 nicht nur um eine Missionsstrategie, sondern um eine christliche Lebensweise gehe. Ziel sei die Rettung der Menschen. Mit dem paulinischen Freiheitsverständnis befasst sich auch M. J. Harris 1999, 100-105.

 

D. Zeller 2009, 859-870 geht der Frage nach, was Paulus von seinen Gegnern vorgeworfen wird. Eine Reihe von Auslegern sehe die V. 1-2 als die Verteidigung an und gehe davon aus, dass Paulus sein Apostolat und sein apostolisches Recht auf Unterhalt verteidige. Eine heutzutage beliebte Spielart der Auslegung von 1 Kor 9 gehe dagegen nicht nur davon aus, dass die Autorität des Apostels in Gefahr sei, sondern − mit Blick auf V. 4-18 - dass gerade der Verzicht auf die Unterstützung durch die Gemeinden den Apostel als solchen in Verruf gebracht habe. Dabei würden verschiedentlich aus dem Zweiten Korintherbrief erschließbare Verhältnisse in den Ersten Korintherbrief zurückprojiziert. Problematisch sei bei dieser Deutung jedoch, dass weder erwiesen sei, dass korinthische Gemeindeglieder Paulus Unterhaltsleistungen angeboten haben, noch dass sie angesichts seines Verzichtes verletzt waren oder das apostolische Recht, vom Evangelium zu leben, für eine verbindliche Norm hielten. D. Zeller, der ebenfalls davon ausgeht, dass die Verteidigung V. 4-18 umfasse, merkt daher an, dass weder das Recht auf Unterhalt noch der Verzicht darauf die Anklagepunkte sein könnten. Aber auch nicht das Apostelamt, wenn denn V. 3 die Überschrift, wenn denn V. 3 die Überschrift über das Folgende sei. Der Schlüssel liege vielmehr in V. 1a, der im Adversativsatz V. 19 wieder aufgenommen werde. Die Behauptung der Freiheit umrahme die Verteidigung. "Freiheit“ meine also in V. 1 weder die Freiheit der Kyniker von materiellen Bindungen wie Ehe, Beruf und Wohnsitz und den damit gegebenen Sorgen noch bloß das apostolische Recht auf Versorgung durch die Gemeinde noch die Freiheit zum Verzicht auf dieses Recht. Vielmehr bedeute Freiheit hier die Unabhängigkeit von Menschen überhaupt, Menschen mit ihren Konventionen und Gesetzeszwängen. Paulus verteidige also seine Unabhängigkeit von Menschen -, obwohl er sich in die Beschränktheiten und Besonderheiten von Menschengruppen bis zur Identifikation hineinbegebe.

 

1 Kor 9,19-23 als Schlüsseltext für das paulinische Missionsverständnis thematisiert P. Iovino 1990, 155-183.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Wenn Paulus sagt, er sei den Juden wie ein Jude geworden, so beinhaltet diese Aussage sowohl Abgrenzung als auch Zuwendung den Juden gegenüber. Abgrenzung insofern, als er damit aussagt, dass er weder Jude war noch ist. Tatsächlich ist Paulus durchaus ein gebürtiger Jude. Mit seiner Bekehrung hat er jedoch dieses Selbstverständnis abgelegt. In der christlichen Gemeinde gibt es seiner Meinung nach weder Jude noch Grieche (vgl. 1 Kor 12,13; Gal 3,28), sondern nur Christen. Die Zeit vor seiner Taufe hat Paulus nicht im Blick, sondern nur die Zeit danach. Und in dieser wurde er den Juden wie ein Jude, was eine Zuwendung bedeutet. Diese Zuwendung soll die Judenmission vereinfachen. Dass Paulus überhaupt versucht, Juden für den christlichen Glauben zu gewinnen, zeigt, dass er neben der Heidenmission auch Judenmission betreibt. Nimmt Paulus nicht so genau, dass er gemäß Gal 2,9 nur die Heiden missionieren soll? Das ist gut möglich, denn selbst in heidnischen Gebieten ist mancherorts - so auch in Korinth - eine recht große Gruppe Juden wohnhaft. Es würde wenig Sinn machen, diese bei der Mission auszusparen.

 

Was bedeutet "den Juden wie ein Jude werden“? Inwieweit ist damit Treue gegenüber den jüdischen Geboten (z. B. Reinheits- und Speisegeboten) verbunden? Selbst wenn Paulus als Gast von Juden deren Gebote hält, bedeutet dies nicht, dass Paulus generell gesetzestreu ist. Denn er sagt von sich selbst, dass er nicht unter dem Gesetz steht.

 

Fraglich ist, ob "die, die unter dem Gesetz stehen“ eine andere Bezeichnung für "Juden“ ist oder ob besonders gesetzestreue Juden gemeint sind.

 

Weiterführende Literatur: F. Thielman 1992, 243-246.248 geht im Rahmen der Untersuchung, wie Paulus dem jüdischen Gesetz gegenüber eingestellt ist, auf 1 Kor 9,19-23 ein. Der Begriff "Gesetz“ (wie auch das gegenteilige "gesetzlos“) habe hier die Rolle des Gesetzes als Kennzeichen des jüdischen Volkes und diejenigen Aspekte des jüdischen Gesetzes, die es charakteristisch jüdisch machen − insbesondere die Speisegebote −, im Blick. Dabei habe Paulus − entgegen gegenteiliger Ansicht von manchen Auslegern − nicht bezüglich des gesamten jüdischen Gesetzes eine negative Meinung, sondern nur bezüglich derjenigen konkreten Bestimmungen, die die Juden von den Heiden abgrenzen.

Auch S. C. Barton 1996, 271-285 hat Paulus’ Einstellung zum Gesetz zum Thema, wobei er zunächst auf den literarischen, rhetorischen und soziologischen Kontext von 1 Kor 9,19-23 eingeht. Das Gewinnen der verschiedenen Menschen für den einen "Leib Christi“ sei für Paulus eine "kostspieliges“ Geschäft: Er selbst werde den "Schwachen“ ein "Schwacher“ und begebe sich so auf eine niedrigere soziale Stufe.

 

H. W. Hollander 1998, 117-135 thematisiert Paulus’ Gebrauch des Begriffs "Gesetz“ im Ersten Korintherbrief und geht auf S. 124-126 auch auf 9,20-22 ein. In V. 20 sei das "Gesetz des Mose“ gemeint, unter dem die Juden stehen. Die "Gesetzlosen“ seien die Heiden, die nicht unter dem "Gesetz des Mose“ stehen. Da der Begriff "gesetzlos“ auch bedeuten könne, außerhalb jeglichen Gesetzes zu stehen, beeile sich Paulus hinzuzufügen, dass er im "Gesetz Christi“ ist.

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Vom missionsstrategischen Gesichtspunkt aus gesehen geht Paulus bei den "Gesetzlosen“ genauso vor wie bei den Juden: er passt sich an die Lebensweise an, um die Mission zu erleichtern.

 

Die "Gesetzlosen“ leben sicherlich nicht in einer völligen Gesetzlosigkeit. Es handelt sich vermutlich um diejenigen, die nicht der jüdischen Tora unterstehen, also um Nichtjuden.

 

Paulus steht zwar nicht unter dem jüdischen Gesetz, aber das heißt nicht, dass er gesetzlos ist wie die Heiden. Paulus ist nicht ohne Gottes Gesetz, konkret: er steht unter dem Gesetz Christi. Was damit genau gemeint ist, sagt Paulus nicht. Im Zentrum dürfte aber das Kreuz Christi stehen mit all seinen Konsequenzen für das Leben der Christen. Inwieweit sich Paulus noch an die Gebote der jüdischen Tora hält, bleibt offen.

 

Weiterführende Literatur: Gemäß E. Lohse 1996, 378-389 fasse Paulus mit dem Ausdruck "Gesetz Christi“ die für das Leben der Christen geltende Weisung zusammen. Offensichtlich sei dieser Begriff seinen Gemeinden bereits bekannt gewesen, denn dieser erfahre keine Erläuterung. Wahrscheinlich handele es sich um eine paulinische Wortprägung, an die auch die Bemerkung des Apostels anklinge, er sei mitnichten ohne Gesetz, sondern sei einer, der unter dem Gesetz Christi stehe. Indem Paulus sich dieser Wendung bediene, trete er in aller Entschiedenheit irrigen Behauptungen entgegen, als ob Freiheit in Christus mit Beliebigkeit oder Willkür eigenen Verhaltens verwechselt werden dürfte. Im Gegenteil, wer zu Christus gehört, sei ihm als seinem Herrn zum Gehorsam unterstellt.

 

Laut J. L. Martyn 2003, 575-587 werde in den meisten Fällen von den Auslegern angenommen, dass der griechische Begriff "nomos“ ("Gesetz“), verbunden mit einem Nomen im Genitiv, das mosaische Gesetz meine. Einige gingen jedoch davon aus, dass in Gal 6,2; 1 Kor 9,21b; Röm 3,27b und Röm 8,2a der Begriff in einem allgemeinen Sinn einer Norm oder angemessenen oder üblichen Lebensweise (so auch Josephus und Philo von Alexandrien) benutzt werde. Diese Annahme sei jedoch falsch. Der Begriff "nomos“ beziehe sich in jedem Fall auf das mosaische Gesetz (Tora; Gesetz Gottes), wobei Paulus davon ausgehe, dass dieses eine Geschichte habe.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Auch den "Schwachen“ hat sich Paulus angepasst, wobei unklar ist, wer die "Schwachen“ sind. Da Paulus in 1 Kor 8 von den "Schwachen“ und den "Starken“ in der korinthischen Gemeinde gesprochen hat, ist zu vermuten, dass es sich bei den "Schwachen“ um glaubensschwache Christen handelt, die es zu stärken gilt. Da Paulus ein verführter Glaubensschwacher geradezu wie ein Heide gelten kann, der zu retten ist (vgl. 8,11), wäre die Anpassung bei den "Schwachen“ wie bei den Juden und Heiden als Missionsstrategie zu verstehen. Von daher ist es nur konsequent, dass Paulus erneut das Verb "gewinnen“ benutzt. Auch würde verständlich, warum die "Starken“ nicht erwähnt werden: die Glaubensstarken brauchen nicht "gewonnen“ zu werden.

 

Ist die Anpassung auch immer nur situationsspezifisch erfolgt, so ist er doch bis in die Gegenwart hinein dauernd allen alles geworden. Dieser Auslegung entspricht der Wechsel der Verbform vom Aorist ("egenomên“; "ich wurde“) hin zum Perfekt ("gegona“; "ich bin geworden“).

Diese Vielseitigkeit hat einen Grund: Paulus möchte wenigstens einige retten.

Das Verb "retten“ weist darauf hin, dass diejenigen, die sich nicht zum christlichen Glauben bekehren, am Ende der Tage zugrunde gehen. Da Paulus das Evangelium verkündigt, ist er für diejenigen, die sich bekehren, der "Retter“.

 

Die Übersetzung von "pantôs“ ist umstritten. Es kommen "auf alle Weise“, "unter allen Umständen“ und "wenigstens / jedenfalls“ in Frage. "Auf alle Weise“ gibt am besten die Vielfältigkeit der Missionsbemühungen wieder; "unter allen Umständen“ betont die Dringlichkeit und "wenigstens / jedenfalls“ ein Minimum. Letztere Übersetzung könnte gut passen, weil die folgende Mengenangabe "einige“ doch recht bescheiden ist, zumal Paulus gemäß V. 19 "die Mehrheit / möglichst viele“ gewinnen will.

Schon in der Antike hat die Angabe "auf alle Weise / unter allen Umständen / wenigstens einige“ Verwunderung ausgelöst, so dass einige Textzeugen zu "alle“ korrigierten, denn - so die Annahme - eigentlich sollen ja alle Menschen gerettet werden. Dass Paulus vorsichtiger fomuliert, hat vielleicht mit negativen Missionserfahrungen zu tun.

 

Weiterführende Literatur: H. P. Nasuti 1988, 246-264 legt dar, dass es bei der Auslegung von 1 Kor 9 zu Fortschritten gekommen sei, seitdem wieder vermehrt erkannt werde, dass das Kapitel ein integraler Bestandteil der Götzenopferfleisch-Diskussion (1 Kor 8.10) ist und diese nicht unterbricht. H. P. Nasuti geht nun der inneren Dynamik von 1 Kor 9 nach und versucht bisher vernachlässigte Aspekte bezüglich der Auslegung herauszuarbeiten. Insbesondere macht er deutlich, dass Paulus durchaus verschiedene Argumentationsweisen bei der Verteidigung seiner apostolischen Rechte benutze. Sie gäben Aufschluss über Paulus’ Verständnis seiner eigenen sozialen Rolle in Korinth und sein generelles Verhältnis zum Evangelium. Paulus beanspruche für sich sowohl das Leid der Propheten als auch die Rechte eines Apostels. Weil er von seinen Rechten keinen Gebrauch mache, könne er sich seiner Leiden rühmen. Indem er sich seiner Leiden rühmt, biete er sich selbst als Beispiel für die Korinther und als Veranschaulichung des Evangeliums dar.

 

D. A. Black 1983, 240-242 wendet sich gegen die Meinung, dass Paulus dadurch "schwach“ geworden sei, dass er sich von geweihten Nahrungsmitteln enthalten und beobachtet hat, welche weiteren Skrupel die "(Glaubens-)Schwachen“ hatten. Wahrscheinlicher sei, dass es sich bei den "Schwachen“ um Nichtchristen − seien es Juden oder Heiden − handelt, die machtlos sind, sich die eigene Gerechtigkeit (vor Gott) zu erarbeiten. Diese versuche Paulus mittels Bekehrung für Christus zu gewinnen.

 

P. Richardson 1980, 347-362 sieht zwischen 1 Kor 9,19-23 und Gal 2,11-14 einen Widerspruch. Es stelle sich die Frage: Wenn Paulus für sich selbst Anpassung als ein legitimes Verhaltensprinzip ansieht und wenn Petrus in Antiochia schon ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit gezeigt hat, warum kritisiert er dann so vehement, dass sich Petrus auch anpasst, als einige von Jakobus kommen? P. Richardson erklärt den Widerspruch damit, dass Petrus nach Paulus’ Meinung seine Missionsgrenzen (vgl. Gal 2,7-9) überschritten habe, was eine Spaltung zwischen ihm und Paulus bewirkt habe. Diese sei jedoch in der Folgezeit möglicherweise wieder überbrückt worden. D. A. Carson 1984, 296 vertritt dagegen eine andere Ansicht: Nicht ein Streit über Zuständigkeitsbereiche oder eine individualistische Auslegung des Anpassungsprinzips habe zur Haltung des Paulus in Antiochia geführt, sondern das Festhalten an der Stellung der Tora in der Heilsgeschichte, wie er sie versteht.

Kurz auf den Widerspruch zwischen 1 Kor 9,19-23 und Gal 2,11-14 geht auch D. Rode 2002, 346-347 ein.

 

M. Theobald 1996, 1-6 befasst sich einleitend mit 9,22 im Hinblick auf das Problem der Inkulturation des Glaubens (insbesondere in Afrika und Asien) und der damit verbundenen Konsequenzen für die europäischen Kirchen.

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Paulus nennt das wesentliche Ziel seines Handelns: Er will Mitteilhaber am Evangelium werden. Das Substantiv "Mitteilhaber“ zeigt, dass er ein Teilhaber neben anderen wäre. Doch was ist das "Evangelium“? Ist es die Verkündigung an sich? Dann wären die "Teilhaber“ die Missionare. Da Paulus aber schon seit einiger Zeit verkündigt, wäre das Ziel schon erreicht. Warum also all die Mühen? Wahrscheinlicher ist, dass das "Evangelium“ den Kern der Botschaft meint, und zwar das verheißene Heil. Paulus hofft, nicht nur möglichst viele Menschen dem Heil zuzuführen, sondern aufgrund seiner Mühen Mitteilhaber des Heils zu werden. Das folgende Bild vom sportlichen Wettkampf spricht für diese Auslegung. Doch warum spricht Paulus nicht direkt vom "Heil“ oder von der "Rettung“? Eine Erklärung könnte sein, dass Paulus das Evangelium selbst als heilvolle Macht versteht, von der er mitgerissen und an deren Ausbreitung er teilhaben will. Damit wäre auch Teilhabe an der Verheißung verbunden.

 

Weiterführende Literatur: J. M. Gundry Volf 1990, 247-254 setzt sich kritisch mit der häufig vertretenen Ansicht auseinander, dass Paulus in V. 23 die Hoffnung auf seine Rettung am Ende der Tage ausdrücke. Es sei eher anzunehmen, dass es um den missionarischen Dienst geht, bei der das Evangelium eine treibende göttliche Kraft ist. Nur durch "Zusammenarbeit“ mit dem Evangelium könne Paulus der Berufung nachkommen und möglichst viele Menschen zu Christen machen.

 

K. Backhaus 1999, 44-71 befasst sich mit der christologischen Grundlegung einer "Paulus-Schule“ bei Paulus. Dabei geht er auf den Apostel als Ursprung, Vorbild und Mittler ein. Gewiss habe die Paulus-Schule das Evangelium "in eigener Mühe“ (vgl. 1 Kor 3,8) verkündigt, doch habe sie dabei aus jenen Schätzen zu schöpfen gewusst, die ihr "Vater“ für seine "Kinder“ zu sammeln bestrebt war (vgl. 2 Kor 12,14f.). Zwischen der Paulus-Schule und Paulus habe es sachliche Kontinuität gegeben. Die Schulhaupt-Motivik finde sich bei Paulus wie bei anderen maßgeblichen Lehrern antiker Schulen, wobei für Paulus und seine Schule spezifisch sei, dass der Schulvater über sich hinausweise und letztlich zum biographischen Musterfall von Gnade und gerade so zum wirksamen Zeichen der Nähe Christi werde.

 

 

Literaturübersicht

 

Backhaus, Knut; “Mitteilhaber des Evangeliums” (1 Kor 9,23). Zur christologischen Grundlegung einer "Paulus-Schule“ bei Paulus, in: K. Scholtissek [Hrsg.], Christologie in der Paulus-Schule (SBS 181), Stuttgart 1999, 44-71

Barton, Stephen C..; All Things to All People - Paul and the Law in the Light of 1 Cor 9:19- 23, in: J. D. G. Dunn [ed.], Paul and the Mosaic Law: The Third Durham-Tübingen Research Symposium (WUNT 89), Tübingen 1996, 271-285

Black, David Alan; A Note on "the Weak“ in 1 Cor 9:22, Bib. 64 (1983), 240-242

Carson, Donald A.; Pauline Inconsistency: Further Reflections, NTS 30/2 (1984), 296

Gundry Volf, Judith M.; Paul and Perseverance: Staying in and Falling Away (WUNT 2:37), Tübingen 1990

Harris, Murray J.; Slave of Christ. A New Testament metaphor for total devotion to Christ (NSBT 8), Leicester 1999

Hollander, Harm W.; The Meaning of the Term “Law” (Nomos) in 1 Corinthians, NT 40/2 (1998), 117-135

Iovino, Paolo; esperienza e teoria della missione, RicStBib 2/1 (1990), 155-183

Lohse, Eduard; Das Gesetz Christi. Zur theologischen Begründung christlicher Ethik im Galaterbrief, in: R. Kampling, T. Söding [Hrsg.], Ekklesiologie des Neuen Testaments, FS K. Kertelge, Freiburg 1996, 378-389

Martyn, J. Louis; Nomos plus Genitive Noun in Paul. The History of God’s Law, in: J. T. Fitzgerald et al. [eds.], Early Christianity and Classical Culture (NT.S 110), Leiden 2003, 575-587

Nasuti, Harry P., The Woes of the Prophets and the Rights of the Apostle: The Internal Dynamics of 1 Corinthians 9, CBQ 50 (1988), 246-264

Neller, Kenneth V.; 1 Corinthians 9:19-23. A Model for Those Who Seek to Win Souls, RQ 29/3 (1987), 129-142

Richardson, Peter; Pauline Inconsistency: I Corinthians 9,19-23 and Galatians 2,11-14, NTS 26 (1980), 347-362

Rode, Daniel; El Modelo de Adaptación de Pablo Según 1 Corintios 9:19-23, in: G. A. Klingbeil et al. [ed.], Pensar la Iglesia Hoy: Hacia una Eclesiología Adventista, Estudios teológicos presentados durante el IV Simposio Bíblico-Teológico Sudamericano en honor a Raoul Dederen, Libertador San Martín, Entre Ríos 2002, 333-349

Sibinga, Joost Smit; The Composition of 1 Cor. 9 and Its Context, NT 40/2 (1998), 136-163

Smit, Joop F. M.; The Rhetorical Disposition of First Corinthians 8:7-9:27, CBQ 59/3 (1997), 476-491

Theobald, Michael; "Allen bin ich alles geworden...“ (1 Kor 9:22b) Paulus und das Problem der Inkulturation des Glaubens, ThQ 176 (1996), 1-6

Thielman, Frank; The Coherence of Paul’s View of the Law: The Evidence of First Corinthians; NTS 38/2 (1992), 235-253

Willis, Wendell; An Apologetic Apologia? The Form and Function of 1 Cor 9, JSNT 24 (1985), 33-48

Zeller, Dieter; Wogegen verteidigt sich Paulus in 1 Kor 9?, in: C. J. Belezos et al. [eds.], Saint Paul and Corinth, vol. II, Athen 2009, 859-870

 

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