Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 12,27-31

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 12,27-31

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 12,27-31a:27 Ihr aber seid [der] Leib Christi und, einzeln genommen, Glieder. 28 Und zwar hat Gott in der Gemeinde eingesetzt die einen erstens als Apostel, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; dann [kommen] Wunderkräfte, dann Heilungsgaben, Hilfeleistungen, Leitungsaufgaben, [mancherlei] Arten von Zungenreden. 29 [Sind] etwa alle Apostel? Etwa alle Propheten? Etwa alle Lehrer? [Besitzen] etwa alle Wunderkräfte? 30 Haben etwa alle Heilungsgaben? Reden etwa alle in Zungen? Können etwa alle auslegen? 31 Strebt nach den höheren Gaben! Und ich zeige euch einen noch besseren Weg.

 

 

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V. 27

 

Beobachtungen: Nachdem Paulus in 12,12-26 ausführlich das Bild vom Leib und seinen Gliedern dargelegt hat, bezieht er das Bild nun ausdrücklich auf die korinthische Gemeinde, die er als "Leib Christi“ bezeichnet. Die einzelnen Gemeindeglieder sind dessen Glieder.

 

Paulus spricht seine Adressaten direkt an und sagt "ihr“ statt "wir“, obwohl er selbst natürlich auch zum Leib Christi gehört und ein Glied darstellt. Paulus bezieht sich möglicherweise nicht ausdrücklich mit ein, weil es ihm darauf ankommt, dass sich die korinthische Gemeinde ihrer selbst bewusst wird und ihr Verhalten ändert.

 

Weiterführende Literatur: Mit der Diskussion um das ekklesiologische Bild der Kirche als Leib Christi befasst sich L. O. R. Yorke 1991, der auf S. 45-49 auf 1 Kor 12,27 eingeht.

 

J. F. M. Smit 1989, 325-343 bietet eine rhetorische Analyse von 1 Kor 12. Bezüglich des Aufbaus kommt er zu dem Ergebnis, dass drei Abschnitte vorliegen: a) V. 1-3: "exordium“, in dem Paulus die Adressaten vorsichtig an das brisante Thema "Zungenrede“ heranführt; b) V. 4-6: dreiteilige "partitio“, die auf die Zuteilungen eingeht; c) V. 7-30: dreiteilige "confirmatio“, die sich mit der Bedeutung der Zungenrede und des Aposteldienstes und schließlich mit der Rangordnung in der Kirche befasst. Demnach seien die Gnadengaben zwar nützlich, die Dienste jedoch notwendig. Deshalb seien die Gnadengaben den Diensten untergeordnet. Die Zungenrede werde als geringste der Gnadengaben, der Aposteldienst (ironisch) als höchster der Dienste angesehen. Folglich komme den Aposteln der erste und den Zungenrednern der letzte Platz in der kirchlichen Hierarchie zu. 1 Kor 12 propagiere nicht − wie oftmals angenommen − die Gleichheit der Gemeindeglieder, sondern den Führungsanspruch des Apostels Paulus.

Auch B. Frid 1995, 95-113 befasst sich mit der Argumentation und Struktur von 1 Kor 12. Seine Gliederung ist wie folgt: V. 1-3: "exordium“, worin Paulus deutlich mache, dass Gottes Geist und dessen Äußerungen unter den geistlichen Menschen durchaus im Einklang ständen. Alles, was geistlich getan und gesagt wird, gehe auf den heiligen Geist zurück. Über diesen hätten die Korinther keine Verfügungsgewalt. V. 4-11: "narratio“, in der Paulus seine These entfalte und (in der "propositio“ V. 11) verdichte. V. 12-26: "argumentatio“, in der Paulus das Wirken des Geistes auch in der aktuellen Situation als gegeben sehe und als Analogie das bei antiken Denkern und Schriftstellern beliebte Bild vom Leib heranziehe. V. 27-30: "peroratio“, in der Paulus den Korinthern zu zeigen versuche, dass das Gesagte auch für sie selbst von Belang ist. V.31 "transitus“, der Übergang zum Folgenden.

 

R. Y. K. Fung 1981, 89-107 geht nacheinander auf folgende bildhafte Vorstellungen von der Kirche ein: die Kirche als a) wahres/neues Israel, Volk Gottes, b) Leib Christi, c) Braut Christi, d) geistlicher Bau/Tempel. Danach befasst er sich mit dem Verhältnis dieser vier Bilder zueinander.

J. Hainz 1992, 145-164 befasst sich mit dem Verhältnis der Bezeichnungen "Volk Gottes“ und "Leib Christi“ zueinander. Die paulinische Ekklesiologie habe eine Tendenz vom "Volk Gottes“ zum "Leib Christi“. Dabei deute Paulus − im Unterschied zu den Deuteropaulinen − nur die konkrete Gemeinde als "Leib Christi“, nicht die Gesamtkirche. Auch hebe er nicht − wie diese − auf Christus als "Haupt“ des "Leibes Christi“ ab, sondern auf die im Herrenmahl entstehende Einheit und Gemeinschaft aller Glieder mit dem auch als ho christos ("[der] Christus“) bezeichneten Gekreuzigten und Erhöhten. Jede Gemeinde sei ekklêsia tou theou ("Gemeinde/Kirche [des] Gottes). Sie werde also bei Paulus nicht als Teil oder Repräsentantin einer "Gesamtkirche“ betrachtet. Paulus kenne keine "Gesamtkirche“. Nicht die Einbettung der Gemeinden in das eine "Volk Gottes“ sei sein großes Anliegen, sondern deren Lebendigkeit als Konkretion und Verleiblichung Christi.

G. S. Worgul Jr. 1982, 24-28 geht auf die Bezeichnungen "Volk Gottes“ und "Leib Christi“ ein. Beide Bezeichnungen würden kirchlicherseits oft in einem Atemzug verwendet und für austauschbar gehalten. Beiden Bezeichnungen lägen jedoch verschiedene Vorstellungen von Kirche zugrunde. "Volk Gottes“ beinhalte den Aspekt der Dynamik: Das "Volk Gottes“ sei in der Geschichte auf Pilgerschaft und bedürfe ständig der Reform, um Gottes Handeln und Ruf zu erkennen und auf diesen Ruf zu antworten. Die Gleichheit der Kirchenglieder stehe im Vordergrund, nicht die Unterschiede. Kirche als "Volk Gottes“ müsse sich ihrer Wurzeln und ihrer Verantwortung gegenüber der ganzen Welt bewusst sein und in den Dialog mit anderen Religionen eintreten. Die Bezeichnung "Volk Gottes“ lasse nicht deutlich erkennen, dass Christus die Besonderheit der christlichen Gemeinschaft ist. Die Bezeichnung "Leib Christi“ gehe dagegen von einem eher statischen Kirchenbild aus. Mit der Gegenwart Christi in diesem Leib sei auch das Heil gegenwärtig, so dass Reformen nicht notwendig erschienen. Es sei bei aller Einheit von verschiedenen Gliedern und Gaben die Rede und der hierarchische Aspekt trete stärker in den Vordergrund, so dass im Kolosserbrief Christus sogar als kosmisches Haupt und Haupt der Kirche erscheinen könne. Aus der Bezeichnung "Leib Christi“ gehe deutlich hervor, dass die christliche Gemeinschaft auf Christus ausgerichtet ist.

Mit dem Begriff "Leib Christi“ befasst sich auch H.-J. Klauck 2002, 15-21, der darüber hinausgehend Mahlformen in der griechischen und jüdischen Umwelt skizziert und den Versuch der Rekonstruktion der Herrenmahlsfeier in Korinth wagt. "Leib Christi“ stehe gleichermaßen für die Gabe des Mahls, das gebrochene Brot, das den Leib des "Herrn“ darstellt, und für die Gemeinde, die sich um diese Gabe formiert.

Laut A. Lindemann 1995, 140-165 sei der Auslegung zwar seit langem bewusst, dass es sich dabei grundsätzlich um die Rezeption eines auch in der Umwelt des Urchristentums oft verwendeten Denkmodells handelt; aber es werde immer wieder betont, dass für Paulus die christologische Akzentuierung entscheidend sei: Die Kirche sei nicht einfach "Leib“ oder gar nur "wie ein Leib“, sondern sie sei zuerst und vor allem "Leib Christi“. A. Lindemann prüft diese These kritisch und kommt zu folgendem Ergebnis: Es sei zumindest problematisch, der Rede von der Kirche als dem "Leib Christi“ bei Paulus zu großes Gewicht beizumessen. Insbesondere treffe es nicht zu, dass das Genitivattribut "Christi“ eine entscheidende Bedeutung besitzt. Paulus komme es vielmehr darauf an, die wechselseitige Bezogenheit von Einheit des Leibes und Vielfalt der Glieder ins Zentrum zu rücken. In der paulinischen Rezeption und Explikation des Bildes befänden sich die Glieder des Leibes in einer vollständigen wechselseitigen Abhängigkeit und Gleichheit − darauf komme es sowohl in 1 Kor 12 wie auch in Röm 12 entscheidend an. Paulus wolle die Kirche also offensichtlich als eine "demokratisch“ verfasste sehen.

Auf das Konzept der Kirche als "Leib Christi“ als Schlüsselelement der paulinischen Theologie geht auch J. L. Breed 1985, 9-32 ein, wobei die biblischen Schlüsseltexte (S. 10-13.21: 1 Kor 12,4-31) und die Schlüsselbegriffe im Mittelpunkt stehen. Umfassend die paulinische Ekklesiologie behandelt W. Klaiber 1982, der auf S. 41-48 auf die Bezeichnung "Leib Christi“ eingeht.

 

Zum Ursprung und Gebrauch der Leibmetapher in der Antike und zum literarischen Kontext, in dem Paulus die Metapher verwendet, siehe H. Goede, F. J. van Rensburg 2006, 1423-1437.

Im Hinblick auf die Frage, woher Paulus die Körperanalogie hat, gebe es laut A. E. Hill 1980, 437-439 drei oft genannte Antworten: a) aus philosophischen Schriften; b) vom at. Konzept der "corporate solidarity“ her; c) vom gnostischen Konzept des noch unverdorbenen "Urmenschen“ her. A. E. Hill weist auf eine weitere Möglichkeit hin: So seien im Asklepios-Tempel von Korinth Nachbildungen von Körperteilen als Votivgaben dargebracht worden. Solche Nachbildungen hätten sich zahlreich in den Überresten des Tempels gefunden. Die Körperanalogie habe also wahrscheinlich ihren Ursprung vor Ort gehabt und sei insofern vor allem für die korinthischen Gemeindeglieder zur Veranschaulichung des theologischen Sachverhaltes geeignet gewesen.

Mit dem Zusammenhang, aus dem das Bild vom "Leib Christi“ stammt, befasst sich auch ausführlich P. Dacquino 1981, 315-330.

 

Weitere Literatur zum "Leib Christi“ und zur paulinischen Ekklesiologie siehe 1 Kor 12,12.

 

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V. 28

 

Beobachtungen: Die unterschiedlichen von Gott gegebenen Fähigkeiten der einzelnen Gemeindeglieder entsprechen den verschiedenen Funktionen der Körperteile. Paulus zählt nun verschiedene Fähigkeiten und daraus resultierende "Ämter“ auf, wobei keine Vollständigkeit anzunehmen ist. Zuerst nennt Paulus drei Personengruppen, die Gott eingesetzt hat. Das Verb "einsetzen“ lässt auf offizielle Ämter schließen, doch ist in einem solch frühen Stadium der Gemeinde kaum eine ausgeprägte Ämterstruktur anzunehmen. Paulus spricht nicht von Ämtern im eigentlichen Sinn, sondern von gottverliehenen Fähigkeiten und Funktionen. Die Aufzählung der ersten drei Personengruppen strukturiert Paulus mittels "erstens, zweitens, drittens“. Es ist möglich, dass damit eine Wertung verbunden ist, doch ist diese Annahme nicht zwingend. Aus 12,27-31a und dem Kontext lässt sich keine Wertung erschließen. Auffällig ist, dass alle drei Personengruppen im Wesentlichen Tätigkeiten versehen, die von (verständlicher) Sprache geprägt sind.

 

Bei den Aposteln handelt es sich dem Wort nach um Abgesandte (einer Gemeinde). Diese Abgesandten dürften missionarische Funktionen ausgeübt und damit zusammenhängend wie Paulus Gemeinden gegründet haben. Diese grundlegende Funktion mag der Grund dafür sein, dass Paulus die Apostel an erster Stelle nennt. Welche Voraussetzungen Apostel erfüllen müssen, sagt Paulus nicht. Dass sie wie die zwölf Apostel des engsten Anhängerkreises Jesu dessen Augenzeugen sein müssen, ist kaum anzunehmen. Auch ist fraglich, ob sie wie Paulus in irgendeiner Form (Audition, Vision, Audiovision) von Jesus Christus persönlich beauftragt sein müssen.

 

Bei den Propheten handelt es sich sicherlich nicht nur um Personen, die im Sinne von Wahrsagern die Zukunft voraussagen können, sondern im weiteren und alttestamentlichen Sinne um Personen, die als "Sprachrohr Gottes“ dienen.

 

Die Lehrer meinen sicherlich nicht Wissensvermittler im Sinne von weltlichen Lehrern, sondern Personen, die die Grundlagen des christlichen Glaubens vermitteln. Dazu gehören die Aussagen der hebräischen Bibel (= Altes Testament) genauso wie die Worte und Taten Jesu. Darüber hinaus wird auch an die Vermittlung grundlegender Glaubenslehren wie die Tauflehre zu denken sein. Ob die Lehrer auch prophezeien, lässt sich nicht erschließen.

 

Nun schließt Paulus weitere Fähigkeiten und Funktionen an, wobei der unvollständige Satzbau - insbesondere fehlt ein Verb - auffällt. Ist dieser darauf zurückzuführen, dass Paulus traditionelle Aufzählungen zitiert, ohne auf korrekte Grammatik zu achten?

Es fällt auf, dass die aufgezählten Fähigkeiten und Funktionen teils zu den in 12,8-10 aufgezählten Gnadengaben gehören, so die Prophetie, Heilungsgaben und verschiedene Arten von Zungenreden und ihre Auslegung. Diese Gnadengaben führte Paulus aber in V. 4.11 auf die Zuteilung und auf das Wirken des heiligen Geistes zurück. In V. 28 erscheint aber Gott als Urheber (vgl. 1 Kor 7,1; 12,6). Bedeutet das, dass Paulus strikt zwischen Einsetzung, Zuweisung und Wirkung von geistlichen "Ämtern“ bzw. geistlichen Gnadengaben unterscheidet? Das ist möglich, jedoch angesichts der geringen erkennbaren Trennschärfe unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass Paulus das Wirken Gottes und des heiligen Geistes in einem engen Zusammenhang sieht und dementsprechend keinen strengen Unterschied zwischen dem Wirken der beiden "Personen“ macht. Das Wirken von Gott und dem heiligen Geist scheint Hand in Hand zu gehen, wobei letztendlich Gott hinter allem Wirken zu stehen scheint.

 

Als erste der weiteren Fähigkeiten und Funktionen nennt Paulus die "Fähigkeiten“ (dynameis). Dabei bleibt offen, um welche Fähigkeiten es sich handelt. In 12,10 ist u. a. vom "Machttaten“ (energêmata dynameôn) die Rede, wobei es sich wahrscheinlich um Wundertaten handelt. Entsprechend dürften auch die "Fähigkeiten“ Wunderkräfte meinen. Heilungsgaben mögen dazu gehören, werden jedoch sicherlich eher eine untergeordnete Rolle spielen. Heilungsgaben sind nämlich gemäß 12,9-10 und 12,28 eine eigene Geistesgabe.

 

Bei den Heilungsgaben ist am ehesten an Krankenheilungen zu denken.

 

Hilfeleistungen erfolgen, wenn jemand bedürftig ist. Dabei kann es sich um körperliche, seelische oder finanzielle Bedürftigkeit handeln. Hilfeleistungen können also genauso Kranken- und Altenpflege umfassen, wie auch Seelsorge oder Unterstützung in finanziellen Notlagen beispielsweise von Witwen und Waisen.

 

Auch die Leitungsaufgaben sind nicht näher bestimmt. Es handelt sich sicherlich nicht um Ämter im eigentlichen Sinn. Andernfalls müsste Paulus solche Dinge wie Kirchenzucht (5,1-13), Streitigkeiten (6,1-11) und Kollekte (16,2) usw. nicht selbst regeln.

 

Paulus kennt verschiedene Arten Zungenreden, wobei offen bleibt, inwiefern sich die verschiedenen Arten unterscheiden.

 

Weiterführende Literatur: W. A. Grudem 1982, 56-57 vertritt die These, dass sich die Reihenfolge danach richte, wie wertvoll die Gaben sind. Die ersten drei seien vermutlich die "höheren Gaben“ (vgl. V. 31a).

 

K. Kertelge 1986, 184-202 fragt nach dem "Ort des Amtes“ in der "Ekklesiologie des Paulus“, wobei er die damit zusammenhängenden Problemstellungen erörtert. Auf S. 192-197 befasst er sich mit dem Apostel und den Gemeindediensten. Paulus bestätige das Modell der christlichen Gemeinde, in der die Glaubenden ihre vom Geist gewirkten Fähigkeiten ("Gaben“ und "Dienste“) mit einbringen. Dabei würden in die "geistliche“ Grundstruktur der Gemeinde auch Dienste einbezogen, die nicht einfach mit der persönlichen Tüchtigkeit des Einzelnen gegeben sind, sondern die für die Führung und Förderung des geistlichen Lebens der Gemeinde unverzichtbar sind. Hierzu zähle Paulus die kerygmatisch-katechetischen und die kybernetischen Dienste, die in der zweiten Charismenliste von 1 Kor 12 − in V. 28 − betont und in kritischer Absicht herausgestellt würden.

E. Nardoni 1993, 68-80 vertritt die Ansicht, dass die Bedeutung von "Charisma“ bei Paulus nicht zu einem Amt im Gegensatz stehe, sondern dass Amtsinhaber durchaus Gnadengaben innehaben könnten. Bezüglich des Begriffs "Charisma“ macht er dabei zunächst deutlich, dass es sich bei Paulus noch nicht − wie von manchen Auslegern angenommen − um einen terminus technicus handele, der ausschließlich eine direkt vom heiligen Geist verliehene Fähigkeit zugunsten der Gemeinde bezeichne. Vielmehr sei der Begriff semantisch auf verschiedenste konkrete Verkörperungen von Gottes gütigem Willen (charis) anwendbar. Dazu gehörten die Gabe der Enthaltsamkeit (vgl. 1 Kor 7,6), Heilungsgaben (vgl. 1 Kor 12,9.28.30), Befreiung aus dem Gefängnis (2 Kor 1,11), Rechtfertigung aus Glauben (Röm 5,15-16), ewiges Leben (vgl. Röm 6,23) und die religiösen Privilegien Israels (vgl. Röm 11,29).

 

Mit der Prophetie bei Paulus befasst sich G. Dautzenberg 1999, 55-70, der auf S. 55.57-58 auch zu 1 Kor 12,28 Stellung nimmt. Die hohe Schätzung der Prophetie drücke sich darin aus, dass z. B. in 1 Kor 12,28 die Propheten an zweiter Stelle nach den Aposteln genannt werden. Die Propheten hätten nach der wahrscheinlich auf die Gemeindeordnung Antiochias zurückgehenden Trias "Apostel, Propheten, Lehrer“ zu den das Gemeindeleben primär bestimmenden Funktionen gehört.

 

Mit dem Begriff "kybernêseis“ ("Leitungsaufgaben“) befasst sich P. Roberts 1997, 301-305. Kybernêseis sei das Wort für Wissen, für Weisheit und vielleicht auch für die Gabe der ausgelegten Zungenrede. Es bezeichne alle Arten der Gabe der Prophetie, wie sie sich in der moralischen und spirituellen Lehre bis hin zur Leitung der Kirchenmission zeige. Ein besonderer Bezug zu "Ämtern“ der Gemeindeleitung oder zur Diakonie bestehe nicht, auch wenn deren Inhaber durchaus in irgendeiner Form Prophetie ausüben könnten.

 

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V. 29

 

Beobachtungen: Paulus wendet sich mittels rhetorischer Fragen, die alle die Antwort "Nein!“ erwarten lassen, an die Beobachtungsgabe der Korinther. Sie können selbst beobachten und erkennen, dass die Gemeindeglieder nicht alle die gleichen Funktionen und Fähigkeiten ausüben. Damit ist bewiesen, dass Gott die Funktionen und Fähigkeiten von Person zu Person verschieden verteilt hat.

 

Weiterführende Literatur: S. Schatzmann 1987, 29-47 thematisiert die Gnadengaben gemäß 1 Kor 12-14. Dabei geht er auf die korinthische Situation, die christologische Prüfung der geistlichen Begabung, das grundsätzliche Wesen der Gaben, auf die Charismen-Listen 12,8-10.28.29-30 und auf die Funktion der Gaben ein.

 

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V. 30

 

Beobachtungen: Paulus zählt zwar sowohl in 12,4-11 als auch in 12,27-31a zahlreiche Geistesgaben und Funktionen auf, doch ist ihm Vollständigkeit nicht wichtig. So taucht die Geistesgabe der Auslegung der Zungenrede zwar in 12,10 und auch im Rahmen der rhetorischen Fragen 12,29-30 auf, jedoch nicht innerhalb der Aufzählungen der Funktionen und Fähigkeiten in 12,28. Die rhetorischen Fragen wiederum nehmen nicht alle Funktionen und Geistesgaben/Fähigkeiten auf.

 

Weiterführende Literatur:

 

V. 31a

 

Beobachtungen: Geistesgaben werden nicht nur von Gott bzw. dem heiligen Geist verliehen, sondern die Gläubigen können auch nach ihnen streben. Auf welche Art und Weise dies geschehen kann und soll, bleibt offen.

Paulus hat sich zwar im Vorhergehenden für eine Wertschätzung ausnahmslos aller Geistesgaben stark gemacht. Zwar hat er dabei deutlich gemacht, dass bestimmte Gemeindeglieder mit ihren Geistesgaben besonders geehrt werden sollen, doch ließ sich diese besondere Wertschätzung damit erklären, dass bestimmte Geistesgaben in Korinth unterschätzt werden und damit besonderer Aufmerksamkeit und Ehre bedürfen. Welche Geistesgaben Paulus im Blick hatte, ist offen geblieben. Nun sagt Paulus jedoch ausdrücklich, dass die korinthischen Gemeindeglieder nach den "höheren Geistesgaben“ streben sollen. Paulus sagt zunächst nicht, um welche Geistesgaben es sich dabei handelt. Es ist anzunehmen, dass sich die Forderung auf 14,1ff. bezieht, denn in 13,1-13 thematisiert Paulus weniger die Geistesgaben an sich, sondern vielmehr, wie die Geistesgaben ausgeübt werden sollen: mit Liebe.

 

Die zweite Vershälfte von 12,31 ("Und ich zeige euch einen noch besseren Weg.“) kann sich zwar wie die erste Vershälfte auf 14,1ff. beziehen, doch ist wahrscheinlicher, dass sie eine Überleitung zur Thematisierung der Liebe in 1 Kor 13 darstellt. Der "bessere Weg“ ist demnach nicht die Ausübung der Gnadengaben an sich, sondern deren Ausübung mit Liebe.

 

Weiterführende Literatur: Zur Übersetzung des Verbs "zêloute“ ("strebt“) als Bindeglied zwischen den Abhandlungen 1 Kor 12 und 1 Kor 13 siehe J. P. Louw 1988, 329-335.

 

Um die Aufforderung "Eifert aber um die größeren Charismen!“ zu verstehen, legt J. Kremer 1980, 269-281 zuerst die Vieldeutigkeit des Wortes "charisma“ ("Gnadengabe“) dar, analysiert dann den Wortsinn von V. 31a und zeigt als Folgerung schließlich die Bedeutung dieser Aufforderung für die heutige Pastoral auf.

Auch W. C. van Unnik 1993, 142-159 befasst sich mit der Bedeutung von V. 31. Dabei geht er davon aus, dass oftmals zu stark der konfrontative Charakter des Ersten Korintherbriefes betont werde. Tatsächlich gehe es Paulus aber nicht um eine Verringerung charismatischer Aktivität, sondern um den Gemeindeaufbau, zu dem die Aktivität beitragen solle. V. 31 sei in diesem Lichte wie folgt zu interpretieren: Die Formulierung kath’ hyperbolên sei nicht als Adjektiv auf hodon (Weg) zu beziehen; vielmehr handele es sich um ein Adverb zu zêloute (strebt). Die Adressaten sollten also "in höchstem Maße“ nach den höheren Gnadengaben streben, nicht jedoch wolle Paulus einen "besseren Weg“ aufzeigen. Paulus gehe es darum, den Weg aufzuzeigen, auf dem das Streben nach den höheren Geistesgaben erfolgen soll: es solle in Liebe geschehen.

 

L. Thurén 2001, 97-113 geht der Frage nach, wie Paulus in seinen Briefen Pathos schafft, wobei er speziell auf 1 Kor 12,31b eingeht. Er untersucht die Gründe für die Übertreibungen und die mögliche Auswirkung auf Paulus’ theologische Gedanken. Dabei unterstreicht er den poetischen Charakter von 1 Kor 13, der theologische Ungereimtheiten in den Hintergrund treten lasse. 12,31 sei eine warnende Einleitung, die die Adressaten vor theologischen Missverständnissen bewahren will. Sie signalisiere, dass Paulus nicht seine gewöhnlich vertretene Theologie - z. B. hinsichtlich der Bedeutung des Glaubens - kompromittieren will, sondern dass es sich bei den folgenden Ausführungen zur Liebe um eine Übertreibung handelt.

 

 

Literaturübersicht

 

Breed, James L.; The Church as the “Body of Christ”: A Pauline Analogy, TRB 6/2 (1985), 9- 32

Dacquino, Pietro; La Chiesa “Corpo del Cristo”, RivBib 29/3-4 (1981), 315-330

Dautzenberg, Gerhard; Prophetie bei Paulus, JBTh 14, Neukirchen-Vluyn 1999, 55-70

Frid ,Bo; Structure and Argumentation in 1 Cor 12, SEÅ 60 (1995), 95-113

Fung, Ronald Y. K.; Some Pauline Pictures of the Church, EvQ 53 (1981), 89-107

Goede, H.; van Rensburg, Fika J.; Paulus se liggaam-metafoor in 1 Korintiërs in literêr- historiese konteks, HTS 62/4 (2006), 1423-1437

Grudem, Wayne A.; The Gift of Prophecy in 1 Corinthians, Washington D. C. 1982

Hainz, Josef; Vom “Volk Gottes” zum “Leib Christi”: Biblisch-theologische Perspektiven paulinischer Ekklesiologie, JBTh 7 (1992), 145-164

Hill, Andrew E; The Temple of Asclepius: An Alternate Source for Pauls’s Body Theology, JBL 99 (1980), 437-439

Kertelge, Karl; Der Ort des Amtes in der Ekklesiologie des Paulus, in: A. Vanhoye [éd.], L’ apôtre Paul. Personnalité, style et conception du ministère (BETL 73), Leuven 1986, 184-202

Klaiber, Walter; Rechtfertigung und Gemeinde. Eine Untersuchung zum paulinischen Kirchenverständnis (FRLANT 127), Göttingen 1982

Klauck, Hans-Josef; "Leib Christi“ − Das Mahl des Herrn in 1 Kor 10-12, BiKi 57/1 (2002), 15-21

Kremer, Jacob; "Eifert aber um die größeren Charismen!“ (1 Kor 12,31a), TPQ 128 (1980), 321-335

Lindemann, Andreas; Die Kirche als Leib. Beobachtungen zur "demokratischen“ Ekklesiologie bei Paulus, ZThK 92/2 (1995), 140-165

Louw, Johannes P.; The Function of Discourse in a Sociosemiotic Theory of Translation Illustrated by the Translation of zêloute in 1 Corinthians 12:31, BiTr 39/3 (1988), 329- 335

Nardoni, Enrique; The Concept of Charism in Paul;, CBQ 55/1 (1993), 68-80

Roberts, P.; Seers or Overseers?, ET 108/10 (1997), 301-305

Schatzmann, Siegfried; A Pauline Theology of Charismata, Peabody, Massachusetts 1987

Smit, Joop F. M.; De rangorde in de kerk: Retorische analyse van 1 Kor 12, TvT 29 (1989), 325-34

Thurén, Lauri; “By means of hyperbole” (1 Cor 12:31b), in: T. H. Olbricht et al. [eds.], Paul and Pathos (SBLSS 16), Atlanta 2001, 97-113

van Unnik, Willem C.; The Meaning of Corinthians 12:31, NT 35/2 (1993),142-159

Worgul Jr., George S.; People of God, Body of Christ: Pauline Ecclesiological Contrasts,BTB XII/1 (1982), 24-28

Yorke, Gosnell L. O. R.; The Church as the Body of Christ in the Pauline Corpus: a Re- examination, Lanham et al. 1991

 

 

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