Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 15,20-28

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 15,20-28

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 15,20-28:20 Nun aber ist Christus auferweckt worden von [den] Toten als Erstling der Entschlafenen. 21 Denn da durch einen Menschen [der] Tod [gekommen ist], wird auch durch einen Menschen [die] Auferstehung der Toten [kommen]. 22 Denn wie durch (den) Adam alle sterben, so werden auch durch (den) Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner eigenen Ordnung: als Erstling Christus, dann - bei seiner Wiederkunft - die, die zu Christus gehören; 24 danach das Ende, wenn er die Herrschaft Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, [ist] der Tod. 27 Denn alles hat er unter seine Füße getan. Wenn er aber gesagt haben wird: "Alles ist unterworfen!“, so ist offenbar, dass der ausgenommen [ist], der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterordnen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

 

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Nachdem Paulus in 15,12-19 dargelegt hat, dass der Glaube an die Auferweckung der Christen unerlässlich ist, will man nicht die Auferweckung Jesu Christi leugnen, kommt er nun genauer auf Jesus Christus als "Erstling der Entschlafenen“ zu sprechen.

 

Den Hintergrund der Bezeichnung "Erstling (aparchê) der Entschlafenen“ bildet die atl. Vorschrift, die ersten Früchte der Ernte und die ersten Abkömmlinge des Viehs Gott als Erstlingsgabe darzubringen (vgl. Lev 23,9-14 u. a.). Die Erstlinge galten nämlich als Gottes Eigentum, wobei sie - wie die Menschen - teils auszulösen waren. Die Darbringenden sollten durch diesen Ritus bei ihrem Gott Gefallen finden (vgl. Lev 23,11). Die Erstlingsgabe hat somit Heilsbedeutung. Für Jesus Christus bedeutet dies, dass sein Kreuzestod, bei dem er als "Opfer“ für die Sünden der Menschen gestorben ist, und seine Auferweckung Heilsbedeutung für die Menschen haben. Somit ist Christus nicht einfach nur der Erste, der von den Toten auferweckt wurde, sondern die Voraussetzung dafür, dass auch die anderen Verstorbenen auferweckt werden. Der Tod hat nun keine Macht mehr, so dass die Verstorbenen als "Entschlafene“ bezeichnet werden; aus dem Todesschlaf werden sie wieder auferweckt. Unklar ist, ob mit den "Entschlafenen“ nur die Gläubigen gemeint sind. Einerseits ist Paulus als erster aller Verstorbenen erweckt worden, andererseits ist anzunehmen, dass nur diejenigen auferweckt werden, die an das Heilswerk Christi glauben (vgl. V. 23). Diejenigen, die auferweckt werden, gehören zur endzeitlichen "Ernte“, von der Christus der "Erstling“ ist und dargebracht wurde.

 

Weiterführende Literatur: Mit der rhetorischen Konzeption und Strategie von 1 Kor 15 sowie mit der Wirkung auf die damaligen Adressaten und der potenziellen auf die heutigen Leser befasst sich M. I. Wegener 2004, 438-455.

 

Die narrative Soteriologie in 1 Kor 15,1-28 und Röm 5,6-11 hat R. B. Hays 2004, 48-68 zum Thema.

 

H. Hempelmann 1984, 98-113 versucht die Abklärung einiger exegetischer Fragen, die Einführung in die Diskussion einiger an der Auslegung von 1 Kor 15 entstehenden Probleme, die Zusammenschau der verschiedenen Aussagen in diesem Kapitel und deren Zuordnung zu dem Thema "Zukunftserwartung aus biblischer Sicht“. Auf S. 105-111 macht er Anmerkungen zu V. 12-34.

 

Die Auferstehungshoffnung gemäß 1 Kor 15 reflektiert Schritt für Schritt A. Sisti 1995, 203-218.

Christi Auferstehung und die Auferstehungshoffnung stellt J. O’Brien 1995, 182-186 als das alle Christen in ihrer Verschiedenheit Verbindende heraus.

A. C. Thiselton 1995, 258-289 bietet eine knappe exegetische Diskussion von 1 Kor 15. Darüber hinaus geht er auf die vom frühen Barth geäußerte These ein, dass 1 Kor 15 der angemessenste Ausgangspunkt sei, wenn man sich die Argumentation und Theologie der ersten vierzehn Kapitel des Ersten Korintherbriefes erschließen will. Nicht explizit, jedoch implizit werde diese These auch von Luther und Calvin geäußert.

 

J.-N. Aletti 1985, 63-81 legt zunächst dar, dass die V. 12-34 eine literarische Einheit darstellten; dann widmet er sich der Argumentationsstruktur der V. 12-19 und V. 20-28. An den Aufsatz, der auf einem Kolloquiumsbeitrag basiert, schließen sich die Diskussionsbeiträge an.

A. Eriksson 1999, 101-114 geht dem paulinischen Gedankengang in 15,20-34 nach. Die sorgfältige Erfassung des Gedankengangs sei unverzichtbare Grundlage der Auslegung.

 

Zur theologischen Notwendigkeit der Totenauferstehung siehe G. Sellin 1986, 230-289.

 

J. Holleman 1996, 653-660 vertritt die Ansicht, dass Paulus’ Gedanke der Auferstehung Jesu als Anfang der endzeitlichen Auferstehung kein Beweis dafür sei, dass der Glaube an Jesus’ Auferstehung auf die Tradition von der endzeitlichen Auferstehung zurückgeführt werden muss. Tatsächlich verbinde Paulus’ Gedanke verstärkt zwei verschiedene Auferstehungstraditionen: a) Jesus’ martyrologische Auferstehung, die im Himmel bald nach seinem Tod stattgefunden hat; b) die endzeitliche Auferstehung, von der man annahm, dass sie am Ende der Tage auf Erden stattfinden werde. Der Glaube an die Auferstehung Jesu stamme von der Tradition der himmlischen Rechtfertigung des Märtyrers. Paulus habe Jesu Auferstehung deshalb mit der endzeitlichen Auferstehung der Verstorbenen auf Erden verbunden, weil er Jesus im Hinblick auf das Weltende als Mittler ansehe.

 

G. Sellin 1986, 261-269 legt bei ausgiebigen Literaturhinweisen dar, dass es im Hinblick auf 15,20-28 zwei entgegen gesetzte Auslegungen gebe: a) Paulus bekämpfe eine gnostische, enthusiastische, realisierte Eschatologie mit einem apokalyptischen, eschatologischen Vorbehalt. b) Paulus selber sei es, der gerade im Ersten Korintherbrief unbefangen die präsentische Realität des Heils betont (vgl. 6,11; 3,21-22). Die Auseinandersetzung mit den Korinthern betreffe nicht das Problem von Zukunft und Gegenwart des Heils, sondern die Art und Weise christlicher Existenz als solcher (in Gegenwart und Zukunft).

 

C. K. Barrett 1985, 99-122 befasst sich mit der Adam-Christus-Typologie und geht dabei konkret folgenden Fragen nach: Welche Rolle spielen V. 20-22.45-49 im Rahmen der Argumentation in Kapitel 15? Warum handelt es sich um zwei getrennte Abschnitte? In welcher Beziehung stehen die beiden Abschnitte zu anderen paulinischen Passagen, in denen Adam erwähnt oder auf ihn angespielt wird (v. a. Röm 5,12-21, dann aber auch Röm 1,18-32, Phil 2,5-11)? Was lässt sich aus V. 20-22.45-49 im Hinblick auf die Bedeutung des gesamten 15. Kapitels schließen? Und schließlich: Inwiefern verhelfen die Verse dazu, die von Paulus zurückgewiesene Position mancher Korinther zu verstehen? Zur Adam-Christus-Typologie siehe auch S.-H. Quek 1980, 67-79.

Allgemein mit dem typologischen Gebrauch alttestamentlicher Texte im NT befasst sich W. Roehrs 1984, 204-216, der auf S. 209 auch auf 1 Kor 15,20-22 eingeht.

 

Die kultische Symbolsprache bei Paulus hat H.-J. Klauck 1983, 107-118 zum Thema, der auf S. 111-112 auf die in 1 Kor 15,20.23 erwähnte Erstlingsgabe eingeht. Der Begriff "aparchê“ ("Erstling“) bezeichne zunächst die Übereignung der ersten Erträge der neuen Ernte an die Gottheit, doch vollziehe sich rasch eine Ausweitung auf Mensch und Tier. In 15,20.23 dominiere der zeitliche Aspekt: Christus als Erstling der Entschlafenen sei der erste und bisher einzige, der auch auferstanden ist.

 

Mit der vorpaulinischen Tradition in 15,20-28 befasst sich W. Schmithals 1993, 357-380, der davon ausgeht, dass es sich bei dem Ersten Korintherbrief in Wirklichkeit um eine Briefsammlung handele. 15,1-58 und 16,13-24 stellten zwar nicht den ersten, jedoch einen frühen Brief dieser Sammlung dar, wobei nur Präskript und Prooemium fehlten. Eine Interpretation von 1 Kor 15 dürfe nur auf diesem Kapitel gründen und nur den Wissensstand berücksichtigen, den Paulus bei der Abfassung dieses frühen Briefes hatte.

 

P. Perkins 1986, 512-522 vertritt die Ansicht, dass die Verwendung der Adam-Tradition in Röm 7,7-25 und 1 Kor 15,20-22.43b-49 nahe lege, dass die ungebräuchliche Terminologie in 1 Kor nicht aus einer speziellen Sprache der gnostischen Gegner in Korinth stammt. Auch seien nicht Plato oder spekulative Schriften von Nag Hammadi als Hintergrund der paulinischen anthropologischen Aussagen anzunehmen, sondern die Adam-Seth-Traditionen (Apk Adam).

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Paulus macht nun mittels der Adam-Christus-Typologie deutlich, warum die Menschen sterben und wieso sie wieder auferstehen:

Durch einen Menschen ist der Tod in die Welt gekommen. Fraglich ist dabei zunächst, ob betont wird, dass es ein einziger Mensch war, durch den der Tod gekommen ist, oder ob die Betonung auf dem Wort "Mensch“ liegt. Für erstere Möglichkeit spricht, dass sich in der Parallele Röm 5,12.18 das Zahlwort "eins“ findet. Da in 1 Kor 15,21 diese Zahlwort jedoch fehlt, ist letztere Möglichkeit wahrscheinlicher. Demnach würde Paulus die Menschlichkeit Christi betonen und sich gegen eine Vorstellung wenden, die den Messias vergeistigt und dabei dessen Leiblichkeit unterschlägt.

 

Bei dem Menschen, durch den der Tod gekommen ist, handelt es sich sicherlich um Adam. So kann das griechische Wort "anthrôpos“ sowohl mit "Mensch“ als auch mit "Mann“ übersetzt werden. Dabei spielt Paulus auf die Paradiesgeschichte und auf die Vertreibung aus dem Paradies an. Gemäß Gen 2,17 muss der noch im Paradies lebende Mensch (= Adam) sterben, wenn er von dem Baum der Erkenntnis isst. Als er dies aufgrund der Verführung durch die Schlange dennoch tut, wird aus der Todesandrohung Realität (vgl. Gen 3,19.22), wenn der Mensch, der seit der Entstehung der Frau Eva aus seiner Rippe ein Mann mit dem Eigennamen "Adam“ (= Mensch) ist, auch erst nach geraumer Zeit stirbt.

Es fällt auf, dass Eva nicht in den Blick kommt, obwohl auch sie von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen hat.

 

Ein Mensch hat aufgrund einer Verfehlung den Tod in die Welt gebracht, ein Mensch macht die Folge der Verfehlung wieder rückgängig: Jesus Christus.

 

Weiterführende Literatur: S. E. Porter 1990, 3-30 wendet sich gegen die Ansicht, dass die jüdischen Rabbinen kein Dogma bezüglich der Erbsünde gehabt hätten. Richtig sei, dass sie keine Definition der Erbsünde im christlichen Sinn gehabt hätten. Allerdings hätten sie vermutlich eine ausgefeilte Vorstellung davon gehabt, woher die Sünde kommt. Die umfangreichste Diskussion zu schlechten und guten Wesensarten und Antrieben finde sich in talmudischen Schriften und in Midraschim. Den rabbinischen Hintergrund berücksichtigt S. E. Porter bei seiner Darlegung der paulinischen Erbsünden-Vorstellung. Dabei geht er auf S. 13-18 auf 1 Kor 15,20-22 ein.

 

Einen Neuansatz der Deutung von 1 Kor 15 legt S. Schneider 2005 vor: Nach einem kritischen Forschungsüberblick geht er von der Arbeitshypothese aus, dass den Christen in Korinth nicht die zukünftige Auferstehung am Jüngsten Tag zweifelhaft gewesen sei. Zweifel hätten sie vielmehr daran gehabt, dass dieses Auferstehungsleben bereits jetzt wirksam ist. Die Absicht des Paulus in 1 Kor 15 wäre dementsprechend, ihnen die gegenwärtige Auferstehung nahe zu bringen. Grundlage der Ausführungen in 1 Kor 15 sei ein gegenwärtig-entwicklungshaftes Auferstehungsverständnis. V. 58 sei eine auf ganz 1 Kor 15 bezogene Zusammenfassung.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Nun nennt Paulus ausdrücklich den Namen des Menschen, durch den der Tod gekommen ist: Adam.

 

Dass Jesus als "Christus“ bezeichnet wird, Paulus also den "Titel“ nennt, mag damit zusammenhängen, dass das Heil im Mittelpunkt steht, das mit Jesus verbunden ist. Jesus ist zwar ein Mensch, jedoch kein gewöhnlicher, sondern ein Heilsbringer. Nach jüdischer Vorstellung sind Heilserwartung und Salbung eng miteinander verbunden. Jesus ist also der "Gesalbte“, der "Christus“.

 

Es fällt der Gegensatz zwischen "Tod“ und "Auferstehung“, zwischen "sterben“ und "lebendig gemacht werden“ auf. In V. 22 benutzt Paulus das Verb "entschlafen“ für "sterben“; vermutlich deshalb, weil mit dem Sterben bzw. Tod das Verderben zusammenhängt, wogegen das Verb "entschlafen“ wertneutraler ist, weil es implizit auf die Möglichkeit der Auferweckung hinweist.

Der Gebrauch des Futurs "lebendig gemacht werden“ weist auf ein Geschehen in der Zukunft hin.

 

Gemäß V. 22 werden alle Menschen lebendig gemacht, also nicht nur die Christen. Das durch den Kreuzestod Christi und die Auferweckung bewirkte Heil betrifft also alle Menschen. Diese Ausschließlichkeit entspricht der Aussage in 15,18-19, dass alle Menschen verloren wären, wäre Christus nicht auferstanden.

 

Weiterführende Literatur: Knapp zu Glaube und Hoffnung angesichts des Todes gemäß 1 Kor 15 siehe T. Söding 1992, 116-121.

 

C. Janssen 2005 fragt danach, welche Bedeutung der Glaube an die leibliche Auferstehung für das konkrete Leben der Menschen hat, an die sich Paulus richtet. In welche Lebensrealität spricht er? Welche (körperlichen) Erfahrungen verarbeitet er, welche Praxis will er stärken? Der Fokus richtet sich dabei insbesondere auf die Verbindung eschatologischer Aussagen mit den Lebensbedingungen der Menschen und fragt danach, welche Perspektiven Paulus mit der Rede von der Auferstehung der Toten verbindet − für die Gegenwart und die Zukunft. Zu V. 20-38 siehe S. 83-146.

 

Laut O. Hofius 2009, 623-641 ließen insbesondere die V. 20-23 erkennen, dass der Apostel Paulus in der Auferstehung Christi den Realgrund für die Auferstehung der Toten und dementsprechend in der Auferstehung der Toten die notwendige Folge der Auferstehung Christi sieht. Von daher begreife er die Auferstehung der Toten dezidiert und ausschließlich als ein Heilsereignis. Das heißt: Die vom Tode Auferstandenen gingen nach seiner Sicht nicht zunächst noch einem Gericht entgegen, in dem allererst über Heil und Unheil entschieden wird, sondern sie empfingen unmittelbar mit ihrer Auferstehung das Leben in der vollkommenen Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

 

M. Gielen 2003, 86-104 befasst sich mit der Frage, wie wörtlich Paulus in V. 22 genommen werden will. Verleiht er an dieser Stelle wirklich seiner Überzeugung einer universalen Totenauferweckung Ausdruck? M. Gielen arbeitet Argumente heraus, die für eine Auferweckungszukunft aller Menschen sprechen, weist jedoch darauf hin, dass einem solchen Verständnis Aussagen des Apostels entgegen stehen, die das Heil an das Bekenntnis zu Christus binden (vgl. 1 Kor 1,18; 2 Kor 2,15-16; 4,3; Röm 9,22-23; Phil 1,28). Verkennt die universale Deutung die Intention des Apostels oder verwickelt er sich in Widersprüche? Zutreffend sei wahrscheinlich eine dritte Erklärungsmöglichkeit: Paulus schreibe keine dogmatischen Traktate und verfasse auch kein theologisches Handbuch, sondern er schreibe Briefe, und zwar situationsgebundene. In 1 Kor 15,20-28 dominiere der Gedanke der eschatologischen Neuschöpfung, die nach frühjüdischer Überzeugung, der Paulus hier verpflichtet sei, eng mit der Totenauferweckung verbunden sei. Totenauferweckung aufgrund der Erfahrungswirklichkeit und/oder philosophischer Spekulationen in Abrede zu stellen, bedeute Gottes Gottsein in Zweifel zu ziehen. Dem steuere Paulus energisch entgegen, wobei er die Schöpfermacht und Herrschaft Gottes betont als universal darstelle.

W. V. Crockett 1978, 83-87 geht auf die Frage ein, ob "alle“, die durch Adam sterben, identisch mit "allen“ sind, die durch Christus lebendig gemacht werden. Das würde bedeuten, dass alle Menschen der Erde lebendig gemacht werden. Ergebnis: Sicher sei nur, dass alle Menschen sterben müssen und dass die Christen zum Leben erweckt werden. Das Schicksal der Ungläubigen bleibe jedoch offen. Weder die Auferweckung noch die nicht erfolgende Auferweckung der verstorbenen Ungläubigen lasse sich erschließen.

 

Als Belege eines irdischen, messianischen Reichs zwischen der Wiederkunft Christi und dem kommenden Reich Gottes versteht S. Turner 2003, 323-342 die Texte 1 Thess 4,13-18 und 1 Kor 15,22-28. Dass es sich bei dem irdischen, messianischen Reich um ein Interim, nicht aber um ein dauerhaftes Reich handelt, gehe zwar nicht aus 1 Thess 4,13-18, jedoch aus 1 Kor 15,22-28 hervor. Bei der Wiederkunft Jesu würden die Nichtchristen für alle Zeiten vernichtet. Die verstorbenen Christen dagegen würden auferweckt und hätten gemeinsam mit den noch lebenden Christen am irdischen, messianischen Reich Anteil.

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Aus V. 23 geht hervor, wann in der Zukunft die Christen lebendig gemacht werden: Es wird bei der Wiederkunft Christi geschehen.

 

Paulus betont, dass die Auferweckung gemäß einer bestimmten Ordnung erfolgt. Der griechische Begriff "taxis“ bezeichnet konkret die Schlachtordnung, dann aber auch allgemeiner eine Reihenfolge oder eine Ordnung nach dem Rang. In V. 23 ist vermutlich sowohl an eine Reihenfolge als auch an einen Rang zu denken. Die Bezeichnung Jesu Christi als "Erstling der Entschlafenen“ enthält beide Aspekte, denn er ist sowohl im zeitlichen Sinne als auch im Sinne der Rangfolge Erster. Darüber hinaus klingt aber auch die Schlachtordnung an, denn jeder einzelne gehört seiner eigenen Ordnung an. Eine Schlachtordnung besteht aus verschiedenen Abteilungen, denen ein ganz bestimmter Platz im Kampf zugewiesen ist. Jeder Kämpfer hat zu wissen, welches seine Abteilung ist, der er angehört. So sind auch Christus und die Gläubigen "Abteilungen“ oder - nichtmilitärisch ausgedrückt - Gruppen zugeteilt. Dabei ist die Gruppe der Gläubigen ihrem "Erstling“ und "Herrn“ Jesus Christus zugeordnet; sie gehören zu ihm.

 

Eine Gruppe der Ungläubigen kommt nicht in den Blick, obwohl gemäß V. 22 alle Menschen lebendig gemacht werden. Ist dies damit zu erklären, dass V. 22 zwar besagt, dass Christi Heilswerk alle Menschen betrifft, jedoch dabei implizit voraussetzt, dass dieses Heilswerk gläubig angenommen wird? Sollte dies der Fall sein, dann würden nur alle Christen auferweckt.

 

Weiterführende Literatur: M. Carrez 1985, 127-140 gibt zunächst einen Überblick über die verschiedenen Problemstellungen, die sich aus den Aussagen zur Auferstehung und zur Herrschaft Christi der V. 23-28 ergeben. Er geht auf die Problemstellungen ein und stellt Thesen zu den Charakteristika der Herrschaft Christi gemäß V. 23-28 auf. Abschließend analysiert er den hellenistischen Kontext, den Aufbau und das Gedankengut der Zielsetzung "damit Gott sei alles in allem“. An den Aufsatz, der auf einem Kolloquiumsbeitrag basiert, schließen sich die Diskussionsbeiträge an.

Knapp zu den paulinischen eschatologischen Vorstellungen im Ersten Korintherbrief äußert sich B. Lindars 1985, 766-782.

 

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V. 24

 

Beobachtungen: Nach der Auferweckung derjenigen, die Christus angehören, kommt das Ende, wobei an das Weltende bzw. das Ende dieser Weltzeit zu denken ist. Dass mit ihm eine Auferweckung der nicht zu Christus Gehörenden erfolgt, wird nicht gesagt.

 

Am Weltende bzw. Ende dieser Weltzeit wird es zu einem Machtkampf kommen, der sich in drei Stufen einteilen lässt. Die erste Stufe ist die jetzige Zeit bis zur Wiederkunft Christi, in der Christus nicht Alleinherrscher ist, sondern neben ihm auch weitere Mächte und Herrschaften existieren. Dabei kann es sich um weltliche Herrschaften handeln, aber auch um den Menschen beherrschende Kräfte wie das Geld, oder auch um widergöttliche Geisterwesen. Die Unbestimmtheit ist wohl beabsichtigt: Gemeint ist alles, was der Herrschaft Christi entgegensteht. In dieser ersten Zeit sind nur die Christen der Herrschaft ihres "Herrn“ Christus unterstellt, in dessen Machtbereich sie durch die Taufe gekommen sind. In einer zweiten Stufe, die mit der Wiederkunft Christi beginnt, kommt es zu dem eigentlichen Kampf, bei dem Christus alle anderen Herrschaften und Mächte vernichtet und somit als Alleinherrscher übrig bleibt. Christus bleibt jedoch nicht Alleinherrscher, sondern übergibt in einer dritten Stufe die Herrschaft Gott, dem Vater.

 

Weiterführende Literatur: A. Lindemann 1987, 87-107 merkt an, dass die Verbindung von Wiederkunft Christi und Auferstehung der Toten sowohl in 1 Thess 4,13-17 als auch in 1 Kor 15,23-28 begegne. Es gebe zwischen beiden Texten jedoch zwei wesentliche Differenzen: Einerseits fehlten in 1 Kor 15 die mit der Rede von der Parusie in 1 Thess 4 verbundenen vorstellungsmäßigen ("mythologischen“) Elemente praktisch ganz, andererseits aber spreche Paulus ausführlich von einem mit der Parusie verknüpften Geschehen. Der Textabschnitt 1 Kor 15,23-28 werfe erhebliche theologische und exegetische Probleme auf. Die wichtigste theologische Frage laute, ob Paulus hier tatsächlich aus der traditionellen christlich-jüdischen Spekulation bzw. Dogmatik einige Sätze vorträgt, die zu der ihm selbstverständlichen "Weltanschauung“ gehören, oder ob der Abschnitt als theologische Argumentation im strengen Sinne verstanden werden muss. Gemäß A. Lindemann sei das eigentliche Thema von 1 Kor 15,24-28 die − von Paulus sonst nicht erörterte − Frage der Beziehung zwischen Gott und Christus. Der Textabschnitt lasse sich als eine Art "Exkurs“ verstehen; aber den Anlass dazu habe nicht spekulatives Denken oder die Bindung an eine apokalyptische "Weltanschauung“ gegeben. Ausgangspunkt sei vielmehr das seit Beginn des Kapitels 1 Kor 15 erörterte Thema der Auferweckung Jesu.

 

C. E. Hill 1988, 297-320 geht der Frage nach, ob Paulus in 15,20-28 die zukünftigen Ereignisse skizzieren und dem Glauben an ein irdisches Übergangsreich zwischen der Wiederkunft Christi und dem "Ende“ Ausdruck verleihen will. Der Aufsatz befasst sich zunächst mit der literarischen Struktur von Paulus’ Argumentation, bevor er den Gedankengang darlegt. Ergebnis: In V. 24-28 verstehe Paulus die Herrschaft Christi als eine gegenwärtige, kosmische Herrschaft, die er vom Himmel aus ausübe. Sie beginne nicht erst mit der Wiederkunft Christus und sie sei nicht wie im vierten Buche Esra oder im zweiten Buche Baruch ein irdisches Königreich, sondern erfolge seit Christi Auferstehung und Besteigung des Thrones Gottes. Dieses Zwischenreich sei eine Herrschaft über und zugleich inmitten der feindlichen Kräfte. Es dauere von der Auferstehung aller Gläubigen (samt Jesus Christus als "Erstling“) bis zur Vernichtung des Todes, die Synonym für die Auferstehung der Toten sei. Dann werde die Herrschaft Gott übergeben.

 

S. Lewis 1999, 195-210 untersucht 15,12-34 im Lichte des apokalyptischen Paradigmas, wobei er insbesondere darauf eingeht, wie der "kosmische Christus“ die menschlichen und göttlichen Sphären miteinander versöhnt, und was daraus für die menschlichen ethischen Belange folgt. Er stellt heraus, dass die apokalyptische Theologie verlange, dass der Mensch mit Glaube und Tat antwortet. Alles Weltliche müsse nach den Maßstäben des Jüngsten Gerichtes und des kommenden Reiches Gottes beurteilt werden. Außerdem habe die apokalyptische Christologie, die Christus als Mittler für die Menschheit und den gesamten Kosmos sieht, eine besondere Relevanz für das Verhältnis der christlichen Theologie zu anderen Kulturen und Religionen.

 

P. Potgieter 2001, 215-224 geht auf die Fragen ein, ob die Eschatologie christozentrisch oder theozentrisch sein soll und welches die Stellung Christi nach der Vollendung des Zwischenreiches nach der Überwindung des letzten Feindes, des Todes, sein wird. Christus als Mittler der neuen Herrschaft sei an die menschliche Natur gebunden, doch sei fraglich, ob die menschliche Natur auch nach der Übergabe der Herrschaft an Gott, den Vater, fortdauere. Ergebnis: Es sei eine theozentrische Eschatologie zu befürworten. Nach Vollendung des Zwischenreiches und der Übergabe der Herrschaft an Gott, den Vater, werde Jesus Christus kein Sohn Gottes im menschlichen Sinn sein, sondern im ontologischen. Gottes Sohnschaft sei deutlich von der Kindschaft Gottes der Menschen zu unterscheiden. Mit der neuen Schöpfung würden wir Menschen wieder in den Zustand vor dem "Sündenfall“ versetzt und Sünde werde nicht länger Bestand haben. Jesus Christus werde Sohn Gottes gemäß seines Daseinscharakters sein, die Menschen aber würden Kinder Gottes aufgrund der Sühnetat Christi werden. Auf P. Potgieters Artikel antwortet G. J. C. Jordan 2001, 225-231, der die Entscheidung, 15,24-28 als Ausgangspunkt für die Ausführungen zu wählen, für richtig hält. Allerdings befriedigt ihn P. Potgieters Auslegung nicht. Dass die Mittlerschaft Christi mit der Übergabe der Herrschaft an Gott ein Ende habe, sei zu bezweifeln. Aus Röm 8,17 und Eph 2,6 scheine hervorzugehen, dass Christus auch nach der Übergabe der Herrschaft Mittler bleibe, und zwar in dem Sinne, dass wir durch seine Mittlerschaft in Ewigkeit Gottes Kinder bleiben und bei Gott gerechtfertigt sein sollen.

 

J. F. Jansen 1987, 543-570 widmet sich nicht einer Fragestellung, die sich unmittelbar aus 15,20-28 ergibt, sondern einer, die im Laufe der Dogmengeschichte zum Text aufgeworfen wurde: Ist die Inkarnation eine beständige oder eine vorübergehende Realität? Ist die Menschlichkeit Jesu Christi ewig oder vorläufig? Bezüglich der Interpretation des Textes werden drei gänzlich unterschiedliche Theologen herangezogen: Marcellus von Ankyra aus der patristischen Zeit, Johannes Calvin aus der Reformationszeit und Arnold A. Van Ruler aus der heutigen Zeit.

 

Mit der Auslegung von 1 Kor 15,24-28 seitens des Bischofs Marcellus von Ankyra befasst sich G. Pelland 1990, 679-695.

 

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V. 25

 

Beobachtungen: Paulus begründet die drei Stufen des Machtkampfes mittels eines Zitats von Ps 110,1. Aus diesem Zitat geht hervor, dass Christus zwar Herrscher ist, aber eben nicht Alleinherrscher. Er bleibt so lange Herrscher, bis er alle anderen Herrschaften und Mächte überwunden hat. Dabei wird die Vernichtung mittels eines Bildes veranschaulicht: Der Sieger legt alle Feinde unter seine Füße. Damit befindet sich der Sieger oben, in der Machtposition, wobei er mit den Füßen auf die Besiegten tritt, was die Endgültigkeit des Sieges anzeigt. Die Besiegten erscheinen dabei als Feinde, die nicht als Herrscher neben Christus geduldet werden können. In dem Augenblick, in dem diese Feinde vernichtet sind, ist die Herrschaftszeit Christi abgelaufen.

Durch die Begründung mittels eines Bibelverses erscheint die erkämpfte Alleinherrschaft nicht als Willkür Christi, sondern als Bestandteil des in der Bibel dargelegten göttlichen Heilsplans. Im ursprünglichen Zusammenhang besagt Ps 110,1 jedoch, dass sich der König Israels seinem Gott, JHWH, zur Rechten setzen solle, bis dieser die Feinde des Königs zu einem Schemel für dessen Füße macht. Entsprechend kann man 1 Kor 15,24-25 auch so deuten, dass nicht Christus selbst derjenige ist, der unterwirft, sondern dass es Gott, sein Vater ist. Die fehlende Kennzeichnung der Subjektwechsel mag zum einen damit zu erklären sein, dass Paulus Gott Vater und den Sohn Jesus Christus in einem engen Zusammenhang sieht, zum anderen damit, dass Paulus Traditionsmaterial, konkret Aussagen der hebräischen Bibel (= AT), verarbeitet, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen. Diese biblischen Aussagen können christologisch gedeutet werden, müssen es aber nicht.

 

Weiterführende Literatur: Zu V. 25-27 als Mischzitat aus Ps 110,1 (Ps 109,1LXX) und Ps 8,8 äußert sich knapp A. Lindemann 1996, 221. Im Gegensatz zu A. Lindemann (u. a.) bezweifelt D.-A. Koch 1986, 19, dass es sich bei V. 25b um ein Zitat handelt. Der Versabschnitt sei voll in die Darstellung des Paulus integriert und in keiner Weise als vorgegebener Text erkennbar. Ein Zitat von Ps 109,1bLXX könne man hier nur annehmen, wenn man voraussetzt, dass Ps 109,1bLXX ein im Urchristentum derart bekanntes Schriftwort war, das Paulus dessen Kenntnis bei seinen Lesern als selbstverständlich voraussetzen konnte.

 

H.-H. Schade 1984, 34-35 befasst sich mit der Religionsgeschichte von V. 25-27. Die aufgezählten Belege zeigten, dass die Verwendung von Ps 110,1 im Kontext von Erhöhungsaussagen in der Tat traditionell ist. Bleibe die Frage, ob auch die Psalmenverbindung traditionell ist. Wenn eine urchristliche Zitatverbindung nicht stringent nachweisbar ist und sich auf der anderen Seite ein Grund für diese Verbindung mit aller Deutlichkeit aus dem paulinischen Aussageinteresse ergibt, dann sei es am sinnvollsten anzunehmen, dass Paulus erst diese Verbindung geschaffen hat; dies werde durch die von der urchristlichen Zitierweise abweichende Aufnahme von Ps 110,1b bestätigt.

 

W. A. Meeks 1995, 801-811 hat das Übergangsreich Christi zum Thema und fragt, wieso Paulus seine Beweisführung im Hinblick auf die Auferstehung zugunsten der Darstellung des apokalyptischen Szenarios unterbricht. Bisher sei meist angenommen worden, dass Paulus in der Tradition der Apokalyptik stehe und von dort das Szenario übernehme, oder dass der apokalyptische Zeitplan ein messianisches Zwischenreich enthalte, dem Christi Herrschaft zuzuordnen sei. Diesen Annahmen steht W. A. Meeks kritisch gegenüber, schon weil sie zu vereinfachend seien. Man könne die paulinische Schilderung der Ereignisse am Weltende zwar als "apokalyptischen Zeitplan“ bezeichnen, jedoch sei die komplexe Struktur der Argumentation zu beachten. So seien die Aspekte der Intertextualität, Auslegungstraditionen sowie rhetorischen Form und Situation zu beachten.

Zum Grund für die Unterbrechung der Argumentation siehe auch M. C. de Boer 1996, 639-651, der davon ausgehe, dass Paulus in 15,20-28 eine christologische Tradition aufnimmt, die in irgendeiner Form den korinthischen Adressaten schon vertraut ist und von der er annimmt, dass die Adressaten − oder zumindest die Auferstehungsleugner unter ihnen − sie missverstanden haben. M. C. de Boer legt dar, inwiefern Paulus Ps 110,1 (LXX 109,1), Ps 8,6b (LXX 8,7b) sowie Eph 1,20-23 rezipiert, wobei er im Hinblick auf letzteren Text zahlreiche Unterschiede sieht.

 

U. Heil 1993, 27-35 gibt einen Einstieg in die Diskussion, wer in 1 Kor 15,23-28 Subjekt ist, Gott oder Christus. Sie selbst plädiert für Gott.

Anders der Aufsatz von J. Lambrecht 1982, 502-527 der sich in drei Teile gliedert: Im ersten Teil befasst er sich mit Struktur und Gedankengang von 1 Kor 15,12-34, in einem zweiten Teil geht er auf die Frage ein, wie Paulus’ Aufnahme des AT zu verstehen und charakterisieren ist, um dann in einem dritten Teil die Ergebnisse mit der Adam-Christus-Antithese und ihrem Genesis-Hintergrund in V. 20-28 zu verbinden. J. Lambrecht spricht sich für eine christologische Interpretation der V. 24c-27a aus, denn seit Christi Auferstehung bedeute Geschichte das Königreich Christi, Christi Kampf gegen die bösen Mächte. Aber dies sei nicht das Ende; das Ende sei entschieden theozentrisch. L. J. Kreitzer 1987, 149-151 greift die These von der Wechselbeziehung christozentrischer und theozentrischer Aspekte auf, wobei er der Frage nachgeht, in welchen Versen Gott das Subjekt ist, und in welchen Jesus Christus. Dabei untersucht er, inwiefern sich Hinweise auf einen Subjektwechsel finden. Bezüglich V. 25 sieht L. J. Kreitzer wie J. Lambrecht eine christologische Interpretation von Ps 110,1. Bezüglich V. 27a gehen jedoch die Meinungen auseinander: L. J. Kreitzer geht hier im Gegensatz zu J. Lambrecht davon aus, dass Gott − und nicht Christus − Subjekt sei. Die V. 23-26 seien somit christozentrisch, die V. 27-28 theozentrisch.

 

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V. 26

 

Beobachtungen: Auch der Tod erscheint als Feind; er wird zuletzt vernichtet. Bezüglich der endgültigen Beseitigung des Todes mag Paulus an Jes 25,8 gedacht haben. Dass Paulus die Vernichtung des Todes herausstellt, lässt annehmen, dass er betonen will, dass es sich bei ihm nicht um die letztendlich siegreiche Macht handelt, wie Auferstehungsleugner behaupten (vgl. V. 12). Daraus lässt sich wiederum folgern, dass Paulus sich nicht mit der Art und Weise der Fortexistenz auseinandersetzt, sondern mit der Frage, ob der Tod als Macht über die Gestorbenen herrscht und die Auferstehung der Toten unmöglich macht.

 

Weiterführende Literatur: J. N. Vorster 1989, 287-298 versucht die rhetorische Situation von 1 Kor 15 zu rekonstruieren. Die implizierten Leser seien von den Leugnern der Auferstehung unterschieden; das rhetorische Problem betreffe eine Loyalitätskrise. Die implizierten Leser seien mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie der autoritativen, apostolischen Verkündigung des Paulus oder derjenigen der Auferstehungsleugner folgen wollen. Auf S. 301-304 geht J. N. Vorster konkret auf das Stilmittel des "device of stages“ ein, also der Behandlung eines Sachverhaltes mittels Aufteilung in verschiedene Phasen. So sei es durch den "Sündenfall“ Adams zur Herrschaft des Todes gekommen. Diese Phase sei die gegenwärtige. Paulus’ Hauptaugenmerk liege jedoch auf der Zukunft, auf der Phase, in der der Tod nicht mehr herrscht. Letztere Phase lasse sich wiederum in drei Abschnitte unterteilen: Der erste umfasse die Zeit nach der Auferstehung Christi, in der die Unterwerfung der gottwidrigen Mächte beginne. Der zweite Abschnitt umfasse die Wiederkunft Christi und die Auferweckung der Toten. Dabei stelle die Vernichtung des Todes den Höhepunkt der Unterwerfung der Mächte dar. Im dritten Abschnitt schließlich erfolge die Übergabe der Herrschaft an Gott.

 

Mit 15,20-28 befasst sich M. C. de Boer 1988, 109-126, wobei er v. a. auf die letztendliche Überwindung des Todes durch Christus eingeht. Er weist auf die weitgehende Übereinstimmung von 1 Kor 15,20-28 und Eph 1,20-23 bezüglich Vokabular und Gedankengut hin und versucht eine traditionsgeschichtliche Einordnung.

M. C. de Boer 1988, 181-188 legt dar, inwiefern Paulus’ christologische apokalyptische Eschatologie und Todesvorstellung in 1 Kor 15 und Röm 5 einander prägen.

 

K. Erlemann 1996, 62-68 kommt im Rahmen eines Überblicks über revolutionistische Endzeiterwartungen auch auf die allgemeine Totenauferstehung und die Unterwerfung widergöttlicher Kräfte zu sprechen und weist diesbezüglich u. a. kurz auf die iranische Eschatologie und auf das frühjüdische Schrifttum hin.

 

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V. 27

 

Beobachtungen: An die Aussage, dass zuletzt der Tod vernichtet wird, schließt Paulus ein Zitat an, das er nicht als Zitat kennzeichnet. Wenn die Korinther also den Satz "Denn alles hat er unter seine Füße getan.“ hören, so müssen sie zunächst davon ausgehen, dass die Unterwerfung schon stattgefunden hat. Das ist jedoch nicht der Fall, denn der Tod ist ja noch nicht überwunden. Beachten die Korinther also den Zusammenhang der Aussage, insbesondere den vorausgehenden Vers, so wird deutlich, dass nur von einem zukünftigen Zustand nach der Unterwerfung des Todes die Rede sein kann. So ist auch wahrscheinlich, dass die Verbform "eipê“, ein Aorist Konjunktiv, sich eben auf diesen zukünftigen Zustand bezieht und mit "(wenn) er ...gesagt haben wird“ zu übersetzen ist (vgl. V. 24.28). Sie bezieht sich demnach nicht auf das vorhergehende Zitat und ist folglich auch nicht als Schriftverweis zu deuten.

 

Trotz des fehlenden Schriftverweises liegt ein Schriftzitat vor, und zwar zitiert Paulus aus Ps 8,7. Dort heißt es vom Menschen, dass Gott ihn über das Werk seiner (d. h. Gottes) Hände herrschen lässt, und dass Gott ihm alles unter seine Füße gelegt hat. Paulus bezieht den Psalm jedoch nicht auf den Menschen, sondern auf den "Menschensohn“, Jesus Christus. Eine solche Übertragung mag durch die Erwähnung des Begriffs "Menschensohn“ in V. 5 des gleichen Psalms begünstigt worden sein.

Dass Paulus das Schriftzitat hier heranzieht, obwohl es die Unterwerfung als schon geschehen erscheinen lässt, ist wohl damit zu begründen, dass es betont, dass alles unterworfen wird und damit keine gottwidrige Kraft übrig bleibt.

 

Es ist gemäß Paulus also folgendes Szenario zu erwarten: Am Ende der Tage werden alle widergöttlichen Kräfte unterworfen, zuletzt der Tod. Wer der Unterwerfende ist, ob Jesus Christus oder Gott, ist unklar. Die V. 24-26 können so gedeutet werden, dass Jesus Christus selbst handelt, doch ist diese Deutung nicht zwingend. Zu bedenken ist nämlich, dass es sowohl in Ps 110,1 als auch in Ps 8,7 Gott ist, der als Unterwerfender erscheint. Eine solche Deutung liegt also auch für 1 Kor 15,27 nahe, wobei erst die Bezeichnung Gottes als "der ihm alles unterworfen hat“ Klarheit schafft.

Nachdem alles unterworfen ist, wird er - vermutlich Jesus Christus - sagen: "Es ist alles unterworfen.“ Würde Paulus keine Anmerkung nachschieben, so könnte man meinen, auch Gott sei Christus unterworfen worden. Um diesem Missverständnis vorzubeugen, betont Paulus, dass Gott, der Vater, ausgenommen ist.

 

Weiterführende Literatur: H.-H. Schade 1984, 86-87 vertritt die Ansicht, dass Paulus Ps 8,7 wegen des "alles“ zitiere, nicht deswegen, weil in Ps 8,6 vom "Menschensohn“ die Rede ist.

 

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V. 28

 

Beobachtungen: Wenn Gott seinem Sohn, Christus, alles unterworfen hat, er selbst jedoch von der Unterwerfung ausgenommen ist, dann bedeutet das, dass Christus zwar herrschen, neben Christus mit Gott jedoch ein weiterer Herrscher existieren wird. Dass es eine solche konkurrierende Existenz zweier Herrscher nicht geben wird, macht Paulus in V. 28 deutlich. Sobald Gott Christus alles unterworfen hat, ist dessen Herrschaft beendet. Die Herrschaft Christi wird dadurch beendet, dass dieser von Gott unterworfen wird, oder dass sich Christus selbst unterordnet. Deutet man die Verbform "hypotagêsetai“ als ein Passiv, dann wird Christus von seinem Vater unterworfen, deutet man sie als ein Medium, dann wird sich Jesus Christus selbst seinem Vater unterordnen. Die Selbstbescheidenheit Christi, wie sie aus Phil 2,3-8 deutlich wird, spricht für eine Übersetzung als Medium.

 

Die Unterordnung des Sohnes hat einen Zweck: Gott soll "alles in allem“ sein. Was bedeutet diese Formulierung? Wenn Gott "alles“ ist, so existiert neben ihm nichts mehr. Nun könnte man aber einwenden, dass sich Jesus Christus ja nicht aufgelöst hat und auch (mindestens) die Christen auferstanden sind und damit existieren. Auch an die Engel als weiterhin existente Wesen wäre zu denken. Diese Einwände führen zu der Schlussfolgerung, dass Gott insofern "alles“ ist, als er alleine herrscht und ihm alles untergeordnet ist. Doch wie ist "in allem“ zu deuten? Man könnte fast an ein allumfassendes Gefäß denken, in dem sich Gott befindet. Berücksichtigt man bei der Deutung jedoch, dass Gott als Herrscher "alles“ ist, so ist analog dazu anzunehmen, dass Gott über "alles“ herrscht. Es ist also das Ziel, dass Gott allein über alles herrscht.

 

Weiterführende Literatur: W. L. Richards 2000, 203-206 geht der Frage nach, ob die Verbform "hypotagêsetai“ als Medium oder als Passiv zu verstehen ist. Ergebnis: Mit Blick auf Phil 2,3-8 sei die mediale Übersetzung vorzuziehen.

 

Zur Formel "einai ta panta en pasin“ ("sei alles in allem“) siehe D. Zeller 2010, 148-152, der zunächst auf ihre verschiedenen Funktionen eingeht, die sie je nach ihrer grammatikalischen Einbettung haben könne: adverbialer Gebrauch, "(ta) panta als Subjekt, "(ta) panta als Objekt, "(ta) panta als Prädikatsnomen. Abschließend geht D. Zeller auf religiöse Vergleichstexte zu "(ta) panta als Prädikatsnomen ein. Bezüglich der Bedeutung der Formel in 1 Kor 15,28 kommt er zu folgendem Ergebnis: Die Ausführungen des Paulus kreisten nicht um eine Allversöhnung, sondern stünden im Dienst der positiven Überwindung der These V. 12b. Die Allbedeutsamkeit Gottes solle den korinthischen Gläubigen die Auferweckung als mögliche Zukunft erschließen. Formeln, die die kosmische Allwirksamkeit der Gottheit herausstellen, müssten nicht pantheistisch konzipiert sein. Die Wendung in 15,28 setze Gott nicht stoisch mit dem All gleich, sondern artikuliere seine universale heilvolle Herrschaft, und zwar im Unterschied zu den im Aufsatz betrachteten Vergleichstexten in eschatologischer Perspektive.

Mit der durch Gott bewirkten allumfassenden Erlösung befasst sich kurz J. Lambrecht 1994, 161-173.

 

 

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