Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 2,12-13

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 2,12-13

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 2,12-13:12 Als ich aber nach Troas zur [Verkündigung] des Evangeliums von Christus kam und sich mir eine Tür öffnete im Herrn, 13 hatte ich keine Ruhe für meinen Geist, weil ich Titus, meinen Bruder, nicht vorfand; vielmehr zog ich, nachdem ich mich von ihnen verabschiedet hatte, weiter nach Makedonien.

 

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Nach der Unterbrechung durch die Empfehlungen zum Umgang mit dem Gemeindeglied, das Kummer bereitet hat und daher bestraft wurde, setzt Paulus seinen Rückblick fort. Er kommt nun auf eine Missionsreise nach Troas zu sprechen. Auf den ersten Blick ist kein Zusammenhang zu dem Vorhergehenden zu sehen: Weder hat die Missionsreise nach Troas etwas mit der Vergebung hinsichtlich des bestraften Gemeindegliedes zutun, wie sie in 2,5-11 Thema ist, noch mit der Schonung der Korinther mittels des Verzichts auf die Reise nach Korinth (vgl. 1,23-2,4). Will man nun nicht an dieser Stelle einen literarischen Bruch annehmen, der darauf hinweisen würde, dass ursprünglich 2,12 nicht auf 2,11 folgte, so muss man nach einer inhaltlichen Verknüpfung suchen.

Folgender Zusammenhang zwischen 2,12 und dem Vorhergehenden legt sich nahe: Paulus hat auf die Reise nach Korinth verzichtet, um beiderseitigen Kummer zu vermeiden. Stattdessen hat er unter Tränen den Korinthern einen Brief ("Tränenbrief“) geschrieben, in dem er auch die Bestrafung des Gemeindegliedes, das Kummer bereitet hat, gefordert hat (vgl. 2,9). Nachdem der Brief losgeschickt war, konnte er sich in der aufgrund des abgesagten Korinth-Besuches frei gewordenen Zeit zu einer Missionsreise nach Troas aufmachen.

 

"Troas“ war sowohl eine Bezeichnung für eine Landschaft als auch für eine Stadt. Die gebirgige Landschaft namens "Troas“ lag um die alte Stadt Troja/Ilion herum ganz im Nordwesten der römischen Provinz Asia (heutige Westtürkei) an den Dardanellen, einem Teil des Ägäischen Meeres. Die Stadt Troas hieß mit vollständigem Namen "Alexandria Troas“, also "das trojische Alexandria“, was manchmal zu "Troas“ abgekürzt wurde. Eigentlich war Troas jedoch nur ein Namenszusatz, der dazu diente, dieses Alexandria von anderen Städten namens Alexandria zu unterscheiden. Von dem alten Troja/Ilion lag die Stadt Troas etwa 15 Kilometer entfernt. Es handelte sich wie bei Korinth um eine römische Kolonie (Colonia Augusta Alexandria Troas). Sie hatte als Hafen beträchtliche Bedeutung und von ihr gingen auch die Schiffe nach bzw. von Makedonien ein und aus. Wenn man der Apostelgeschichte glauben darf, ist Paulus hier im Traum von einem Mann zur Mission in Makedonien aufgefordert worden und hat daher seine Mission nach Europa ausgeweitet (vgl. Apg 16,8-11).

 

Paulus hat den Ersten Korintherbrief in Ephesus verfasst (vgl. 1 Kor 16,8). Vermutlich hat er sich von Ephesus aus nach Troas begeben, wo er das Evangelium von Christus verkündigen wollte. Die Formulierung "Evangelium von Christus“ kann besagen, dass das Evangelium von Christus stammt, oder - eher noch -, dass es im Wesentlichen Christus zum Inhalt hat.

In Troas hat sich Paulus eine Tür geöffnet im "Herrn“. Gemeint ist, dass sich ihm dort aufgrund göttlicher Fügung eine gute Missionsgelegenheit geboten hat. Ob Paulus schon bei seiner Abreise nach Troas wusste, dass sich ihm eine gute Missionsgelegenheit bieten würde, ist nicht sicher. Wie es zu dieser Gelegenheit gekommen ist, wird nicht gesagt. Sie ist - worauf die Perfekt-Verbform hinweist - vermutlich Resultat eines Ereignisses und nicht eine generelle Offenheit der Einwohner von Troas für die Evangeliumsverkündigung. Möglich ist, dass jemand - am besten eine wichtige Persönlichkeit - in irgendeiner Form ein Angebot zur Ermöglichung des Aufenthaltes, der Unterkunft und Verpflegung oder der Predigt und Versammlungen gemacht hat.

 

Weiterführende Literatur: L. L. Welborn 2001, 31-60 untersucht unter Berücksichtigung antiker Theorien, wie Paulus in 2 Kor 1,1-2,13; 7,5-16 die Emotionen der Adressaten anspricht.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Paulus kann die Chance zur Mission nicht wirklich nutzen, weil sein "Geist“ unruhig ist. Der griechische Begriff "pneuma“ bezeichnet eigentlich den von Gott stammenden (heiligen) Geist, der die Christen erfüllt. Hier ist aber wohl das vitale Ich des Paulus gemeint, zu dessen Aktivitäten auch die geistgewirkte Verkündigung gehört. Auf geistgewirkte Verkündigung kann sich Paulus jedoch nicht konzentrieren, weil er innerlich keine Ruhe findet. Der Grund für diese Unruhe ist, dass der Glaubensbruder Titus nicht wie verabredet in Troas erscheint.

 

Wer Titus ist, von wo er kommt und warum er sich mit Paulus in Troas treffen soll, wird nicht gesagt. Entsprechende Informationen finden sich im Zweiten Korintherbrief erst an späterer Stelle, nämlich in 7,5-16. Demnach sollte Titus, einer von Paulus’ Mitarbeitern, aus Korinth Kunde bringen, wie dort der "Tränenbrief“ aufgenommen worden ist. 7,5-16 liest sich inhaltlich wie die unmittelbare Fortsetzung von 2,12-13, was zu der Annahme veranlasst, dass beide Briefabschnitte ursprünglich zusammenhingen.

 

Weil Paulus zur Verkündigung keine Ruhe fand, brach er wieder von Troas auf. Dass ihm die Weiterreise angesichts der nicht genutzten guten Verkündigungsgelegenheit schwer fiel, ist anzunehmen, auch wenn er nur sagt, dass er sich von "ihnen“ verabschiedet hat.

Wer mit "ihnen“ gemeint ist, bleibt offen. Auf jeden Fall wird es sich um Personen gehandelt haben, die Paulus freundlich gesonnen waren. Es können Christen gewesen sein oder auch Nichtchristen, die zum Christentum hin tendierten. Gemäß Apg 20,6-12 gab es in Troas zur Zeit des Aufenthaltes des Apostels (im Rahmen der dritten Missionsreise) durchaus Christen, denn sonst hätte er nicht das Herrenmahl feiern und dabei predigen können. Ob der Bericht der Apostelgeschichte historisch korrekt und mit den Versen 2 Kor 2,12-13 in Einklang zu bringen ist, ist eine andere Frage.

 

Als Ziel der Weiterreise war Makedonien bestimmt. Es kann sich nur um eine Reise Titus entgegen gehandelt haben, denn gemäß 7,6 hat Paulus dort schließlich Titus getroffen. Titus’ Reiseweg sollte demnach zunächst von Korinth nach Makedonien führen und von dort aus mit dem Schiff nach Troas.

 

Weiterführende Literatur: W. Rakocy 2008, 307-312 geht der Frage nach, ob Paulus plante, seinen "Bruder“ Titus in Troas zu treffen. Angesichts der noch zu vollendenden missionarischen Tätigkeit des Titus in Korinth und der weiten Wege sei ein arrangiertes Treffen an einem konkreten Ort unwahrscheinlich, weil ein solches lange Wartezeiten mit sich gebracht hätte. Aus 1 Kor 16,5-6.8 gehe hervor, dass Paulus bis Pfingsten (Mai) in Ephesus bleiben und dann durch Makedonien hindurch nach Korinth reisen wollte, um dort gegen November anzukommen und eine Weile, evtl. den ganzen Winter hindurch, zu bleiben. Es stelle sich die Frage, warum Paulus für die Strecke die unnötig lange Zeit von fünf Monaten kalkulierte. Zusätzlich zu dieser Ungereimtheit kommt diejenige, dass Paulus gemäß 2 Kor 2,12-13 anscheinend davon ausging, dass Titus als erster in Troas eintreffen werde, obwohl dieser eine viel weitere Entfernung zurück zu legen hatte. Die Ungereimtheiten löst W. Rakocy wie folgt auf: Paulus habe nach seinem Ephesus-Aufenthalt noch andere Gemeinden der Umgebung (Philadelphia, Sardes, Smyrna, Magnesia, Thyatira oder Pergamon), die auf dem Weg nach Troas lagen und ihm noch unbekannt waren, besuchen wollen. In einer der Städte habe Titus auf Paulus treffen sollen. Als Titus auch in der letzten Stadt nicht erschienen sei, habe sich Paulus gesorgt, denn er musste nun davon ausgehen, dass die Mission des Titus nicht in dem gewünschten Maß vorangeschritten war. In Troas angekommen, habe Paulus nicht auf Titus gewartet, sondern sei nach Makedonien weitergereist.

 

M. E. Thrall 1982, 101-124 gibt zunächst einen ausführlichen Überblick über die verschiedenen Versuche, den literarischen Bruch zwischen V. 13 und V. 14 zu erklären, und legt dann einen eigenen Lösungsvorschlag vor: Es handele sich nicht um die Nahtstelle zwischen zwei ursprünglich getrennten Briefen, sondern um den Beginn einer erneuten einleitenden Danksagung eines Briefes, der von 1,1 bis (mindestens) 7,16 reiche. J. Murphy-O’Connor 1985, 99-103 greift M. E. Thralls Beobachtung auf, dass zwischen 7,4 und den folgenden Versen ein enger Zusammenhang bestehe. Dass 7,5 die logische Fortsetzung von 2,13 zu sein scheine, müsse noch lange nicht heißen, dass tatsächlich zwischen 7,4 und 7,5 ein literarischer Bruch existiert. Laut J. Murphy-O’Connor lasse sich der für Paulus durchaus typische Gedankensprung zwischen 2,13 und 2,14 wie folgt erklären: Mit dem Stichwort "Makedonien“ in 2,13 habe Paulus apostolische Tätigkeit assoziiert, denn die makedonischen Gemeinden seien ein aktiver Bestandteil der Verkündigung des Evangeliums, wie sich insbesondere 1 Thess 1,6-8 entnehmen lasse. M. E. Thralls These hält J. Murphy-O’Connor für abwegig. Auch A. Perriman 1989, 39-41 geht davon aus, dass sich die V. 14-17 logisch nachvollziehbar aus den V. 12-13 entwickelten und somit der Bruch nicht so gravierend sei, wie oft angenommen.

 

R. L. Omanson 1995, 112-113.118-119 befasst sich mit der Frage, wie das Verb "exêlthon“ ("ich ging fort“, "ich zog weiter“) korrekt zu übersetzen ist. Er macht zunächst die unterschiedliche Bedeutung der Verben "to go“ und "to come“ deutlich. Wenn der Kellner deutlich machen will, dass er zum rufenden Gast kommt, dann sage er "I’m coming“ und nicht (analog zum Spanischen) "I’m going“. Der Kellner spreche also im Englischen aus Sicht des rufenden Gastes und nicht aus seiner eigenen Sicht. Im Hinblick auf die Übersetzung des Verbs "exêlthon“ bedeute das: Da Paulus wahrscheinlich den Brief von Makedonien aus schreibe, sei von einem Kommen zu seinem jetzigen Aufenthaltsort die Rede. Die Übersetzung müsse also "…I…came on …“ lauten.

 

 

Literaturübersicht

 

Murphy-O’Connor, Jerome; Paul and Macedonia: The Connection Between 2 Corinthians 2.13 and 2.14, JSNT 25 (1985), 99-103

Omanson, Roger L.; Comings and Goings in the Bible, BiTr 46/1 (1995), 112-119

Perriman, Andrew; Between Troas and Macedonia,: 2 Cor 2:13-14, ET 101/2 (1989), 39-41

Rakocy, Waldemar; Was Paul Indeed to Meet Titus in Troas? In Connection with 2 Cor 2,12- 13 and 7,5-6, in: J. E. Aguilar Chiu et al. [eds.], Bible et Terre Sainte, FS M. Beaudry, New York 2008, 307-312

Thrall, Margaret E.; A Second Thanksgiving Period in II Corinthians, JSNT 16 (1982), 101- 124

Welborn, Laurence L.; Paul’s Appeal to the Emotions in 2 Corinthians 1.1-2.13; 7.5-16, JSNT 82 (2001), 31-60

 

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