Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 6,3-10

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 6,3-10

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 6,3-10: 3 Dabei geben wir in keinerlei Hinsicht irgendeinen Anstoß, damit der Dienst nicht getadelt werde, 4 sondern in allem erweisen wir uns als Gottes Diener, in viel Ausdauer, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefangenschaften, in Unruhen, in Mühen, in schlaflosen Nächten, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 in [dem] Wort der Wahrheit, in [der] Kraft Gottes; mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 unter Ehre und Schande, unter Schmähung und Lobrede; als Verführer und [doch] Wahrhaftige, 9 als Unbekannte und [doch] genau Bekannte, als Sterbende und [doch] - siehe, wir leben! - als Gezüchtigte und nicht Getötete, 10 als Betrübte, die sich aber allezeit freuen, als Arme, die viele reich machen, als solche, die nichts haben und [doch] alles besitzen.

 

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Paulus hat in 5,11-6,2 den korinthischen Gemeindegliedern deutlich gemacht, dass jetzt die Zeit ist, sich mit Gott zu versöhnen. Dazu gehört auch, sich mit ihm selbst, dem Verkündiger der frohen Botschaft von der Versöhnung, zu versöhnen und seinen apostolischen Dienst anzuerkennen. Dazu gehört aber, dass Paulus sich als tadelloser Apostel präsentiert. Dies tut er in 6,3-10. Es ist nicht das erste Mal, denn schon in 1 Kor 4 hat er dies getan, wobei es ihm dort darum ging, den "Dienst am neuen Bund“ positiv vom "Dienst am alten Bund“ abzugrenzen. Und in 5,12 hat Paulus angemerkt, dass er den Adressaten einen Anlass für das Rühmen um seinetwillen geben wolle, wobei er in den folgenden V. 13-16 einige Aspekte seiner tadellosen apostolischen Existenz zwar angesprochen hat, jedoch nicht ausführlicher auf sie eingegangen ist. Die Selbstdarstellung als tadelloser Apostel ist typisch für den ganzen Abschnitt 2,14-7,4 (und auch 1,12-2,13), in dem Paulus sich der Infragestellung der Rechtmäßigkeit seines Apostolats seitens seiner Gegner erwehrt.

 

Paulus möchte verhindern, dass sein Dienst getadelt wird. Die Tadellosigkeit dürfte ihm weniger im Hinblick auf die Menschen wichtig sein, als vielmehr im Hinblick auf Jesus Christus bzw. Gott, der sein "Herr“ ist und in dessen Dienst er steht. Wenn sein Dienst vom "Herrn“ nicht getadelt wird, dann auch nicht von denjenigen Menschen, die dem "Herrn“ nachfolgen.

 

Paulus schreibt zwar im Wir-Stil, meint aber vermutlich konkret sich selbst, höchstens vielleicht noch den Mitverfasser des Briefes, Timotheus. Es dürfte sich somit um einen schriftstellerischen Plural handeln.

 

Weiterführende Literatur: Eine Interpretation von 6,1-13 bietet B. K. Peterson 1997, 409-415.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Da Paulus in keinerlei Hinsicht zu Tadel Anlass gibt, erweist er sich als Gottes Diener. Er tut das, was seinem "Herrn“ gefällt.

 

Paulus nennt nun verschiedene Begriffe, die seine tadellose apostolische Existenz prägen. An erster Stelle steht dabei die Ausdauer, deren herausgehobene Bedeutung durch das hinzugefügte Adjektiv "viel“ unterstrichen wird.

Die folgenden drei Begriffe sind Synonyme, die verdeutlichen, weshalb Paulus Ausdauer braucht. Sie können allesamt mit "Bedrängnisse“ oder "Nöte“ übersetzt werden, wobei jeweils auch die mit ihnen verbundenen Ängste mitklingen. Das apostolische Leben ist also von vielerlei Bedrängnissen geprägt, die ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit erfordern.

 

Weiterführende Literatur: Eine umfassende Analyse der V. 4-5.8-10 bietet M. Schiefer Ferrari 1991, 218-236.

 

Zur Aufzählung der Leiden (Peristasenkatalog) in 6,3-10 siehe J. T. Fitzgerald 1988, 184-201.

R. Hodgson 1983, 59-80 versucht den religionsgeschichtlichen Hintergrund der paulinischen Peristasenkataloge eingehender darzulegen als es bisher geschehen ist. Die verbreitetste These sei, dass die Listen stoischer und jüdisch-apokalyptischer Art seien. R. Hodgson dagegen meint, dass die Peristasenkataloge auf eine verbreitete literarische Konvention des 1. Jhs. zurückgingen, derer sich auch der hellenistisch-jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der pharisäische Judaismus der Mischna und der frühe Gnostizismus (vgl. Nag Hammadi − Schriften) bedient hätten.

 

E. Baasland 1996, 357-385 zieht stoische Texte für die Interpretation des Begriffs "anankê“ ("Bedrängnis“) heran. Im Hinblick auf 2 Kor 6,4 und 12,10 schreibt er, dass der Begriff hier ein gegenwärtiges Verhängnis bezeichne, in dessen Schatten man leben muss.

 

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V. 5

 

Beobachtungen: In V. 5 nennt Paulus sechs konkrete Leiden. Die ersten drei werden Paulus von anderen zugefügt, die letzten drei nimmt er freiwillig im Rahmen seines Dienstes auf sich. Die Aufzählung konkreter Leiden macht deutlich, dass Paulus seine apostolische Existenz im Blick hat und er sich selbst - höchstens noch seinen offiziellen Mitverfasser des Briefes, Timotheus (vgl. 1,1) - meint, wenn er "wir“ bzw. "uns“ statt "ich“ bzw. "mir“ schreibt.

 

Der Begriff "plêgê“ bezeichnet den Schlag, wobei weniger an den Schicksalsschlag als vielmehr an körperliche Züchtigung zu denken ist. Aus verschiedenen ntl. Stellen ist uns bekannt, dass Paulus geschlagen wurde. Zu nennen sind die vierzig weniger einen Schläge der jüdischen Gerichtsbarkeit (vgl. 2 Kor 11,24) und die römische Rutenstrafe (vgl. Apg 16,22, vielleicht auch bei den nicht näher bestimmten Stockschlägen in 2 Kor 11,25 im Blick). Schläge dürften allgemein die Begleiterscheinung von Gefängnisaufenthalten gewesen sein (vgl. 2 Kor 11,23), die Paulus als nächstes Leiden nennt.

 

Als drittes Leiden erwähnt Paulus "akatastasiai“, "Unruhen“. Gemeint sein können der unstete Lebenswandel, der mit dem vielen Reisen und den vielen Ereignissen und menschlichen Kontakten verbunden war, oder auch Tumulte, die die Predigten des Apostels mit sich brachten (vgl. Apg 13,50; 14,5.19; 16,19-20; 17,5-9.13; 18,12-17; 19,23-20,1).

 

Die "kopoi“ ("Mühen“) konkretisiert Paulus nicht weiter. In 1 Thess 2,9 (vgl. 1 Kor 4,12) meint Paulus mit diesem Begriff die Mühen, die durch die ständige Arbeit verursacht wurden: So verkündigte Paulus nicht nur, sondern sorgte mittels handwerklicher Arbeit auch für seinen eigenen Unterhalt, um keiner Gemeinde finanziell zur Last zu fallen (zur Diskussion um die finanzielle Unterstützung der Missionare siehe 1 Kor 9,1-18). Da die Arbeit nach Aussage des Apostels Tag und Nacht erfolgte, dürften damit schlaflose Nächte verbunden gewesen sein (vgl. 2 Kor 11,27). Weniger wahrscheinlich, wenn auch möglich, ist die Begründung der schlaflosen Nächte mit den vielen Nöten und Ängsten.

 

Auch das verschiedentliche Fasten dürfte mit den Anstrengungen und Entbehrungen des apostolischen Daseins zu begründen sein. Religiös motiviertes freiwilliges Fasten ist wohl nicht gemeint.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 6

 

Beobachtungen: In V. 6 nennt Paulus positive Charakteristika seiner apostolischen Existenz, die als tadellos und von Erkenntnis geleitet, als nicht aufbrausend, sondern geduldig ertragend und freundlich dargestellt wird. Geprägt ist sein Handeln demnach vom heiligen Geist und von der ungeheuchelten Liebe, die gemäß 1 Kor 13,1-13 allem christlichen Tun zugrunde liegen sollte.

 

Weiterführende Literatur: L. L. Belleville 1996, 281-304 meint, dass die Bedeutung des (heiligen) Geistes in der Theologie des Paulus oft nicht angemessen gewürdigt werde. Sie befasst sich daher mit der Theologie des Geistes und fragt, wie sie die polemische und argumentative Haltung des Apostels in dem Zweiten Korintherbrief durchkreuzt. Dabei geht sie auf S. 291-293 auf das Wirken des heiligen Geistes im Rahmen der missionarischen Mühen ein. Solle das Wirken des Geistes lebensfähig sein, so müsse es nicht nur den Hörer der Predigt, sondern auch den Prediger selbst betreffen.

K. H. Easley 1984, 299-313 befasst sich mit der Frage, was es bedeutet, wenn etwas "im Geiste“ geschieht. Dabei versucht er zu klären, ob es sich bei der Formulierung "im Geiste“ um einen terminus technicus mit der stets gleichen Bedeutung handelt, oder ob die Bedeutung des Begriffs vom Zusammenhang abhängt. Ergebnis: Paulus gebrauche den Begriff nicht als einen terminus technicus. Vielmehr verweise der Apostel mit ihm auf den Geist als wirksamen Mittler der Kraft Gottes, durch den Christen bestimmte Erfahrungen zuteil werden und durch den die Gläubigen in die Lage versetzt werden, bestimmte Erwartungen zu erfüllen.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Auch die Art der Predigt erweist Paulus als Diener Gottes, denn sie ist von Wahrheit geprägt und von der Kraft Gottes beseelt. Es handelt sich also nicht um reines Menschenwort, das auf Täuschung abzielt.

 

Als Diener Gottes trägt Paulus eine geistliche Waffenrüstung. Die Formulierung "zur Rechten und zur Linken“ lässt an Angriffs- und an Verteidigungswaffen denken, denn der Angriff erfolgte durch Schwert, Speer oder Lanze in der rechten Hand, die Verteidigung durch den Schild in der linken. Paulus greift also einerseits mit seiner Predigt (im geistlichen Sinne) an, geht auf Menschen zu und versucht sie zum Glauben an das Versöhnungsgeschehen zu bewegen, andererseits muss er sich der Angriffe seiner Kritiker und Gegner erwehren. Diese Attacken nimmt er aber nicht nur verteidigend hin, sondern er geht gegen sie auch in die Offensive und versucht seine Kritiker und Gegner als eigennützig, selbstherrlich und der Menschen- statt Gottesweisheit folgend darzustellen. Die Formulierung "zur Rechten und zur Linken“ muss jedoch nicht Angriffs- und Verteidigungswaffen im Blick haben, sondern kann auch schlicht die umfassende Waffenrüstung bezeichnen.

 

Es handelt sich um "Waffen der Gerechtigkeit“, wobei der Genitiv unterschiedlich interpretiert werden kann. Er kann bezeichnen, von wem die Waffen stammen, was die Waffen charakterisiert, woraus sie bestehen oder auch was sie durchsetzen sollen. In ersterem Fall würden die Waffen von Jesus Christus oder Gott stammen. Jesus Christus hat keine Sünde begangen, zur Sünde hat er sich nur zur Rechtfertigung der Menschen gemacht (vgl. 5,16-21). Weil die Rechtfertigung der Menschen durch das versöhnende Kreuzesgeschehen zentraler Inhalt der Verkündigung ist, kann man auch sagen, dass die geistlichen Waffen von ihr geprägt sind, aus ihr bestehen. Das Ziel der Verkündigung ist, möglichst viele Menschen zum Glauben an das Versöhnungsgeschehen zu bewegen und sie damit der Rechtfertigung teilhaftig werden zu lassen. Von daher ist auch die Deutung möglich, dass mittels der Verkündigung Rechtfertigung durchgesetzt werden soll.

 

Weiterführende Literatur: P. Gräbe 2000, 120-131 befasst sich zunächst mit der Stellung von 6,3-10 − insbesondere von V. 7 − im Gesamtzusammenhang des Zweiten Korintherbriefs, dann analysiert er den Abschnitt und legt ihn aus.

 

H. K. Nielsen 1980, 137-158 definiert den Begriff "Kreuzestheologie“ als Verwirklichung der Christuszugehörigkeit allein in Schwachheit; dem Gekreuzigten nachfolgen sei also eine Nachfolge in der Sphäre Gottes. H. K. Nielsen geht der Frage nach, inwieweit die so definierte Kreuzestheologie eine haltbare Deutung der paulinischen Auffassung ist. Verhält es sich wirklich so, dass Gottes Macht und Herrlichkeit allein im Leiden und in den Bedrängnissen unter dem Vorzeichen des Kreuzes zum Ausdruck kommen? Um diese Frage zu beantworten, untersucht H. K. Nielsen Paulus’ Verwendung des Begriffs "dynamis“ ("Macht/Kraft“). Zu 6,4-10 merkt er auf S. 149-151 an, dass die Formulierung "in der Kraft Gottes“ davon zeuge, dass Paulus in seiner Selbstempfehlung auch auf Gottes aktives und erkennbares Wirken im apostolischen Dienst verweisen kann. Inmitten der mit dem Dienst verbundenen Schwachheit breche das Machtvolle durch.

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Zwei Gegensatzpaare verdeutlichen in V. 8 die unterschiedlichen Reaktionen auf das Wirken des Apostels, wobei der eine Begriff die Reaktion seiner Befürworter und der andere die Reaktion seiner Gegner ist. Von seinen Befürwortern wird Paulus mit Ehre und Lob bedacht, von seinen Gegnern mit Schande und Schmähung.

 

Auf die Reaktionen folgen die Bewertungen, und zwar wiederum in Gegensatzpaaren genannt. Die Bewertungen der Befürworter stehen denen der Gegner gegenüber. Paulus dürfte davon ausgehen, dass die Bewertung seitens Gottes bzw. Jesu Christi denen der Befürworter entspricht.

 

Die Gegner halten Paulus für einen Verführer, der mit seiner Lehre die Menschen täuscht und auf Abwege führt, die Befürworter sehen in ihm einen Wahrhaftigen, der die rechte Botschaft verkündigt.

 

Weiterführende Literatur: U. Luck 1985, 193 merkt im Rahmen seiner Ausführungen zur nicht zu überschätzenden Bedeutung der eigenen Bekehrung im Leben des Paulus an, dass dessen Verkündigung und Theologie vom Denken in Gegensätzen geprägt sei: Alt und neu, Gesetz und Evangelium, Adam und Christus, Buchstabe und Geist. Da aber Denkakt und Lebensakt bei Paulus nicht zu trennen seien, gelte das auch für seine Existenz.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Die Gegner kennen Paulus nicht. Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass sie nicht wissen, wer Paulus ist, sondern dass sie den Charakter seines Wesens und Tuns nicht erkennen und somit nicht anerkennen. Nur die Befürworter kennen Paulus wirklich und erkennen ihn und sein Tun an.

 

Die Gegner meinen angesichts der vielen Mühen und Leiden des Apostels, dass dieser sterbe. Die Befürworter verstehen dagegen, dass Paulus nur gezüchtigt und nicht getötet wird bzw. wurde. Dass Paulus sich von der Interpretation, dass er sterbe, distanziert, zeigt der Einwurf "siehe, ich lebe“. Man braucht also Paulus nur anzuschauen um zu sehen, dass er aus aller Not und Bedrängnis gerettet wurde. Paulus geht es jedoch nicht nur um die Tatsache, dass er das irdische Leben bewahrt hat, sondern ihm kommt es wesentlich auch auf das jenseitige Leben an: Er trägt das Sterben Jesu an seinem Leben herum, damit auch die Auferstehung und folglich auch das Leben Jesu an seinem Leib offenbar werde (vgl. 4,7-15). Paulus’ Gegner nehmen dementsprechend nicht nur das irdische Ergehen des Apostels ungenau wahr, sondern übersehen auch die Bedeutung, die die Verkörperung von Jesu Leiden im Hinblick auf das Ergehen am Ende der Tage hat.

 

Von wem er gezüchtigt wurde, schreibt Paulus nicht. Auch bleibt offen, warum er nicht getötet wird bzw. wurde. Aus 1,8-11 lässt sich jedoch entnehmen, dass die Rettung durch Gott erfolgt (ist), auf den Paulus sein Vertrauen setzt.

 

Weiterführende Literatur: Gemäß P. Middleton 2009, 82-93 komme Paulus am nächsten auf das Martyrium bei der Vorwegnahme seines eigenen Todes zu sprechen. Paulus stelle sich selbst als Vorbild leidender Jüngerschaft dar. So wie Paulus Christus nachahme, sollten die Christen Paulus nachahmen. Paulus schätze und empfehle das Leiden dermaßen, dass sein Aufruf zur Jüngerschaft tatsächlich ein Aufruf zum Leiden und zum Sterben sei. Leiden und Sterben würden von Paulus als ein Fortschreiten in der Christusbeziehung betrachtet. Wer ein Apostel werde, akzeptiere damit ein Todesurteil.

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Paulus empfindet sein Leben als gegensätzlich und nennt einige Aspekte. Dabei ist zu bedenken, dass die positive Sichtweise jeweils diejenige ist, der größeres Gewicht zukommt, weil sie nicht nur auf eine rein irdische Bewertung fixiert ist, sondern auch die jenseitigen Heilsgüter in Betracht zieht.

 

Paulus wird betrübt, wozu Mitglieder der korinthischen Gemeinde mit ihren Streitereien und ihrer Selbstsucht (vgl. 1 Kor 1,10-17; 11,17-22; 14) ihren gehörigen Beitrag leisten. Hinzu kommt, dass Paulus bei einem seiner Aufenthalte in Korinth von einem einzelnen Gemeindeglied betrübt worden ist (vgl. 2 Kor 2,1-11). Dass sich Paulus trotz der Betrübung und des Widerstandes seiner Gegner allezeit freut, dürfte damit zusammenhängen, dass er sein Wirken im Lichte der frohen Botschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen sieht. Die Freude ist folglich dauerhaft, im Gegensatz zur zeitlich begrenzten Trübsal.

 

Paulus lässt sich nicht von den Gemeinden unterhalten, sondern verdient seinen Lebensunterhalt mühsam mittels handwerklicher Arbeit, die seiner Aussage nach auch manche Nacht in Beschlag nimmt (s. o.). Angesichts dieser Umstände kann er sich als arm bezeichnen. Dennoch behauptet er von sich, viele Menschen reich zu machen. Damit ist wohl nicht die Geldsammlung für die Gemeinde in Jerusalem gemeint, die gegenwärtig im Gange ist (zur Kollekte siehe 8,1-9,15). Vielmehr ist anzunehmen, dass Paulus die Armut auf sein irdisches Dasein bezieht, die Vermittlung des Reichtums dagegen auf überirdische Güter. Aufgrund des großen Schatzes der Versöhnung Gottes mit den Menschen, die er predigt, kann er von sich behaupten, er mache viele reich - reich an himmlischen Gütern. Wer der Predigt des Apostels glaubt und sich taufen lässt, bekommt am Schatz der Versöhnung Anteil.

 

Da Paulus vom rein irdischen Standpunkt aus gesehen arm ist, hat er nichts, keinen Besitz. Und doch hat er alles, weil er aufgrund seines Glaubens und der Verbreitung der frohen Botschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen an dieser Anteil hat. Er geht davon aus, dass er am Ende der Tage verwandelt bzw. von den Toten auferweckt werden und das ewige Leben erlangen wird. Der Besitz des ewigen Lebens ist größer als alle irdischen Schätze. Paulus nimmt in seiner Formulierung das ewige Leben vorweg und schlussfolgert: Wer im Besitz des ewigen Lebens ist, dem gehört auch alles Irdische (vgl. 1 Kor 3,21-23).

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Baasland, Ernst; Anagkê bei Paulus im Lichte eines stoischen Paradoxes, in: H. Cancik u. a. [Hrsg.], Geschichte − Tradition − Reflexion III, Tübingen 1996, 357-385

Belleville, Linda L.; Paul’s Polemic and Theology of the Spirit in Second Corinthians, CBQ 58 (1996), 281-304

Easley, Kendell H.; The Pauline Usage of Pneumati as a Reference to the Spirit of God, JETS 27 (1984), 299-313

Fitzgerald, John T.; Cracks in an Earthen Vessel: An Examination of the Catalogues of Hardships in the Corinthian Correspondence (SBL.DS 99), Atlanta, Georgia 1988

Gräbe, Petrus J.; The Power of God in Paul’s Letters (WUNT II/123), Tübingen 2000

Hodgson, Robert; Paul the Apostle and First Century Tribulation Lists, ZNW 74,1-2 (1983), 59-80

Luck, Ulrich; Die Bekehrung des Paulus und das paulinische Evangelium: zur Frage der Evidenz in Botschaft und Theologie des Apostels, ZNW 76/3-4 (1985), 187-208

Middleton, Paul; “Dying we live” (2 Cor 6.9): Discipleship and Martyrdom in Paul, in: P. Middleton et al. [eds.], Paul, Grace and Freedom, FS J. K. Riches, London 2009, 82- 93

Nielsen, Helge Kjaer; Paulus Verwendung des Begriffes Dunamis. Eine Replik zur Kreuzestheologie, in: S. Pedersen [Hrsg.], Die paulinische Literatur und Theologie (TeolSt 7), Arhus 1980, 137-158

Peterson, Brian K.; 2 Corinthians 6,1-13, Interp. 51,4 (1997), 409-415

Schiefer Ferrari, Markus; Die Sprache des Leids in den paulinischen Peristasenkatalogen (SBB 23), Stuttgart 1991

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