Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Galaterbrief

Der Brief des Paulus an die Galater

Gal 1,13-14

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Gal 1,13-14



Übersetzung


Gal 1,13-14: 13 Ihr habt ja von meinem früheren Lebenswandel im Judentum gehört, dass ich maßlos die Gemeinde (des) Gottes verfolgte und sie zu zerstören trachtete. 14 Auch brachte ich es im Judentum weiter als viele Gleichaltrige in meinem Volk, weil ich in besonderem Maße ein Eiferer für meine väterlichen Überlieferungen war.



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V. 13


Beobachtungen: Um die besondere Bedeutung des Bekehrungserlebnisses für sein Leben zu unterstreichen, geht Paulus zunächst auf seinen Lebenswandel vor dem Bekehrungserlebnis ein. Paulus versucht deutlich zu machen, dass seine Verkündigung allein auf eine Offenbarung Christi zurückgeht und nicht auf menschliche Tradition und Lehre (vgl. 1,10-12).


Paulus’ früherer Lebenswandel im Judentum ist den Adressaten bekannt, denn sie haben schon vorher von ihm gehört. Offen bleibt jedoch, wann und auf welche Weise sie von ihm gehört haben. Am wahrscheinlichsten ist, dass Paulus selbst davon erzählt hat, denn hätten sie ihre Kenntnis nur vom Hörensagen, würde Paulus wohl kaum so sicher davon ausgehen, dass alle Adressaten informiert sind. Auch wäre nicht die Richtigkeit des Gehörten sichergestellt.


Der Begriff „ekklêsia“ kann sowohl mit „Gemeinde“ als auch mit „Kirche“ übersetzt werden. Folglich kann die Übersetzung von „ekklêsia tou theou“ „Gemeinde (des) Gottes“ oder „Kirche (des) Gottes“ lauten. Dabei hat Paulus die christliche Gemeinde, nicht die jüdische, im Blick. Obwohl durchaus eine ganz konkrete christliche Gemeinde im Blick sein kann, hat die Formulierung allgemeinen Charakter: Paulus hat die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, verfolgt.


Paulus hat die „Gemeinde (des) Gottes“ maßlos verfolgt. „Maßlos“ bedeutet, dass Paulus seine ganze Energie in die Verfolgung der Gemeinde gesteckt hat. Was ihn an der Gemeinde so störte, geht aus den Worten des Apostels nicht hervor. Es ist anzunehmen, dass er den Gedanken, dass der Mensch Jesus, der am Kreuz sein Leben gelassen hat, der vom Volk Israel erwartete heilbringende König (Messias) sein sollte. Aus der Sicht des Judenverfolgers Paulus handelt es sich bei dem gekreuzigten Jesus um einen Verfluchten, denn ein am „Holz“ Aufgehängter ist laut Dtn 21,23 bei Gott verflucht.


Aus der Sicht des Judenverfolgers Paulus handelt es sich bei den Anhängern Christi auch nicht um die „Gemeinde Gottes“, sondern um die Anhängerschar eines Verfluchten, die kein Recht hat, sich als „Gemeinde (des) Gottes“ zu verstehen. „Gemeinde Gottes“ ist für ihn das Volk Israel, dem die Verheißungen Gottes - gemeint ist der Gott Israels, wie er in der hebräischen Bibel (AT) zur Sprache kommt - gelten. Ein Jude, der Jesus nachfolgt (Judenchrist), ist demnach ein Abtrünniger von der „Gemeinde Gottes“.

Der Apostel Paulus hat jedoch eine andere Sicht auf die Dinge: Die Christen erscheinen als (wahre) „Gemeinde (des) Gottes“. Damit stellt sich jedoch das Problem, wer die Juden sind, die Jesus nicht als den verheißenen heilbringenden König ansehen.


Ob Paulus vor seiner Bekehrung zur Verfolgung der Juden aufgefordert oder entsandt wurde oder ob er die Verfolgung aus freien Stücken aufnahm, bleibt offen. Es lässt sich jedoch etwas über den zeitlichen Umfang der Verfolgung sagen: So weist das Verb im Imperfekt („ediôkon“ = „ich verfolgte“) darauf hin, dass sie nicht einmalig war, sondern sich über eine längere Zeitdauer erstreckte und hartnäckig war. Genaueres lässt sich über die Zeitdauer jedoch nicht sagen.

Klar ist allerdings das Ziel: Die aus Anhängern Jesu bestehende, selbsternannte „Gemeinde (des) Gottes“ sollte zerstört werden.


Weiterführende Literatur: E. Dubuis 1988, 163-173 meint, dass in Gal 1-2 die Erzählung vorherrschend und die Erklärung untergeordnet sei; in Gal 3-4 dagegen sei die Erklärung vorherrschend und die Erzählung untergeordnet.


R. G. Hall 1991, 308-320 befasst sich kritisch mit der These von J. Knox 1987, 19, dass die von Paulus gegebenen historischen Informationen vertrauenswürdiger als diejenigen der Apostelgeschichte seien und die Apostelgeschichte die autobiographischen Informationen ergänzen, aber niemals ersetzen könne. R. G. Hall wendet ein, dass Paulus im Rahmen der antiken rhetorischen Praktiken alle Freiheit im Umgang mit Fakten zu historischen Begebenheiten gehabt habe. Deshalb sei Paulus nicht unbedingt vertrauenswürdiger als die Apostelgeschichte.


T. Wiarda 2004, 231-252 befasst sich mit der Handlung und der Selbst-Charakterisierung des Paulus in 1,13-2,21.


M. Konradt 2010, 25-67 geht der Frage nach, ob es sich bei den Aussagen des Paulus über das Judentum, wie sie sich aus seinen Briefen zusammenstellen lassen ganz selbstverständlich um ein Selbstbild oder um ein Fremdbild handelt. Insbesondere gehe es darum, welche Bedeutung für ihn selbst seine jüdische Herkunft im Rahmen seines Selbstverständnisses nach dem Damaskusereignis besaß. Darüber hinaus sei zu erörtern, welches Bild Paulus vom Judentum zeichnet. Ergebnis: Paulus sei in Damaskus nicht zu einem liberaleren Gesetzesverständnis bekehrt worden, wie es in der Jesusbewegung selbst vertreten worden sei. Die Tora sei für Paulus etwas Ganzes, Unteilbares geblieben, aus dem man sich nicht einzelne Gebote „herauspicken“ kann. Und er habe Tora eben ganz zentral unter dem Aspekt der Abgrenzung von den Völkern verstanden, die nun hinfällig geworden sei. Wohl erst in einem zweiten Schritt habe Paulus die im Gefolge von Damaskus gewonnene Überzeugung, dass Heiden nun vollen Zutritt zum Heil Gottes haben, ohne Juden werden zu müssen, weiter zu einer theologischen Theorie über die Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen, Juden wie Nichtjuden, wie sie sich in Röm 1,18-3,20 ausgeführt finde, entwickelt. Das Bild, das Paulus vom Judentum zeichnet, sei durch den Aspekt mitbestimmt, welcher Variante jüdischen Lebens Paulus selbst vor seiner Kehre anhing (Paulus als Pharisäer). Es zeige sich zugleich als ein Spiegelbild der Herausarbeitung (s)einer christlichen Identität. Die Konturen des Bildes des Judentums in den paulinischen Briefen seien in einer biographisch-historischen Betrachtung mit dem spezifischen Lebensweg des Paulus in Beziehung zu setzen.

J. D. G. Dunn 1999, 174-193 geht der Frage nach, inwiefern sich Paulus selbst als Jude versteht. Ergebnis: Paulus sei gebürtiger Jude, doch verstehe er sein Judesein als innerlich, nicht äußerlich. Er messe der Beschneidung und den Speisegeboten keine besondere Bedeutung bei. Auch betone er nicht die völkischen Aspekte des Judentums und den Gedanken der Abgrenzung des erwählten Volkes. Paulus sei Diasporajude. Er sei im historischen und religiösen Erbe seines Volkes verankert, habe sich jedoch den Erfordernissen infolge der göttlichen Offenbarung angepasst.


T. L. Donaldson 1989, 655-682 befasst sich mit dem Gegensatz Tora – Christus. Schon als Jude habe Paulus einen Gegensatz gesehen, doch stelle sich die Frage, inwiefern er von Christus eine Gefahr ausgehen sah. Ergebnis: Die Ablehnung sei nicht nur mit Dtn 21,22-23 zu begründen, wonach jeder, der am „Holz“ hängt, verflucht ist. Entscheidender sei die grundsätzliche Rivalität von Tora und Christus im Hinblick auf die Bedeutung bei der Erlösung.


Zur theologischen Bildung des vorchristlichen Paulus und zum Selbstzeugnis des Paulus siehe M. Tiwald 2008, 144-183. Paulus sei Jude gewesen und geblieben, zeit seines ganzen Lebens, auch als Christ.


R. B. Cook 2002, 182-191 vertritt nach einem knappen Überblick über die bisherigen Thesen bezüglich der Frage, wer die Kritiker des Paulus sind, die Ansicht, dass es sich bei den Kritikern um Paulus‘ Verfolgungsopfer handele, die wie er selbst Diasporajuden(christen) seien. Sie hätten zur Zeit der Verfolgungen Versammlungen der Jesusbewegung besucht.


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V. 14


Beobachtungen: Paulus war in der Zeit vor der Bekehrung ein gelehriger Schüler. Das geht aus dem griechischen Verb „prokoptô“ und aus dem Vergleich mit den Gleichaltrigen hervor. „Prokoptô“ bedeutet nicht einfach nur „herausragen“, sondern „Fortschritte machen / voranschreiten“. Paulus schritt in seinen Studien besser voran als seine Gleichaltrigen und ragte im Judentum schließlich im Vergleich zu diesen heraus.

Die Gleichaltrigen, mit denen sich Paulus vergleicht, sind die Gleichaltrigen seines „Geschlechts“ („genos“). Mit „Geschlecht“ ist die gleiche Abkommenschaft gemeint, wobei nicht klar ist, um welche Abkommenschaft es sich handelt. Bei der Abkommenschaft kann es sich um eine Sippe, um einen Volksstamm oder auch um das ganze Volk Israel handeln. Da Paulus allgemein von dem „Judentum“ spricht, ist anzunehmen, dass mit „meinem Geschlecht“ allgemein die Juden, die Nachkommen der Erzväter Israels, gemeint sind.


Der Begriff „Ioudaismos“ („Judaismus/Judentum“) bezeichnet sicherlich nicht allein die Zugehörigkeit zum Volk Israel, denn diese wird durch die Geburt von einer jüdischen Mutter und (bei den Männern) durch die Beschneidung der Vorhaut des Gliedes erworben; Fortschritte machen kann man in der Zugehörigkeit zum Volk Israel nicht. Wenn Paulus sagt, dass er es im „Judentum“ weiter brachte als die Gleichaltrigen in seinem Volk, so bezieht sich dies vermutlich auf die Strenge, mit der er die väterlichen Überlieferungen hielt. Durch seinen Lerneifer scheint sich Paulus in seinem Lebenswandel immer genauer an diese Überlieferungen gehalten zu haben.


Paulus benutzt den Begriff „zêlôtês“, der mit „Eiferer“ zu übersetzen ist. Paulus war ein Eiferer im Hinblick auf die Befolgung seiner väterlichen Überlieferungen, nicht gegenüber der römischen Besatzungsmacht. Von daher ist nicht anzunehmen, dass er den „Zeloten“ angehörte, derjenigen nationalbewussten Bewegung Israels, die sich schließlich im „Jüdischen Krieg“ (66-70/74 n. Chr.) im Kampf gegen die Römer hervortat.


Bei den „väterlichen Überlieferungen“ handelt es sicherlich nicht um solche, die Paulus von seinem leiblichen Vater vermittelt bekam. Vielmehr geht es um die gesamte Überlieferung, die dem Volk Israel von den Erzvätern an vermittelt wurde und allmählich anwuchs. Dazu gehört zunächst einmal das „geschriebene Gesetz“, die von den Juden „Tenach“ genannte hebräische Bibel (AT). Der Begriff „Tenach“ setzt sich aus den Initialen der Worte „Tora“, „Neviim“ und „Ketuvim“ zusammen, die die drei Bestandteile der hebräischen Bibel bilden. Bei der „Tora“ (griechisch: „Pentateuch“) handelt es sich um die „Weisung“, die fünf Bücher Mose. „Neviim“ sind die „Propheten“, also die prophetischen Bücher, und die mit „Schriften“ zu übersetzenden „Ketuvim“ sind die übrigen Schriften, zu denen beispielsweise die Psalmen gehören. Die „väterlichen Überlieferungen“ umfassen aber wahrscheinlich nicht nur das „geschriebene Gesetz“, sondern auch das „mündliche Gesetz“, das folgendermaßen zu verstehen ist: Mose sind auf dem Berg Sinai von Gott die Regeln übermitteln worden, wie das „schriftliche Gesetz“ zu interpretieren ist. Anhand dieser Regeln legten die Schriftgelehrten nun die Texte hebräischen Bibel aus. Die Auslegungen waren ursprünglich mündlicher Art, wurden jedoch im Laufe der Zeit verschriftlicht. So entwickelten sich die Mischna, eine Sammlung von Urteilen und überlieferten Gesetzen aus allen Bereichen der religiösen und zivilen Rechtsprechung, und deren Kommentar, die Gemara. Die Mischna und die Gemara wurden schließlich im Talmud zusammengefasst. Da es sowohl im Land Israel als auch in Babylon Auslegungsschulen gab, gab es auch zwei verschiedene Gemarot und letztendlich zwei verschiedene Talmude, denjenigen von Jerusalem und denjenigen von Babylon. Die Endredaktion der Talmude war um 500 n. Chr. abgeschlossen.


Weiterführende Literatur: M. F. Fairchild 1999, 514-532 ist der Ansicht, dass der Begriff „zêlôtês“ nicht – wie von verschiedenen Auslegern behauptet - als Adjektiv, sondern als Substantiv mit der Bedeutung „Zelot“ zu verstehen sei. Paulus sei in der Zeit vor seiner Bekehrung von der Zelotenbewegung beeinflusst gewesen.

T. Seland 2002, 453-455 gibt einen Forschungsüberblick zu „Paulus als Zelot“ und geht dabei in besonderem Maße auch auf den Charakter der Zelotenbewegung ein. Er selbst berücksichtigt bei seiner Charakterisierung die Schriften Philos von Alexandrien. Er sieht die Sichtweise gestützt, dass es sich um keine einheitliche Bewegung gehandelt habe. Vielmehr sei von einer Vielzahl wachsamer Individuen auszugehen, die bei groben Toraverstößen das Recht selbst in die Hand nahmen.



Literaturübersicht


Cook, Richard B.; Paul and the Victims of His Persecution: The Opponents in Galatia, BTB 32/4 (2002), 182-191

Donaldson, T. L.; Zealot and Convert: The Origin of Paul’s Christ-Torah Antithesis, CBQ 51/4 (1989), 655-682

Dubuis, Eric; Paul et la Narration de soi en Galates 1 et 2, in: P. Bühler, J.-F. Habermacher [éds.], La Narration. Quand le Récit devient Communication (Lieux Théologiques; 12), Publications de la Faculté de Théologie de l’Université de Neuchâtel, Genève 1988, 163-173

Dunn, James D. G.; Who Did Paul Think He Was? A Study of Jewish Christian Identity, NTS 45/2 (1999), 174-193

Fairchild, Mark R.; Paul’s Pre-Christian Zealot Associations: A Re-examination of Gal 1.14 and Acts 22.3, NTS 45/4 (1999), 514-532

Hall, Robert G.; Historical Inference and Rhetorical Effect: Another Look at Galatians 1 and 2, in: D. F. Watson [ed.], Persuasive Artistry (JSNTS 50), Sheffield 1991, 308-320

Knox, John; Hare, Douglas R.; Chapters in a Life of Paul, Macon, Georgia, rev. ed. 1987

Konradt, Matthias; “Mein Wandel einst im Ioudaismos“ (Gal 1,13). Paulus als Jude und das Bild des Judentums beim Apostel Paulus, in: R. Bloch u. a. [Hrsg.], Fremdbilder - Selbstbilder. Imaginationen des Judentums von der Antike bis zur Neuzeit, Basel 2010, 25-67

Seland, Torrey, Saul of Tarsus and Early Zealotism. Reading Gal 1,13-14 in Light of Philo’s Writings, Bib. 83/4 (2002), 449-471

Tiwald, Markus; Hebräer von Hebräern: Paulus auf dem Hintergrund frühjüdischer Argumentation und biblischer Interpretation (HBS 52), Freiburg i. Br. 2008

Wiarda, Timothy; Plot and Character in Galatians 1-2, TynB 55/2 (2004), 231-252


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