Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Galaterbrief

Der Brief des Paulus an die Galater

Gal 1,15-24

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Gal 1,15-24



Übersetzung


Gal 1,15-24:15 Als es aber dem gefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hatte, 16 mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da beriet ich mich nicht sogleich mit Fleisch und Blut, 17 zog auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern begab mich nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück. 18 Danach, drei Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. 19 Einen anderen von den Aposteln sah ich jedoch nicht, außer Jakobus, den Bruder des Herrn. 20 Was ich euch aber schreibe, siehe, vor Gott [schwöre ich]: Ich lüge nicht! 21 Danach ging ich in die Gebiete von Syrien und Kilikien; 22 ich blieb jedoch den Gemeinden Judäas, die in Christus sind, persönlich unbekannt. 23 Sie hörten lediglich: Der uns einst verfolgte, verkündigt nun den Glauben, den er einst zu vernichten suchte. 24 Da priesen sie um meinetwillen Gott.



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V. 15


Beobachtungen: Nachdem Paulus in V. 13-14 kurz auf seine Verfolgungstätigkeit und seinen Lebenswandel vor seiner Bekehrung zum Christentum eingegangen ist, kommt er in V. 15-17 auf das entscheidende Offenbarungserlebnis zu sprechen, das seine Bekehrung bewirkte. Dabei geht er jedoch nicht auf Einzelheiten des Erlebnisses ein, sondern erwähnt es nur insofern, als er damit unterstreichen kann, dass seine Verkündigung allein auf eine Offenbarung Christi zurückgeht und nicht auf menschliche Tradition und Lehre (vgl. 1,10-12).


„Aber“ zeigt eine Wende an: Demjenigen, der die Anhänger Jesu Christi verfolgt hatte, wurde Jesus Christus offenbart.

Dass Paulus die Offenbarung zuteil wurde, ist in keinster Weise auf Menschen oder auf menschliches Verdienst zurückzuführen, sondern allein auf Gnade, und zwar – wie eindeutig aus V. 16 hervorgeht – auf Gottes Gnade.


Die Offenbarung Jesu Christi prägt das gesamte Leben des Apostels, nicht nur die Zeit nach dem Offenbarungserlebnis. Paulus geht davon aus, dass er von seiner Mutter Leib, also von seinem Lebensbeginn an, ausgesondert und zur Offenbarung berufen war. Die Aussonderung vom Mutterleib an erinnert an die Berufung des Propheten Jeremia (vgl. Jer 1,5) und des „Gottesknechtes“ des Jesajabuches (vgl. Jes 49,1.5).


Weiterführende Literatur: E. Dubuis 1988, 163-173 meint, dass in Gal 1-2 die Erzählung vorherrschend und die Erklärung untergeordnet sei; in Gal 3-4 dagegen sei die Erklärung vorherrschend und die Erzählung untergeordnet.


T. Wiarda 2004, 231-252 befasst sich mit der Handlung und der Selbst-Charakterisierung des Paulus in 1,13-2,21.


Im ersten Abschnitt will M. Wolter 1991, 180-193 zeigen, dass und inwiefern Paulus in Gal 1,11-24 die maßgebliche Grundlage für seine Schrifthermeneutik formuliere, die ihn bei der in Kapitel 3-4 geführten Diskussion um die Zugehörigkeit zu dem in Abraham erwählten Gottesvolk leite. Der zweite Abschnitt dient der Einordnung der gewonnenen Ergebnisse in den Zusammenhang der im Galaterbrief sichtbar werdenden Kontroverse, die zusätzlich verdeutliche, dass auch die Darstellung seiner nachkonversionellen Biographie von Paulus als Beleg für einen Paradigmenwechsel der Schrifthermeneutik konzipiert ist.


K. O. Sandnes 1991, 59 interpretiert das griechische Verb „eudokein“ („gefallen“) dahingehend, dass Gott einen Plan für Paulus gehabt und diesen mit einem festen Zeitpunkt verbunden habe. So sei der Zeitpunkt der Offenbarung von vornherein festgelegt gewesen. Auf S. 60-61 geht K. O. Sandnes auf Übereinstimmungen zwischen Gal 1,15b, Jer 1,5 und Jes 49,1 ein.


J. Knox 1987, 301-304 legt dar, dass wir gewöhnlich 1,15 als Paulus‘ Bekehrung, also den Beginn des neuen Glaubens, verstehen. Auffällig sei jedoch, dass Paulus nie seiner Bekehrung an sich Wert beimesse, sondern er sie grundsätzlich im Zusammenhang mit seinem Apostolat sehe. Folglich werde gemeinhin angenommen, dass Paulus mit der Offenbarung Christi zugleich den christlichen Glauben angenommen und seine apostolische Berufung empfangen habe. Nun habe aber J. P. Bercovitz 1985, 28-37 darauf hingewiesen, dass Paulus schon vor der Offenbarung Christ gewesen sein dürfte. Begründet werde diese überraschende Interpretation insbesondere mit der Bedeutung des Verbs „kalein“, das mit „berufen“ zu übersetzen sei. Gemeint sei immer die wirksame Berufung zum christlichen Glauben. Das Partizip stehe in V. 15 in der Zeitform Aorist, und der Zusammenhang (vgl. insbesondere das Nebeneinander von „kalesas“ = „der berufen hatte“ und „aphorisas“ = „der ausgesondert hatte“) weise auf Vorzeitigkeit hin. J. Knox folgt J. P. Bercovitz insoweit, als auch er davon ausgeht, dass Paulus durch seine Kontakte mit Christen sich schon Wissen über deren Glauben angeeignet habe und dem christlichen Glauben schon nahe gewesen sei. Dass Paulus diese Nähe bewusst gewesen ist, hält J. Knox jedoch nicht für wahrscheinlich.

Dass das Damaskus-Erlebnis durchaus als Bekehrung verstanden werden könne, legt P. F. Craffert 1989, 36-47 dar.


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V. 16


Beobachtungen: Die Offenbarung Jesu Christi hat einen bestimmten Zweck: Paulus soll ihn unter den Heiden verkündigen. Jesus Christus ist also der zentrale Inhalt der frohen Botschaft, die es zu verbreiten gilt. Aber wie kann ein Name und Titel der zentrale Inhalt einer Botschaft sein? Paulus scheint hier im Zusammenhang mit dem Namen und Titel nicht an eine ausgefeilte Theologie zu denken. Nur eine einzige klare theologische Aussage lässt sich erkennen: Jesus Christus lebt! Würde er nicht leben, dann hätte er nicht offenbart werden können.


Jesus Christus hat sich nicht selbst offenbart, sondern er ist offenbart worden, und zwar von Gott, wobei dieser jedoch nur von einem Teil der Handschriften ausdrücklich genannt wird. Gott ist es auch, der Paulus von dessen Mutter Leib an ausgesondert hat.


Paulus macht die Unabhängigkeit seiner Verkündigung des lebenden Jesus Christus von jeglicher menschlichen Tradition und Lehre dadurch deutlich, dass er unterstreicht, dass er sich nach der Offenbarung nicht sogleich mit „Fleisch und Blut“ beriet. „Fleisch und Blut“ meint den Menschen an sich, der ja aus Fleisch und Blut besteht. Der Beratung mit Menschen hätte ein Bericht über den offenbarten Inhalt zugrunde gelegen. Anhand dieses Berichtes wäre eine entsprechende zu verkündigende Lehre ersonnen worden.


Weiterführende Literatur: Mit der Bedeutung des Damaskuserlebnisses für die paulinische Theologie befasst sich J. D. G. Dunn 1987, 251-266. Er legt dar, dass Paulus‘ Berufung zum Heidenapostel zwar nicht allein im Damaskuserlebnis wurzele, jedoch dessen wesentlicher Inhalt und zugleich unmittelbarer und dauerhaftester Eindruck gewesen sei.

W. Baird 1985, 651-662 geht anhand von 1 Kor 12,1-5 und Gal 1,11-17 der Frage nach, welche Bedeutung die Offenbarungserlebnisse für Paulus’ apostolischen Dienst haben. Ergebnis: Der apostolische Dienst gründe sich nicht auf Offenbarungserlebnissen, sondern auf der Erfahrung der Schwachheiten. In Gal 1,11-17 sei zwar von einer religiösen Erfahrung die Rede, die für den apostolischen Dienst grundlegend ist, doch sei diese von einem esoterischen Erlebnis, in dem nichts vermittelt wird, verschieden, denn es handele sich um ein Berufungserlebnis.


U. Luck 1985, 187-208 legt dar, dass die Offenbarung des Sohnes für Paulus selbst zugleich seine Berufung zur Verkündigung des Evangeliums in der Völkerwelt sei. Wenn die Offenbarung des Sohnes zugleich die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes und die Überwindung des Gesetzes sei, dann sei eben dies zugleich der Inhalt des Evangeliums: die Gerechtigkeit Gottes werde durch die Verkündigung des Apostels offenbar.


C. Burfeind 2004, 129-130 weist darauf hin, dass Paulus nicht „tois ethnesin“ („den Heiden“), sondern „en tois ethnesin“ („unter den Heiden“) predigen solle. Das Gewicht der Aussage liege nicht auf dem personalen, sondern auf dem territorialen Aspekt: nicht den einzelnen Heiden, sondern unter den Heiden, im Gebiet der Völker solle die Verkündigung erfolgen. Vor diesem Hintergrund werde verständlich, warum Paulus nicht auch die Heiden im heiligen Land missioniert hat und wie er regelmäßig in Synagogen predigen konnte, die in Heidenland lagen. Der territoriale Aspekt verweise auf den personalen: Paulus solle außerhalb des Landes Israel, nämlich den Heiden, das Heidenevangelium predigen. Aus 1,16b-24 folgten zwei Kernaussagen: a) Paulus wurde unmittelbar zum Apostel berufen; b) er wurde unmittelbar zum Heidenapostel berufen.


H. A. Brehm 1994/95, 11-16 legt dar, dass das Paulus‘ Verhältnis zu den „Säulen“ Jerusalems zweideutig sei. Einerseits betone er die göttliche, nicht menschliche Herkunft seines Evangeliums und die Begrenztheit der Kontakte zu den „Säulen“, andererseits bezeuge er den Willen sich zu fügen, indem er den „Säulen“ das Evangelium vorlegt. Das Verhältnis sei nicht frei von Spannungen gewesen, wie der Konflikt mit Petrus/Kephas zeige. Die Art und Weise, wie Paulus mit Konflikten umgeht, sei für Christen der Gegenwart beispielhaft.

J. D. G. Dunn 1982, 461-478 macht folgende Kernaussagen zum Verhältnis des Paulus zu den Jerusalemer Aposteln gemäß Gal 1-2: Paulus wahre die Unabhängigkeit seines Evangeliums und Apostolats Gültigkeit und Autorität betreffend. Früher sei er von der Jerusalemer Führung abhängig gewesen, wie sich dem Gebrauch des Verbs „prosanatithesthai“ („sich beraten“) entnehmen lasse. Zur Zeit der Abfassung des Galaterbriefes erkenne Paulus jedoch die Autorität „Jerusalems“ nicht mehr in gleichem Maße an.

Laut S. Sabugal 1981, 107-118 bedeute Gal 1,11-17, dass das paulinische Evangelium direkt der göttlichen Offenbarung zu verdanken ist und dass sein apostolischer Auftrag nicht seinen Vorgängern im Apostolat, sondern direkt dem göttlichen Auftrag verbunden ist. Die Bekehrung des Paulus sei nicht vor Damaskus geschehen; das „damaszenische Land“ bezeichne die Gegend von Qumran.


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V. 17


Beobachtungen: Paulus zog auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die schon vor ihm Apostel waren. Bei diesen Personen handelt es sich auch um Menschen aus Leib und Blut, sodass sich die Frage stellt, warum er die Jerusalemer Apostel eigens erwähnt. Am wahrscheinlichsten ist, dass dies wegen ihres Apostelstatus’ geschieht. Es lag ja schließlich nahe, dass ein Apostel, dem gerade Jesus Christus offenbart worden war, sich sogleich zur Beratung zu anderen Aposteln begibt. Dabei erklärt Paulus nicht, was einen Apostel kennzeichnet. Im allgemeinsten Sinn bezeichnet der griechische Begriff „apostolos“ einen Gesandten, wobei es sich auch um einen gewöhnlichen Gesandten einer Gemeinde handeln kann. In V. 17 hat Paulus aber sicherlich nicht solche gewöhnlichen Gesandten im Blick, sondern der Apostolat scheint mit einer Erscheinung Jesu Christi verbunden zu sein. Es ist also davon auszugehen, dass den Jerusalemer Aposteln eine solche Erscheinung zuteil wurde. Offen bleibt jedoch, wann und in welcher Weise ihnen Jesus Christus erschienen ist. Bezüglich seines eigenen Falles benutzt Paulus das Verb „apokalypsô“ (vgl. V. 16), das mit der „kalymma“, der „Hülle“ (Decke, Schleier o. ä.), zusammenhängt. Der Auferstandene war Paulus so lange verhüllt, bis er diesem enthüllt (= offenbart) wurde. Enthüllt wurde dabei der in den Himmel aufgefahrene Auferstandene. Bezüglich der Jerusalemer Apostel kommt aber auch in Frage, dass ihnen der Auferstandene noch vor der Himmelfahrt erschienen ist und es sich somit um eine Begegnung auf Erden und nicht um eine Vision/Audition handelte. Der Aufenthaltsort Jerusalem lässt tatsächlich auf ein Aufeinandertreffen mit dem Auferstandenen noch vor der Himmelfahrt schließen, denn Jesus ist ja in Jerusalem gekreuzigt und ist auch dort begraben und von den Toten auferweckt worden. Auch weist Paulus ausdrücklich darauf hin, dass die Jerusalemer schon vor ihm Apostel waren. Was eine Begegnung mit Jesus noch vor dessen Kreuzigung betrifft, so dürfte diese kaum für den Apostolat grundlegend sein. Vor der Kreuzigung hatte Jesus ja Kontakt mit vielen Menschen und die Beauftragung mit der Verkündigung durch den Auferstandenen persönlich setzt eine Erscheinung des Auferstandenen voraus. Oder hat Jesus angesichts seines Wissens bezüglich der bevorstehenden Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung bestimmte Jünger - vielleicht die Zwölf - mit der zukünftigen Verkündigung des Heilsgeschehens beauftragt? (Zu den weiteren Problemen bezüglich der Bestimmung des Apostelkreises siehe V. 19.)


Statt sich mit irgendeinem Menschen zu beraten, ist Paulus nach Arabien („Arabia“) gegangen. Dabei ist jedoch unklar, welche Region mit diesem geographischen Namen gemeint ist. Heute denken wir zunächst an die Arabische Halbinsel. Ob Paulus jedoch dieses unwirtliche, von Sandwüsten geprägte Gebiet meint, ist fraglich. Gal 4,25 gibt einen Anhalt für die Lokalisierung: Demnach befindet sich der Berg Sinai auf der heute zu Ägypten gehörenden Sinaihalbinsel in Arabien. Allerdings dürfte zu Arabien mehr gehört haben als nur ein einziger Berg. Doch wohin hat sich das Gebiet ausgedehnt? Zur Zeit des Paulus wurde das Königreich der Nabatäer, eines Araberstammes, das sich östlich des Toten Meeres weit von Nord nach Süd erstreckte, als „Arabien“ bezeichnet. Hauptstadt dieses Reiches war Petra. Mit der Unterwerfung der Nabatäer durch den römischen Kaiser Trajan (98-117 n. Chr.) entstand in nachpaulinischer Zeit die römische „Arabia provincia“, die auch die Halbinsel Sinai umfasste. Wo sich Paulus in Arabien aufgehalten hat, bleibt im Dunkeln.


Nach Arabien aufgebrochen ist Paulus von Damaskus aus, wie das Verb „zurückkehren“ beweist. Dabei stellt sich jedoch die Frage, was er in Arabien gemacht hat. Hat er sich dorthin zurückgezogen, um das Offenbarungsgeschehen seelisch zu verarbeiten? Hat er sich vielleicht sogar an den Berg Sinai zurückgezogen, wo Mose von Gott die Zehn Gebote übergeben worden waren (vgl. Ex 19-20) und nach jüdischer Überlieferung auch das gesamte „geschriebene Gesetz“ und das „mündliche Gesetz“ (vgl. dazu die Beobachtungen zu Gal 1,14)? Oder hat Paulus in Arabien gepredigt? Keine der Thesen lässt sich überzeugend belegen.


Unklar ist auch, warum Paulus nach Damaskus zurückkehrte. Dass er sich in Arabien aufgrund seiner Predigt Feinde gemacht hat, geht aus dem Text nicht hervor. Der Hinweis auf die Rückkehr nach Damaskus erfolgt eher beiläufig, ohne dass ihm besondere Bedeutung beizumessen ist. Nur der Stadt Damaskus an sich scheint Bedeutung zuzukommen, denn in ihr oder bei ihr hat sich vermutlich die Offenbarung Jesu Christi abgespielt (vgl. Apg 9,1-9). Fraglich ist allerdings, ob Paulus tatsächlich - wie Apg 9,19b-20 behauptet - dort seine Verkündigungstätigkeit begonnen hat.


Weiterführende Literatur: N. T. Wright 1996, 683-692 geht der Frage nach, warum Paulus nach Arabien ging. Der Text sage nichts darüber aus, sodass die bisherigen Überlegungen auf Spekulationen beruhten: Paulus habe in der Abgeschiedenheit meditiert und sich so auf seine Heidenmission vorbereitet; oder es habe sich um die ersten Anfänge der Heidenmission gehandelt. Meist werde angenommen, dass der Hinweis auf den Arabienaufenthalt in erster Linie betonen wolle, dass Paulus nicht nach Jerusalem ging. N. T. Wright dagegen sieht Paulus in der Pinhas-Elija-Tradition. Sowohl Pinhas (vgl. Num 25,7-13) als auch Elija (vgl. 1 Kön 19,14) seien Eiferer gewesen, ebenso wie der eifernde Pharisäer Paulus. Die Verfolgung der Kirche sei dieser Tradition entsprungen. Doch der Gott Israels habe Paulus – wie auch Elija – aufgerufen, vom Eifer Abstand zu nehmen und von neuem auf ihn zu hören. Nach Arabien, wozu auf jeden Fall der Berg Sinai gehört habe, habe sich Paulus begeben, um von dem Eifer der Christenverfolgung zu lassen und stattdessen Jesus Christus als den wahren Messias zu verkündigen. Ebenso wie Elija (vgl. 1 Kön 19,15) sei Paulus mit einem neuen Auftrag wieder nach Jerusalem zurückgekehrt.


G. D. Kilpatrick 1983, 318-326 vertritt die Ansicht, dass sich das Vokabular und die Sprache in Gal 1,13-2,14 vom Rest der paulinischen Briefe unterscheide. Unter anderem werde die Stadt Jerusalem in 1,17-18; 2,1 (anders als in 4,25-26) „Hierosolyma“ statt „Hierousalêm“ genannt und in 2,7 finde sich für Petrus die Bezeichnung „Petros“ statt „Kêphas“; an anderen Stellen variiere die Bezeichnung von Textzeuge zu Textzeuge. Man könne die Unterschiede zwischen Gal 1,13-2,14 und dem Rest der paulinischen Briefe mit einem literarischen Bruch erklären oder auch damit, dass es sich bei dem Abschnitt um das memorandum einer Person handele, die bei den Meinungsverschiedenheiten anwesend und auf derselben Seite wie Paulus war. G. D. Kilpatrick hält jedoch folgende Erklärung für am wahrscheinlichsten: Die Sprache entspreche derjenigen der Gemeinde in Antiochien, einer Stadt, die in den Jahren 40-70 eine größere Rolle als gemeinhin angenommen gespielt habe.

Auch J. Murphy-O’Connor 1999, 280-281 misst der ausnahmsweisen Bezeichnung Jerusalems als „Hierosolyma“ Bedeutung bei. Er erklärt den Sachverhalt wie folgt: Die Bezeichnung „Hierosolyma“ sei von jüdischen Autoren dann benutzt worden, wenn sie für heidnische Adressaten schrieben. Die Bezeichnung sei von heidnischen Autoren übernommen worden. Angesichts des heidenchristlichen Charakters der galatischen Gemeinden (vgl. 4,8) sei es sehr wahrscheinlich, dass die Eindringlinge von „Hierosolyma“ gesprochen haben, wenn sie sich auf das Verhältnis des Paulus zur Mutterkirche bezogen. Daher habe auch Paulus diese Bezeichnung bei der Verteidigung seiner Unabhängigkeit von Jerusalem gewählt, um zu verdeutlichen, dass er und seine Gegner über den gleichen Ort sprechen. So sei es nicht verwunderlich, dass „Hierosolyma“ auf Gal 1-2 begrenzt ist.

Anders J. Jeremias 1974, 274-275: In ntl. Zeit habe es zwei griechische Namensformen für die Heilige Stadt gegeben: „Hierousalêm“ und „Hierosolyma“. Die erstgenannte Form habe durch die Septuaginta Dignität und sakralen Klang; es sei kein Zufall, dass sie (abgesehen von Klearchos) ausschließlich bei jüdischen Schriftstellern nachweisbar ist. Die hellenisierte Form „Hierosolyma“ dagegen sei die bei den Nichtjuden übliche profane Bezeichnung Jerusalems gewesen, die aber auch von jüdischen Autoren benutzt worden sei, wenn sie ein griechisch redendes Leserpublikum ansprechen wollten. Paulus gebrauche im Galaterbrief da die profane Form „Hierosolyma“, wo er über seine Besuche in der Heiligen Stadt berichtet (vgl. Gal 1,17-18; 2,1), und da die sakrale Form „Hierousalêm“ wo er die irdische und die himmlische Gottesstadt einander gegenüberstellt (vgl. Gal 4,25-26). An den restlichen Stellen (Röm 15,19.25-26.31; 1 Kor 16,3) stehe die feierliche Form „Hierousalêm“, weil von Jerusalem als der Muttergemeinde und dem Zentrum der Mission die Rede ist.


C. Dorsey 1985/86, 193-200 befasst sich mit dem paulinischen Gebrauch des Begriffs „apostolos“ („Apostel“). Im NT seien mindestens drei verschiedene Gruppen Apostel zu unterscheiden: die Zwölf, Paulus, die Gemeindegesandten. Paulus sehe sich als Bestandteil aller drei Gruppen: Zweimal benutze Paulus den Begriff in Verbindung mit den Zwölfen, neunmal ausschließlich im Hinblick auf sich selbst und dreizehnmal im Hinblick auf eine nicht weiter bestimmte Gruppe, der er angehört. In Gal 1,17.19 seien vermutlich die Zwölf gemeint. Allerdings sei eine Beschränkung auf diesen Kreis nicht sicher.

E. Best 1986, 3-25 befasst sich mit folgenden Fragen: Was ist ein Apostel? Wann wurde sich Paulus bewusst, dass er ein Apostel ist? Wie ist er zu diesem Bewusstsein gekommen? In welchen Situationen beruft er sich auf sein Apostelamt? Welches Selbstbild hat Paulus von sich, wenn er Autorität ausübt? Wie ist die Betonung der apostolischen Autorität aufgekommen? E. Best vertritt die Ansicht, dass Paulus sich zwar als Apostel verstanden und auch Autorität ausgeübt habe, doch sei ein unmittelbarer Zusammenhang zweifelhaft. Paulus verwende den Begriff „Apostel“ nur, wenn es um die Beziehungen zu anderen Kirchenführern geht, es also politisch angebracht ist, nicht jedoch im Hinblick auf die Beziehungen zu den von ihm Bekehrten.


J. Murphy-O’Connor 1993, 732-737 geht der Frage nach, was Paulus in „Arabien“ gemacht hat und warum er wieder nach Damaskus zurückgekehrt ist. Ergebnis: Paulus habe etwas gemacht, was die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt und den Zorn der Nabatäer erregt hat. Selbst drei Jahre später hätten die nabatäischen Behörden noch versucht, ihn festzunehmen (vgl. 2 Kor 11,32-33). Vermutlich habe Paulus missioniert. Vgl. J. Murphy-O’Connor 1994, 46-47. Auch E. A. Knauf 1997, 50-51 geht von einer Missionstätigkeit aus. Dass diese Missionsreise in der Apostelgeschichte (vgl. Apg 9,23-25) fehlt, wecke Skepsis gegen deren Darstellung der Ereignisse. Dass sie übergangen werden konnte, lege die Vermutung nahe, dass ihr keine bleibenden Erfolge, Gemeindegründungen etwa, beschieden waren.


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V. 18


Beobachtungen: Nach seiner Rückkehr nach Damaskus ist Paulus längere Zeit in dieser Stadt geblieben. In der gesamten Zeit hat er sich mit keinem einzigen Menschen über sein Offenbarungserlebnis beraten. Erst „drei Jahre später“ hat er Damaskus verlassen, um nach Jerusalem hinaufzugehen. Da nach antiker Rechnung angebrochene Jahre als volle Jahre gerechnet werden, ist unklar, wie viel Zeit des angebrochenen dritten Jahres vergangen war. Es kann also durchaus sein, dass der Zeitraum nur wenig mehr als zwei Jahre betrug. Fraglich ist auch, von welchem Zeitpunkt an die zwei Jahre zuzüglich des begonnenen dritten Jahres zu zählen sind, vom Zeitpunkt des Offenbarungserlebnisses an oder vom Zeitpunkt der Rückkehr nach Damaskus.


Paulus schreibt nicht, was er in der recht langen Zeit in Damaskus gemacht hat. Hat er dort gepredigt?


„Drei Jahre später“ ging Paulus also von Damaskus nach Jerusalem hinauf. Was nach einem Spaziergang klingt, war in Wirklichkeit eine lange, strapaziöse Reise von rund 200 Kilometern. Geht man davon aus, dass Paulus zu Fuß unterwegs war, dürfte er etwa eine Woche unterwegs gewesen sein. Was er erlebt und wo er übernachtet hat, verrät er uns nicht. Welche Gefahren den Reisenden in der Antike erwarteten, erfahren wir vom Apostel aus 2 Kor 11,21b-29 (insbesondere 11,26).

Das mit „hinaufgehen“ zu übersetzende Verb „anerchomai“ kann das Aufsteigen zu einem geographisch höher gelegenen Ort, z. B. Jerusalem auf dem Berg Zion, meinen, aber auch die besondere Bedeutung des angestrebten Ortes unterstreichen.


Den langen, beschwerlichen Weg nimmt Paulus wegen eines bestimmten Grundes auf sich: er möchte Kephas kennenlernen, der sich in Jerusalem aufhält. Der aramäische Name „Kephas“ bedeutet „Felsen/Stein“. Genau genommen handelt es sich um einen Beinamen, denn der eigentliche Name ist Simon. Gemäß Mk 3,16 hat Simon seinen Beinamen von Jesus persönlich bekommen. Allerdings wird in diesem Vers nicht der aramäische Beiname „Kephas“ genannt, sondern der griechische „Petrus“, der jedoch ebenso „Felsen/Stein“ (griechisch: „petra“) bedeutet (zur Deutung siehe ausführlich Mt 16,16-19). Kephas scheint in Jerusalem zu wohnen, denn er nimmt Paulus bei sich daheim auf, und das gleich fünfzehn Tage lang. Es ist anzunehmen, dass der lange Aufenthalt ein intensives Kennenlernen ermöglicht hat.


Warum Paulus an gerade Kephas kennenlernen wollte, und nicht einen anderen Apostel, bleibt offen. Aus 1 Kor 15,5 geht jedoch hervor, dass Kephas der Erste war, dem der auferstandene Jesus Christus (noch vor seiner Himmelfahrt) erschienen ist. Erst danach erschien dieser auch den „Zwölfen“, womit der aus zwölf Personen bestehende engste Jüngerkreis Jesu gemeint ist. Zu diesem Jüngerkreis gehört auch Kephas, sodass ihm - vorausgesetzt er war tatsächlich im Zwölferkreis anwesend - der auferstandene Jesus gleich zweimal erschienen ist.


Was Paulus während der fünfzehn Tage bei Kephas gemacht hat, geht aus dem Text nicht hervor. Sieht man den Besuch im Lichte der Offenbarung Jesu Christi bei Damaskus, dann ist davon auszugehen, dass diese Offenbarung zumindest angesprochen worden ist. Wahrscheinlich ist auch, dass auch die Begegnung(en) zwischen dem auferstandenen Jesus und Kephas zur Sprache gekommen ist/sind und es sich somit um einen Austausch von Erfahrungsberichten handelte. Um eine Beratung über den zu predigenden Inhalt des Evangeliums hat es sich jedoch sicherlich nicht gehandelt, denn das Evangelium hat Paulus gemäß Gal 1,12 allein durch eine Offenbarung Jesu Christi empfangen. Möglich ist auch, dass Kephas von seinem eigenen Jüngerdasein und vom Leben Jesu bis zur Kreuzigung gesprochen hat. Inwieweit auch Aspekte einer zukünftigen Mission während der fünfzehn Tage besprochen wurden, ist fraglich, zumal unklar ist, in welchem Umfang Kephas schon missionarisch tätig gewesen ist.


Weiterführende Literatur: R. Meynet 1996, 51-64 untersucht die Gliederung und die literarische Gattung von 1,6-2,21. In 1,6-10, dem exordium (gemäß Betz), lege Paulus den Sachverhalt dar, der ihn zur Abfassung des Briefes bewegt hat; 1,11-17 thematisiere die Berufung des Paulus; 1,18-24 sei ein Übergangsabschnitt hin zu 2,1-10, wo erzählt werde, wie die Berufung von den anderen Aposteln anerkannt wurde. R. Meynet sieht eine Entsprechung von 1,6-10 und 2,11-21: In ersterem Abschnitt werfe Paulus den Galatern, in letzterem Abschnitt Petrus/Kephas Untreue gegenüber dem Evangelium vor.


P. E. Koptak 1990, 97-113 untersucht, wie die Sprache beschaffen ist, mit der Paulus in dem autobiographischen Bericht Beziehungen zu anderen Menschen beschreibt.


Speziell mit der Bedeutung des griechischen Verbs „historêsai“, das sich in der griechischen Bibel (= NT) nur hier findet, befasst sich O. Hofius 1984, 73-85. Ergebnis: „istorein tina“ bedeute im klassischen Griechisch „nach jemandem fragen / sich über jemanden informieren“ und im nachklassischen Griechisch „mit eigenen Augen sehen / kennenlernen“. J. D. G. Dunn 1985, 138-139; vgl. J. D. G. Dunn 1982, 463-466 folgt O. Hofius insoweit, dass in V. 18 die Übersetzung „um Kephas (persönlich) kennenzulernen“ lauten müsse. Allerdings legt J. D. G. Dunn Wert darauf, dass das Kennenlernen nicht nur Unterhaltung an sich, sondern auch das Einholen von Informationen über die Person des Kephas/Petrus und über dessen Zeit mit Jesus beinhaltet habe. J. D. G. Dunn meint, dass O. Hofius nicht in ausreichendem Maße den Bedeutungsunterschied zwischen „historêsai“ (V. 18) und „idein“ (V. 19) herausarbeite. Zwar sehe dieser durchaus einen Bedeutungsunterschied, doch spiegele er sich nicht in der Übersetzung wieder, die jeweils „kennenlernen“ laute. J. D. G. Dunn dagegen betont, dass das Kennenlernen des Kephas viel persönlicher und intensiver als das beiläufige Kennenlernen des Jakobus sei.

K. F. Ulrichs 1990, 264-266 weist im Hinblick auf den Gebrauch der beiden bedeutungsähnlichen Verben „historêsai“ und „idein“ darauf hin, dass mit dem gewissermaßen per se aoristischen „idein“, dem die Nuance „wiedersehen“ eignen könne, Paulus nicht prononciert vom ersten Zusammentreffen mit Kephas berichten könnte; der Aorist würde nicht als Kennzeichnung eines Beginns – der (persönlichen) Bekanntschaft der beiden Apostel nämlich – verstanden werden.


Zum Beweggrund und „Gegenstand“ des persönlichen Kennenlernens merkt K. F. Ulrichs 1990, 266-269 an: Nicht Evangelium und Apostolat hätten Paulus zu Petrus geführt, sondern die Tatsache, dass Petrus vornehmster Bürge für die Faktizität der Auferweckung Christi ist (vgl. 1 Kor 15,5). Der letzte Auferweckungszeuge Paulus (vgl. 1 Kor 15,8) beabsichtige mit seinem Besuch jenen, der ihm als Erstzeuge besonders verbunden war, zu „beehren“. Auch die Verwendung der aramäischen Namensform „Kêphas“ mache deutlich, dass die erste Auferstehungszeugenschaft des Petrus im Blick ist und nicht (wie in 2,7-8) die exponierte Person des Petrus. „Jerusalem“ als eine für den Inhalt der Verkündigung zuständig gedachten Instanz spiele in 1,18 keine Rolle.

Dass Paulus bei seinem Besuch bei Petrus/Kephas eine gewichtige Absicht gehabt haben müsse, meint T. Holtz 1994, 331-334.337-338. Es sei zu vermuten, dass er Petrus in dessen Funktion als der vom Irdischen und Auferstandenen Berufene kennenlernen wollte. Gewissermaßen bestätigt werde sein Verfahren, das Evangelium ohne Übertragung und Unterweisung durch die Apostel verbindlich zu propagieren, durch den Gang nach Jerusalem zu Petrus zwei oder drei Jahre später, der auch zu einer Begegnung mit Jakobus geführt habe. Dass der erste Zug nach Jerusalem misslang oder zu Uneinigkeit geführt hat, sei durch nichts angedeutet und auch nicht zu vermuten.

Einen engen Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Jerusalembesuch sieht C. K. Barrett 1997, 324-339. Er vertritt die These, dass das Verb „eidein“ in V. 19 nicht als „sehen“, sondern im Sinne von „historêsai“ in V. 18 als „besuchen/kennenlernen“ zu verstehen sei. Das Treffen mit Petrus und Jakobus habe den gleichen Zweck gehabt: Paulus habe Informationen bezüglich der Durchführung einer christlichen Heidenmission eingeholt. Die Übereinkunft, die man erzielt habe, sei bei dem zweiten Jerusalembesuch gefährdet worden.

Laut R. T. Etcheverría 1995, 173-209 zeige der erste Jerusalembesuch ausschließlich zum Zwecke des Kennenlernens, welches Prestige und welche hervorragende Stellung Petrus in der frühen Kirche genoss. Der zweite Jerusalembesuch, etwas mehr als zehn Jahre später, habe der ausdrücklichen Anerkennung der bisher von Paulus praktizierten Mission unter Verzicht auf die Beschneidung und das Halten der Gesetze gedient.


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V. 19


Beobachtungen: Kephas wird als „Apostel“ bezeichnet. Er ist der einzige Apostel, den Paulus während seines Aufenthaltes in Jerusalem gesehen hat - mit Ausnahme eines anderen Apostels, Jakobus, des Bruders des „Herrn“. Sowohl Kephas als auch Jakobus, der Bruder des „Herrn“, werden „Apostel“ genannt, obwohl Letzterer nicht dem Zwölferkreis um Jesus angehörte. Daraus ist zu schließen, dass die Bezeichnung nicht auf Jünger des Zwölferkreises beschränkt ist (vgl. die Beobachtungen zu 1 Kor 15,7). Sofern in 1 Kor 15,7 von Jakobus, dem Bruder des „Herrn“, und nicht von einem anderen Jakobus die Rede ist, gehört dieser auch zu den Augenzeugen des Auferstandenen. Sollte Jakobus, der Bruder des „Herrn“ zu „allen Aposteln“ gehören, denen der auferstandene Jesus Christus gemäß 1 Kor 15,7 erschienen ist, so wäre er gleich zweifacher Augenzeuge - und Kephas könnte bei seiner Zugehörigkeit zu „allen Aposteln“ gleich dreifacher sein. Was einen „Apostel“ ausmacht, ist fraglich. Das Sehen des Auferstandenen mag wichtig sein, ist aber wohl nicht alleiniges Kriterium, denn bei den Erscheinungen des Auferstandenen existierte gemäß 1 Kor 15,7 eine „(alle) Apostel“ genannte Jüngergruppe schon. Handelt es sich um ein Leitungsgremium der Jerusalemer Gemeinde? Dafür spricht, dass mit Kephas und Jakobus, dem Bruder des „Herrn“ zwei herausragende Persönlichkeiten zu den Aposteln gehören. Dass Jakobus, der ja immerhin leiblicher Bruder Jesu ist, eine bedeutende Rolle spielt und spielen wird, geht aus Gal 2,9.12; Apg 12,17; 15,13; 21,18 hervor. Allerdings bezeichnet sich Paulus selbst auch als „Apostel“, obwohl er ganz sicher nicht einem Leitungsgremium der Jerusalemer Gemeinde angehört. Es ist davon auszugehen, dass sich sein eigenes Apostelverständnis von dem traditionellen, das 1 Kor 15,7 zugrunde liegt, unterscheidet.


Jakobus wird nur beiläufig erwähnt, als habe Paulus ihn eher zufällig getroffen. Ziel der Reise nach Jerusalem war er auf jeden Fall nicht. Umgekehrt ist aber aus der Zufälligkeit auch nicht zu schließen, dass Paulus seinen Aufenthalt in Jerusalem geheim halten wollte. Es ist durchaus möglich, dass die anderen Apostel gerade verreist waren. Wie auch immer: Die anderen Apostel spielten bei Paulus’ Aufenthalt in Jerusalem keine Rolle.


Weiterführende Literatur: J. C. O’Neill 1999, 40-45 meint, dass die Formulierung „Einen anderen von den Aposteln sah ich jedoch nicht, außer Jakobus“ überladen sei. Er habe besser schreiben können „Ich sah keinen anderen Apostel, außer Jakobus“ oder „Ich sah keinen anderen von den Aposteln“. Es sei anzunehmen, dass „von den Aposteln“ eine sekundäre Glosse ist, die den Widerspruch zwischen Gal 1,19 und Apg 9,27 glätten sollte. In Apg 9,27 werde erzählt, wie Barnabas Paulus zu den Aposteln (Plural!) gebracht hat. Laut Apg 9,27 habe Paulus mindestens drei Personen gesehen, Barnabas und mindestens zwei Apostel, laut Gal 1,19 jedoch nur zwei, Kephas und den Herrenbruder Jakobus. Die nachträgliche Einfügung „von den Aposteln“ seitens eines Schreibers bewirke nun folgende Glättung: Jakobus werde nun eindeutig zu den Aposteln gezählt, sodass Paulus auch laut Gal 1,19 eine Mehrzahl Apostel – nämlich Kephas und Jakobus – gesehen hat. Und Barnabas, den Paulus gemäß der ursprünglichen Fassung von Gal 1,19 nicht gesehen hat, könne gemäß der ergänzten Fassung durchaus zu den Gesehenen gehören; er brauche jedoch nicht erwähnt zu werden, weil er nicht zu den Aposteln gehört.


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V. 20


Beobachtungen: V. 20 unterbricht den Bericht über die historischen Ereignisse. Paulus ist daran gelegen, nicht nur zu berichten, sondern auch die Richtigkeit des Berichteten zu bekräftigen. Dabei ist nicht ganz klar, wie „idou enôpion tou theou“ am besten zu übersetzen ist, da ein zugehöriges Hilfsverb oder Verb fehlt. Die wörtliche Übersetzung lautet „siehe, vor Gott“, wobei man „ist offenbar“ ergänzen kann. Gemeint ist: Gott weiß, dass Paulus’ Bekräftigung nicht zu lügen der Wahrheit entspricht. Die diesen Sinn wiedergebende Übersetzung ist: „siehe, Gott weiß, dass ich nicht lüge (oder: Ich lüge nicht!)“. Will man jedoch mit der Übersetzung herausstellen, dass es sich um eine Schwurformel handelt, so lautet sie „siehe, vor Gott schwöre ich, dass ich nicht lüge (oder: Ich lüge nicht!)“

Die Unterbrechung des Berichts durch einen Schwur zeigt, dass seitens (zumindest eines Teils) der Adressaten die Legitimität des paulinischen Apostolats in Zweifel gezogen wird.


Weiterführende Literatur: J. L. North 1996, 439-463 erwägt, dass möglicherweise die Herkunft des Paulus aus Kilikien zu Kritik geführt habe. Zwar sei nicht zu leugnen, dass sich die Kritik an erster Stelle an der Lebensweise und der Lehre des Apostels entzündet hat, doch habe auch die Herkunft eine Rolle gespielt, sobald Paulus als unglaubwürdig galt. Lokale Besonderheiten seien von moralischen bis hin zu sprachlichen Aspekten bewusst wahrgenommen worden, selbst innerhalb eines Volkes. Somit sei durchaus wahrscheinlich, dass die Herkunft bei der Kritik eine Rolle gespielt hat, auch wenn dies im NT nicht deutlich zum Vorschein komme.


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V. 21


Beobachtungen: Nach Ende des Besuchs bei Kephas hielt sich Paulus nicht weiter in Jerusalem auf, auch nicht in der näheren oder weiteren Umgebung der Stadt, sondern zog in die Ferne in die Gebiete von Syrien und Kilikien. Bei seinen Aufenthalten in diesen beiden Gebieten hatte er nicht die Funktion eines offiziellen Gesandten der Jerusalemer Gemeinde inne. So wie Paulus aus eigenem Entschluss als reine Privatperson nach Jerusalem gereist war, so wird er auch in Syrien und Kilikien als reine Privatperson gewirkt haben.


Das Verb „erchomai“ bedeutet gewöhnlich „gelangen nach“, kann jedoch auch „gehen“ im Sinne eines Fußmarsches bedeuten. Weil Paulus weder etwas zur Art seiner Fortbewegung noch etwas zu seinem Reiseweg schreibt, der ihn in die Gegenden von Syrien und Kilikien führte, kann er folglich den Seeweg oder den Landweg benutzt haben. Mit Blick auf Apg 9,30, wonach der Reiseweg über die Hafenstadt Cäsarea führte, ist der Seeweg wahrscheinlicher.


Syrien und das im Süden der heutigen Türkei gelegene Kilikien waren seit der Eroberung durch Pompeius 64 v. Chr. römische Provinzen. Nach dem Tode Caesars 44 v. Chr. wurde jedoch Kilikien als eigenständige Provinz aufgelöst und teils der Provinz Syrien zugeschlagen, teils einheimischen Herrschern überlassen. Erst 72 n. Chr. wurde Kilikien unter Vespasian wieder als eigenständige Provinz eingerichtet. Warum Paulus gerade die zu seiner Zeit noch in einer Provinz vereinten Gebiete Syrien und Kilikien aufsuchte, sagt er nicht. Entscheidend war wahrscheinlich, dass sich in diesen beiden Gebieten die Städte Damaskus und Tarsus befinden. Damaskus spielt hinsichtlich der Bekehrung des Apostels eine herausragende Rolle und Tarsus ist sein Geburtsort (vgl. Apg 9,11; 21,39; 22,3). Ob sich Paulus tatsächlich nach seinem Jerusalembesuch in diesen beiden Orten aufgehalten hat, ist allerdings fraglich.


Über die Tätigkeit des Apostels in Syrien und Kilikien sagt V. 21 nichts aus. Aus V. 23 lässt sich jedoch erschließen, dass er gepredigt hat.


Weiterführende Literatur:


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V. 22


Beobachtungen: Paulus macht deutlich, dass er im Umland Jerusalems („Judäa“) nicht gewirkt hat. Folglich blieb er den dortigen christlichen Gemeinden persönlich unbekannt. Auch auf Gemeindeversammlungen scheint er sich nicht vorgestellt zu haben. Gänzlich unbekannt dürfte Paulus aber dennoch den christlichen Gemeinden nicht gewesen sein, denn als Christenverfolger wird er einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben (vgl. V. 23).

Die geographische Bezeichnung „Judäa“ umfasst in V. 22 wahrscheinlich mehr als nur das sich von Jerusalem nach Süden erstreckende Gebiet Judäa. Geht man davon aus, dass Paulus herausstellen will, dass sein Wirken nicht von der Jerusalemer Urgemeinde abhängig war (und ist) und dass er auf dem Wege von Jerusalem nach Syrien und Kilikien nicht gewirkt hat, so dürfte „Judäa“ vermutlich auch die Gegend nördlich von Jerusalem umfassen. Und tatsächlich erstreckt sich die vom römischen Statthalter verwaltete Provinz Judäa nicht nur auf Judäa und Idumäa (südlich von Judäa), sondern auch auf Samarien (später, seit 44 n. Chr. auch auf Galiläa). Aus Gal 2,2 geht hervor, dass Paulus sich bei seiner Verkündigung auf die Heiden konzentriert hat. Von daher besagt 1,22 vermutlich, dass er die Judenmission zumindest in Palästina anderen Missionaren überlassen hat.


Weiterführende Literatur: Zur theologischen Bildung des vorchristlichen Paulus und zum Selbstzeugnis des Paulus siehe M. Tiwald 2008, 144-183. Paulus sei Jude gewesen und geblieben, zeit seines ganzen Lebens, auch als Christ. Zu Gal 1,22: Gal 1,22 für sich genommen schließe eine mögliche Ausbildung des vorchristlichen Paulus in Jerusalem nicht aus. Daran ändere auch das Fehlen eines Hinweises auf eine solche Ausbildung in Phil 3,5 nichts.


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V. 23


Beobachtungen: Die Gemeinden „Judäas“ haben von Paulus’ Gesinnungswandel nur gehört, und zwar nicht von Paulus selbst, sondern von Dritten.


Der frühere Verfolger des christlichen Glaubens ist zu dessen Verkündiger geworden. Doch wann hat er mit der Verkündigung begonnen? Ein eindeutiger Anfangspunkt wird in 1,15-24 nicht genannt. In Frage kommen die Zeit in Damaskus unmittelbar nach der Bekehrung, der Aufenthalt in Arabien, die Zeit in Damaskus nach der Rückkehr aus Arabien sowie die Aufenthalte in Syrien und in Kilikien. Wenn den Gemeinden „Judäas“ zu Ohren gekommen ist, Paulus verkündige (Präsens!) nun den Glauben, so ist damit nur sicher ausgesagt, dass Paulus in Syrien und Kilikien predigt. Ausgeschlossen ist jedoch nicht, dass er dies schon zuvor in Arabien oder Damaskus getan hat.


Weiterführende Literatur:


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V. 24


Beobachtungen: Die Gemeinden führen die Bekehrung des Paulus auf Gott zurück und preisen diesen deshalb. Warum weist Paulus explizit auf den Lobpreis hin? Zunächst einmal ist möglich, dass sich die Verfolgungstätigkeit des Paulus auch auf die Gemeinden Judäas bezogen hat und sie nun froh sind, dass sie nun einen vehementen Verfolger (vgl. Gal 1,13) los sind. Dann kommt es Paulus aber sicherlich auch darauf an, dass Gott als derjenige herausgestellt wird, auf den seine Bekehrung und sein missionarisches Wirken zurückzuführen ist. Dass gerade die Gemeindeglieder Judäas als Lobpreisende genannt werden, mag damit zusammenhängen, dass „Judäa“ hier vermutlich nicht nur die Bezeichnung für einen Landesteil ist, sondern darüber hinaus auch für die gesamte nähere und weitere Umgebung Jerusalems, vielleicht sogar für ganz Palästina. Die vermutlich judenchristlichen Gemeinden scheinen kein Problem damit gehabt zu haben, dass Paulus außerhalb Palästinas, nämlich in Syrien und Kilikien, missioniert. Wieso sollte es nun, viele Jahre später, gegen die Mission außerhalb Palästinas Einwände geben? Es ist gut möglich, dass die in Galatien wirkenden Gegner des Apostels aus den judäischen Gemeinden stammen oder zumindest zu diesen in einem besonderen Verhältnis stehen, vielleicht weil sie selbst Judenchristen sind. Wahrscheinlich klingt schon in V. 24 die im Folgenden thematisierte Auseinandersetzung um die Frage an, ob die Mission unter den Heiden zulässig ist und - wenn ja - inwieweit die Heidenchristen auf das jüdische Religionsgesetz verpflichtet werden sollen.


Weiterführende Literatur:



Literaturübersicht


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