Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Galaterbrief

Der Brief des Paulus an die Galater

Gal 6,6-10

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Gal 6,6-10



Übersetzung


Gal 6,6-10:6 Wer aber im Wort unterrichtet wird, der soll dem, der [ihn] unterrichtet, an allen Gütern Anteil gewähren. 7 Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht verspotten! Was nämlich ein Mensch sät, das wird er auch ernten. 8 Denn wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. 9 Das Gute zu tun, lasst uns nicht müde werden; denn zur bestimmten Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten. 10 Darum lasst uns nun, solange wir Zeit haben, allen gegenüber das Gute tun, am meisten jedoch an den Glaubensgenossen!



( Nach oben ) ( Literaturübersicht )

V. 6


Beobachtungen: Bei 6,6-10 handelt es sich um den zweiten Teil der abschließenden Ermahnungen. Nachdem Paulus in 6,1-5 zur gegenseitigen brüderlichen Zurechtweisung aufgefordert hat, lässt er nun weitere Ermahnungen folgen.


Zunächst nimmt er das Schüler-Lehrer-Verhältnis in den Blick, wobei der Übergang vom Vorhergehenden ziemlich abrupt erfolgt. Der Schüler ist im „Wort“ („logos“) unterrichtet worden. Dabei handelt es sich um eine Lehre, denn ein einziges Wort dürfte kaum Bestandteil des gesamten Unterrichtes sein, auch nicht ein einziger Satz. Es ist zu vermuten, dass Paulus nicht eine beliebige Lehre meint, sondern ganz konkret die christliche. Diese dürfte in frühchristlicher Zeit zum einen auf der hebräischen Bibel, das aus der heutigen christlichen Sicht das Alte Testament (AT; oder: Erstes Testament) ist, zum anderen auf mündlicher Verbreitung von Ereignissen und Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu basieren. Erst im Laufe der Zeit entstanden allmählich christliche Schriften, die teilweise in die griechische Bibel, die wir heute Neues Testament (NT; oder: Zweites Testament) nennen, Eingang gefunden haben und so zum christlichen Kanon wurden. Paulus erklärt nicht, was er unter dem „Wort“ versteht, sodass anzunehmen ist, dass die Adressaten sogleich an die christliche Glaubenslehre denken.

Es wird weder gesagt, wer der Unterrichtete ist, noch, wer der Unterrichtende ist. Bei dem Unterrichteten kann es sich um einen Heiden, einen Taufanwärter oder auch um einen schon Getauften, der noch weitere Unterweisung im christlichen Glauben wünscht, handeln. Er kann allein unterrichtet werden oder auch in einer Gruppe. Der Unterrichtende kann ein Missionar, ein Lehrer in institutionalisierter Form oder auch ein gelehrtes Gemeindeglied sein, das eine besondere Stellung innehaben kann (Ältester o. ä.), aber nicht muss. Offen bleibt auch, in welcher Form der Unterricht erfolgt.


Das Schüler-Lehrer-Verhältnis soll durch Anteilhabe geprägt sein: Der Lehrer soll Anteil an den „agatha“ bekommen. Der Begriff kann auf zweierlei Weise interpretiert werden: Gewöhnlich meint „to agathon“ das Gute im ethisch-moralischen Sinn. Der Plural „ta agatha“ wäre also alles, was zum Guten dazugehört. Unklar bliebe jedoch, was damit genau gemeint ist und was dies konkret für den Lehrer bedeutet. Angesichts der Tatsache, dass die finanzielle Absicherung der Missionare von Paulus in seinen Briefen zur Sprache gebracht wird (vgl. insbesondere 1 Kor 9,1-18), ist aber auch denkbar - und durchaus auch wahrscheinlich -, dass „agatha“ Güter im materiellen Sinn meint. So spricht Paulus in Röm 15,27 und 1 Kor 9,11 (vgl. Phil 4,15) von einem Austausch der Güter: Die zum christlichen Glauben Bekehrten haben an geistlichen Gütern Anteil erhalten und sollen als Ausgleich den Missionaren Anteil an materiellen Gütern gewähren. Unklar ist, ob „alle Güter“ im strengen Wortsinn gemeint ist, denn das würde bedeuten, dass alles Hab und Gut geteilt werden muss und eine Geldzahlung oder das Anteilgeben an bestimmten Gütern nicht reicht. Am wahrscheinlichsten ist, dass Paulus ausdrücken möchte, dass dem Unterrichtenden sein Lohn (Geld, Kleidung, Unterkunft usw.) gegeben werden soll, ohne dass die Unterrichteten geizig ihr Hab und Gut ganz oder teilweise als ihr eigen und unantastbar erklären. Aus der Anteilhabe an „allen Gütern“ folgt, dass bei wohlhabenden Schülern für den Lehrer mehr abfällt als bei armen Schülern.


Weiterführende Literatur: Die Paränese 5,25-6,10 hat N. Baumert 1994, 55-83 zum Thema. Zuerst legt er die Probleme dar, die mit ihrer Auslegung verbunden sind, wobei er der Einheitsübersetzung eine eigene Arbeitsübersetzung gegenüberstellt. Dann bietet er einen Neuansatz, der in eine Reihe von semantischen und grammatisch-syntaktischen Erkenntnissen eingebettet ist, die ihrerseits auch viele andere Passagen der Paulusbriefe betreffen und mehr und mehr zu einem veränderten Paulusbild führen.


( Nach oben ) ( Literaturübersicht )

V. 7


Beobachtungen: Paulus warnt vor einer allzu lockeren Einstellung gegenüber von Gott geforderten Verhaltensweisen. Für eine allzu lasche Einstellung gegenüber Gott benutzt Paulus das Verb „myktêrizomai“. Das Verb enthält das Substantiv „myktêr“, das „Nase“ bedeutet. Das Verb „myktêrizomai“ ist hier also als „die Nase rümpfen / verächtlich behandeln“ zu verstehen. Wer die Forderungen Gottes nicht ernst nimmt, behandelt ihn verächtlich, verspottet ihn. Auffällig ist, dass der Apostel für sich in Anspruch nimmt, im Sinne Gottes zu schreiben. Was er fordert, fordert auch Gott.


Wie kommt Paulus darauf, dass die Adressaten Gott verspotten könnten? Verspotten sie ihn tatsächlich oder kommt Paulus nur auf eine Gefahr zu sprechen, die aber noch nicht Wirklichkeit geworden ist? Und welche einzuhaltende Forderung(en) hat Paulus im Blick? Die Warnung vor der Verspottung Gottes folgt auf die Forderung, dem Unterrichtenden Anteil an allem Guten bzw. an allen Gütern zu gewähren. Bedeutet dies konkret, dass Gott verspottet, wer dem Unterrichtenden seinen Lohn vorenthält? Oder ist die Warnung vor der Verspottung Gottes allgemeiner auf die folgende Aussage zu beziehen, wonach die „Ernte“ der Art der „Saat“ entspricht? Dann wäre allgemein ausgesagt, dass Gott verspottet, wer sein Leben nach dem „Fleisch“ ausrichtet und nicht nach dem Geist.


Um zu verdeutlichen, dass der Lebenswandel des einzelnen Menschen über dessen Los am Ende der Tage entscheidet, benutzt Paulus ein Bild aus der Landwirtschaft: Die Ernte richtet sich nach dem Saatgut. Wer Weizenkörner sät, wird Weizen ernten, wer Gerste sät, wird Gerste ernten usw.


Weiterführende Literatur: Der erste Teil der Arbeit S. Schewe 2005 will exemplarisch aufweisen, dass in der Forschung Gal 5,13-6,10 durchgängig als Fremdkörper erscheine. Der zweite Teil der Arbeit führt eine textpragmatische Einzelanalyse der umstrittenen Kapitel 5-6 durch, indem Vers für Vers die pragmatische Gestaltung des Textes 5,1-6,10 erhoben wird (6,7-10: S. 172-182). Der dritte Teil fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und beantwortet die Frage nach der Funktion von Gal 5-6 im Rahmen des Gesamtbriefes. Laut S. Schewe sei 5,13-6,10 keineswegs ein Fremdkörper innerhalb des Galaterbriefes, sondern stehe ganz im Dienste der Absicht, die Galater von ihrem Verhalten abzubringen, Gesetz und Beschneidung zu akzeptieren.

Laut B. O. Ukwuegbu 2008, 538-559 verbinde Paulus in Gal 5,13-6,10 ein “ethos“ (Verhaltensmuster, Werte und Normen) mit dem „mythos“ des symbolischen Universums „in Christus“.


M. Konradt 2010, 60-81 verfolgt ein doppeltes Anliegen: Er verbindet die Erörterung des Verhältnisses von Freiheit und Liebe mit der Frage, inwiefern Paulus in Gal 5,13-6,10 die Auseinandersetzung mit den Gegnern weiterführt und eine solche Kontextualisierung das spezifische Profil der Entfaltung seines ethischen Ansatzes im Galaterbrief zu verstehen hilft. Er unterstreicht, dass der Galaterbrief im Kontext antiker Diskurse über Freiheit, die Bedeutung der Gesetze und das Verhältnis zwischen Freiheit und Gesetz gelesen werden müsse.


T. A. Rand 1995, 79-92 vertritt die These, dass das der Argumentation im Galaterbrief zu Grunde liegende rhetorische Motiv die „Gemeinschaft“ („koinônia“) sei. Nicht der Beschneidung gelte das Hauptaugenmerk des Heidenapostels, sondern der christlichen Gemeinschaft der galatischen Gemeinden. Unter diesem Gesichtspunkt befasst sich T. A. Rand mit 5,25-6,10.


Mit welchen Methoden Paulus in 6,7-10 die Adressaten zu überzeugen sucht, legt A. H. Snyman 1991, 247-251 dar.


J. L. North 1992, 523-527 stellt folgenden Unterschied zwischen dem heidnisch-literarischen und dem jüdisch-christlichen Bedeutungsumfang des Bildes vom Säen und Ernten fest: Wir wüssten nicht, was Gorgias mit seiner Aussage meinte, doch Platon, Aristophanes, Aristoteles und Hermias – alle mit Gorgias im Hinterkopf – dächten an einen Missbrauch öffentlicher Rede, der ihrer Meinung nach letztendlich wieder auf den Redner zurückfallen werde. Paulus und Philon deuteten dagegen im Gefolge anderer jüdischer Moralisten das Bild weit gehender im Sinne des gesamten menschlichen Verhaltens.


F. Stagg 1991, 247-251 legt knapp 6,7-10 aus und schließt Schlussfolgerungen für uns heute an. Er betont, dass der Text universale Bedeutung habe, also alle Menschen zu allen Zeiten angehe. Obwohl der Text nicht konkret an Menschen im fortgeschrittenen Alter gerichtet sei, könne er doch unter dem Gesichtspunkt des Alterns gelesen werde. Das Altern betreffe alle, nicht nur die alten Menschen. Dabei gehe das Altern nicht immer gleich vor sich; für manche sei es vorteilhaft, für andere nachteilig. Diese Aussage untermauert F. Stagg mit einem abschließenden Überblick über das Älterwerden biblischer Personen.


( Nach oben ) ( Literaturübersicht )

V. 8


Beobachtungen: In V. 8 verschiebt sich der Vergleichspunkt: Statt des Saatgutes kommt nun der Boden in den Blick, auf den das Saatgut fällt. Der eine Boden ist von schlechter Beschaffenheit, ist das „Fleisch“, der andere Boden ist von guter Beschaffenheit, ist der „Geist“. Vom „Fleisch“ hat der Mensch Verderben zu erwarten, vom Geist ewiges Leben. Das Schicksal des Menschen am Ende der Tage richtet sich also nach dem Saatgut und nach dem Boden, auf den das Saatgut fällt.


Zum „Fleisch“: Der griechische Begriff „sarx“ ist zunächst wertneutral und meint nichts weiter als den fleischlichen Körper der Lebewesen, speziell der Menschen. In diesem Sinn ist „Fleisch“ in 2,16.20 zu verstehen. Allerdings ist zu bedenken, dass das „Fleisch“ auch Verführungen und Begierden ausgesetzt ist. Dieser Aspekt kommt insbesondere in 5,16-21 in den Blick. Es ist davon auszugehen, dass 5,13 inhaltlich zu diesem Abschnitt hinführt und in dessen Licht zu lesen ist. Schließlich ist aber auch zu bedenken, dass Paulus im Vorhergehenden die Gesetzlichkeit thematisiert und abgelehnt hat. In 3,3 fragt er die Adressaten vorwurfsvoll, ob sie das, was sie im „Geist“ begonnen haben, tatsächlich im „Fleisch“ beenden wollen. Die Freiheit wird also mit dem „Geist“ in Verbindung gebracht, die Gesetzlichkeit mit dem „Fleisch“. Sowohl eine Existenz in Gesetzlichkeit als auch eine Existenz in Begierden ist „fleischlich“.

Zum heiligen Geist: Der Geist („pneuma“) kommt von Gott bzw. Jesus Christus. Ihn empfängt der Mensch im Zusammenhang mit der Taufe. Durch ihn wird der Täufling in die Lage versetzt, auf dem rechten Weg, d. h. im Einklang mit dem Willen Gottes bzw. Jesu Christi, zu wandeln. Ein solcher rechter Lebenswandel erfolgt jedoch nicht automatisch mit der Geistverleihung, sondern erfordert den Willen des Getauften, dem Geist zu folgen (vgl. 5,16-26).


Wessen Schicksal vom „Fleisch“ abhängt, der hat Verderben zu erwarten. Das Fleisch des Körpers ist nämlich vergänglich. Nicht der irdische, vergängliche Leib wird auferstehen, sondern ein geistlicher, unvergänglicher Leib. Aus dieser Tatsache folgt, dass nicht - oder zumindest nicht zum ewigen Leben - aufersteht, wer sein Leben nach dem „Fleisch“ ausrichtet, also seinen Begierden nachgibt oder sein Heil allein vom genauen Halten der Satzungen und Gebote der hebräischen Bibel (= AT) abhängig macht. Ewiges Leben resultiert nur aus dem Wirken des Geistes.

Was mit dem Verderben verbunden ist, sagt der Apostel nicht. Es lässt sich nur negativ aussagen, dass es ein Zustand ist, der von der fehlenden Auferstehung zum ewigen Leben geprägt ist.


Weiterführende Literatur: H. Riesenfeld 1991, 183-188 unterzieht einige Stellen des Galaterbriefes in der Einheitsübersetzung von 1979 der Nachprüfung, wobei die Frage „Geist Gottes oder Geist der Christen?“ leitend ist. 6,8 werde von der EÜ wie folgt übersetzt: „Wer im Vertrauen auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten.“ Besser sei: „Wer in sein Fleisch sät, wird aus dem Fleisch Verderben ernten; wer aber in den Geist sät, wird aus dem Geist ewiges Leben ernten.“


B. S. Davies 2007, 292-301 ist der Ansicht, dass ein Fragment der Bibelkommentare des oströmischen Bischofs Severian von Gabala (Syrien, gest. nach 408 n. Chr.), das sich Gal 6,6-8 widmet, die Bedeutung dieser Passage erhellen könne. Demnach sei „wer auf sein Fleisch sät“ als Unterstützung derjenigen zu verstehen, die auf dem Halten der Satzungen und Gebote des jüdischen Religionsgesetzes bestanden. Im Unterschied zu Severian geht jedoch B. S. Davies nicht davon aus, dass Paulus eine stärkere Unterstützung seiner Mitarbeiter in Galatien anmahne. Vielmehr gehe es Paulus darum, dass die Adressaten ihre Unterstützung für die Lehrer, die die Beschneidung (und damit das Halten aller Gesetzesbestimmungen) forderten, zurückfahren und stattdessen einen größeren Beitrag für die Kollekte für die Jerusalemer „Armen“ leisten sollten.


( Nach oben ) ( Literaturübersicht )

V. 9


Beobachtungen: Das Tun des Guten ist wesentlicher Bestandteil des geisterfüllten Lebens. Paulus sorgt sich, dass die Adressaten von ihrem rechten, gottgefälligen Lebenswandel abkommen und sich der religiösen Gesetzlichkeit und einem „fleischlichen“ Lebenswandel hingeben könnten. Daher ermahnt er dazu, nicht müde zu werden, das Gute zu tun.

Das Tun des Guten erscheint als eine durchaus Anstrengung erfordernde Angelegenheit, die auch Christen nicht einfach so in den Schoß fällt. Daher ist die Gefahr gegeben, dass die Adressaten darin ermatten. Paulus ermahnt jedoch dazu, weiterhin das Gute zu tun und weist als Anreiz auf die „Ernte“ hin. Laut V. 8 wird derjenige, der auf den Geist sät, ewiges Leben ernten.

Die „Ernte“ erfolgt zur „eigentümlichen Zeit“ („kairô ... idiô“). Gemeint ist eine von einem bestimmten Ereignis geprägte Zeit. Paulus nennt das Ereignis nicht ausdrücklich, doch dürfte er das endzeitliche Weltgericht Jesu Christi bzw. Gottes im Blick haben.


Anzeige: Theologie für Lehrerinnen und Lehrer: Elementare Bibeltexte. Exegetisch - systematisch - didaktisch
Ob Schöpfung oder Königsbücher, Propheten oder Hiob im Alten Testament, Gleichnisse, Wundergeschichten oder Paulus-Briefe im Neuen Testament - die elementaren Texte der Bibel stellt der zweite Band der Reihe "Theologie für Lehrerinnen und Lehrer" übersichtlich und auf dem neuesten Stand der Forschung vor. Der Dreischritt "exegetisch", "systematisch", "didaktisch" ist auf die Bedürfnisse von Lehrenden zugeschnitten, die neben einer ebenso knappen wie gehaltvollen Einführung in den jeweiligen Bibeltext auch praktikable Vorschläge für eine Umsetzung im Unterricht benötigen.

Weiterführende Literatur:


( Nach oben ) ( Literaturübersicht )

V. 10


Beobachtungen: Bis zum endzeitlichen Weltgericht, dem Jüngsten Gericht, ist noch eine gewisse Zeit gegeben, die jedoch nicht lang ist. Von daher gilt es, keine Zeit zu versäumen, sondern von vornherein Gutes zu tun, um nicht vom Jüngsten Gericht überrascht zu werden und am Ende keine „Ernte“ einzufahren. Weil V. 10 auf dem Hintergrund der Naherwartung zu interpretieren ist, ist das „ôs“ temporal („solange“) und nicht kausal („weil“) zu übersetzen.


Auch wenn die Christen grundsätzlich Gutes tun sollen, werden doch nicht alle Unterschiede zwischen den Menschen außer Acht gelassen. So erscheint die Kirche als eine Gemeinschaft von Auserwählten, denen in erster Linie das Gute zuteil werden soll. Dies lässt sich zu einen damit begründen, dass alle Nicht-Christen auf dem falschen Weg gesehen werden und Paulus’ Blick auf sie von Distanz oder gar auch Abneigung geprägt ist, zum anderen aber auch damit, dass die Gemeinschaft der Christen untereinander besonders eng ist. Paulus bezeichnet die Christen als „oikeioi tês pisteôs“ („Hausgenossen des Glaubens“). Diese Formulierung enthält zum einen den Aspekt der engen Bindung durch den Glauben, dann aber auch den Aspekt der Bindung des Gemeindelebens an das „Haus“. Damit ist zum einen das Haus als Gebäude gemeint, in dem die Gemeindeversammlungen stattfinden, zum anderen aber auch die Hausgemeinschaft, in der sich das christliche Dasein täglich bewähren muss. Damit sich wahres christliches Leben entfalten kann, ist es erforderlich, dass die Gemeindeglieder vor allem - aber nicht ausschließlich! - untereinander Gutes tun.


Weiterführende Literatur: P. F. Esler 1997, 121-149 vertritt die These, dass Paulus Familienmetaphorik benutze, um für seine Gemeinden eine Identität zu schaffen, die sich stark von derjenigen der vorherrschenden Gruppen außerhalb ihrer Grenzen unterscheidet. Insbesondere weise Paulus den üblichen Kampf um Ehre in der antiken Gesellschaft zurück. P. F. Esler wendet sich gegen die Annahme (von H. D. Betz, Kommentar), dass Paulus‘ Ethik universalistischer als Plutarchs familienfixierte Ethik sei. Die Art und Weise, wie der Apostel die Welt in zwei scharf voneinander abgegrenzte Bereiche von Fleisch und Geist aufteile, lasse Zweifel daran aufkommen, dass Paulus ein tieferes Interesse an den Außenstehenden, an denen, die des Fleisches sind, hat. Die Formulierung „Hausgenossen des Glaubens“ („oikeioi tês pisteôs“) sei möglicherweise in bewusstem Kontrast zur atl. Formulierung „Haus Israels“ gebildet. Doch Paulus gehe es um mehr als nur um die Tatsache, dass das christliche Haus vom Glauben und nicht nur vom Gesetz gekennzeichnet ist. Das Haus (= Gebäude und Wirtschaft mit den dazugehörigen Personen) stelle die passendste Metapher dar, um die einzigartige Identität der galatischen Christen auszudrücken. Die Art, wie Hausangehörige miteinander umgehen sollen – im Kontrast zu den Nicht-Hausangehörigen -, stelle für Paulus einen zentralen Aspekt der Identität dar.



Literaturübersicht


Baumert, Norbert; Zur Paränese von Gal 5,25-6,10, in: C. Mayer u. a. [Hrsg.], Nach den Anfängen fragen, FS G. Dautzenberg, Gießen 1994, 55-83

Davies, Basil S.; Severianus of Gabala and Galatians 6:6-10, CBQ 69/2 (2007), 292-301

Esler, Philip F.; Family Imagery and Christian Identity in Gal 5:13 to 6:10, in: H. Moxnes [ed.], Constructing Early Christian Families, London 1997, 121-149

Konradt, Matthias; Die Christonomie der Freiheit. Zu Paulus’ Entfaltung seines ethischen Ansatzes in Gal 5,13-6,10, Early Christianity 1/1 (2010), 60-81

North, J. L.; Sowing and Reaping (Galatians 6:7b): More Examples of a Classical Maxim, JTS 43/2 (1992), 523-527

Rand, Thomas A.; A Call to koinônia: A Rhetorical Analysis of Galatians 5:25-6:10, Proceedings EGL&MWBS 15 (1995), 79-92

Riesenfeld, Harald; Geist Gottes oder Geist des Christen? Zu Gal 5-6, in: J. J. Degenhardt [Hrsg.], Die Freude an Gott – unsere Kraft, FS O. B. Knoch, Stuttgart 1991, 183-188

Schewe, Susanne; Die Galater zurückgewinnen. Paulinische Strategien in Galater 5 und 6 (FRLANT 208), Göttingen 2005

Snyman, A. H.; Modes of Persuasion in Galatians 6:7-10, Neotest 26/2 (1992), 475-484

Stagg, Frank; Galatians 6:7-10, RExp 88 (1991), 247-251

Ukwuegbu, Bernard O.; Paraenesis, Identity-defining Norms, or Both? Galatians 5:13-6:10 in the Light of Social Identity Theory, CBQ 70/3 (2008), 538-559


del.icio.us Mr. Wong Kledy.de Linkarena Twitter PlusGoogle Facebook