Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Römerbrief

Brief des Paulus an die Römer

Röm 12,3-8

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Röm 12,3-8



Übersetzung


Röm 12,3-8:3 Denn ich sage kraft der mir verliehenen Gnade jedem unter euch, nicht über das hinaus zu trachten, wonach man trachten muss, sondern danach zu trachten, besonnen zu sein, wie (der) Gott jedem einzelnen [das] Maß des Glaubens zugeteilt hat. 4 Denn wie wir an einem Leibe viele Glieder haben, die Glieder aber nicht alle dieselbe Funktion haben, 5 so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, aber jeder im Verhältnis zueinander Glieder. 6 Dabei haben wir unterschiedliche Gnadengaben, je nach der uns verliehenen Gnade: sei es Prophetie, [dann aber] im rechten Verhältnis zum Glauben, 7 sei es Dienst, [dann aber] im [Geist] des Dienstes, sei es der Lehrende, [dann aber] im [Geist] der Lehre, 8 sei es der Ermahnende, [dann aber] im [Geist] der Ermahnung; der Almosen Gebende, [dann aber] im [Geist der] Mildtätigkeit, der Vorstehende, [dann aber] im [Geist der] Einsatzbereitschaft, der Sich-Erbarmende, [dann aber] im [Geist der] Fröhlichkeit.



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V. 3


Beobachtungen: Nachdem Paulus in 12,1-2 allgemeine Aussagen zum christlichen Leben als Gottesdienst gemacht hat, kommt er nun auf verschiedene einzelne Aspekte zu sprechen. Zunächst geht er auf die Ausübung der Gnadengaben zu sprechen und mahnt Selbstbescheidenheit an. Diese dürfte zu dem gehören, was Paulus als „Gutes“, „Wohlgefälliges“ und „Vollkommenes“ bezeichnet (vgl. 12,2).


Paulus spricht jeden einzelnen Adressaten an. Das bedeutet, dass die Gnadengaben jeden einzelnen von ihnen betreffen und nicht nur Amtsinhaber. Gnadengaben können zu bestimmten Ämtern befähigen, doch resultiert aus einer Gnadengabe nicht unbedingt ein Amt. Grundsätzlich stellt sich überhaupt die Frage, inwieweit auf bestimmten Fähigkeiten beruhende Ämter schon institutionalisiert worden sind.


Das Sprechen des Apostels erfolgt nicht aus eigenem Gutdünken und eigener Vollmacht heraus, sondern „kraft der mir verliehenen Gnade“. Die Präposition „dia“ gibt hier wohl am ehesten an, aufgrund welcher Grundlage das Sprechen erfolgt: es erfolgt kraft der verliehenen Gnade. Möglich ist aber auch, dass sie das Mittel nennt, durch das das Sprechen erfolgt: es erfolgt durch die verliehene Gnade.

Nicht ausgeführt wird, welche Gnade gemeint ist. Die „Gnade“ ist allgemein die Rechtfertigung des Sünders vor Gott. Gemäß Röm 1,5 ist im konkreten Fall des Apostels die Gnade in einem engen Zusammenhang mit dem Apostelamt (Apostolat) zu sehen. Beides hat er von Jesus Christus empfangen, um Glaubensgehorsam unter den Heiden zu bewirken, wobei sich allerdings 12,3 an bereits getaufte Adressaten wendet. Zwar ist gewöhnlich die Rechtfertigung des Sünders vor Gott nicht an das Apostelamt gebunden, doch hängen im Falle des Paulus der Empfang der Gnade aufgrund der Bekehrung zu Jesus Christus und der Empfang des Apostelamtes untrennbar zusammen. Dabei hat Paulus die Vergebung der Sünden und das Apostelamt nicht verdientermaßen, sondern beides unverdient, d. h. aus Gnade empfangen. Unwahrscheinlich ist, dass Paulus hier bei dem Wort „Gnade“ („charis“) an „Gnadengaben“ („charismata“) denkt, also an Fähigkeiten wie prophetische Rede, Zungenrede, Heilungstaten u. ä., die vom Geist verliehen sind und mit der Ausübung des Apostelamts zusammenhängen mögen. Zum einen hätte Paulus nämlich wahrscheinlich den passenderen Begriff „charismata“ benutzt, zum anderen sind die Gnadengaben nicht an das Apostelamt gebunden, sondern werden allen Christen zuteil (vgl. 1 Kor 12,1-11).


Schon in Röm 8,5-7 hat Paulus das Trachten thematisiert und das Trachten des Fleisches vom Trachten des Geistes unterschieden. Das Trachten des Fleisches ist demnach Tod, das Trachten des Geistes aber Leben und Friede. Das, wonach man trachten muss, dürfte zum Trachten des Geistes gehören, das der Apostel positiv bewertet. In 12,3-8 steht aber nicht das, wonach getrachtet werden muss, im Mittelpunkt, sondern die Art und Weise des Trachtens.


Das Trachten soll besonnen erfolgen. Bei der Besonnenheit handelt es sich gemäß den antiken Philosophen um eine der Haupttugenden, derer sich ein vernünftiger Mensch befleißigen soll. Die Besonnenheit zeichnet sich durch Maßhalten aus, wobei das Maß eine bestimmte Grenze voraussetzt, die nicht überschritten werden soll. Nur innerhalb dieser Grenze soll das Trachten erfolgen.


Paulus formuliert die Grenze des Trachtens wie folgt: Es soll im Maß des Glaubens erfolgen, das Gott jedem einzelnen zugeteilt hat. Dabei kann sich das „Maß des Glaubens“ auf die Festigkeit des Glaubens oder auch auf die Ausstattung mit ganz bestimmten Gnadengaben beziehen. In ersterem Fall wäre das Trachten daran zu orientieren, ob der Glaube stark oder schwach ist. Bei einem schwachen Glauben wäre das Trachten stärker einzuschränken. Tatsächlich kennt Paulus einen starken und einen schwachen Glauben, doch kommt dieser - das Hauptargument gegen eine solche Deutung - in 12,4-8 nicht zur Sprache. Ganz im Gegenteil: Es geht in diesen Versen eindeutig um die Befähigung zu ganz bestimmten Gnadengaben. Auf diese soll sich der Christ beschränken. Daher ist anzunehmen, dass auch das Maß des Glaubens nicht als eine bestimmte Glaubensfestigkeit, sondern als Befähigung zu ganz bestimmten Gnadengaben zu verstehen ist.


Weiterführende Literatur: A. Geniusz 2003, 139-161 befasst sich mit dem Inhalt von 12,1-8 und der Funktion des Abschnitts in der gesamten Erörterung des Römerbriefes. A. Geniusz vertritt die Ansicht, dass die beiden ersten Verse des Abschnitts unter der Überschrift der göttlichen Gnade eine Zusammenfassung des vorhergehenden theologischen Briefinhaltes und zugleich die Grundlegung für die moralischen Ermahnungen der folgenden Kapitel bieten. Die V. 3-8 dagegen stellten das erste praktische Beispiel einer Antwort auf Gottes Gnade im christlichen Gemeindeleben dar.


Laut O. Betz 1990, 252.271-272 sei die „Gnade“ („charis“) in Röm 12,3; 15,15 u. a. – genau so wie die Gerechtigkeit Gottes als iustitia passiva – Ausdruck der Zuwendung Gottes, ein Geschenk für den Menschen, das jedoch in der Verfügung Gottes bleibe.


Gemäß J. C. Poirier 2008, 145-152 sei „pistis“ in Röm 12,3 (und 12,6) mit „stewardship“ („Verwaltung“) oder „trusteeship“ („Treuhänderschaft“) zu übersetzen. Herkömmliche Lexika zum NT führten diese beiden Bedeutungen zwar nicht auf, jedoch seien sie in Schriften verschiedener griechischer Autoren zu finden, darunter Plutarch, Polybios und Josephus. Gott teile also nicht ein bestimmtes Maß an Glauben zu, sondern ein bestimmtes Maß eines wohldefinierten Dienstes.


T. Engberg-Pedersen 2000 sieht eine grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen der stoischen Ethik und der paulinischen Morallehre. P. F. Esler 2004, 106-124 dagegen gesteht zwar durchaus zu, dass Paulus (in Röm 12) intensiv mit Ideen und einer Sprache arbeite, die Parallelen im Stoizismus hätten, doch wandle er diese Ideen und Sprache in erheblichem Maße um. P. F. Esler betont im Gegensatz zu T. Engberg-Pedersen nicht die Ähnlichkeiten zwischen der stoischen Ethik und der paulinischen Morallehre, sondern die Unterschiede. T. Engberg-Pedersen 2005, 35-60 wiederum antwortet auf die vorgebrachte Kritik, wobei er jedoch weniger auf die einzelnen Kritikpunkte eingeht, sondern die Diskussion fortzuführen versucht, indem er sich mit einer ganzen Reihe Gesichtspunkte genauer befasst, die für einen qualifizierten Vergleich zwischen Paulus und dem Stoizismus von zentraler Bedeutung seien und auch von P. F. Esler angesprochen würden. Insbesondere gehörten zu den Gesichtspunkten das Verhältnis zu anderen Menschen gemäß dem Stoizismus sowie die Beziehung zwischen dem Stoizismus und verschiedenen konkreten Aspekten in Röm 12, die Paulus‘ Vorstellung von dem rechten, christusgläubigen Verhältnis zu anderen Menschen ausdrücken. Schließlich versucht T. Engberg-Pedersen – mit Bezug auf den französischen Soziologen P. Bourdieu – den Paulinismus im Vergleich zum Stoizismus sozial zu verorten. R. M. Thorsteinsson 2006, 139-161 wiederum versucht das Augenmerk auf die zeitgenössischen Quellen des Stoizismus zu lenken und betont, dass die von P. F. Esler herausgestellten gravierenden Unterschiede keineswegs den wahren Sachverhalt wiedergäben. Die paulinische Zuhörerschaft habe nie und nimmer diese angeblichen gravierenden Unterschiede wahrgenommen, sondern sei vielmehr von der Vielzahl offensichtlicher Parallelen zwischen der paulinischen Morallehre und der stoischen Ethik verblüfft gewesen.


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V. 4


Beobachtungen: Die Befähigung mit verschiedenen Gaben macht Paulus mit dem Bild vom Leib mit den verschiedenen Gliedern deutlich. Die Glieder haben unterschiedliche Funktionen.


Weiterführende Literatur: K. Berding 2006, 433-439 geht der Frage nach, ob es sich bei V. 4-8 um zwei Sätze handelt oder um einen. Meist werde von zwei Sätzen ausgegangen, wobei der erste Satz aus V.4-5 und der zweite aus V. 6-8 bestehe. Für diese Unterteilung würden zwei Hauptargumente angeführt: a) Das nachgestellte „de“ nach dem Partizip „echontes“ („habend“) in V. 6, das oftmals einen neuen Satz einleite. b) V. 6 sei Beginn einer zusammenhängenden Aufzählung. K. Berding dagegen vertritt die Minderheitenposition, dass es sich bei V. 4-8 nur um einen einzigen Satz handele und begründet dies anhand von sieben Gesichtspunkten.


Zu Entstehung und Gehalt des paulinischen Leib-Christi-Gedankens siehe H. Merklein 1985, 115-140, der auf S. 136 kurz auf Röm 12,4-5 eingeht. H. Merklein versucht die These zu begründen, dass in den Homologumena von einem vorgegebenen oder (von Paulus selbst) vorgefassten Leib-Christi-Konzept nicht die Rede sein könne. Paulus entwickle vielmehr den Leib-Christi-Gedanken erst in der konkreten Auseinandersetzung mit der Gemeinde in Korinth. Unter dieser Prämisse werde auch die These von der Ekklesiologie als unmittelbarer Funktion der Christologie dahinfallen.


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V. 5


Beobachtungen: Obwohl die Christen eine Vielzahl Menschen sind, bilden sie doch eine Einheit, und zwar einen Leib. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Leib im eigentlichen, fleischlichen Sinne, sondern um einen Leib im übertragenen, geistlichen Sinne. Es handelt sich um einen Leib „in Christus“. Wer also an Jesus Christus glaubt und sich mittels der Taufe in dessen Machtbereich begeben hat, gehört diesem Leib an. Dabei bildet jeder der Gläubigen ein bestimmtes Glied, das wiederum zu den anderen Gliedern in einem bestimmten Verhältnis steht. Kein Glied kann alle Funktionen verrichten, alle Glieder sind aufeinander angewiesen (vgl. 1 Kor 12,12-31).

Zu beachten ist, dass die Formulierungen „Leib in Christus“ und „Leib Christi“ (vgl. 1 Kor 12,27) zwar etwas Ähnliches, nicht jedoch dasselbe aussagen. Der Leib „in Christus“ ist zwar ein Leib im Machtbereich Christi, doch ist dieser nicht der Leib Christi selbst. Umgekehrt kann der Leib Christi nicht „in Christus“ sein. Bedeutungsgleich sind beide Formulierungen nur insofern, als sie die Zugehörigkeit zu Jesus Christus aussagen.


Weiterführende Literatur: Auf das Konzept der Kirche als „Leib Christi“ als Schlüsselelement der paulinischen Theologie geht auch J. L. Breed 1985, 9-32 ein, wobei die biblischen Schlüsseltexte (S. 13-14: Röm 12,3-8) und die Schlüsselbegriffe im Mittelpunkt stehen. Umfassend die paulinische Ekklesiologie behandelt W. Klaiber 1982, der auf S. 41-48 auf die Bezeichnung „Leib Christi“ eingeht.

Mit der Diskussion um das ekklesiologische Bild der Kirche als Leib Christi befasst sich L. O. R. Yorke 1991, der auf S. 68-71 auf Röm 12,4-5 eingeht.


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V. 6


Beobachtungen: Christen „haben“ Gnadengaben, und zwar insofern, als sie ihnen aufgrund der „Gnade“ Gottes gegeben sind. Als Gabe Gottes sind die „Gnadengaben“ Besitz der Christen und können von diesen ausgeübt werden.


Die unterschiedlichen Gnadengaben richten sich nach der jeweils verliehenen Gnade. Der Begriff „Gnade“ bezeichnet hier sicherlich nicht die gnadenvolle Sündenvergebung, denn die wird ja nicht von Mensch zu Mensch unterschiedlich bemessen, sondern kommt den Gläubigen im gleichen Maße zu. Vielmehr dürfte die Gnade gemeint sein, die dem einzelnen Gläubigen ganz bestimmte Fähigkeiten verleiht. Solche „Gnadengaben“ führt Paulus in V. 6-8 auf, wobei schon ein Blick auf die Aufzählungen 1 Kor 12,7-11.28-31 zeigt, dass die Aufzählung nicht vollständig ist. Es ist davon auszugehen, dass Vollständigkeit auch nicht beabsichtigt ist.


Auch wenn dies aus den Formulierungen der V. 6-8 nicht eindeutig hervorgeht, so lässt sich aus V. 3 schließen, dass die Aufzählung der verschiedenen Gnadengaben nicht in erster Linie die Einheit der Christen im Leib „in Christus“ betonen soll. Auch soll sie nicht die Abhängigkeit der einzelnen Glieder voneinander unterstreichen. Vielmehr ist die zentrale Aussage, dass die Ausübung der Gnadengaben in Selbstbescheidung erfolgen soll. Zur Konkretisierung der Forderung zählt der Apostel exemplarisch einige Gnadengaben auf und macht genauere Aussagen zur Ausübung.


Dass die Reihenfolge zugleich eine Wertung darstellt, bei der die wichtigste Gnadengabe an erster Stelle steht, ist möglich, aber keinesfalls sicher. So nennt Paulus die Prophetie zwar gewöhnlich meist recht weit am Anfang von Aufzählungen der Gnadengaben, nicht jedoch an erster Stelle (vgl. 1 Kor 12,7-11.28-31; 13,2). Stellt Paulus die Prophetie neben die Zungenrede, dann nennt er meist erst die Prophetie, dann die Zungenrede (vgl. 1 Kor 13,8; 14,1-5.39), wobei aber auch die umgekehrte Reihenfolge vorkommt (vgl. 1 Kor 14,22-25). Zwar ist offensichtlich, dass Paulus die verständliche Prophetie mehr schätzt als die Zungenrede, die erst ausgelegt werden muss, doch bedeutet das nicht, dass Paulus die Prophetie für die wichtigste Gnadengabe hält. Er schätzt sie zwar sehr, aber nicht unbedingt am meisten.


Die „Prophetie“ dürfte vermutlich über die reine Vorhersage von Ereignissen hinausgehen. Alttestamentlichem Verständnis von Prophetie entsprechend ist sicherlich auch die Bekanntmachung von Gottes Willen gemeint. Demnach ist der Prophet „Sprachrohr“ Gottes.


Die griechische Formulierung „kata tên analogian tês pisteôs“ kann mit „[dann aber] in Übereinstimmung mit dem Glauben“ oder mit „[dann aber] im rechten Verhältnis zum Glauben“ übersetzt werden. Erstere Übersetzung geht davon aus, dass sich die Prophetie am rechten Glauben orientieren und nicht von ihm abweichen soll. Letztere Übersetzung lässt zunächst annehmen, dass die unterschiedliche Festigkeit des Glaubens oder gar ein von Christ zu Christ unterschiedlicher Glaube gemeint ist. Von der unterschiedlichen Festigkeit ist aber in Röm 12,3-8 ebenso wenig die Rede wie von einem unterschiedlichen Glauben. Ganz im Gegenteil: Alle Christen sind ein Leib „in Christus“. Was unterschiedlich ist, ist die Ausstattung mit Gnadengaben. Aus diesen Beobachtungen lässt sich schließen, dass die Übersetzung „im rechten Verhältnis zum Glauben“ im Sinne von „je nach der uns verliehenen Gnade“ und auch von „wie (der) Gott jedem einzelnen [das] Maß des Glaubens zugeteilt hat“ zu verstehen ist. Die Prophetie soll sich also auf die reine Prophetie beschränken und nichts darüber hinaus erstreben.


In 1 Kor 12,28 und Eph 4,11 erscheinen die „Propheten“ als Amtsinhaber, wobei sie erst nach den „Aposteln“ genannt werden. Die „Apostel“ fehlen in Röm 12,6 aus einem nicht ersichtlichen Grund. Auch werden nicht „Propheten“ im Sinne von Amtsinhabern genannt, sondern die „Prophetie“ erscheint als Gnadengabe. Die Gnadengabe kann mit einem entsprechenden Amt verbunden sein, doch geht eine solche Verbindung nicht aus dem Vers hervor.


Weiterführende Literatur: S. S. Schatzmann 1987, 19-21 befasst sich mit den „charismata“ („Gnadengaben“) in 12,6-8. Aus 12,6-8 könne keine Tendenz der Institutionalisierung von Diensten, Ämtern oder Gaben erschlossen werden. Paulus beabsichtige nur ermahnend aufzuzeigen, dass die Empfänger der verschiedenen Gaben beim Gemeindeaufbau harmonisch zusammenwirken sollen. Auf S. 21-26 geht S. S. Schatzmann auf die einzelnen Gnadengaben ein.

Das Charisma (Gnadengabe) und Amt bei Paulus hat N. Baumert 1986, 203-228 zum Thema, der auf S. 216-218 konkret auf Röm 12,3-8 eingeht. Bei den „charismata“ in V. 6 handele es sich um „Geschenke“.


C. Roux 1985, 33-53 thematisiert das Wirken der christlichen Propheten. Unzweifelhaft sei, dass es sie gegeben hat, doch ergäben die überlieferten Informationen kein einheitliches Bild. Möglicherweise habe es verschiedene Arten christlicher Propheten gegeben. Auf S. 34-35 geht C. Roux konkret auf Röm 12,3-8 ein. So erscheine in V. 6 die Prophetie als eine Gnadengabe Gottes, die das gemeinschaftliche Wohlergehen zum Ziel hat. Die Formulierung „kata tên analogian tês pisteôs“ beziehe sich vermutlich – so auch die übereinstimmende Meinung der Ausleger - nicht auf eine festgelegte Glaubensregel, sondern meine die Entsprechung und die Verhältnismäßigkeit. Wer prophezeie, habe die Worte Gottes ohne Auslassungen oder Zufügungen getreulich wiederzugeben. Und schließlich sei festzustellen, dass die Prophetie wohl nicht von allen Gläubigen, sondern nur von einem Teil ausgeübt wird. Kriterien, wer unter den Christen der Prophetie würdig ist, lasse Paulus nicht verlauten, die Auswahl beruhe allein auf der göttlichen Gnade.


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V. 7


Beobachtungen: Es wird nicht weiter ausgeführt, welcher Dienst („diakonia“) gemeint ist. So ist an alle Arten des Gemeindedienstes zu denken, zu denen auch die Verkündigung gehören dürfte, ebenso auch die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde. Zumindest wird beides als „Dienst“ bezeichnet (Verkündigung: Röm 11,13; 15,31 u. a.; Kollekte: 2 Kor 8,4; 9,1.12-13 u. a.), allerdings näher bestimmt. Dass Paulus keine Konkretisierung vornimmt, lässt darauf schließen, dass entweder der „Dienst“ eine klar abgegrenzte, den Adressaten bekannte Tätigkeit darstellt oder dass eine nähere Bestimmung nicht von Interesse ist. In letzterem Falle wäre nur ausgesagt, dass jeglicher Dienst im Geist des Dienstes erfolgen soll. Hochmut widerspricht dem Geist des Dienstes.


Der „Lehrende“ („didaskôn“) leitet nun eine Reihe Gnadengaben ein, die als Partizipien die ausübenden Personen bezeichnen. Die Substantive „Prophetie“ und „Dienst“ dagegen bezeichnen die Gnadengabe an sich. Nun fällt jedoch auf, dass Paulus nicht vom „Lehrer“ redet, also nicht das Amt an sich nennt. Das dürfte damit zusammenhängen, dass er ja nicht von Ämtern, sondern von Gnadengaben spricht. Die Gnadengabe ist das Lehren. Aber wieso benutzt Paulus eine partizipiale Verbform und bezeichnet so die ausübende Person? Weist dies auf eine beginnende Institutionalisierung der Gnadengabe als Amt hin? Gegen eine solche Deutung sprechen die weiteren genannten Gnadengaben Ermahnen, Almosen Geben und sich Erbarmen, die typisch christliche Tätigkeiten bezeichnen, die auf kein Amt zu beschränken sein dürften. Nur bezüglich des Vorstehens liegt ein Amt nahe.

Sämtliche Glieder der Aufzählung, die Gnadengaben und ihre Träger, stehen nebeneinander, eine Zuordnung ist nicht ersichtlich. Daher ist es problematisch, die Partizipien im Sinne einer Näherbestimmung der beiden Substantive „Prophetie“ und „Dienst“ zu verstehen. Eine Zuordnung könnte höchstens unter inhaltlichen Gesichtspunkten erfolgen: der Lehrende und der Ermahnende könnten mit der Prophetie in Verbindung zu bringen sein, der Almosen Gebende, der Vorstehende und der Sich-Erbarmende mit dem Dienst. Gegen eine solche Zuordnung spricht jedoch die Tatsache, dass in 1 Kor 12,28 der Prophet und der Lehrer im Sinne zweier verschiedene Ämter nebeneinander genannt werden, den Propheten also keine lehrende Tätigkeit zugeschrieben wird.

Da sich weder Ämter noch eine Zuordnung der Träger der Gnadengaben zu den Gnadengaben „Prophetie“ und „Dienst“ wirklich überzeugend begründen lassen, ist schließlich noch daran zu denken, dass Paulus aus einem rein stilistischen Grund den Wechsel von den Gnadengaben an sich zu den Trägern der Gnadengaben vornimmt. Möglicherweise möchte Paulus durch eine Variation des Ausdrucks der Aufzählung die Eintönigkeit nehmen.


Die Lehrenden sind sicherlich nicht Wissensvermittler im Sinne von weltlichen Lehrern, sondern Personen, die die Grundlagen des christlichen Glaubens vermitteln. Dazu gehören die Aussagen der hebräischen Bibel (= Altes Testament) genauso wie die Worte und Taten Jesu. Darüber hinaus wird auch an die Vermittlung grundlegender Glaubenslehren wie die Tauflehre zu denken sein. Ob die Lehrer auch prophezeien, lässt sich nicht erschließen.


Weiterführende Literatur:


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V. 8


Beobachtungen: Das griechische Verb „parakaleô“ kann mit „ermahnen“ oder mit „trösten/aufmuntern“ wiedergegeben werden, das Substantiv „paraklêsis“ dementsprechend mit „Ermahnung“ oder „Tröstung/Aufmunterung“. Wer ermahnt, versucht einen Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester, der/die vom rechten Weg abgekommen ist, wieder auf diesen zurückzubringen. Wer tröstet, muntert denjenigen oder diejenige, der/die sich verfehlt hat, wieder auf. Zurechtweisung geschieht immer zwischen den beiden gegensätzlichen Polen der drohenden Strafe und der vergebenden Gnade Gottes. Inwieweit das Ermahnen oder Trösten das Lehren beinhaltet, ist unklar.


Das griechische Substantiv „haplotês“ kann sowohl „Aufrichtigkeit“ als auch „Mildtätigkeit“ bedeuten. Wer aufrichtig Almosen gibt, ist mildtätig. Das Streben nach persönlichem Ansehen widerspricht solcher Aufrichtigkeit oder Mildtätigkeit.


Auf den ersten Blick scheint weder das Ermahnen oder Trösten noch das Almosengeben eine Tätigkeit zu sein, die besonderer Fähigkeiten bedarf. Tatsächlich setzt das Ermahnen oder Trösten jedoch Standfestigkeit im Glauben und das Almosengeben Freigebigkeit voraus, ist also nicht selbstverständlich. Daher kann Paulus beides auch zu den Gnadengaben zählen.


Weiterführende Literatur:


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V. 9


Beobachtungen: Fraglich ist, wem der „Vorstehende“ vorsteht. Da sich keine Erklärung findet, ist an das Vorstehen der gesamten Gemeinde zu denken. Dabei ist unklar, inwieweit es sich schon um ein festes Amt handelt. Gegen ein festes Vorsteheramt spricht, dass es in Rom wohl noch keinen festen Gemeindeverband gibt. Vielmehr scheinen die Christen in einzelnen Hauskreisen organisiert zu sein (vgl. Beobachtungen zu 1,7). So kann es sich höchstens um Vorsteher von Hauskreisen handeln. Auch weist die Stellung des „Vorstehenden“ zwischen dem „Almosen Gebenden“ und dem „Sich-Erbarmenden“ weniger auf ein Vorsteheramt als vielmehr auf ein Vorstehen bei einer Tätigkeit der Nächstenliebe hin. Die fehlende Konkretisierung lässt ebenso wie bei dem „Dienst“ darauf schließen, dass das Vorstehen entweder eine fest umgrenzte, den Adressaten bekannte Tätigkeit ist oder dass eine genauere Bestimmung nicht interessiert. In letzterem Fall wäre ausgesagt, dass jegliche Vorstandstätigkeit mit Einsatzbereitschaft ausgeübt werden soll. Vorstandstätigkeit ist nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Verpflichtung der Sache und den anderen Menschen gegenüber.


Das Erbarmen eines Menschen setzt voraus, dass ein anderer Mensch Erbarmen nötig hat, also in einer Lage ist, in der er Hilfe oder Zuwendung bedarf. Eine solche Lage könnte Krankheit oder Gefangenschaft sein. Wem das Erbarmen gilt, schreibt Paulus nicht. Ihm kommt es anscheinend auch diesbezüglich nicht auf eine Konkretisierung an, sondern ihm geht es um das Erbarmen in mannigfaltiger Form. Wer Barmherzigkeit übt, soll dies im Geist der Fröhlichkeit tun, also ohne zu murren.


Paulus betont zwar bezüglich jeder Gnadengabe, dass sie im entsprechenden Geist erfolgen soll, doch stellt sich die Frage, inwiefern dies als Maßhalten zu verstehen ist. Wieso sollte jemand, der sich zwar erbarmt jedoch dabei murrt, nicht besonnen sein? Bedeutet das Murren eines Barmherzigen, dass er die Gnadengabe des Erbarmens nur halbherzig ausübt und damit seiner Funktion als ganz bestimmtes Glied des einen Leibes nicht im geforderten Maße nachkommt und möglicherweise lieber eine andere Funktion ausüben würde? Dann wäre Paulus so zu verstehen, dass jeder Christ die ihm gnädig verliehenen Gaben mit ganzem Herzen ausüben soll, ohne andere Gaben zu erstreben und die eigenen dabei zu vernachlässigen.


Weiterführende Literatur: J. K. Ridgway 1992, 170-191 sieht eine enge Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und dem Frieden: Barmherzige Handlungen förderten das friedliche Zusammenleben, friedliches Verhalten führe zu barmherzigen Handlungen. Solch friedliches und barmherziges Verhalten sei eine konkrete Äußerung von Paulus‘ Ermahnung zu „geistlichem“ Gottesdienst, zur Erneuerung der Gesinnung und zum Streben nach dem Vollkommenen kraft Gottes Barmherzigkeit.



Literaturübersicht


Baumert, Norbert; Charisma und Amt bei Paulus, in: A. Vanhoye [éd.], L’ apôtre Paul. Personnalité, style et conception du ministère (BETL 73), Leuven 1986, 203-228

Berding, Kenneth; Romans 12.4-8: One Sentence or Two?, NTS 52/3 (2006), 433-439

Betz, Otto; Jesus Herr der Kirche. Aufsätze zur biblischen Theologie (WUNT 52), Tübingen 1990, 252-274

Breed, James L.; The Church as the “Body of Christ”: A Pauline Analogy, TRB 6/2 (1985), 9- 32

Engberg-Pedersen, Troels; Paul and the Stoics, Edinburgh 2000

Engberg-Pedersen, Troels; The Relationship with Others: Similarities and Differences Between Paul and Stoicism, ZNW 96,1-2 (2005), 35-60

Esler, Philip F.; Paul and Stoicism: Romans 12 as a Test Case, NTS 50/1 (2004), 106-124

Geniusz, Andrzej; Boże miłosierdzie jako źrodɫo chrześcijańskiego nonkonformizmu (Rz 12,1-2[8]), VV 3 (2003), 139-161

Klaiber, Walter; Rechtfertigung und Gemeinde. Eine Untersuchung zum paulinischen Kirchenverständnis (FRLANT 127), Göttingen 1982

Merklein, Helmut; Entstehung und Gehalt des paulinischen Leib-Christi-Gedankens, in: M. Böhnke, H. Heinz [Hrsg.], Im Gespräch mit dem dreieinen Gott, FS W. Breuning, Düsseldorf 1985, 115-140

Poirier, John C.; The Measure of Stewardship: Pistis in Romans 12:3, TynB 59/1 (2008), 145- 152

Ridgway, John K.; „By the Mercies of God…“ – Mercy and Peace in Romans 12, IBS 14 (1992), 170-191

Roux, Christine; Prophétie et ministère prophétique selon saint Paul, Hok 29 (1985), 33-53

Schatzmann, Siegfried S.; A Pauline Theology of Charismata, Peabody, Massachusetts 1987

Thorsteinsson, Runar M.; Paul and Roman Stoicism: Romans 12 and Contemporary Stoic Ethics, JSNT 29/2 (2006), 139-161

Yorke, Gosnell L. O. R.; The Church as the Body of Christ in the Pauline Corpus: a Re- examination, Lanham et al. 1991


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