Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (9-12)

Die Anfänge der Heidenmission

Apg 11,22-24

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 11,22-24

 

 

Übersetzung

 

Apg 11,22-24:22 Die Kunde von ihnen aber kam der Gemeinde, die in Jerusalem ist, zu Ohren und man sandte Barnabas nach Antiochia. 23 Als er ankam und die Gnade (des) Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, mit Herzensentschluss beim Herrn zu verharren. 24 Denn er war ein vortrefflicher Mann, (und) voll von heiligem Geist und Glauben. Und eine stattliche Zahl von Menschen wurde für den Herrn gewonnen.

 

 

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V. 22

 

Beobachtungen: 11,19-30 handelt vom Anfang der Gemeinde in Antiochia. Dabei ist der Abschnitt folgendermaßen untergliedert: Die Mission der wegen Stephanus Verfolgten (11,19-21); der von der Jerusalemer Gemeinde nach Antiochia gesandte Barnabas bestärkt die antiochenischen Gemeindeglieder im Glauben (11,22-24); Barnabas und Saulus wirken ein Jahr gemeinsam in Antiochia (11,25-26); die Kollekte der antiochenischen Christen für die Glaubensgenossen in Judäa (11,27-30).

 

Unklar ist, was genau der Inhalt der Kunde war. "Von ihnen“ ("peri autôn“) bezieht sich auf einen vorausgehenden Plural, weshalb ein Bezug auf "eine große Zahl, die zum Glauben kam, bekehrte sich zum Herrn“ − im Griechischen ein Singular - nicht möglich ist. Die Kunde beinhaltete also nicht in erster Linie, dass eine große Zahl Griechen, die zum Glauben gekommen war, sich zum "Herrn“ bekehrt hatte. Inhalt der Kunde war also nicht in erster Linie der große Erfolg bei der Heidenmission. "Von ihnen“ kann sich nur auf eine Mehrzahl − konkret: eine Mehrzahl Missionierende - beziehen, also entweder auf diejenigen, die infolge der Bedrängnis, die wegen Stephanus entstanden war, zerstreut worden und bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia gelangt waren und nur den Juden predigten (vgl. V. 19); oder auf ebenfalls wegen der Bedrängnis zerstreute Männer aus Zypern und Kyrene, die, als sie nach Antiochia gekommen waren, auch zu den Griechen redeten und ihnen den "Herrn“ Jesus verkündigten (vgl. V. 20). Letztere Möglichkeit ist wegen des − im Vergleich zu V. 19 und V. 22 - geringeren Abstandes des V. 20 zu V. 22 wahrscheinlicher. Zentraler Inhalt der Kunde dürfte also gewesen sein, dass in Antiochia nun zusätzlich zur Judenmission auch die Heidenmission erfolgte. Darüber hinausgehend mag auch der Erfolg der Heidenmission Inhalt der Kunde gewesen sein.

Ebenfalls unklar ist, wie die "Kunde von ihnen“ der Jerusalemer Gemeinde zu Ohren kam. Man kann an offizielle Gesandte der antiochenischen Gemeinde denken, aber auch an die Weitergabe von mündlichen und schriftlichen Informationen im Rahmen der vielfältigen Beziehungen zwischen den Christen Antiochias und Jerusalems. Schließlich können die Informationen auch durch Besucher übermittelt worden sein.

 

Gemäß 8,1 waren nach der durch Stephanus ausgelösten Verfolgung die Apostel in der Jerusalemer Gemeinde verblieben. Diese Apostel werden überraschenderweise in 11,22 jedoch nicht genannt.

 

Der Plural "exapesteilan“ ("sie sandten / man sandte“) zeigt, dass die Gemeinde, die in Jerusalem ist, als eine aus einer Mehrzahl von Christen bestehende Gemeinschaft gedacht ist.

 

Offen bleibt, wie die "Kunde von ihnen“ von der Jerusalemer Gemeinde aufgenommen wurde und aus welchem Grund Barnabas nach Antiochia gesandt wurde. Möglich ist, dass auch Barnabas missionieren sollte. Es können ihm aber auch nur unterstützende oder koordinierende Aufgaben zugewiesen worden sein. Und schließlich ist auch möglich − sofern die "Kunde von ihnen“ seitens der Jerusalemer Gemeinde negativ aufgenommen worden war -, dass der Heidenmission in Antiochia ein Ende bereitet werden sollte. Angesichts der Tatsache, dass Petrus gemäß 11,18 die Kritiker der Heidenmission, zu denen die Apostel in Jerusalem und Glaubensbrüder in Judäa gehörten, zum Umdenken gebracht hat, ist allerdings eine solch negative Aufnahme der "Kunde von ihnen“ und eine solch negative Reaktion unwahrscheinlich. Welches auch immer der Grund für die Entsendung des Barnabas gewesen ist, eins wird doch deutlich: Die Jerusalemer Gemeinde versuchte die fortschreitende Mission − auch die Heidenmission − zu beeinflussen und möglicherweise auch zu lenken.

 

Als Gesandter der Jerusalemer Gemeinde war Barnabas vielleicht in besonderem Maße geeignet: Erstens hatte er guten Kontakt zu den Aposteln, denen er ja auch den Erlös seines Ackers übergeben hatte (vgl. 4,37; 9,27). Zweitens war er Levit (vgl. 4,36), was ihm Vertrauen seitens der Judenchristen eingebracht haben mag. Drittens stammte Barnabas aus Zypern (vgl. 4,36), woher auch ein Teil der Männer stammte, der in Antiochia die Heidenmission in Angriff genommen hatte. Zufall oder Absicht der Jerusalemer Gemeinde? Im Hinblick auf die Missionsbemühungen mag die Herkunft aus Zypern dreierlei Vorteile gehabt haben: Erstens war Barnabas aufgrund seiner Herkunft aus dem Diasporajudentum vermutlich eher als Judenchristen aus Jerusalem oder Judäa den Umgang mit Heiden gewohnt und konnte sich dementsprechend besser auf sein heidnisches Gegenüber einstellen. Zweitens mag ihm aufgrund seiner Herkunft das Denken der aus Zypern stammenden Missionare vertraut gewesen sein, was für den Umgang mit diesen, die Schlichtung von Konflikten und die Koordination der Mission von Vorteil gewesen sein dürfte. Drittens dürfte Barnabas wie die meisten seiner Gesprächspartner in Antiochia fließend Griechisch gesprochen haben, wodurch Kommunikationsprobleme vermieden wurden.

Ob sich Barnabas angesichts seiner Eignung selbst der Jerusalemer Gemeinde für die Entsendung nach Antiochia angeboten hat, lässt sich nicht erschließen.

 

Fraglich ist, ob der Infinitiv Aorist "dielthein“, der von einigen gewichtigen Textzeugen ausgelassen wird, ursprünglich ist. In diesem Fall wäre zu übersetzen "…und man sandte Barnabas, um nach Antiochia zu gelangen“. Sollte "dielthein“ dem ursprünglichen Text angehören, dann könnte die Auslassung auf ein Homoioteleuton ("gleiches Ende“) zurückzuführen sein: "dielthein“ und das unmittelbar vorausgehende "Barnaban“ enden beide auf "n“, weshalb der Blick abgeirrt sein könnte, was zur Auslassung des "dielthein“ geführt haben mag. Auch kann die Auslassung erfolgt sein, weil "dielthein“ hier überflüssig ist. Umgekehrt kann aber auch die Textfassung ohne "dielthein“ ursprünglich sein; erstens weil sie besser bezeugt ist, zweitens weil "dielthein“ mit Blick auf 11,19 "diêlthon heôs“ anpassend hinzugefügt sein könnte.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Die "Gnade (des) Gottes“ dürfte den Missionserfolg auch unter Heiden meinen. Dabei ist unklar, ob Barnabas schon im Vorfeld von dem Missionserfolg wusste oder ob er von diesem in Antiochia überrascht wurde. Die Frage stellt sich deshalb, weil nicht der Missionserfolg an sich zentraler Bestandteil der nach Jerusalem gelangten Kunde war, sondern die Missionstätigkeit der Männer aus Zypern und Kyrene an sich, die sowohl an Juden als auch an Heiden erfolgte. Die Kenntnis der Missionstätigkeit bringt nicht zwingend auch Kenntnis des Missionserfolgs mit sich.

 

Der Gleichklang "charinecharê“ ("Gnade − er freute sich“) fällt auf. Der Gleichklang unterstreicht den engen Zusammenhang von göttlicher Gnade und menschlicher Freude. Dabei zeigt die Freude des Barnabas, dass dieser die Heidenmission guthieß. Da Barnabas der Gesandte der Jerusalemer Gemeinde war und bei der Bewertung der Sachlage kaum deutlich von derjenigen der Jerusalemer Gemeinde abgewichen sein dürfte, ist aus der Freude zu schließen, dass auch die Jerusalemer Gemeinde die Heidenmission guthieß und sich über den Missionserfolg freute.

 

Als wesentliche Tätigkeit des Barnabas erscheint die Stärkung der antiochenischen Gemeindeglieder im Glauben. Die Ermahnung zeigt, dass die Glaubensfestigkeit keineswegs selbstverständlich war. Insbesondere in einer multikulturellen Großstadt wie Antiochia dürfte es vielerlei Anreize zum Glaubensabfall gegeben haben. Durch Ermahnen/Bestärken (parakaleô) macht Barnabas, was übersetzt "Sohn des Trostes / der Ermahnung“ ("huios paraklêseôs“) heißt (vgl. 4,36), seinem Namen alle Ehre.

 

In V. 23 ist mit dem "Herrn“ ("kyrios“) sicherlich Jesus Christus gemeint. Es geht um einen Verharren im christlichen Glauben. Zwar kann auch Gott als "Herr“ bezeichnet werden, doch wäre bei einem Verharren in Gott kein spezifisch christlicher Bezug gegeben. In der Septuaginta, der maßgeblichen griechischen Übersetzung des AT, erscheint zwar der Gott Israels, JHWH, als "Herr“, doch geht es in V. 23 nicht um eine Ermahnung zum Verharren beim Gott Israels, JHWH. Andernfalls würde Barnabas nicht nur alle christlichen Gemeindeglieder in ihrem Glauben bestärken, sondern auch die Juden. Das Verharren beim Gott Israels, JHWH setzt nämlich nicht den Glauben an den Messias Jesus voraus.

 

Das Herz erscheint als Ort des Willens. Das Verharren im "Herrn“ setzt voraus, dass der Mensch mit einem im Herzen erfolgten Beschluss dazu bereit ist.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 24

 

Beobachtungen: Der Verfasser der Apg konkretisiert, was mit "gut“ gemeint ist: voll von heiligem Geist und Glauben. "Gut“ meint also nicht eine ethische, sondern eine ganz spezifisch geistliche Qualität. Diese geistliche Qualität wird durch die Übersetzungen "gut“, "tüchtig“ und "vortrefflich“ ausgedrückt.

Die Übersetzung "bewährt“ würde dagegen die Frage aufwerfen, wie sich Barnabas bisher bewährt hat. Angesichts der Tatsache, dass Barnabas in der Apg bisher erst an zwei Stellen erwähnt wurde, würde die Antwort schwer fallen. Bewährtes Handeln geht eigentlich nur aus 4,36-37 hervor, wo es heißt, dass Barnabas einen Acker besaß, diesen verkaufte und den Aposteln das Geld zu Füßen legte. Gemäß 9,27 brachte Barnabas in Jerusalem und die Apostel miteinander in Kontakt, indem er Saulus zu den Aposteln führte und diesen von den Ereignissen berichtete. Ob man dies als Bewährung bezeichnen kann, ist fraglich. Die Freude über den Missionserfolg und die Bestärkung der antiochenischen Gemeindeglieder gemäß 11,23 sind sicherlich als Bewährung anzusehen, doch resultiert diese aus der geistlichen Qualität. Eine umgekehrte Deutung, wonach die Bewährung mit der Freude und Bestärkung der antiochenischen Gemeinde zu begründen sei, ist verfehlt.

Über die geistliche Qualität hinausgehend dürfte "voll von heiligem Geist und Glauben“ auch die Gottesnähe und das Wirken Gottes durch Barnabas aussagen.

 

Dass die geistliche Qualität des Barnabas und der Missionserfolg in enger Verbindung gesehen werden, weist darauf hin, dass der Verfasser der Apg verdeutlichen wollte, dass sich die Anwesenheit des Barnabas in Antiochia positiv auf die Gemeindeentwicklung auswirkte. Allerdings bleibt offen, durch wessen Wirken die stattliche Zahl von Menschen für den "Herrn“ gewonnen wurde. Wäre es Barnabas selbst gewesen, so hätte der Verfasser der Apg sicherlich eine aktive statt eine passive Ausdrucksweise gewählt: "Und er gewann eine stattliche Zahl von Menschen für den Herrn.“ Die passive Ausdrucksweise lässt vermutlich absichtlich offen, wer die Missionserfolge bewirkt hat. Es kommen alle Missionare in Frage, aber auch Gott. In letzterem Fall würde ein "passivum divinum“ vorliegen. Vermutlich trifft folgende Deutung den Sachverhalt am genauesten: Zwar haben die Missionare verkündigt und getauft, doch wurde der Missionserfolg letztendlich nicht durch menschliches Handeln, sondern durch Gott selbst bewirkt. Gottes Wirken wurde durch Barnabas' Anwesenheit begünstigt.

 

Ebenso wie in V. 23 dürfte auch in V. 24 mit "Herr“ Jesus Christus gemeint sein, denn es geht um die spezifisch christliche Mission, die das Bekenntnis der Menschen zu Jesus Christus zum Ziel hat.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

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