Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (15,36 - 18,22)

Apg 16,25-34

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 16,25-34

 

 

Übersetzung

 

Apg 16,25-34:25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen (dem) Gott; und die Gefangenen hörten ihnen zu. 26 Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und die Fesseln aller lösten sich. 27 Als aber der Gefängniswärter aus dem Schlaf auffuhr und die Türen offen stehen sah, zog er das Schwert und wollte sich töten, weil er meinte, die Gefangenen seien entflohen. 28 Paulus aber rief mit lauter Stimme (und sprach): "Tu dir kein Leid an; wir sind doch alle hier!“ 29 Da forderte er Licht, stürzte hinein und fiel zitternd vor (dem) Paulus und Silas nieder. 30 Dann führte er sie hinaus und sprach: "Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?“ 31 Sie aber sprachen: "Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ 32 Und sie redeten das Wort (des) Gottes zu ihm samt allen, die in seinem Haus waren. 33 Und er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf und wusch ihnen die Striemen ab; und er ließ sich und alle seine Angehörigen sogleich taufen. 34 Dann führte er sie in das Haus hinauf, bewirtete sie und jubelte mit [seinem] ganzen Haus darüber, dass er zum Glauben an (den) Gott gekommen war.

 

 

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V. 25

 

Beobachtungen: Paulus und Silas waren in Philippi wegen der Austreibung eines Wahrsagegeistes aus einer Sklavin von deren geldgierigen Besitzern angeklagt worden. Die beiden Missionare waren mit Ruten geschlagen und dann vom Gefängniswärter in den Innenbereich des Gefängnisses gesperrt worden, wo er ihre Füße im Holzblock gesichert hatte (vgl. 16,19-24).

 

Die mit "um Mitternacht“ übersetzte Zeitangabe "kata mesonyktion“ meint nicht einen genauen Zeitpunkt, sondern einen ungefähren Zeitraum im Sinne von "um Mitternacht herum“. Ausgesagt ist, dass das Gebet mitten in der Nacht erfolgte, nicht aber unbedingt Punkt zwölf Uhr. An eine Geisterstunde dürfte nicht gedacht sein.

 

Das Gebet der beiden Gefangenen war kein Ausdruck der Verzweiflung in einer hoffnungslosen Lage, denn dann hätten sie sicherlich nicht Gott auch lobgesungen, sondern verzweifelt Gott um Hilfe angefleht. Das Gebet dürfte vielmehr die innige Verbindung zwischen den beiden Missionaren und Gott und das tiefe Vertrauen, das die Missionare in diesen hatten, unterstreichen.

 

Das Verb "hymneô“ bedeutet "lobsingen“ oder "preisen“. Ebenso wie das Gebet war auch der Lobgesang bzw. Lobpreis ein Ausdruck des tiefen Vertrauens der beiden Missionare zu Gott. Genauere Informationen zum Lobgesang erhalten wir nicht. So bleibt offen, mit welchen Texten Paulus und Silas Gott lobsangen bzw. priesen. Sangen sie die atl. Psalmen? Oder sangen sie andere ihnen bekannte Lobgesänge? Oder erfanden sie spontan Lobgesänge? Sofern sie auf Psalmen oder auf andere bereits vorliegende Lobgesänge zurückgriffen: Hatten sie die Psalmen oder andere Liedtexte dabei? Oder kannten sie die Texte auswendig? Neben diesen Fragen zu den gesungenen Liedtexten stellt sich auch die Frage nach den Melodien: Woher wussten sie, nach welchen Melodien sie die Psalmen oder anderen Texte zu singen hatten? Hatten sie Melodien vorliegen, wussten sie diese auswendig oder improvisierten sie?

Wenn die anderen Gefangenen dem Lobgesang zuhören konnten, so müssen sie sich entweder in derselben Zelle wie Paulus und Silas befunden oder den Lobgesang durch die Mauern hindurch vernommen haben. Es scheint nicht von Interesse zu sein, wie die Gefangenen den Lobgesang aufnahmen und wie sie auf ihn reagierten, sondern nur, dass sie ihm zuhörten. Der Lobgesang erfolgte also nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern hatte verkündigenden Charakter.

 

Weiterführende Literatur: Eine postkoloniale, postfeministische Auslegung von Apg 16,6-40 bietet J. L. Staley 2004, 177-192.

 

Eine Erörterung von Apg 16,11-40 bietet S. C. Agouridis 1984, 5-16.

 

J. Rius-Camps 1995, 35-39 befasst sich zunächst mit der Struktur des seiner Meinung nach aus zwei Teilen (16,11-15; 16,16-40) zusammengesetzten Abschnittes 16,11-40 und danach mit den verschiedenen Schwierigkeiten, denen sich Paulus und seine Begleiter ("wir“) in der rein heidnischen Gesellschaft Philippis ausgesetzt sahen.

 

J. Schäfer 2010, 199-222 gibt zunächst einen Forschungsüberblick zur Frage nach den Dionysosmysterien in der Apg und geht dann auf das Drama "Die Bakchen“ von Euripides ein, das eng mit Dionysos verbunden sei und zahlreiche Parallelen zur Apg aufweise. In einem dritten Schritt vergleicht J. Schäfer die Berufungs- und Befreiungserzählungen in der Apg textanalytisch mit dem Euripidesdrama und zeigt, dass die Deutlichkeit der lexikalischen, inhaltlich-kontextuellen und motivischen Parallelen je nach Erzählkontext variiere. Dem Verfasser der Apg, der sich selbst als antiker Historiker verstehe, dienten die Anspielungen auf die Dionysosmysterien als Hilfsmittel für die Darstellung des Glaubens an Jesus Christus in der hellenistisch geprägten Kultur. Den antiken Lesern würden Assoziations-, Identifikations- und Anknüpfungsmöglichkeiten für den neuen Christusglauben geboten. Zu 16,23-40: Auch in den "Bakchen“ werde die gute Bewachung der Bacchantinnen betont, die ebenfalls an den Füßen gefesselt seien. In beiden Texten spiele das Motiv der Dunkelheit eine große Rolle. Zum anderen könne das hymnische Singen der Dionysos-Anhängerinnen mit dem hymnischen Singen von Paulus und Silas verglichen werden. Weitere sehr deutliche intertextuelle Bezüge auf die "Bakchen“ weise die Beschreibung des Befreiungswunders (V. 26) selbst auf.

 

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V. 26

 

Beobachtungen: Bezüglich des Verbs "anethê“ ist hier die Übersetzung "lösten sich“ der Übersetzung "fielen ab“ vorzuziehen. Entscheidend dürfte nämlich sein, dass die Fesseln, welcher Art sie auch immer waren, ihren fesselnden Charakter verloren und sich lösten. So konnten die Gefangenen die Hände und Füße von den Fesseln befreien und sich frei bewegen. Hätten sich die Fesseln nur aus den Verankerungen in den Wänden gelöst und wären sie dann abgefallen, so wären die Hände und Füße nicht von den Fesseln befreit gewesen und die Gefangenen hätten sie bei der Flucht mit einem lauten Klappern hinter sich her ziehen müssen. Für eine wirkliche Befreiung mussten sich die Fesseln von den Hand- und Fußgelenken lösen. Im Hinblick auf den Holzblock bedeutete das, dass sich dieser öffnen musste. Sobald er sich geöffnet hatte, konnte er abfallen, aber auch nur dann, wenn er nicht schon in irgendeiner Weise auf dem Boden auflag.

 

Das starke Erdbeben und das gleichzeitige Lösen der Fesseln und Öffnen der Türen zeigten die Macht Gottes auf. Obwohl es Paulus und Silas vom Gefängniswärter scheinbar unmöglich gemacht worden war, aus dem Gefängnis auszubrechen, wurde es ihnen von Gott mit einem Schlag doch ermöglicht, indem alle Fluchthindernisse, nämlich die festen Mauern, die Fesseln und die verschlossenen Türen, beseitigt wurden.

 

Weiterführende Literatur: Im Rahmen seiner Analyse der Befreiungswunder analysiert J. Hintermaier 2000, 241-297 auch Apg 16,11-40. Im Rahmen des Vergleichs der Befreiungswunder 5,17-42; 12,1-23; 16,11-40 auf S. 301-308 merkt J. Hintermaier an, dass der Befreiung in Philippi bezüglich der Verkünder große Bedeutung zukomme, weil dadurch Paulus und sein Begleiter Silas mit den Aposteln gleichgestellt würden. Wenn Gott für den Heidenapostel ebenso eingreift wie für die anderen Apostel, so würden damit auch seine Verkündigung und sein gesamtes Wirken, wovon die Apg größtenteils handele, göttlich legitimiert. In seinem Vergleich der Befreiungswunder macht J. Hintermaier außerdem deutlich, dass Lukas mit der veränderten Situation (Heidentum, griechisches Gedankengut und griechisches Weltbild in den römischen Provinzen Kleinasiens und Griechenlands) auch die Darstellung und Gestaltung der Befreiungswunder ändere. Er passe Sprache, Stil und Inhalte der Erzählungen der jeweiligen Situation an. Da in Jerusalem jüdisches Denken vorgeherrscht habe, sei die Befreiung wohl auch durch einen "Engel des Herrn“ geschehen (vgl. 5,17-42; 12,1-23), der nach biblischem Empfinden das Eingreifen Gottes darstelle. In 16,11-40 komme kein Engel vor, der die Gefangenen aus dem Kerker herausgeführt hätte, sondern Paulus und Silas würden durch ein Erdbeben (kosmische Ereignisse) befreit. Die alttestamentlich-jüdische Vorstellungswelt werde durch die griechische ersetzt. So erweise sich Lukas auch in der Gestaltung der Befreiungswunder als hervorragender Schriftsteller, der es ausgezeichnet verstehe, die formale Gestaltung und die Inhalte den Adressaten gemäß darzustellen.

 

Eine Analyse der Motive in 16,19-40, insbesondere des Erdbebens, bietet F. Martin 1990, 1-17. Er vertritt die These, dass die Jerusalemer Versammlung (vgl. Apg 15) auf eine schwelende Konfliktsituation eine Antwort gegeben habe, und nun in Apg 16 in Form eines Berichtes auf die Bedingungen und Wirkungen der freimütigen Evangeliumsverkündigung in einer heidnischen Gesellschaft eingegangen werde.

 

Überblicke man die Beobachtungen zur Intertextualität des zweiten Befreiungswunders (Apg 12) in den "Bakchen“ und des dritten Befreiungswunders (Apg 16) in der Apg im Gesamt, so lege sich laut D. Ziegler 2004, 188-193 folgender Schluss nahe: Gerade für einen gebildeten heidnischen Leser, aber ebenso auch für einen gebildeten christlichen Rezipienten sei die intertextuelle Annäherung des Paulus an den Gott Dionysos unübersehbar. Paulus erscheine in mancherlei Hinsicht in Apg 16 wie ein "neos Dionysos“ ("neuer Dionysos“), doch werde die Parallele vom Evangelisten nicht zu eng gezogen.

 

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V. 27

 

Beobachtungen: Fraglich ist, ob der Gefängniswärter innerhalb oder außerhalb des Gefängnisses schlief. Wenn er innerhalb des Gefängnisses geschlafen hat, dann hat er dies nicht im inneren, sondern im äußeren Teil des Gefängnisses getan.

 

Die Formulierung "exypnos genomenos“ bedeutet "wach geworden“. Dabei ist nicht gesagt, warum der Gefängniswärter wach geworden ist. Wahrscheinlich ist, dass ihn das Erdbeben und möglicher Lärm aus dem Schlaf gerissen haben, doch ist dies nicht sicher. Gott kann durchaus vollbracht haben, dass der Gefängniswärter vom Erdbeben nichts mitbekommen hat. Immerhin hat er so lange geschlafen, dass die Gefangenen zwischenzeitlich hätten aus dem Gefängnis flüchten können. Außerdem ließ der Gefängniswärter nicht erkennen, dass er angesichts eines gewaltigen Naturphänomens in Verwirrung geraten war. Vielmehr richtete sich seine Aufmerksamkeit sofort auf das Gefängnis, mit dem er das Erdbeben − sofern er es wahrgenommen hatte − sofort in Verbindung brachte. Diese unmittelbar auf das Erwachen folgende schnelle Auffassungsgabe ist allerdings ein Hinweis darauf, dass der Gefängniswärter nicht sanft, sondern abrupt aufgewacht ist, sei es wegen des Erdbebens oder nicht.

 

Der Gefängniswärter wusste, dass sich ein Schwert bei ihm fand, und er wusste auch, wo sich dieses befand. Dies lässt annehmen, dass es sich um das Schwert des Gefängniswärters handelte. Dieses hatte wahrscheinlich in einer Scheide gesteckt, die vermutlich am Gürtel des Gefängniswärters befestigt war. Als der Gefängniswärter die geöffneten Türen sah, zog er das Schwert aus der Scheide, um es in seinen Leib zu stoßen.

 

Es ist unklar, warum sich der Gefängniswärter töten wollte. War dies angesichts der geöffneten Türen und vermeintlich entlaufenen Gefangenen ein Akt der Verzweiflung? Sollte es sich um einen solchen gehandelt haben, so stellt sich die Frage, warum der Gefängniswärter nicht sofort daran dachte, die Flucht der Gefangenen mit dem starken Erdbeben zu erklären. Entweder hatte er dieses nicht wahrgenommen oder es kam für ihn nicht als Rechtfertigungsgrund infrage. War durch die Flucht der Gefangenen − wodurch auch immer sie ermöglicht wurde - die Ehre des Gefängniswärters verletzt? Oder nahm er die Strafe vorweg, die ihm aufgrund der Vernachlässigung der Dienstpflicht drohte? Es ist möglich, dass der Gefängniswärter die Strafe zu erwarten hatte, die eigentlich die Gefangenen hätten erleiden sollen. Aus dem Selbstmordversuch wäre dann zu schließen, dass die Gefangenen die Todesstrafe hätten erleiden sollen. Allerdings wäre der Gefängniswärter gemäß dem Corpus iuris civilis, der großen römischen Rechtssammlung (12,48,3), straffrei geblieben, wenn er die höhere Gewalt hätte nachweisen können.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 28

 

Beobachtungen: Es erstaunt, dass auch die anderen Gefangenen, die ja keine Christen gewesen sein dürften und mit Paulus und Silas eigentlich nichts zu tun hatten, nicht geflohen waren. Was der Grund für das Bleiben war, bleibt offen, denn weder lässt sich sagen, in welchem Kontakt die anderen Gefangenen nach der Befreiung mit den beiden Missionare standen, noch wird ausgesagt, dass sich die anderen Gefangenen zu Jesus Christus bekehrt hatten. Sie spielten im Verlauf der Ereignisse eine gänzlich untergeordnete Rolle und verhielten sich letztendlich nur so, dass sie dem Gefängniswärter nicht als Flüchtlinge zur Last gelegt werden konnten.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 29

 

Beobachtungen: Der fehlende Subjektwechsel lässt zunächst annehmen, dass Paulus nicht nur in V.28, sondern auch in V. 29 das Subjekt ist. Demnach hätte Paulus Licht gefordert und wäre hineingestürzt und zitternd niedergefallen. Da Paulus aber nicht zitternd vor sich selbst und Silas niedergefallen sein kann, ist ausgeschlossen, dass Paulus tatsächlich das Subjekt ist. Das Subjekt kann nur der Gefängniswärter sein.

 

Dass der Gefängniswärter von seiner Selbstmordabsicht abließ, zeigt, dass nur die vermeintliche Flucht der Gefangenen für ihn einen Grund für einen Selbstmord darstellte. Die Tatsache allein, dass die Gefangenen hätten fliehen können, war demnach nicht Grund genug.

 

Der Gefängniswärter forderte Licht (phôs). Im Rahmen der Erzählung ist unerheblich, welche Lichtquelle dies sein sollte, ob Fackeln oder Lampen. Entscheidend ist, dass er Licht brauchte, um sich vom wahren Sachverhalt ein Bild zu verschaffen. Nur wenn er sehen konnte, dass Paulus und Silas und die anderen Gefangenen nicht geflohen waren, konnte er den Worten glauben.

Offen bleibt, ob der Gefängniswärter tatsächlich Licht erhalten hat und − falls ja − von wem er es erhalten hat. War er nicht der einzige Gefängniswärter? Die Tatsache, dass der Gefängniswärter ins Gefängnis stürzen und sofort auf Paulus und Silas treffen und vor ihnen niederfallen konnte, lässt annehmen, dass der Gefängniswärter tatsächlich von einer uns unbekannten Person (oder von Gott?) Licht erhalten hat.

 

Wenn der Gefängniswärter im äußeren Bereich des Gefängnisses geschlafen hatte, dann ist er in den inneren Bereich hineingestürzt. Wenn er außerhalb des Gefängnisses geschlafen hatte, dann ist er in das Gefängnisgebäude hineingestürzt.

 

Das Verb "prospiptô“ bedeutet "niederfallen“. Der Codex Bezae Cantabrigiensis ergänzt "zu Füßen“ ("pros tous podas“). Dieses Niederfallen kann entweder als fußfällige Verehrung (Proskynese) der beiden Missionare als Gottesmenschen oder als Zeichen der Unterwürfigkeit gedeutet werden. Bei einer fußfälligen Verehrung wäre allerdings eher das Verb "proskyneô“ ("sich niederwerfen“, "fußfällig verehren“) zu erwarten gewesen.

 

Das Zittern ist hier angesichts der gewaltigen Ereignisse sicherlich nicht mit Kälte zu begründen. Ein Zittern vor Angst ist eher unwahrscheinlich, weil das Erdbeben und die geöffneten Gefängnistüren weniger Angst als Entsetzen hervorgerufen haben dürften und der Gefängniswärter aufgrund der Anwesenheit der Gefangenen auch nicht mehr Angst vor Bestrafung zu haben brauchte. Er könnte höchstens die Missionare als Gottesmenschen verehrt und aufgrund seines Handelns deren Zorn gefürchtet haben. Die wahrscheinlichere Erklärung des Zitterns ist jedoch, dass der Gefängniswärter von den Ereignissen überwältigt war und sich die emotionale Erregung im Zittern äußerte.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 30

 

Beobachtungen: Wenn der Gefängniswärter im äußeren Bereich des Gefängnisses geschlafen hatte und nach dem Aufwachen in den inneren Bereich hineingestürzt war, dann hat er Paulus und Silas aus dem inneren Bereich hinausgeführt, und zwar in den äußeren Bereich hinein. Wenn er außerhalb des Gefängnisses geschlafen hatte und nach dem Aufwachen in das Gefängnisgebäude hineingestürzt war, dann hat er Paulus und Silas aus dem Gefängnis ins Freie herausgeführt.

 

Paulus und Silas traten erst aus dem inneren Bereich des Gefängnisses bzw. aus dem Gefängnis, als der Gefängniswärter sie hinausführte. Dem Hinausführen scheint besondere Bedeutung beigemessen zu werden, was dafür spricht, dass der Gefängniswärter Paulus und Silas aus dem Gefängnis führte. Vermutlich wird so deutlich gemacht, dass das Verlassen des Gefängnisses eindeutig vom Gefängniswärter gebilligt und sogar veranlasst wurde. Es wird also jeder Verdacht unterbunden, dass Paulus und Silas doch geflohen sein könnten.

 

Die anderen Gefangenen kommen nicht mehr in den Blick, obwohl ja auch sie durch das Erdbeben, das Lösen der Fesseln und die geöffneten Türen befreit worden waren. Sollten sie geflohen sein, dann hätte sich der Gefängniswärter doch der Flucht Gefangener schuldig gemacht. Sollten die Gefangenen im Gefängnis geblieben sein, so wäre dafür kein Grund ersichtlich. Dass sie dies nur getan haben sollten, damit der Gefängniswärter nicht wegen geflohener Gefangener belangt werden konnte, ist unwahrscheinlich, weil die anderen Gefangenen keine Beziehung zum Gefängniswärter und somit auch kein Interesse an dessen Verschonung von Strafe hatten. Sollte etwa Gott das Bleiben der Gefangenen bewirkt haben? Die merkwürdige Unklarheit über den Verbleib der anderen Gefangenen hat wohl zu der Textvariante des Codex Bezae Cantabrigiensis geführt, die davon ausgeht, dass der Gefängniswärter die anderen Gefangenen wieder im Gefängnis einschloss.

 

Auch die Anrede "Ihr Herren“ ("kyrioi“) kann ebenso wie das Niederfallen sowohl Ausdruck der Verehrung der beiden Missionare als auch Ausdruck der Unterwürfigkeit gewesen sein. In letzterem Fall hätte der Gefängniswärter die beiden Missionare nicht wie Gottesmenschen verehrt, sondern sie "nur“ geehrt. Vielleicht hatte er die Worte, die die Sklavin mit dem Wahrsagegeist geschrien hatte, gehört und erinnerte sich an sie: "Diese Menschen sind Diener des höchsten Gottes“ (vgl. V. 17).

 

Die "Rettung“, von der der Gefängniswärter spricht, kann auf dreierlei Weise verstanden werden: a) als Rettung vor der Hinrichtung wegen der Vernachlässigung der Dienstpflicht; b) als Rettung vor dem Zorn der als "Herren“ (im Sinne von Gottesmenschen) verehrten Missionare; c) als Rettung vor der existenziellen Vernichtung nach dem leiblichen Tod. Gegen Möglichkeit a spricht, dass die Gefangenen ja tatsächlich nicht geflohen waren und der Gefängniswärter somit vom Vorhaben abgelassen hatte, sich mit dem Schwert umzubringen. Er brauchte keine Todesstrafe mehr zu befürchten. Möglichkeit b ist wahrscheinlicher, doch wäre die Frage bezüglich der "Rettung“ nicht nach dem Herausführen der Missionare, sondern unmittelbar nach dem zitternden Niederwerfen zu erwarten gewesen, also unmittelbar nach dem Höhepunkt der emotionalen Erregung. Die Möglichkeit c ist am wahrscheinlichsten, wobei allerdings verwundert, dass der Gefängniswärter schon einen zentralen Begriff der Christen benutzte, ohne getauft und damit in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen zu sein. Als Erklärung bietet sich an, dass die Wortwahl den weiteren, geradlinig zur Taufe führenden religiösen Werdegang des Gefängniswärters andeutete. Vielleicht hatte er die Worte, die die Sklavin mit dem Wahrsagegeist geschrien hatte, gehört und erinnerte sich an sie: "Sie verkündigen euch einen Weg des Heils“ (vgl. V. 17).

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 31

 

Beobachtungen: Für die Rettung ist der Glaube an Jesus Christus entscheidend. Jesus Christus wird von den Christen als "Herr“ anerkannt. Dabei ist "Herr“ in diesem Fall - anders als in V. 30 - ein Titel, der ein Herrschaftsverhältnis angibt: Der "Herr“ übt gemäß dem antiken Klientelverhältnis Macht über seine Untergebenen (= Klienten) aus, ist zugleich aber deren Schutzherr. Die Untergebenen wiederum sind dem "Herrn“ dafür zum Dienst verpflichtet. Die Christen befinden sich demnach also in der machtvollen Heilssphäre Jesu Christi, dem sie untergeben sind und dienen.

Nimmt man an, dass der vor Paulus und Silas niedergefallene Gefängniswärter zunächst die beiden Missionare als "Herren“ verehrt hatte, nicht aber Jesus Christus als "Herrn“, so könnte der Hinweis auf die Notwendigkeit des Glaubens an den "Herrn“ Jesus als Zurechtweisung des Gefängniswärters verstanden werden. Diese Zurechtweisung wäre im Vergleich zu deutlich energischeren Zurechtweisungen der Vergangenheit (vgl. 10,25-26; 14,14-17) allerdings merkwürdig zurückhaltend ausgefallen. Auch wäre mindestens ein Anzeichen von Widerstand gegen den neuen Glauben zu erwarten gewesen (vgl. 14,8). Dem Gefühlsausbruch des Gefängniswärters beim Übergang vom früheren heidnischen Glauben zur Verehrung des Paulus und Silas als "Herren“ entsprechend, wäre auch mindestens der Ansatz einer Gefühlsregung im Anschluss an die Forderung der Verehrung des "Herrn“ Jesus zu erwarten gewesen. Die Verehrung Jesu hätte ja immerhin eine Abwendung von der Verehrung des Paulus und Silas erfordert. Diese Abwendung hätte eine erneute Erschütterung der Glaubenswelt des Gefängniswärters bedeutet.

 

Bei dem "Haus“ ("oikos“) handelte es sich nicht um das Gebäude, sondern um die Hausgemeinschaft. Diese Gemeinschaft wohnte in einem Haus oder war zumindest einer Hauswirtschaft zugeordnet. Zur Hausgemeinschaft gehörten die - zumindest engeren - Familienangehörigen sowie die Arbeitskräfte, also die Sklaven, an. Dass mit dem Glauben des Gefängniswärters auch die Rettung des "Hauses“ verbunden wurde, weist darauf hin, dass das "Haus“ nicht nur als Lebens- und Erwerbsgemeinschaft, sondern auch als religiöse Gemeinschaft verstanden wurde.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Die Formulierung "Wort (des) Gottes“ ("logos tou theou“) ist eine der vom Verfasser der Apg am häufigsten gebrauchten Wendungen. Der Genitiv kann besagen, dass das Wort von Gott stammt oder ihn zum Inhalt hat. Gemeint ist mit dem "Wort“ nicht ein einzelnes Wort, sondern eine Botschaft, nämlich die "frohe Botschaft“ (Evangelium). Sie hat göttliches Heilshandeln − insbesondere Tod und Auferstehung Christi − zum Inhalt, ist also nicht vom Menschen ersonnen. Auch die Art und Weise der Verkündigung der "frohen Botschaft“ ist nicht dem Ermessen des Menschen anheim gestellt. Soll die Verkündigung − hier als "Reden bezeichnet - der "frohen Botschaft“ recht sein, so muss sie von Gott bewirkt werden.

Dass die beiden Missionare mit der Verkündigung nicht bis zum nächsten Morgen warteten, zeigt die Dringlichkeit der Verkündigung.

 

Auch in V. 32 ist von einem "Haus“ die Rede, doch findet sich − anders als in V. 31 − nicht der Begriff "oikos“, sondern "oikia“. Die beiden griechischen Begriffe sind bedeutungsgleich, haben jedoch eine gewisse Bedeutungsspannbreite und können somit neben der Hausgemeinschaft auch das Haus als Gebäude bezeichnen. Das Haus als Gebäude ist in V. 32 gemeint. Die in V. 31 als "oikos“ bezeichnete Hausgemeinschaft taucht auch in V. 32 auf, nämlich in der Formulierung "alle, die in seinem Haus waren“. Es ist nicht ersichtlich, dass sich die Zusammensetzung "aller, die in seinem Haus waren“ von der Zusammensetzung der Hausgemeinschaft unterschied.

Es ist anzunehmen, dass die Verkündigung im Haus des Gefängniswärters erfolgte. Das Gefängnis hatten Paulus und Silas nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit verlassen, denn ansonsten hätten sie nicht vom Gefängnis zu einem Haus, sondern höchsten zu einer über dem Gefängnis gelegenen Wohnung gelangen können. Der Gang vom Gefängnis zum Haus des Gefängniswärters wird vermutlich deshalb nicht erwähnt, weil ihm keine Bedeutung zukam. Es wird zwar nicht ausdrücklich gesagt, dass Paulus und Silas das Haus des Gefängniswärters betraten, doch ist dies vorauszusetzen, wenn sie dem Gefängniswärter und "allen, die in seinem Haus waren“ predigten. Dass "alle, die in seinem Haus waren“ das Haus verließen, um das "Wort (des) Gottes“ hören zu können, ist nämlich nicht gesagt. Warum hätten sie zu nächtlicher Stunde das Haus verlassen sollen?

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 33

 

Beobachtungen: Das Verb "paralambanô“ bedeutet "aufnehmen“. Hier ist wahrscheinlich an die Aufnahme des Paulus und Silas als Gäste gedacht. Dass der Gefängniswärter die von ihm zuvor möglichst ausbruchssicher eingesperrten Gefangenen als Gäste aufnahm, macht die Radikalität der Wende in seinem Leben deutlich. Sie hatte dazu geführt, dass aus den Gefangenen Glaubensbrüder geworden waren.

 

Das Substantiv "plêgê“ kann sowohl "Schlag“ als auch "Wunde“ bedeuten. In V. 33 liegt letztere Bedeutung vor. Da Paulus und Silas mit Ruten geschlagen worden waren, handelte es sich bei den Wunden konkret um blutige Striemen. Die Striemen konnte der Gefängniswärter zwar nicht so ohne weiteres beseitigen, doch konnte er das Blut abwaschen. In diesem Sinne dürfte die Formulierung "elousen apo tôn plêgôn“ zu verstehen sein, die wörtlich mit "er wusch von den Striemen ab“ zu übersetzen ist. Wo das Abwaschen des Blutes erfolgte, ob im Haus oder außerhalb des Hauses, bleibt offen.

Der Gefängniswärter kümmerte sich zuerst um das (körperliche) Wohlergehen der Missionare, erst dann mit der Taufe um sein eigenes (seelisches) und das seines "Hauses“. Er handelte damit ebenso wie die Missionare, die mit der Verkündigung des Evangeliums zuerst für das (seelische) Wohlergehen des Gefängniswärters und seines "Hauses“ gesorgt hatten und sich erst dann dem eigenen (körperlichen) Wohlergehen hingaben.

Die Behandlung der Wunden und die Taufe können beide als eine Waschung verstanden werden: zuerst wurde das Blut abgewaschen und danach wurden die Sünden abgewaschen.

 

Die Taufe erfolgte ebenso wie die Verkündigung noch in derselben Nacht. Dass Verkündigung und Taufe in kürzester Zeit erfolgten, zeigt die Zielstrebigkeit, mit der der Gefängniswärter für sich und sein "Haus“ die Rettung suchte.

Offen bleibt, wo die Taufe erfolgt ist. Da sowohl das Abwaschen des Blutes von den Striemen als auch die Taufe des Wassers bedurfte, ist es möglich, dass beide aufeinander folgenden Handlungen an einer Wasserquelle (Brunnen, Bach, Teich) in der Nähe des Hauses erfolgten. Dass in keinster Weise eine Andeutung zum Ort und zur Art und Weise der Durchführung der Taufe gemacht wird, lässt sich damit erklären, dass es nicht um das Wo und Wie der Taufe geht. Entscheidend ist allein, dass die Taufe erfolgt ist.

Dass der Gefängniswärter nicht nur sich, sondern zugleich alle seine Angehörigen (= sein ganzes "Haus“) taufen ließ, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der Gefängniswärter und sein "Haus“ auch eine religiöse Gemeinschaft darstellten (vgl. V. 31).

 

Weiterführende Literatur: Im Rahmen seiner Analyse der Befreiungswunder analysiert J. Hintermaier 2000, 241-297 auch Apg 16,11-40. Dabei merkt er an, dass sowohl V. 11-15 als auch V. 25-34 auf eine Bekehrung hinauslaufen. R. Kratz 1979, 474-492 hält die Bekehrung des Kerkermeisters und nicht die Befreiung der Apostel für das eigentliche "Rettungswunder“.

 

Im Kontext der Mission, die Ziel und Inhalt der Perikope Apg 16,11-40 darstelle, werde laut J. Hintermaier 2000, 152-176 deutlich gemacht, dass die Verkündigung des Evangeliums keine Grenzen kennt. Die für die Mission strategisch günstige Lage Philippis an der Römerstraße Via Egnatia, die Betonung der römischen Sitten, die Begegnung mit römischen Beamten und die Bekehrung des römischen Gefängnisaufsehers als zentrales Ereignis in dieser Perikope würden ein Licht auf den gesamten Aufbau und Plan der Apg, die den Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom darlege, werfen. Paulus sei das von Gott auserwählte Werkzeug zur Verkündigung des Evangeliums (vgl. 9,15) und diesen Paulus lasse er nicht im Gefängnis verschmachten. In Apg 16 werde aufgrund verschiedener Parallelen und Anspielungen gezeigt, dass die Basis für die paulinische Mission unter den Heiden schon im Lukasevangelium vorgezeichnet ist.

 

B. Rapske 1994, 115-134 vertritt die Ansicht, dass das Handeln der römischen Beamten in Anbetracht ihres lückenhaften Wissensstandes durchaus realistisch geschildert sei. Dabei stelle sich die Frage, warum Paulus erst nach seiner Misshandlung und Einkerkerung auf seinen Status als römischer Bürger hingewiesen hat (vgl. 16,37). B. Rapske legt dar, dass römische Bürgerschaft und jüdische Identität als miteinander unvereinbar angesehen worden seien. Hätte sich Paulus früher auf seine römische Bürgerschaft berufen, so wäre bezüglich der verkündigten Botschaft und der Kirche die Frage aufgekommen, ob sie römische Bürger privilegierten oder die römische Bürgerschaft voraussetzten. Dies hätte die im Entstehen begriffene Gemeinde Philippis gefährdet. Auf S. 243-281 kommt B. Rapske auf diejenigen Personen zu sprechen, mit denen Paulus bei seinen Gefangenschaften zu tun hatte, auf S. 313-367 auf das Leben in Gefangenschaft und auf S. 393-422 auf die göttlichen Helfer des gefangenen Paulus in Apg.

 

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V. 34

 

Beobachtungen: Das Hinaufführen in das Haus kann entweder so verstanden werden, dass Paulus und Silas in das Haus hinein- und dann sogleich in den ersten Stock hinaufgeführt wurden. Es kann aber auch so verstanden werden, dass sich Paulus und Silas schon im Erdgeschoss (Untergeschoss) des Hauses befanden hatten und nun in den ersten Stock (Obergeschoss) geführt wurden. Der Wortlaut lässt eher ersteres annehmen, die logische Abfolge der Ereignisse letzteres, sofern nicht angenommen wird, dass zumindest die Taufe außerhalb des Hauses erfolgt ist. Letztere Möglichkeit setzt voraus, dass das Untergeschoss und das Obergeschoss wie getrennte Häuser angesehen wurden. Abwegig ist die Deutung, dass Paulus und Silas aus dem unterirdischen Verlies im Innersten des Gefängnisses hinauf in das oberirdisch errichtete Haus geführt wurden, denn Paulus und Silas hatten das Gefängnis vermutlich längst oberirdisch verlassen und zwischenzeitlich schon verkündigt und getauft und waren von dem Gefängniswärter als Gäste im Haus aufgenommen worden. Abwegig ist auch die Annahme, dass das "Haus“ eine Wohnung oberhalb des Gefängnisses gewesen sein könnte. Erstens wäre nämlich die Wohnung sicherlich bei dem Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen worden, zweitens hatten Paulus und Silas vermutlich zwischenzeitlich das Haus schon längst betreten, ohne dass dieses Betreten als "Hinaufführen“ bezeichnet worden ist. Das Hinaufführen erfolgte erst nach einem bereits gewisse Zeit währenden Aufenthalt, und zwar unmittelbar vor der Bewirtung.

 

Das Obergeschoss erscheint als ein für die Aufnahme von Gästen, vielleicht auch nur für die Bewirtung von Gästen, vorgesehenes Geschoss, wogegen im Untergeschoss die gesamte Hausgemeinschaft versammelt gewesen zu sein scheint.

 

Die Formulierung "paratithêmi trapezan“ kann mit "[den] Tisch decken/bereiten“, "ein Mahl vorsetzen“ oder "bewirten“ übersetzt werden. Fraglich ist, inwiefern dem Mahl eine spezifisch religiöse Bedeutung zukam. Handelte es sich um eine profane Bewirtung von Gästen oder ist das Mahl im Sinne eines Abendmahles (Eucharistie) zu verstehen? Es findet sich keine Formulierung die für ein Abendmahl spricht. Ein solches kann nur daraus geschlossen werden, dass das Mahl kurz nach der Taufe erfolgte.

 

Das Haus des Gefängniswärters war das zweite Haus in Philippi, in dem Paulus und Silas als Gäste aufgenommen wurden. Das erste Haus war dasjenige der Purpurhändlerin Lydia gewesen (vgl. V. 15).

 

Der Jubel folgte auf die Taufe. Mit der Taufe war die Bekehrung zum christlichen Glauben abgeschlossen worden. Nun konnten der Gefängniswärter und sein "Haus“ endgültig auf die Rettung hoffen, was im Jubel zum Ausdruck gekommen sein dürfte.

Es fällt auf, dass der Jubel über den neu erlangten Glauben an Gott − nicht an Jesus! − erfolgte. Der Zusammenhang macht aber deutlich dass Gott und Jesus nicht voneinander zu trennen sind. Wer an Gott - gemeint ist der von den Christen verehrte Gott − glaubt, glaubt zugleich an Jesus und umgekehrt.

 

Weiterführende Literatur: Mit Aspekten der Gastfreundschaft in Apg 16 befasst sich J. Gillman 1992, 181-196. Zunächst geht er auf den Zusammenhang und Gedankengang von 16,11-40 ein, dann befasst er sich mit Lydias Gastfreundschaft (16,14-15.40) und mit der Gastfreundschaft des Gefängniswärters (16,25-34). Zu 16,25-34: Die Annahme des christlichen Glaubens und der rituelle Vorgang der Taufe hätten den Status der Getauften in der christlichen Gemeinschaft nicht vollständig geklärt. Die gastfreundliche Aufnahme der Missionare und deren Annahme des Angebotes hätten zur Initiationserfahrung dazu gehört. Lydia habe Paulus und seine Begleiter, allesamt Judenchristen, zum Bleiben und damit zur Akzeptanz der Tischgemeinschaft mit einer Heidenchristin nötigen müssen. Eine solche Nötigung sei bei dem Gefängniswärter und dessen "Haus“ nicht erforderlich gewesen. Der Gefängniswärter und sein "Haus“ hätten angesichts ihres neuen Glaubens gejubelt und so diesen als authentisch erwiesen. Dies sei seitens des Paulus und seiner Begleiter dadurch ermöglicht und bezeugt worden, dass sie die Gastfreundschaft samt der Tischgemeinschaft annahmen. Die Aufnahme bei Heidenchristen habe schließlich bei den Missionaren eine Erweiterung des religiösen und sozialen Denkhorizontes bewirkt.

 

 

Literaturübersicht

 

Agouridis, Savas C.; Hê apelasê tou Paulou kai tôn synodôn tou apo tous Philippous (Prax. 16,11.40), DBM NS 3 (1984), 5-16

Gillman, John; Hospitality in Acts 16, in: V. Koperski, R. Bieringer [eds.], “Sharper than a two-edged sword”, FS J. Lambrecht, Leuven 1992, 181-196

Hintermaier, Johann; Die Befreiungswunder in der Apostelgeschichte: motiv- und formkritische Aspekte sowie literarische Funktion der wunderbaren Befreiungen in Apg 5,17-42; 12,1-23; 16,11-40, Rom 2000

Hintermaier, Johann; Grundlage und Entwicklung der paulinischen Mission am Beispiel von Apg 16,11-40, SNTU 25 (2000), 152-176

Kratz, Reinhard; Rettungswunder: Motiv-, traditions- und formkritische Aufarbeitung einer biblischen Gattung (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXIII, Theologie; Bd. 123), Frankfurt a. M. u. a. 1997

Martin, François; Le geôlier et la marchande de pourpre: Actes des Apôtres 16:6-40 (Seconde partie), SémBib 60 (1990), 1-17

Rapske, Brian; The Book of Acts and Paul in Roman Custody (The Book of Acts in Its First Century Setting 3), Grand Rapids, Michigan - Carlisle 1994

Rius-Camps, Josep; Pablo y el grupo «nosotros» en Filipos: dos proyectos de evangelización en conflicto (Hch 16,11-40), Laurentianum 36/1-2 (1995), 35-59

Schäfer, Jan; Zur Funktion der Dionysosmysterien in der Apostelgeschichte. Eine intertextuelle Betrachtung der Berufungs- und Befreiungserzählungen in der Apostelgeschichte und der Bakchen des Euripides, ThZ 66/3 (2010), 199-222

Staley, Jeffrey L.; Changing Woman: Toward a Postcolonial Postfeminist Interpretation of Acts 16.6-40, in: A.-J. Levine [ed.], A Feminist Companion to the Acts of the Apostles (Feminist Companion to the New Testament and Early Christian Writings 9), London − New York 2004, 177-192

Ziegler, Detlef; Dionysos in der Apostelgeschichte − eine intertextuelle Lektüre (Religion und Biographie / Religion and Biography 18), Münster 2008

 

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