Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 21,15-17

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 21,15-17

 

 

Übersetzung

 

Apg 21,15-17:15 Nach diesen Tagen rüsteten wir zum Aufbruch und zogen nach Jerusalem hinauf. 16 Es kamen auch [einige] Jünger aus Cäsarea mit uns. Sie führten uns zu einem gewissen Mnason, einem Zyprioten, einem Jünger der ersten Stunde, bei dem wir zu Gast sein sollten. 17 Als wir in Jerusalem ankamen, nahmen uns die Jünger freudig auf.

 

 

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V. 15

 

Beobachtungen: "Nach diesen Tagen“ bezieht sich vermutlich auf 21,10, wo davon die Rede ist, dass sich Paulus und seine Begleiter auf ihrem Weg nach Jerusalem mehrere Tage in Cäsarea aufhielten.

 

21,15-17 stellt die Fortsetzung des zweiten Wir-Berichts 20,5-6.13-15; 21,1-14 dar. Nimmt man 21,15-17 für sich, so ist völlig offen, wer der Sprecher ist. Geht man von einem in 16,10-17, dem ersten Wir-Bericht, und 20,5-16; 21,1-17 identischen Sprecher aus, so kann Paulus selbst nicht der Sprecher sein, weil er namentlich erwähnt und über sein Handeln gesprochen wird. Vermutlich wird der Sprecher in beiden Wir-Berichten nicht namentlich genannt. Wenn er aus Troas stammte bzw. dort wohnhaft war, ist bemerkenswert, dass er nicht in Troas blieb, sondern weiterreiste. Ist dies ein Argument gegen eine Herkunft aus Troas? Dass der Verfasser der Apg dieser Sprecher war, ist eher unwahrscheinlich (ausführlich zum Sprecher der Wir-Berichte bzw. des zweiten Wir-Berichtes siehe Beobachtungen zu 20,5; zum Verfasser der Apg als Sprecher des Wir-Berichtes siehe Beobachtungen zu 16,10).

Fraglich ist, ob es neben dem Sprecher noch weitere Begleiter des Paulus gab. In 20,4 wurden zwar Sopater, Aristarch, Sekundus, Gaius, Timotheus, Tychikus und Trophimus genannt, doch hieß es nur, dass diese bis nach Troas reisten. Dass sie darüber hinaus Paulus begleiteten, ist angesichts fehlender Informationen fraglich.

 

Das Verb "episkeuazô“ ("zum Aufbruch rüsten“) bedeutet im klassischen Griechisch "das Pferd satteln“ oder "das Lasttier bepacken“. Da in der Antike Sättel eher Lastsättel als Reitsättel waren, ist in V. 15 wohl an das Bepacken eines Lasttieres (oder mehrerer Lasttiere) gedacht. Paulus und seine Begleiter sind also von Cäsarea nach Jerusalem geritten oder − was wahrscheinlicher ist − mit einem Lasttier (oder mehreren Lasttieren) marschiert.

 

Das Verb "anabainô“ ("hinaufsteigen“) lässt sich als ein Hinaufsteigen von der Hafenstadt Cäsarea in das judäische Bergland nach Jerusalem erklären. Außerdem mag in dem Ausdruck mitschwingen, dass Jerusalem besondere Bedeutung zukam, womit das Aufsteigen auch den Weg zu einer besonders wichtigen Stadt verdeutlicht. Cäsarea war zwar die Hauptstadt der römischen Provinz Judäa, war jedoch nicht von religiöser Bedeutung. Jerusalem dagegen war die religiöse Hauptstadt sowohl der Juden als auch der Christen.

 

Obwohl die Begleiter des Paulus diesen aufgrund der Weissagung des Propheten Agabus in Cäsarea davor gewarnt hatten, nach Jerusalem hinaufzuziehen (vgl. 21,10-14), zogen sie letztendlich mit ihm mit. Das zeigt zum einen, dass sie die Gefahr auf Paulus, nicht aber − oder zumindest weniger - auf sich selbst bezogen, zum anderen, dass sie Paulus sehr verbunden waren und ihn bis zum Ende begleiteten.

 

 

Weiterführende Literatur: J. Wehnert 1989, 193 geht kurz auf die durch Einschaltungen in mehrere Wir-Stücke zerfallene zweite Wir-Passage 20,5-21,18 ein, die offensichtlich die Kollektenreise des Paulus von Makedonien über Kleinasien nach Jerusalem schildere. J. Wehnert geht davon aus, dass sich Lukas bei den Wir-Passagen eines Stilmittels der jüdischen Literatur bediene, nämlich der (nachträglichen) Autorisierung eines Textes, und auf diese Weise seine um unbedingte Zuverlässigkeit bemühte Darstellung absichere (vgl. S. 182-183).

Laut D.-A. Koch 1999, 367-390 ergebe der Vergleich der beiden Seereisen in Apg 18,18-22a und 20-21, dass der Verfasser der Apg in 20-21 eine Quelle verwertet, und zwar den ersten Teil eines Rechenschaftsberichts, den ein Mitglied der in 20,4 genannten Kollektendelegation nach der Rückkehr aus Jerusalem angefertigt habe. Diese Quelle sei von vornherein im "Wir“-Stil verfasst gewesen. Dagegen gingen die Reiseroute und das "Wir“ von Apg 16,10-17; 17,1 auf Lukas selbst zurück, der so einen gemeinsamen Rahmen für die selbstständige Mission des Paulus bilde. Lukas betone dabei besonders die Lenkung des Geschehens durch den Geist.

C.-J. Thornton 1991 legt dar, dass es Lukas darauf ankomme, dass nicht missionarischer Ehrgeiz des Paulus oder eine zufällige Reiseangelegenheit das Evangelium nach Europa brachten, sondern Gott selbst habe diesen Schritt initiiert. Dafür sei Lukas Zeuge; das aber sei keine Zeugenschaft im Sinne historischer Autopsie, sondern ein Zeugnis des Glaubens, dass die miterlebte Vergangenheit von Gott geleitete Geschichte ist.

 

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V. 16

 

Beobachtungen: "Mathêtês“ ist eine Bezeichnung für einen "Schüler“ oder "Anhänger“. In 21,16 wird nicht gesagt, um wessen Anhänger es sich handelte. Der Verfasser der Apg lässt eine Präzisierung vermutlich deswegen fort, weil er davon ausgehen konnte, dass die Leser und Hörer der Apg auch ohne Präzisierung wussten, welche "Schüler/Anhänger“ gemeint sind. Da der Bericht aus christlicher Sicht geschrieben ist und es um die Beherbergung von Christen geht, ist davon auszugehen, dass es sich um Anhänger Jesu, also Christen, handelte. Da die Übersetzung "Jünger“ sofort an Anhänger Jesu denken lässt, ist sie hier passend.

 

Offen bleibt, warum einige Christen die Reisegruppe um Paulus nach Jerusalem begleiteten. Wollten sie die Reisegruppe zu Mnason führen? Dann hätte ein Christ aus Cäsarea gereicht, es sei denn, sie wollten alle Paulus einen Besuch abstatten. Wahrscheinlicher ist, dass sie in Jerusalem noch etwas anderes vor hatten. Möglich ist, dass sie dort wie Paulus den Pfingsttag erleben wollten.

 

Das Adjektiv "archaios“ kann sowohl "alt“ als auch "altehrwürdig“, "altbewährt“ oder "der ersten Stunde“ bedeuten. In ersterem Fall wäre Mnason ein alter Mann gewesen. Wenn Mnason dagegen "altehrwürdig“ oder "altbewährt“ war, dann hätte er sich auf irgendeine Weise ein besonders hohes Ansehen erworben und sich in irgendeiner Hinsicht bewährt. Und schließlich kann Mnason auch ein Jünger der ersten Stunde gewesen sein, hätte also zu den ersten Christen gehört.

 

Mnason wird im NT nur hier genannt, weshalb wir nichts über die Informationen des V. 16 Hinausgehendes über ihn wissen. Der in der hellenistischen Welt verbreitete Name könnte auf einen Christen des hellenistischen Sprach- und Kulturraums verweisen. Sollte Mnason allerdings tatsächlich ein Jünger der ersten Stunde gewesen sein, so ist eher an eine Herkunft aus Jerusalem oder zumindest aus Palästina zu denken. So könnte Mnason auch eine für den Verkehr in hellenistisch-christlichen Kreisen gewählte Form der jüdischen Namen Menahem oder Manasse sei.

Als Zypriot kann Mnason mit dem Zyprioten Barnabas (vgl. 4,36) in Kontakt gestanden haben. Auch kann er infolge der Mission des Paulus auf Zypern (vgl. 13,4-12) zum Glauben gekommen sein. Von daher kann er auch Paulus gegenüber besonders positiv eingestellt gewesen sein und den Wunsch geäußert haben, Paulus und seine Begleiter zu beherbergen.

 

Der Codex Bezae Cantabrigiensis geht vermutlich davon aus, dass Mnason nicht in Jerusalem, sondern in einem Dorf zwischen Cäsarea und Jerusalem wohnte. Demnach hätten Paulus und seine Begleiter bei Mnason eine Zwischenstation auf dem Weg nach Jerusalem eingelegt. Ob auch die Christen aus Cäsarea von Mnason gastlich aufgenommen wurden, bleibt offen.

 

Weiterführende Literatur: É. Delebecque 1983, 446-455 merkt an, dass Paulus und seine Begleiter wohl kaum die 100 Kilometer von Cäsarea nach Jerusalem in einer Etappe zurückgelegt haben können, was die kurze Textversion, die die Eile des Paulus herausstelle, aber suggeriere. Insofern biete die lange, vom Codex Bezae Cantabrigiensis gebotene Textversion eine wichtige, vom kurzen Text unterschlagene Information. So habe Mnason nicht in Jerusalem oder direkt vor Jerusalem, sondern zwischen Cäsarea und Jerusalem gewohnt.

 

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V. 17

 

Beobachtungen: Ob Paulus wie erhofft (vgl. 20,16) rechtzeitig zum Pfingsttag in Jerusalem eintraf, bleibt offen. Die Tatsache, dass sich Paulus ohne klar ersichtlichen zwingenden Grund sieben Tage in Tyrus aufgehalten hatte (vgl. 21,4), weist aber darauf hin, dass der Zeitdruck gemindert war und Paulus rechtzeitig in Jerusalem eintreffen konnte.

 

Es verwundert, dass die Ankunft der Reisegruppe um Paulus erst erwähnt wird, nachdem davon die Rede war, dass die Jünger, die die Reisegruppe begleiteten, diese zum Gastgeber Mnason führten. Es wäre eigentlich zu erwarten, dass zunächst die Ankunft der Reisegruppe in Jerusalem erwähnt und erst danach davon gesprochen wird, dass die Jünger die Reisegruppe zu Mnason führte. Somit stellt sich die Frage nach dem Grund für die Umstellung. Geht man davon aus, dass die jetzige Reihenfolge einen Sinn ergibt, so könnte eine Lösung darin zu sehen sein, dass das Partizip Präsens "agontes“ ("führend“) im Sinne einer Absicht zu verstehen ist. Dann wäre die Ausführung der Absicht erst nach der Ankunft in Jerusalem erfolgt. Dies wäre jedoch ein ungewöhnlicher Gebrauch des Partizip Präsens; eigentlich wäre ein Partizip Futur zu erwarten.

 

De freudige Aufnahme seitens der Jünger ist angesichts der Ungewissheit des Paulus, was ihm in Jerusalem widerfahren wird (vgl. 20,22), bemerkenswert. Paulus könnte also sein Ansehen bei den Christen in Jerusalem zu negativ eingeschätzt haben. Oder seine Unsicherheit bezog sich nicht auf das Ansehen und den zu erwartenden Empfang seitens der Christen, sondern um das Ergehen angesichts der Feindseligkeiten der Juden, die gemäß 20,23 Fesseln und Drangsale erwarten ließen. Der Verfasser der Apg präzisiert nicht, welche Christen Paulus und seine Begleiter in Jerusalem freudig aufnahmen. War es eine Delegation der Gemeinde? Oder waren es Heidenchristen, die in Jerusalem lebten? Oder waren es befreundete Christen? Da sich keine Präzisierung findet, ist davon auszugehen, dass der Verfasser der Apg deutlich machen wollte, dass Paulus und seinen Begleitern seitens der Jerusalemer Gemeinde grundsätzlich Wohlwollen entgegengebracht wurde. Dass es in der Gemeinde auch kritische Stimmen gab, ist damit nicht ausgeschlossen.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Delebecque, Édouard; La dernière étape du troisième voyage missionnaire de saint Paul selon les deux versions des Actes des Apôtres (21,16-17), RTL 14/4 (1983), 446-455

Koch, Dietrich-Alex; Kollektenbericht, "Wir“-Bericht und Itinerar. Neue (?) Überlegungen zu einem alten Problem, NTS 45/3 (1999), 367-390

Thornton, Claus-Jürgen; Der Zeuge des Zeugen: Lukas als Historiker der Paulusreisen (WUNT 56), Tübingen 1991

Wehnert, Jürgen; Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte: ein lukanisches Stilmittel aus jüdischer Tradition (Göttinger Theologische Arbeiten 40), Göttingen 1989

 

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