Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 21,18-26,32)

Apg 23,10-11

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 23,10-11

 

 

Übersetzung

 

Apg 23,10-11:10 Als aber ein großer Tumult entstand, befürchtete der Tribun, (der) Paulus könnte von ihnen zerrissen werden, und befahl der Truppe herabzukommen, ihn rasch aus ihrer Mitte herauszuführen und in die Kaserne zu bringen. 11 In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu ihm und sprach: "Sei guten Mutes! Denn wie du meine Sache in Jerusalem bezeugt hast, so musst du auch in Rom Zeugnis ablegen!“

 

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Der Abschnitt 23,10-11 schließt an die Schilderung der Auseinandersetzung der Pharisäer und Sadduzäer im Hohen Rat (vgl. V. 6-9) an, vor dem sich Paulus zu verantworten hatte. Das Entstehen eines Tumultes stellte eine weitere Stufe der Intensität der Auseinandersetzung zwischen den Pharisäern und Sadduzäern dar. Zunächst gab es nur unterschiedliche Ansichten und Spaltung der Versammlung (vgl. V. 7-8), dann nahm die Lautstärke der Meinungsäußerungen zu (vgl. V. 9), und nun kamen wohl auch Handgreiflichkeiten oder zumindest die Bereitschaft dazu hinzu.

 

Da die Auseinandersetzung zwischen den Mitgliedern des Hohen Rates erfolgte, dürfte Paulus zunehmend vom Mittelpunkt des Geschehens an den Rand gerückt sein. Insofern erstaunt, dass der Tribun gerade in dieser Situation fürchtete, Paulus könne von den Mitgliedern des Hohen Rates zerrissen werden, zumal Paulus ja zuvor von den Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer verteidigt worden war (vgl. V. 9) und somit von diesen nichts zu befürchten hatte. Dass der Tribun dennoch um das Leben des Paulus fürchtete, lässt sich damit erklären, dass sich die allgemeine Aggression jederzeit wieder auf Paulus richten konnte. Da sich die Aggression immer weiter verstärkt hatte, wäre in einem solchen Falle das Leben des Paulus in Gefahr gewesen. Die vom Verfasser der Apg gewählten Formulierungen lassen annehmen, dass dieser die Mitglieder des Hohen Rates als unzivilisierte, (potenziell) gewalttätige Masse darstellen wollte.

 

Das Verb "zerreißen“ unterstreicht die Gewaltbereitschaft der Mitglieder des Hohen Rates. Dabei wird nicht zwischen Gewaltbereitschaft der Pharisäer und Gewaltbereitschaft der Sadduzäer unterschieden, denn die Gefahr geht von "ihnen“ aus. Dass diese Personengruppe nur Sadduzäer umfasste, ist nicht ersichtlich. Das bedeutet, dass die Pharisäer dem Paulus zwar näher standen als die Sadduzäer, aber trotz der Verteidigung des Paulus seitens einiger Schriftgelehrter von der Partei der Pharisäer keineswegs als dessen Beschützer auftraten. Im Hinblick auf die Frage der Auferstehung standen sie ihm zwar durchaus nahe, doch erkannten sie Jesus nicht als den verheißenen Messias (= Christus) an, womit sie diesbezüglich Paulus ebenso feindlich gegenüber standen wie die Sadduzäer.

 

Mit der Kaserne (parembolê) ist wahrscheinlich die Burg Antonia gemeint. Die in dieser Burg stationierten Soldaten, zu denen auch diejenigen der Kohorte des Tribuns gehörten, wachten darüber, dass auf dem Tempelgelände keine Unruhen ausbrachen, die die ganze Stadt Jerusalem anstecken konnten. Aus Soldaten der Kohorte des Tribuns dürfte sich auch die "Truppe“ zusammengesetzt haben. In der Kaserne hatte Paulus unter Geißelhieben verhört werden sollen (vgl. 22,24), von der Kaserne war Paulus zu den "Hohepriestern“ und zum Hohen Rat hinuntergeführt worden (vgl. 22,30), und nun sollte er wieder in den Schutz der Kaserne zurückgebracht werden. Mit der Rückkehr des Paulus in die Kaserne ist die Erkenntnis des Tribuns verbunden, dass er von dem Verhör des Paulus vor den "Hohepriestern“ und dem Hohen Rat wohl nicht mit Gewissheit erfahren würde, weshalb Paulus von den Juden angeklagt wurde. Seine Hoffnung (vgl. 22,30) war also enttäuscht worden.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 11

 

Beobachtungen: Der "Herr“ kann Jesus, aber auch Gott sein. Da der "Herr“ einem Menschen gleich zu Paulus trat und zu ihm sprach, ist an Jesus zu denken. Auch bei der Schilderung seines Damaskuserlebnisses 22,6-10 war der Titel "Herr“ wohl auf Jesus bezogen.

 

Aus der Offenbarung des "Herrn“ geht der Plan Jesu bzw. Gottes hervor, der den Geschehnissen zugrunde lag. Nicht der Wille des Paulus zählte, sondern der Wille des "Herrn“. Der Titel "Herr“ gibt ein Herrschaftsverhältnis an: Der "Herr“ herrscht über seine Diener/Sklaven, die ihm bedingungslos zu dienen haben. Paulus hatte also seinem "Herrn“ Jesus bedingungslos zu gehorchen und dessen Willen auszuführen. Dabei ist Jesus bzw. Gott allerdings nicht als Tyrann zu verstehen, sondern der Wille Jesu bzw. Gottes zielt auf das Heil der Menschheit ab. Dementsprechend ist auch das "Muss“ ("dei“) als Verpflichtung zum Heil der Menschheit zu verstehen.

 

Bei dem Ablegen des Zeugnisses von der Sache des "Herrn“ dürfte es sich um die Verkündigung des Evangeliums und um das Bekenntnis zum "Herrn“ auch im Angesicht von Todesgefahr handeln. Dass Paulus schließlich in Rom Zeugnis ablegen sollte, war für ihn nichts Neues, denn er hatte im Verlauf der letzten Missionsreise schon "im Geist“ den Beschluss gefasst, zuerst durch Makedonien und Achaia zu ziehen, dann nach Jerusalem zu reisen und schließlich auch Rom zu "sehen“ (vgl. 19,21).

 

Dass Paulus "guten Mutes“ den Willen Jesu bzw. Gottes durchführen sollte, zeigt an, dass Jesus bzw. Gott ihm auch in den weiteren Geschehnissen seinen Beistand zusagte. Fraglich ist, ob das Zusprechen guten Mutes so zu verstehen ist, dass Paulus aufgrund Jesu bzw. Gottes Beistandes vor dem Tod verschont bleiben sollte, oder ob sich der gute Mut nicht vielmehr darauf bezog, dass das Geschehen letztendlich dem Heil des Paulus und der Menschheit dienen sollte und ein möglicher Tod angesichts dieses Heils von keiner nennenswerten Bedeutung war. Schließlich sollte nicht der Tod das letzte Wort behalten, sondern aufgrund der Auferstehung von den Toten das ewige Leben.

 

Weiterführende Literatur: Dass der Traum selbst, später die Gottheit oder andere Personen im Traum an den Träumer "herantreten“, gehöre laut B. Heininger 1996, 285-290 zu den Glaubenswahrheiten griechisch-hellenistischer Traumkultur und −sprache. Lukas ziehe in Apg 23,11 die mit 18,9-10 begonnene christologische Linie weiter aus, akzentuiere jetzt aber anders. Wandelte der erhöhte "Herr“ dort sozusagen in den Fußstapfen des atl. Gottes, trete er hier in Konkurrenz mit dem griechisch-hellenistischen Götterpantheon: Wie Asklepios, Isis oder Sarapis vermöge auch der "Herr“ des Nachts zu erscheinen, und zwar nicht nur im Traum, sondern "wirklich“.

 

C. Burfeind 2000, 75-91 versucht zu zeigen, dass die Theologie des Lukas eine Rom-kritische Pointe habe. Während die Heidenmission auf der ersten Missionsreise des Paulus theologisch legitimiert werde und die Unabhängigkeit dieser Heidenmission von der Synagoge auf der zweiten Missionsreise, werde mit dem Bericht von der Romreise des Paulus die politische Relevanz dieser Universalisierung der Christusverkündigung deutlich: Im gesamten Prozessgeschehen vor römischen Behörden und schließlich in Rom selbst bezeuge Paulus, dass der Christus auch der "Herr“ ("Kyrios“) ist. Die Verkündigung des Gottesreiches betreffe das Römische Reich und relativiere dessen Herrschaftsanspruch. Das zu verkündigen müsse Paulus nach Rom.

 

 

Literaturübersicht

 

Burfeind, Carsten; Paulus muß nach Rom. Zur politischen Dimension der Apostelgeschichte, NTS 46 (2000), 75-91

Heininger, Bernhard; Paulus als Visionär: Eine religionsgeschichtliche Studie (Herders biblische Studien 9), Freiburg i. Br. 1996 (S. 285-290)

 

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