Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 14,20-25

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 14,20-25

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 14,20-25: 20 Geschwister, seid nicht Kinder in der Einsicht, sondern seid kindlich in der Bosheit; in der Einsicht aber seid Erwachsene! 21 Im Gesetz steht geschrieben: "'Durch Menschen fremder Zunge und durch Lippen von Fremden werde ich zu diesem Volk reden, und sie werden auch so nicht auf mich hören’, spricht [der] 'Herr’.“ 22 Darum sind die Zungen[reden] nicht für die Gläubigen ein Zeichen, sondern für die Ungläubigen; die Prophetie dagegen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. 23 Wenn sich nun die ganze Gemeinde am selben Ort versammelt und alle in Zungen reden, es kommen aber auch Laien und Ungläubige herein, werden sie nicht sagen, dass ihr verrückt seid? 24 Wenn aber alle prophetisch reden, und es kommt ein Ungläubiger oder Laie herein, [so] wird er von allen überführt, von allen verhört; 25 das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird er auf [sein] Angesicht niederfallen, (den) Gott anbeten und bekennen: "Wahrhaftig, (der) Gott ist unter euch.“

 

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Hatte 14,6-19 noch einen korrigierenden und belehrenden Charakter, so wendet sich Paulus nun an die Einsicht der Korinther. Es gilt, unnötigen Konflikt zu vermeiden und die Adressaten wohlwollend auf die eigene Seite zu ziehen. Paulus gesteht den Korinthern eigene Urteilskraft zu. Er will seine Ansichten nicht mit Gewalt durchdrücken, auch will er nicht überreden. Sein Ziel ist es, die Adressaten von der Richtigkeit seiner Aussagen zu überzeugen. Dafür ist es notwendig, dass sie mittels ihrer eigenen Urteilskraft zu dem Ergebnis kommen, dass seine Aussagen richtig sind.

 

"Geschwister“ meint hier nicht leibliche Geschwister, sondern Glaubensgeschwister, nämlich Christinnen und Christen. Bei dem Substantiv "adelphoi“ handelt es sich zwar um eine maskuline Form, die zunächst mit "Brüder“ zu übersetzen ist, jedoch sind hier vermutlich auch die "Schwestern“ eingeschlossen. Dass diese unkenntlich bleiben, liegt an der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt.

 

Wie schon in 1 Kor 13,8-13 wird die Vorstellung von der unvollkommenen Erkenntnis des Kindes und der vollkommenen Erkenntnis aufgenommen. Damit lässt sich folgende Gleichung aufstellen: Kind sein = unvollkommen sein; Erwachsener sein = vollkommen sein. Paulus möchte also, dass die Korinther in ihrer Einsicht vollkommen sind; ihre Bosheit sollte dagegen unvollkommen sein.

Ob Kinder tatsächlich unvollkommene Einsicht haben, Erwachsene jedoch dagegen vollkommene, steht auf einem anderen Blatt. Das Gleiche gilt für die Bosheit.

 

Als Grund, weshalb Paulus der Einsicht gerade die Bosheit gegenüberstellt, ist am ehesten zu vermuten, dass die Bosheit der Uneinsichtigkeit entspringt. Nur wer einsichtig ist, ist in der Lage, vom Leben in Bosheit Abschied zu nehmen und sich einem gottgefälligen Leben zu widmen.

 

Weiterführende Literatur: J. C. Ramos 2001, 32-83 interpretiert 14,20-25 vor allem auf dem Hintergrund der paulinischen Aussagen zu den Geistesgaben der Kapitel 12-14 und berücksichtigt den historischen und literarischen Zusammenhang. Die gebotene Erklärung öffne nicht Tor und Tür für ein verzerrtes Verständnis der Zungengabe. Das heute gängige Zungengabeverständnis unterscheide sich von der echten Handlung des heiligen Geistes im Leben der Gläubigen, besonders wenn man das Prinzip bedenke, dass die Gabe immer zur Erbauung der Gemeinde gegeben wird.

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Paulus beruft sich auf das "Gesetz“. Dies ist erstaunlich, weil ein Großteil der Adressaten vor der Taufe nicht Jude, sondern Heide war. Daraus ist zu schließen, dass Paulus Texte des AT auch für Heidenchristen relevant hält. Sie sind zumindest insofern relevant, als sie auf das mit Jesus Christus verbundene Heilsgeschehen und auch auf den Widerstand gegen das Heilsgeschehen hinweisen.

 

Paulus zitiert aus dem "Gesetz“ Jes 28,11(-13). Es handelt sich weder um einen Gesetzestext im eigentlichen Sinn, noch um einen Bestandteil der Tora, auf deutsch: "Weisung“. Diese Tora umfasst die ersten fünf Bücher Mose (Genesis bis Deuteronomium). Enthalten sind neben eigentlichen Gesetzestexten auch andere, erzählende und belehrende, Texte. Dennoch wurde für die Tora in späterer Zeit die Bezeichnung "Gesetz“ ("nomos“) gebräuchlich. Sie ist folglich sowohl in der Septuaginta als auch im NT zu finden. Dass Paulus auch den zitierten prophetischen Text als Teil des "Gesetzes“ ansieht, hängt wohl damit zusammen, dass das rabbinische Judentum die Propheten als Ausleger des "Gesetzes“ versteht und daher nicht nur die Tora, sondern die gesamte hebräische Bibel als "Gesetz“ bezeichnet. Nebenbei sei gesagt, dass es zusätzlich zu diesem "schriftlichen Gesetz“ auch noch das "mündliche Gesetz“ gibt, das schließlich im Talmud verschriftlicht und kommentiert wurde.

 

Es fällt auf, dass das paulinische Zitat weder dem hebräischen, masoretischen Text noch dem griechischen Septuaginta-Text entspricht. Zahlreich sind die Unterschiede: Bei Paulus spricht der "Herr“ (direkte Rede in der Ich-Form), im masoretischen Text spricht Jesaja und in der Septuaginta die assyrischen Eroberer. Es fehlt mit Jes 28,12 gleich ein ganzer Vers, wobei Paulus die entstehende Lücke überbrückt. Aus dem gewöhnlichen "hören“ wird "auf mich hören“, womit der Ungehorsam gegenüber Gott betont wird. Hinzu kommen zahlreiche weitere, kleinere Unterschiede. Diese Beobachtungen lassen zweierlei Schlussfolgerungen zu: Entweder hat Paulus aus einer griechischen Übersetzung zitiert, die weder dem masoretischen Text noch der Septuaginta entspricht, oder er hat die ihm vorliegende Übersetzung auf seine Aussageabsicht hin zugeschnitten. Auch eine Kombination beider Möglichkeiten kommt in Frage.

 

Das Zitat hat Unverständnis und Fremdheit zum Thema. Im ursprünglichen atl. Kontext stellt sich beides wie folgt dar: Das Volk Israel oder zumindest die Oberen hören nicht auf ihren Gott. Daher ist ihr Gott ihnen fremd und auch sie sind ihrem Gott fremd geworden. So kommt es, dass Gott nur noch verächtlich von "diesem Volk“ spricht und nicht mehr "mein Volk“ sagt. Die Folge dieser Entfremdung ist, dass Gott nicht mehr wie gewohnt seine Schutzfunktion für sein Volk erfüllt und deswegen Feindvölker über das kleine, inzwischen in das Nord- und Südreich aufgeteilte Israel herfallen. Zu diesen Feindvölkern gehören auch die Assyrer - ein Volk, dessen Sprache den Israeliten fremd ist und die sie daher nicht verstehen.

Auf die Situation in Korinth bezogen heißt das: Die korinthischen Gemeindeglieder hören nicht auf Gott. Deshalb spricht dieser im Hinblick auf die Christen nicht mehr von "meinem Volk“, sondern nur noch verächtlich von "diesem Volk“. Aus der gegenseitigen Entfremdung resultiert, dass Gott nur noch in der Zungenrede zu den korinthischen Gemeindegliedern spricht. Diese verstehen das Gesagte nicht und ändern folglich ihr Verhalten nicht.

 

Die Übertragung wird in erster Linie an den Worten "Zunge“ ("glôssa“) und "fremd“ ("heteros“) festgemacht. So wie die israelitischen Feindvölker mit fremder Zunge sprechen, so tun es auch die Zungenredner in der korinthischen Gemeinde. Dabei werden die fremden Worte nicht nur mit der Zunge gebildet, sondern auch mit den Lippen.

In mancher Hinsicht hinkt die Übertragung jedoch: Erstens geht es Paulus nicht um das gesamte Gottesvolk, sondern um eine konkrete Gemeinde. Dass deswegen die ganze Christenheit zu "diesem Volk“ degradiert wird, ist doch sehr zweifelhaft. Zweitens gibt es zwar in der korinthischen Gemeinde manchen Missstand, doch dürften diese nicht so gravierend sein, dass die Gemeindeglieder gleichsam zu Heiden werden, von denen sich Gott distanzieren muss. Und drittens erscheint auch die Zungenrede in dem Zitat in einem zu schlechten Licht. Dass Paulus die Zungenrede durchaus befürwortet, sie jedoch übersetzt werden soll (vgl. u. a. 1 Kor 13,18-19), geht aus ihm nicht hervor.

 

Die hinkende Übertragung kann zu zwei Schlussfolgerungen führen. Entweder entspricht die Übertragung nicht Paulus’ Aussageabsicht, oder aber Paulus nimmt deswegen die Ungereimtheiten bei der Übertragung hin, weil es ihm nur um die Kernaussage geht: Wenn zu den korinthischen Gemeindegliedern in Zungen geredet wird, jedoch keine Übersetzung erfolgt, dann können sie ihr Verhalten nicht ändern. Wird die erste Schlussfolgerung gezogen, so muss man sich auf die Suche nach einer angemesseneren Übertragung machen. Anknüpfungspunkt könnte die Formulierung "dieses Volk“ sein, die statt auf die Christen bzw. die korinthische Gemeinde auf die Nichtchristen bezogen werden könnte. Dann würde das Zitat besagen: Wenn schon die Missionspredigt bei manchen Nichtchristen vergeblich geblieben ist, dann wird auch die Zungenrede keine Bekehrung bewirken.

 

Weiterführende Literatur: E. A. Engelbrecht 1996, 295-302 setzt sich zunächst mit der These früherer Untersuchungen von N. Engelsen und R. Harrisville auseinander, die darlegen, dass die Formulierung "in Zungen reden“ ("glôssais lalein“) bei Paulus ein technischer Ausdruck für ekstatische Aktivitäten innerhalb der korinthischen Gemeinde sei. Der Ausdruck gehe nicht auf Paulus zurück, sondern auf das vorchristliche Judentum. Auch E. A. Engelbrecht geht davon aus, dass die Formulierung "in Zungen reden“ nicht auf Paulus zurückgehe. Vielmehr handele es sich um einen gebräuchlichen semitischen Ausdruck, der im AT, in den Schriften vom Toten Meer und in rabbinischen Schriften vorkomme. Er werde dort jedoch nicht im Sinne von "ekstatisch reden“, sondern im Sinne von "in einer fremden Sprache reden“ gebraucht. Paulus habe ihn wahrscheinlich aus Jes 28,11 übernommen und ihn auf die korinthische Situation bezogen.

Ausführlich auf Jes 28,11 und den paulinischen Gebrauch des Verses geht W. A. Grudem 1979, 381-396 ein.

 

Auch wenn Paulus grundsätzlich die als "Septuaginta“ bezeichnete griechische Übersetzung der Schrift voraussetze, habe es doch laut D.-A. Koch 1986, 57-101 immer Schwierigkeiten bereitet, sämtliche Zitate von dieser Übersetzung herzuleiten. Mehrere Jesaja-Zitate und die beiden Hiob-Zitate des Paulus seien nicht der Septuaginta entnommen; sie stünden dem masoretischen Text wesentlich näher und zeigten zum Teil auch deutliche Übereinstimmungen mit den (späteren!) Übersetzungen von Aquila, Symmachus und Theodotion. Dies weise zugleich darauf hin, dass Paulus hier nicht eigenständig auf den hebräischen Wortlaut der Schrift zurückgreift, sondern an diesen Stellen eine dem hebräischen Text angenäherte Vorlage verwendet. D.-A. Koch geht auf die einzelnen Zitate ein und widmet sich auf S. 63-66 auch dem Zitat von Jes 28,11-12 in 1 Kor 14,21.

A. Lindemann 1996, 218-219 meint, dass von größter Bedeutung sei, dass Paulus nicht den Originaltext von Jes 28,11f. LXX verwendet, sondern einen offenbar von ihm selbst erheblich umgeformten Text. Er könne es sich seinen Adressaten gegenüber anscheinend leisten, zunächst mit einer sehr detaillierten, wenn auch nicht ganz korrekten Einleitungswendung zu dem Zitat hinzuführen, dann aber durchaus nicht ein wörtliches oder auch nur sinngemäß korrektes Zitat folgen zu lassen.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Paulus zieht nun die Schlussfolgerung aus dem Zitat, dass das Reden in (fremden) Zungen ein "Zeichen“ für die Ungläubigen ist. Doch was meint Paulus mit dieser Formulierung? Nun sagt man in der deutschen Sprache "Abendrot ist ein Zeichen für gutes Wetter“, d. h. Abendrot weist darauf hin, dass am nächsten Tag die Sonne scheint. Mit dem Abendrot ist also gutes Wetter verbunden. Überträgt man diese Redeweise auf die Zungenrede, so liegt folgende Deutung (a) nahe: Man kann eine Gruppe Ungläubige daran erkennen, dass zu ihnen in Zungen gesprochen wird.

Diese Deutung kommt aus christlicher Sicht nicht in Frage, weil gemäß 1 Kor 12,28 Zungenrede eine Gnadengabe ist und Paulus sie auch nicht ablehnt, sofern sie gedeutet wird. In einer Gruppe gläubiger Christen kann also durchaus in Zungen geredet werden. Zungenrede ist nicht grundsätzlich ein Zeichen für Ungläubige. Von dieser christlichen Sicht ist jedoch die Sicht der Nichtchristen zu unterscheiden. Wenn Nichtchristen zu einer Gruppe gläubiger Christen kommen und in dieser Gruppe in Zungen geredet wird, könnten sie denken, dass es sich um eine Gruppe Ungläubige handelt. Würde in dieser Gruppe jedoch prophetisch geredet, dann wäre der Eindruck ein anderer: die prophetische Rede würde als "Zeichen“ für eine Gruppe Gläubiger interpretiert.

Man kann jedoch das "Zeichen“ auch so verstehen, dass es etwas vielleicht nur ansatzweise Bestehendes bestärkt. Das würde bedeuten: Der Glaube einer Gruppe Menschen, zu denen in Zungen gesprochen wird, kann nicht geweckt oder gestärkt werden. Damit kann sie auch ihr Verhalten nicht nach dem göttlichen Wort ausrichten und es korrigieren. Folglich bleibt das Fehlverhalten bestehen und wird sogar noch verfestigt. Zungenrede würde in gewisser Weise Unglauben ankündigen und wäre in diesem Sinne "Zeichen“. Umgekehrt könnte prophetisches Reden Glauben wecken und stärken und zu rechtem Handeln anleiten. Es wäre insofern "Zeichen“, als es Glauben ankündigt. Die Interpretation b würde zur Aussage "und sie werden auch so nicht auf mich hören“ (V. 21) passen, wobei die Formulierung "dieses Volk“ sowohl auf Christen bzw. die korinthische Gemeinde als auch auf Nichtchristen bezogen werden könnte.

Es ist allerdings auch eine weitere Deutung ( c ) in Betracht zu ziehen, zu der die Aussage "Für mich ist Abendrot ein Zeichen, dass am nächsten Tag schönes Wetter wird.“ Die gewählte Ausdrucksweise macht deutlich, für wen Abendrot ein "Zeichen“ ist, nämlich für die sprechende Person, die aus dem Betrachten des Abendrots ihre Lehren für das kommende Wetter gezogen hat. Auf die Zungenrede bezogen heißt das, dass die Ungläubigen anhand der Zungenrede etwas erkennen können, und die Gläubigen anhand der Prophetie. Offen bleibt jedoch, was die Ungläubigen und die Gläubigen aus der Zungenrede bzw. der Prophetie erkennen können. Nahe liegend wäre die Antwort, dass die Gläubigen aus der Prophetie göttliche Geheimnisse und Pläne oder auch Gottes Anwesenheit erkennen können. Dies ist bei der Zungenrede nicht möglich. Aus der Zungenrede könnte man höchstens Gottes Anwesenheit erkennen - oder auch Gottes Abwesenheit. Das gilt aber für Gläubige und Ungläubige gleichermaßen, allerdings bei vielleicht unterschiedlicher Deutung. Was darüber hinaus Ungläubige aus der Zungenrede erkennen können, bleibt im Dunklen. Diese Deutung ist aufgrund der verschiedenen Unklarheiten unwahrscheinlich, jedoch nicht auszuschließen.

 

Alle drei genannten Interpretationen a, b und c sind möglich, wobei letztere am unwahrscheinlichsten ist. Die Entscheidung muss anhand der folgenden Verse gefällt werden.

 

Weiterführende Literatur: J. W. MacGorman 1983, 389-400 beschreibt zunächst das Wesen der Glossolalie − oder: Zungenrede − und ihren entarteten Gebrauch in Korinth. Dann legt er dar, auf welche Art und Weise Paulus mit dem in 12,1-14,40 thematisierten Problem des entarteten Gebrauchs umgeht.

Die erste und entscheidende Frage der Untersuchung von S. B. Choi 2007 lautet, ob Paulus und die Korinther im Grunde dasselbe Glossolalieverständnis haben und der Unterschied zwischen ihnen wirklich nur in der Bewertung des praktischen Nutzens der Glossolalie für die Gemeinde liegt. Ergebnis: Ein entscheidender Grund, weshalb Paulus die Praktizierung der Glossolalie so stark kritisch beurteilt, liege darin, dass die Realität der korinthischen Gemeinde seinem Verständnis von Gemeinde nicht entspricht. Gemäß Paulus dürften die Geistesgaben nicht der individuellen Selbstdarstellung, sondern müssten der Gemeinde bzw. deren Erbauung dienen. So würden die wahren Wirkungen des Geistes bestätigt.

 

V. 22 passt nicht recht zu V. 23-25. Besagt V. 22, dass die Zungenrede für die Ungläubigen und die prophetische Rede für die Gläubigen bestimmt ist, so sind in V. 23-25 Ungläubige die Adressaten sowohl der Zungenrede als auch der prophetischen Rede. Diese Diskrepanz hat zu einer Vielzahl Lösungsversuche geführt, die ausführlich D. A. Carson 1987, 108-113 aufführt, in Grundzügen auch K. O. Sandnes 1996, 2.

W. A. Grudem 1979, 381-396 vertritt die These, dass nicht gedeutete unverständliche Rede den Ungläubigen ein "Zeichen“ für Gottes Ärger und bevorstehendes Gericht sei. Paulus wolle nicht, dass den Ungläubigen dieses "Zeichen“ gegeben wird, und versuche daher die korinthischen Gemeindeglieder davon abzubringen, im Gottesdienst ungedeutet in Zungen zu reden. Prophetie dagegen sei ein klares "Zeichen“ für Gottes Gegenwart bei den Gläubigen und für deren Segnung. Daher ermutige Paulus die Adressaten, bei der Anwesenheit von Nichtchristen im Gottesdienst prophetisch zu reden, damit diese das "Zeichen“ sehen und zum Glauben kommen.

Anders J. F. M. Smit 1994, 175-190 der darlegt, dass es sich um "Zeichen“ aus der Sicht der Außenstehenden handele. Da ekstatische Äußerungen Kennzeichen heidnischer Kulte seien (vgl. 1 Kor 12,2), bekämen Außenstehende den Eindruck, dass es sich bei den Zungenrednern um Heiden handele. Prophetische Rede erscheine dagegen als ein "Zeichen“ für gläubige Christen. K. O. Sandnes 1996, 1-15 knüpft an J. F. M. Smits Artikel an, geht jedoch davon aus, dass Paulus die korinthischen Gemeindeglieder dazu bringen wolle, mehr prophetisch als in Zungen zu reden. Der Grund dafür sei, dass die Zungenrede den Unglauben der Nichtchristen festige, die prophetische Rede dagegen zur Bekehrung führe.

 

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V. 23

 

Beobachtungen: Paulus schildert nun eine fiktive Situation: Die ganze Gemeinde versammelt sich am selben Ort, wobei am ehesten an einen Gottesdienst in einem großen christlichen Versammlungsraum zu denken ist, und alle reden in Zungen. Das wäre wahrhaftig ein beeindruckendes Bild. Wenn nun aber Nichtgläubige oder "Laien“ hinzu bzw. in den Raum hineinkommen, so sind diese nicht gerade beeindruckt. Ganz im Gegenteil: Sie halten die Versammelten für verrückt. Glaube wird bei den Ungläubigen und "Laien“ auf jeden Fall nicht geweckt.

 

Bei den Ungläubigen handelt es sich um Nichtchristen. Ob Juden eingeschlossen sind, ist fraglich, denn Paulus, der selbst als Jude aufgewachsen ist, würde diese vermutlich nicht mit den Heiden unter einem Begriff zusammenfassen.

Stellt sich die Frage, wer die "Laien“ (idiôtai) sind. Der Begriff bezeichnet gewöhnlich eine Person, die kein Fachwissen besitzt. Sie kann folglich in diesem Fall nicht in Zungen reden oder Zungenrede verstehen. Mehr noch: Ihr ist das Phänomen Zungenrede gänzlich fremd. Da die ganze Gemeinde versammelt ist, kann es sich nicht um ein Gemeindeglied handeln. Auch Taufanwärter der Gemeinde dürften mit dem Phänomen zumindest ansatzweise vertraut sein, weshalb vermutlich auch an diese nicht zu denken ist. Nimmt man V. 23 für sich, ohne die folgenden Verse zu berücksichtigen, so kommen allerdings Christen oder Taufanwärter aus anderen Gemeinden in Frage, in denen die Zungenrede nicht Brauch ist. (Ausschließlich) Heiden sind sicherlich nicht gemeint, weil diese schon unter den Begriff "Ungläubige“ fallen und die "Ungläubigen“ nicht deckungsgleich mit den "Laien“ sein können. Bleiben noch die Juden, die möglicherweise nicht zu den "Ungläubigen“ gehören (s. o.). Diese sind aber mit dem Begriff "Laien“ höchstens mitgemeint, denn sonst hätte Paulus sicherlich die Bezeichnung "Juden“ gewählt. Fazit: Es müssen Personen gemeint sein, die nicht zur korinthischen Gemeinde gehören, aber auch zu ihr nicht in so einer Distanz stehen wie die "Ungläubigen“, die Heiden. Eine weitere Eingrenzung kann erst anhand der nächsten Verse erfolgen.

 

"Ungläubige“ oder "Laien“ könnten dem Gottesdienst als Gäste beiwohnen oder zufällig vorbeikommen.

 

Warum könnte von Interesse sein, was die "Ungläubigen“ oder die "Laien“ über die Christen denken? Zunächst einmal sind die Christen nur dem Urteil ihres "Herrn“, Jesus Christus, unterworfen. Es ist allerdings möglich, dass Paulus vermeiden will, dass die Christen bei den Nichtchristen in Misskredit geraten und Verfolgungen erleiden müssen. Es geht aber nicht nur um die Schonung der Christen, sondern darüber hinaus auch um das Heil der Nichtchristen: Letztendlich ist es das Ziel eines Missionars, möglichst viele Menschen zum Glauben und damit zum Heil zu bewegen. Deshalb wird Paulus bei Nichtchristen nicht unnötig Abneigung gegenüber dem christlichen Glauben schüren wollen.

 

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Weiterführende Literatur: N. M. Pritchard 1980, 55-70 legt anhand der Passagen 1 Kor 11,27-34; 14,23; 16,22 dar, dass Paulus möglicherweise auch Ungläubige zum Herrenmahl zugelassen hat. Er geht von dem Abschnitt 11,27-34 aus. Dann stellt er anhand von 14,23 die These auf, dass Abendmahlsgottesdienste nicht nur für Gläubige zugänglich gewesen seien, und versucht nachzuweisen, dass der frühchristliche Gottesdienst sowohl das Wort als auch das Sakrament umfasst habe. 16,22 schließlich lasse annehmen, dass die Ungläubigen auch an dem Herrenmahl teilnehmen konnten. Die Verfluchung solle die Teilnehmer − auch die ungläubigen! − am Herrenmahl ermahnen, sich dem Herrenmahl mit Bedacht und vorsichtig zu nähern. Von daher sei zweifelhaft, ob sich die Forderung der Kirche, vor dem Abendmahl den Glauben zu bekennen, mit der Lehre des NT begründen lässt.

 

Laut K. O. Sandnes 2007, 253-254 hätten sich die frühen Christen in privaten Häusern versammelt, jedoch seien die Gemeindeversammlungen keine private, sondern eine öffentliche und heilige Angelegenheit gewesen. Zu dieser hätten auch Außenstehende, wohl insbesondere aus der Nachbarschaft, Zugang gehabt. Paulus sei daran gelegen, auch diese Außenstehenden für das Christentum zu gewinnen.

 

S. J. Chester 2005, 417-446 wendet sich gegen die verbreitete Ansicht, dass der Ausruf "mainesthe“ im Sinne von "Ihr seid verrückt!“ zu verstehen sei. Gemäß dieser Ansicht seien Zungen ein negatives Zeichen, das Außenstehende ausgrenzt und zurückweist und darauf hinweist, dass diese unter dem göttlichen Gericht stehen. Tatsächlich handele es sich laut S. J. Chester um einen positiven Ausruf im Sinne von "Ihr seid inspiriert!“. Die Zungenrede werde also als Manifestation des Göttlichen verstanden. Aus Sicht des Paulus reiche das aber nicht aus, denn Zungenrede vermittle nicht das Evangelium.

 

B. Zerhusen 1997, 139-152 wendet sich gegen die Annahme, dass in 1 Kor 14 von Zungenrede im Sinne einer Sprache die Rede sei, die ihr Sprecher nicht erlernt hat, die er selbst auch nicht verstehen kann, die wundersamer Art und eine Geistbezeugung ist. Vielmehr sei von der Tatsache auszugehen, dass in Korinth als Handelsstadt ein multikulturelles Leben herrschte. So habe man dort die verschiedensten Sprachen hören können − auch im christlichen Gottesdienst. Auf diesem multikulturellen Hintergrund sei 1 Kor 14 zu verstehen. Griechisch sei die Sprache, in der in Korinth der Gottesdienst abgehalten und auch prophezeit wird. Paulus gestehe allen Gottesdienstbesuchern zu, in der Muttersprache zu sprechen, doch solle solche Rede in die griechische Sprache übersetzt werden. Wer zu einer solchen Übersetzung der eigenen Rede nicht in der Lage sei, solle im Gottesdienst schweigen und für sich und zu Gott sprechen.

 

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V. 24

 

Beobachtungen: Wenn die versammelte Gemeinde prophetisch redet, dann kommt es nicht zur gleichen Ablehnung, wie wenn in Zungen geredet wird. Stattdessen geschieht mit dem hinzukommenden"Ungläubigen“ und "Laien“ etwas. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Prophetie verständlich ist. Paulus benutzt für die Beschreibung des Geschehens die Verben "elenchomai“ und "anakrinomai“. Ersteres Verb hat entweder die Bedeutung "überführt/beschämt werden“ oder "geprüft werden“, letzteres entweder "verhört werden“ oder "beurteilt werden“. Die Prophetie ist also auf den Außenstehenden gerichtet und zwingt ihn zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen (Un-)Glauben. Sie bewirkt eine Art Gericht. Dass dieses Gericht von Gemeindegliedern, die das Kommen des "Ungläubigen“ oder "Laien“ bemerken, durchgeführt wird, steht so nicht im Text. Dort wird nichts über den äußeren Rahmen des Gerichts gesagt.

Der Ablauf der durch die Prophetie verursachten "Gerichtsverhandlung“ ähnelt dem vor einem realen Gericht: Angeklagt wird der "Ungläubige“ oder "Laie“ durch die Prophetie. Dabei sind alle Gemeindeglieder Ankläger, weil alle Gemeindeglieder prophetisch reden. Der "Ungläubige“ oder "Laie“ muss sich nun verteidigen und im "Verhör“ über seinen (Un-)Glauben Rechenschaft ablegen. Das im "Verhör“ Offenbarte wird einer kritischen Beurteilung unterzogen. Weil die Prophetie eindeutig auf den christlichen Glauben hinzielt, kann die Beurteilung nur negativ ausfallen. Der "Ungläubige“ oder "Laie“ wird seines Unglaubens bzw. falschen (= nichtchristlichen) Glaubens oder mindestens des unvollkommenden Glaubens überführt.

 

Die Tatsache, dass der "Ungläubige“ oder "Laie“ überführt wird, beweist bezüglich der Frage, wer der "Laie“ ist (vgl. V. 23), dass es sich um keinen Christen handeln kann. Auch ein Taufanwärter ist unwahrscheinlich, weil dieser sich schon zum Übertritt zum christlichen Glauben entschlossen hat und ihm nur noch die entsprechende Belehrung und letztendlich auch die bestätigende Taufe fehlt. Ein "Verhör“ mitsamt einer "Beschämung“ weist eher auf einen "Ungläubigen“, auf einen Juden oder auf einen im Glauben Unentschlossenen hin. Ersterer fällt unter den Begriff "Ungläubiger“, so dass nur noch ein Jude oder Unentschlossener bleiben. Würde es sich sicher um einen Juden handeln, so hätte Paulus statt des Begriffs "Laie“ sicherlich den Begriff "Jude“ gewählt. Folglich ist wahrscheinlich (auch) ein im Glauben Unentschlossener im Blick. Dieser fällt nicht mehr unter die "Ungläubigen“, weil er sich vom bisherigen Glauben abwendet oder schon abgewandt hat, ist aber auch noch kein Taufanwärter oder Getaufter. Dass ein solcher im Glauben Unentschlossener als Interessent und/oder von einem Christen Eingeladener zu einem christlichen Gottesdienst hinzukommt, ist durchaus wahrscheinlich - wahrscheinlicher noch als das Hinzukommen eines Heiden.

 

Weiterführende Literatur: T. Callan 1985, 125-140 befasst sich mit der Prophetie in der griechisch-römischen Religion und im Ersten Korintherbrief. Ergebnis: Paulus sei in einer ähnlichen Situation wie Philo von Alexandria. Er werde mit einer Gemeinde konfrontiert, die nicht zwischen Zungenrede und Prophetie unterscheidet und davon ausgeht, dass Prophetie von Trance begleitet werde. Im Gegensatz dazu unterscheide Paulus beides sehr wohl. Er definiere Prophetie als etwas, was − anders als die Zungenrede - nicht von Trance begleitet wird. Er tue dies aufgrund seiner Treue zum AT und auch, weil es ihm erlaube, verstehbare inspirierte Rede zu fördern, die die Gemeinde erbaut.

 

S. K. Stowers 1984, 59-82 geht der Frage nach, ob Paulus wirklich wie die Sophisten und Kyniker bei ihren Reden an den viel frequentierten öffentlichen Plätzen gestanden und dort gepredigt hat. Ein Problem bei der Beantwortung der Frage sei, dass sich aus den paulinischen Briefen nur schwer Einsichten in die Umstände der Predigttätigkeit des Paulus gewinnen lassen. S. K. Stowers kommt zu dem Ergebnis, dass Paulus bei verschiedenen Gelegenheiten die Synagogen für Predigten genutzt habe, doch sei die Nutzung aufgrund des Anstoßes, den er erregt habe, nur begrenzt möglich gewesen. Daher seien private Haushalte der wichtigste Ort für die Predigttätigkeit gewesen, wobei Paulus de Vorbild hellenistischer Lehrer gefolgt sei. Nichtgläubige seien in die Häuser der Christen eingeladen worden, selbst zu Gottesdiensten. Dabei offenbare 1 Kor 14,20-25 eine besondere Sorge des Paulus, welchen Eindruck das Verhalten auf die Außenstehenden macht. Die Nutzung öffentlicher Plätze und Gebäude sei Paulus kaum möglich gewesen, denn er habe keinen angesehenen Status, keinen guten Ruf und keine anerkannte Rolle gehabt.

Zur Bedeutung der Gemeinde als Missionsfaktor siehe ausführlich W. Rebell 1988, 117-134. Ergebnis: Die sich zum Gottesdienst versammelnde urchristliche Gemeinde sei, insbesondere durch die Kraft ihrer Liebe und die Gabe der Prophetie, ein Missionsfaktor par excellence, ohne dass ihr Gottesdienst als solcher spezifisch missionarisch ausgerichtet wäre. Eine besondere Bedeutung komme dem Gemeinschaftsaspekt zu.

 

M. Pesce 1985, 379-438 stellt heraus, dass 14,24-25 nicht kerygmatischen oder christologischen Inhalts sei, der Abschnitt also nicht den Tod und die Auferstehung Christi verkündige. Die Prophetie sei nicht die Mitteilung des Heils. Vielmehr sei der wesentliche Inhalt der Verse, dass der Ungläubige die Anwesenheit Gottes in der Gemeinde erkennt und sich seines eigenen sündigen Zustands bewusst wird. Er sehe nun die Notwendigkeit einer Bekehrung, die der Verkündigung des Todes und der Auferstehung Christi und schließlich des Vollzugs der Taufe bedürfe. Allein die Verkündigung teile das Heil mit.

 

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V. 25

 

Beobachtungen: Durch das "Verhör“ und die "Beschämung“ wird das Verborgene des Herzens offenbar, nichts bleibt mehr verborgen. Vor wem die Offenbarung erfolgt, sagt Paulus nicht. In Frage kommen die anwesenden Gemeindeglieder und Gott. Weil nicht gesagt wird, dass die Gemeindeglieder aktiv in das "Gerichtsverfahren“ verwickelt sind, ist es gut möglich, dass die Offenbarung nur vor Gott erfolgt. Die "Gerichtsverhandlung“ wäre in dem Fall eine stille und innere Sache.

 

Auf die "Gerichtsverhandlung“ samt der Offenbarung des Verborgenen des Herzens, die eine innere Bekehrung bewirkt, folgt das äußere Bekenntnis des neu erworbenen Glaubens. Zuerst fällt der Bekehrte auf sein Angesicht nieder, was vermutlich so zu verstehen ist, dass er zunächst auf seine Knie fällt und sich dann mit dem Oberkörper und dem Gesicht auf die Erde begibt (vgl. den muslimischen Gebetsritus oder die Prostration des katholischen Ritus’). In dieser Haltung betet er Gott an, wobei über die Handlungen während der Anbetung nichts gesagt wird. Das Küssen der Füße oder des Kleidersaums wie bei einem König kommt nicht in Frage, weil Gott weder körperlich noch gegenständlich gedacht ist. Der genaue Anbetungsritus ist in V. 25 allerdings auch nebensächlich, weil es auf die Geisteshaltung an sich ankommt.

 

Abschließend ist nun weiter die Frage zu verfolgen, wie das "Zeichen“ (V. 22) zu verstehen ist ist.

Zur Deutung a, wonach man eine Gruppe Ungläubige daran erkennen kann, dass zu ihnen in Zungen gesprochen wird: In V. 23-25 wird zu niemandem in Zungen gesprochen und es wird auch zu niemandem prophetisch gesprochen. Alle Gemeindeglieder reden, es hört also niemand zu. Die "Ungläubigen“ und die "Laien“ sind keine Zuhörer im eigentlichen Sinn, weil sie erst zur versammelten Gemeinde hinzustoßen, als diese schon längst mit dem Zungenreden bzw. prophetischen Reden begonnen hat. Der Ausruf "Wahrhaftig, Gott ist unter euch!“ besagt, dass unter denen, die prophetisch reden, Gott ist. Man müsste also angesichts V. 25 die Interpretation a dahingehend modifizieren, dass für Außenstehende anhand der prophetischen Rede einer Menschengruppe ersichtlich ist, dass Gott unter ihr ist und es sich somit um Gläubige handelt. Das Gegenteil ist bei der Zungenrede der Fall: Außenstehende bekommen bei ihr nicht den Eindruck, dass Gott unter den Zungenrednern ist. Diesen Eindruck haben nur die Christen, insbesondere die Korinther, weil sie mit dem Phänomen Zungenrede vertraut sind. Die modifizierte Interpretation a ist im Hinblick auf V. 23-25 sinnvoll. Im Hinblick auf V. 21 gilt dies nur eingeschränkt. Es könnte zwar durchaus sein, dass mit "diesem Volk“ die "Ungläubigen“ und "Laien“ gemeint sind, womit sich der abschätzige Unterton erklären ließe, doch im Hinblick auf die Aussage "und sie werden auch so nicht auf mich hören“ ist die modifizierte Interpretation a nur bedingt sinnvoll. Im Hinblick auf die Zungenrede gilt diese Aussage, denn die "Ungläubigen“ und "Laien“ verstehen sie nicht und können somit auch nicht auf Gott hören. Und tatsächlich haben sie ja auch schon vor der Zungenrede nicht auf Gott gehört, wie das Verharren in der alten Religion zeigt. Aber wie wurde denn vorher zu ihnen seitens der Missionare gesprochen? Sicherlich nicht in prophetischer Rede, denn sonst hätten sie das Bekenntnis "Wahrhaftig, Gott ist unter euch!“ schon vorher gesprochen. Die missionarische Predigt müsste also frei von prophetischer Rede gewesen sein. Nur unter dieser Bedingung ist die modifizierte Interpretation a auch im Hinblick auf V. 21 sinnvoll.

Zur Deutung b: Diese wird auch durch V. 23-25 gestützt. Zwar wird im eigentlichen Sinne zu niemandem geredet, doch stoßen die "Ungläubigen“ und "Laien“ zur in Zungen bzw. prophetisch redenden Gemeinde hinzu. Damit sind sie eine hinzugekommene Zuhörerschaft, wobei gemäß V. 24 nur ein Zuhörer anwesend ist. Und was bewirkt nun die jeweilige Rede? Die Zungenrede bewirkt Verfestigung des Unglaubens, die prophetische Rede Bekehrung und damit auch Stärkung des Glaubens.

Deutung c, wonach die Zungenrede für die Ungläubigen ein Zeichen ist und die prophetische Rede für die Gläubigen, erweist sich im Hinblick auf die V. 23-25 als nicht haltbar. Gläubige tauchen nämlich als Zuhörer nicht auf, nicht einmal als später hinzugekommene. Die prophetische Rede kann somit für Gläubige kein "Zeichen“ sein, sondern höchstens für den hinzugekommenen "Ungläubigen“ oder "Laien“. Zudem bliebe unklar, was man denn aus dem "Zeichen“ erkennen könnte. Das gilt auch für das "Zeichen“ Zungenrede.

Fazit: Geht man davon aus, dass V. 22 sowohl im Lichte von V. 21 als auch von V. 23-25 zu interpretieren ist, so ergibt Deutung b Sinn und - bei der genannten Bedingung - auch die modifizierte Interpretation a.

 

Weiterführende Literatur: A. Lindemann 1996, 219-220 findet die begriffliche Ähnlichkeit von 1 Kor 14,25 und Jes 45,14 auffallend, die vor allem durch die Verwendung des Verbs "proskynein“ ("[kniefällig] anbeten“) angezeigt werde. Es scheine nicht undenkbar zu sein, dass Paulus gemeint hat, Jes 45,14 enthalte eine Verheißung, die sich jetzt in der Gemeinde erfülle; den korinthischen Christen wäre dieser Aspekt aber höchstwahrscheinlich nicht bewusst gewesen, wie sie denn den Zitatcharakter der Aussage vermutlich gar nicht wahrgenommen hätten. Die Aussage in 14,25 bilde den Schluss des ganzen Gedankengangs und sei für die Sache, um die es Paulus geht, von größter Bedeutung. Zum hohen Stellenwert der Anspielung auf Jes 45,14 − und Dan 2,46-47 − siehe auch knapp F. Wilk 1998, 399, der auf S. 331-333 auf die Überwindung des Unglaubens und auf die Hineinnahme der Ungläubigen in die Gemeinde Christi als eschatologisches Phänomen eingeht.

 

G. Theißen 1983, 82-120 legt dar, dass nach 1 Kor 4,1-5 und Röm 2,12-16 das "Verborgene“ im Menschen erst im Jüngsten Gericht offenbar werde. In 1 Kor 14,20-25 werde es aber schon in der Gegenwart von urchristlichen Propheten enthüllt. Dieser Abschnitt enthalte einige offensichtliche Unklarheiten, die G. Theißen erörtert. Es folgen eine Traditionsanalyse und eine psychologische Analyse. Historische Voraussetzung für die Entdeckung des Unbewussten sei der Glaube an den allwissenden Gott. Dieser Glaube sei älter als das AT. Der Weg von der Idee des allwissenden Gottes zur Aufdeckung des Unbewussten im Menschen sei lang. Er setze drei Schritte voraus: Die Allwissenheit Gottes müsse (A) mit der begrenzten Einsicht des Menschen konfrontiert werden. Sie müsse (B) auf innere Prozesse im Menschen ausgeweitet werden, ja, die inneren Motive des Menschen müssten als der wichtigste Gegenstand göttlicher Allwissenheit erscheinen. Der entscheidende Schritt zur Aufdeckung unbewusster Motive im Menschen bestehe dann (C) darin, dass die Konfrontation zwischen der Allwissenheit Gottes und der begrenzten Einsicht des Menschen in sich selbst in das Innere des Menschen verlagert und als innerpsychischer Konflikt gedeutet wird. Bei seiner psychologischen Analyse verbindet G. Theißen verschiedene Ansätze perspektivisch: Von einem lerntheoretischen Ansatz her könne die Bewusstmachung unbewusster Prozesse auf konkurrierende Umweltbedingungen zurückgeführt werden, von einem psychodynamischen Ansatz her auf eine innerpsychische Verwandlung. Von einem kognitiven Ansatz her werde man die Selbstexploration des Menschen vor dem allwissenden Gott in den Mittelpunkt der Analyse stellen. Die Umstrukturierung der eigenen Selbstwahrnehmung mache den Blick frei für Unbewusstes.

 

 

Literaturüberblick

 

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