Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (13-14)

Die erste Missionsreise des Paulus

Apg 13,44-47

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 13,44-47

 

 

Übersetzung

 

Apg 13,44-47:44 Am folgenden Sabbat kam fast die ganze Stadt zusammen, um das Wort (des) Gottes zu hören. 45 Als aber die Juden die Massen sahen, wurden sie eifersüchtig und widersprachen dem, was Paulus sagte, wobei sie lästerten. 46 Da sagten (der) Paulus und (der) Barnabas frei heraus: "Zu euch musste das Wort (des) Gottes zuerst geredet werden. Da ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns den Heiden zu. 47 Denn so hat uns der Herr geboten: "Ich habe dich zu einem Licht der Heiden gemacht, dass du zum Heil sein sollst bis an [das] Ende der Erde.'“

 

 

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V. 44

 

Beobachtungen: Da nicht ersichtlich ist, dass es zwischen der Rede des Paulus in der Synagoge von Antiochia in Pisidien und der Zusammenkunft fast der ganzen Stadt eine weitere Zusammenkunft zwecks Verkündigung des "Wortes Gottes“ gab, dürfte es sich bei der Zusammenkunft fast der ganzen Stadt − gemeint ist die Stadt Antiochia in Pisidien − um die in V. 42 erbetene Versammlung handeln.

 

Die Versammlung fand nicht an einem Werktag, sondern an einem Sabbat statt. Dies lässt darauf schließen, dass die Versammlung erneut in einer Synagoge stattfand, möglicherweise in derjenigen Synagoge, in der schon die erste Predigt in Antiochia in Pisidien stattgefunden hatte (vgl. Apg 13,14). Allerdings lässt schon die Notiz, dass fast die ganze Stadt zusammengekommen sei, an dieser Annahme zweifeln. Antiochia in Pisidien war nämlich eine römische Veteranenkolonie, was darauf schließen lässt, dass die Mehrheit der Einwohner heidnischen Glaubens war. "Fast die ganze Stadt“ wäre ebenfalls eine mehrheitlich heidnische Menge. Diese hätte wohl wegen der Angst der Juden vor Verunreinigung kaum Zutritt zur Synagoge erhalten. Außerdem hätten in ihr wohl kaum Menschenmassen Platz gehabt, zumal es möglicherweise in der Stadt mehrere Synagogen gab.

 

Die Formulierung "Wort (des) Gottes“ ("logos tou theou“) ist eine der vom Verfasser der Apg am häufigsten gebrauchten Wendungen. Der Genitiv kann besagen, dass das Wort von Gott stammt oder ihn zum Inhalt hat. Gemeint ist mit dem "Wort“ nicht ein einzelnes Wort, sondern eine Botschaft, nämlich die "frohe Botschaft“ (Evangelium). Sie hat göttliches Heilshandeln − insbesondere Tod und Auferstehung Christi − zum Inhalt, ist also nicht vom Menschen ersonnen. Auch die Art und Weise der Verkündigung der "frohen Botschaft“ ist nicht dem Ermessen des Menschen anheim gestellt. Soll die Verkündigung der "frohen Botschaft“ recht sein, so muss sie von Gott bewirkt werden.

 

Weiterführende Literatur: Untersuchungen zur Rede des Paulus im pisidischen Antiochien bietet J. Pichler 1997. Betrachte man Apg 13,16-52 unter formalem Gesichtspunkt, lasse sich der Einfluss der antiken Rhetorik für die Konzeption der Rede nachweisen. Diese Erkenntnis habe sowohl für die Interpretation der Rechtfertigungslehre in V. 38-39 als auch für die idealtypische Zusammengehörigkeit der beiden Reden Bedeutung. Inhaltlich seien die Missionsreden vor allem durch die deuteronomistische Umkehrpredigt geprägt. Die Missionsreden der Apg seien nicht nur Bekenntnis und Zeugnis, sondern zugleich eine handlungstheoretische Reflexion der lukanischen Gemeinde. Sie wisse, dass Gottes Absicht der lebendige Mensch ist, und sie prüfe sich, inwieweit sie selbst heilsam für die Welt wirkt. Die Heilssorge wurzele als elementare Glaubenshandlung im Bekenntnis der Kirche. Es sei nur konsequent, wenn auf die Missionsrede eine Heilung erfolgt (vgl. 14,8-10). Die strukturelle Ähnlichkeit von 13,16-52 und 2,14-41 falle auf. Indem auf diese Art und Weise die gemeinsame Grundüberzeugung zwischen Petrus und Paulus mit aller Deutlichkeit hervorgehoben werde, demonstriere Lukas seine literarische Absicht. Er bemühe sich, den kirchlichen Konsens herauszustellen. Für den Verkündigungsprozess spiele Paulus eine besondere Rolle. Einerseits werde die paulinische Rechtfertigungslehre in der lukanischen Kirche voll anerkannt, andererseits komme Paulus selbst in der Gemeinde großes Gewicht zu. Die Gemeinde orientiere sich am Vorbild des Paulus und versuche auf diesem Weg, in einer Zeit der Umbrüche Orientierung zu gewinnen. Eine Auslegung der V. 42-52 unter der Überschrift "Das Geschehen des folgenden Sabbats“ bieten die S. 255-265.

 

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V. 45

 

Beobachtungen: Deutet man V. 45 ohne Berücksichtigung der folgenden Verse, so kann die Eifersucht nur aufgrund der Massen entstanden sein, die aufgrund der Predigt des Paulus angezogen worden waren. Dass eine bestimmte Menschengruppe angezogen worden war, kommt in V. 45 noch nicht in den Blick, wo nur das Wissen zugrunde gelegt werden kann, dass Menschenmassen, fast die ganze Stadt, zusammengekommen waren. Woraus sich die Massen zusammensetzten, bleibt offen. Es ist fraglich, ob die Leser bzw. Hörer der Apg wussten, dass Pisidien in Antiochien eine römische Veteranenkolonie war. Deshalb kann dieses Wissen bei der Deutung des Verses nicht vorausgesetzt werden.

 

Das Verb "blasphêmeô“ dürfte hier im Sinne von "schlecht reden über“ zu verstehen sein. Offen bleibt, worüber die Juden schlecht redeten. Redeten sie über den Prediger Paulus schlecht? Oder über den Inhalt der Predigt? Oder über Jesus Christus?

 

Indem sich die Juden dem von Paulus gepredigten Wort Gottes verschlossen, erfüllten sie die in Apg 13,41 zitierte Aussage des Propheten Habakuk, der vorhergesagt hatte, dass die Juden das "Werk“ ihres Gottes nicht glauben werden.

 

Die Juden handelten nicht wie Hausherren einer Synagoge, sondern wie Zuschauer eines Geschehens, das sie nicht unterbinden konnten. Als Hausherren hätten sie den Zustrom Heiden von vornherein unterbinden können, was wirksamer gewesen wäre, als dem predigenden Paulus vor den zahlreichen Heiden zu widersprechen.

 

Weiterführende Literatur: D. A. de Silva 1994, 32-49 geht folgenden Fragen nach: Welches ist die Bedeutung von Gottes heilvollen Taten Israel gegenüber, wie sie in Apg 13,17-22 berichtet werden? Wie wird das Thema "Verheißung“ und "Erfüllung“ entfaltet? Welcher Argumentationsverlauf wird durch die drei Schriftzitate (Ps 2,7; Jes 55,3; Ps 16,10) in Apg 13,33-35 entwickelt? Welche Stellung nimmt Apg 13,38-39 in der Argumentation ein? Von welchem "Werk“ ist in V. 41 die Rede? Zu V. 41: Mit dem "Werk“ sei nicht die Auferstehung Jesu von den Toten gemeint, sondern die Heidenmission. Diese Deutung werde durch die Ablehnung der Botschaft des Paulus durch die Juden (V. 45) und durch die Worte des Paulus zur Heidenmission (V. 46-47) gestützt.

 

B. J. Koet 1989, 97-118 geht der Frage nach, wieso das jüdische Publikum auf die Reden des Paulus und Barnabas im pisidischen Antiochien so negativ (vgl. V. 45.50) reagiert. Ergebnis: Der Bezug der Verheißungen und der Stellung des Gesetzes auf Jesus würden vom jüdischen Publikum durchaus positiv aufgenommen (vgl. V. 42-43), was zu einer erneuten Predigtversammlung führe. Zu einem Konflikt komme es erst, als sich die Missionare an die Massen (gemäß V. 44 "fast die ganze Stadt“) wenden, die − dies gehe aus dem Zusammenhang hervor - "Gottesfürchtige“ einschlössen. Die Eifersucht der Juden liege in der Art und Weise gegründet, wie die Missionare das jüdische Gesetz auslegen und an die "Gottesfürchtigen“ richten. Dabei sei nicht die Eifersucht selbst destruktiv, sondern die Art und Weise, wie die Eifersucht ausgedrückt wird: mit Widerspruch und Gotteslästerung, ja sogar zur Verfolgung neigend. Die Missionare machten daraufhin den übermäßig eifersüchtigen Juden den Vorwurf, sie würden das Wort Gottes zurückweisen. Deshalb wendeten sie sich den Heiden zu. Paulus und Barnabas reagierten auf die Klagen der Juden über ihren Umgang mit dem Gesetz mit einem Zitat des Verses Jes 49,6 (vgl. Apg 13,47) und bedienten sich damit weiter der Auslegung von Bibelstellen als Gesprächsweise.

Anders J. J. Kilgallen 2003, 1-15 der darlegt, dass nicht alle Juden von Eifersucht erfüllt gewesen seien, und dass es sich bei "die Juden“ um eine religiös definierte Gruppe handele, die auch Gottesfürchtige einschließen könne, nicht aber um eine ethnisch definierte. Die Eifersucht dieser bestimmten Gruppe liege darin gegründet, dass sich gemäß der Verkündigung des Paulus und Barnabas das Heilsangebot Gottes auch an die Heiden richte, sofern diese nur an Jesus glauben.

 

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V. 46

 

Beobachtungen: Dass die Juden als vorrangige Adressaten des "Wortes Gottes“ galten, lässt sich damit erklären, dass die Verheißung des Messias an sie ergangen war und der Messias aus ihren Reihen kommen sollte. Somit musste sich auch die Verkündigung, die den Messias (= Christus) und das mit ihm verbundene Heilsgeschehen zum Inhalt hatte, zunächst an die Juden wenden.

 

In V. 46 kommen nun die Heiden als Adressaten der Predigt in den Blick. Dabei wird jedoch nicht ausdrücklich gesagt, dass diese in großer Zahl der Predigt beiwohnten. Dies wäre auch nicht folgerichtig. Der Widerspruch der Juden gegenüber den Worten des Paulus erfolgte nämlich nicht schon im Vorfeld der erneuten Versammlung, sondern erst während der Predigt. Im Vorfeld der Versammlung scheint das Verhältnis zwischen den Juden und Paulus und Barnabas noch nicht getrübt gewesen zu sein (vgl. V. 42-43). Insofern müssen die Juden, außerdem die Proselyten und Gottesfürchtigen, auch bei der zweiten Predigt vorrangige Adressaten gewesen sein. Erst bei einer dritten Versammlung hätten als Reaktion auf die Widerspenstigkeit der Juden vorrangig die Heiden eingeladen werden können. Tatsächlich ist die Reaktion des Paulus und Barnabas jedoch schon auf die gegenwärtige Versammlung ausgerichtet. Als hätten die beiden Missionare geahnt, dass sich die Juden der Predigt widersetzen würden, richteten sie die Predigt schon in der gegenwärtigen Versammlung auch an die Heiden. Dass tatsächlich Heiden − auch bisher nicht dem Judentum zugewandte Heiden! − bei der zweiten Predigt zugegen waren, geht zweifellos aus V. 48 hervor. In Verbindung mit der Aussage, dass fast die ganze (mehrheitlich heidnische!) Stadt zusammengekommen war (vgl. V. 44), lässt sich schlussfolgern, dass die Heiden bei der zweiten Predigt einen großen Teil der Zuhörerschaft ausmachten.

 

Dass die Heiden in der Reaktion des Paulus und Barnabas erwähnt werden und sich eine stark heidnisch geprägte Zuhörerschaft schon bei der zweiten Predigt erschließen lässt, rückt die Eifersucht der Juden gemäß V. 45 in ein neues Licht: Nicht mehr die von der Predigt angezogenen Massen erscheinen als Grund für die Eifersucht der Juden, sondern die Eifersucht erscheint dadurch bewirkt, dass die Verkündigung des Messias (= Christus) nicht mehr auf die Juden, die Proselyten und die den Juden nahe stehenden Heiden, die Gottesfürchtigen, beschränkt wurde, sondern sämtliche Heiden einbezogen wurden. Durch die Einbeziehung sämtlicher als unrein geltender Heiden schien die Exklusivität und Reinheit des Volkes Israel gefährdet zu sein.

 

Woher wussten die Heiden überhaupt von der erneuten Verkündigung des "Wortes Gottes“? Und was hatte sie dazu bewogen, zur Versammlung hinzugehen? Sie hatten ja nicht um die erneute Verkündigung gebeten, zumindest werden sie als Bittende in V. 42 nicht erwähnt. Sie müssen also über die Israeliten/Juden, Proselyten und/oder Gottesfürchtigen von der erneuten Verkündigung erfahren haben. Am ehesten wäre an die Gottesfürchtigen als Überbringer der Nachricht von der erneuten Verkündigung zu denken, denn diese waren schon bei der ersten Verkündigung in der Synagoge zugegen und dürften als − wenn auch dem Judentum nahe stehende − Heiden den engsten Kontakt mit den Heiden gehabt haben. Möglicherweise haben die Überbringer der Nachricht den Heiden den Besuch einer Versammlung, auf der eine christliche Predigt vorgesehen war, schmackhaft gemacht. Eine Antwort auf die Frage, was Heiden an einem Besuch einer solchen Versammlung so attraktiv gefunden haben könnten, wird durch die Unklarheit hinsichtlich Ort und Charakter der Versammlung erschwert.

 

Die Unklarheiten und Ungereimtheiten in den V. 44-46 lassen sich damit erklären, dass der Verfasser verschiedene ihm wichtige Aussagen eng miteinander verknüpft und er dabei möglicherweise auf ihm bereits vorliegende Traditionen zurückgegriffen hat. Die wesentlichen Aussagen sind: Die Juden waren auch bei der zweiten Predigt zugegen. Die Predigt war wirksam, lockte die Massen. Die Juden widersetzten sich der Predigt. Aufgrund des Widerstandes der Juden rückten die Heiden als Adressaten in den Mittelpunkt.

Für den Ort und den Charakter der Versammlung bedeutet die Verknüpfung der verschiedenen Aussagen, dass die Versammlung erneut an einem Sabbat stattfand. Weil in einer Synagoge sicherlich nicht fast die ganze Stadt Platz gefunden hätte und die Juden sicherlich auch nicht das massenhafte Erscheinen von Heiden zugelassen hätten, lokalisiert der Verfasser der Apg die Versammlung nicht ausdrücklich in einer Synagoge, sondern an einem nicht genannten, neutral wirkenden Ort. An einem solchen neutral wirkenden Ort ist nicht unbedingt ein synagogaler Gottesdienst anzunehmen. Folglich bleibt der Charakter der Versammlung offen.

 

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Weiterführende Literatur: Mit der Auferstehung Jesu von den Toten und deren Auswirkungen auf unsere eigene Auferstehung gemäß Apg 13,13-52 befasst sich R. F. O’Toole 1979, 361-372. Das "ewige Leben“ − diese Formulierung verwende Lukas in Apg nur in 13,46.48 − folge aus der Auferstehung Jesu und der unseren Auferstehung.

 

A. Deutschmann 2001 geht der Frage nach, ob man Lukas den Vorwurf machen müsse, er propagiere einen christlich motivierten Antijudaismus oder − sachlicher formuliert − er vertrete die Position, dass die Kirche als das "neue“ und "wahre“ Israel das Gottesvolk des Alten Bundes ablöse, während es neben ihr nur noch "ungläubige Juden“ gebe, die fortan nicht mehr zu Israel gehörten. Ergebnis: Durch die Abgrenzung eines bestimmten synagogalen Kreises von der Verkündigung der Apostel werde zwar ein Trennungsprozess der werdenden christlichen Gemeinschaft eingeleitet, aber kein "neues“ oder "wahres“ Israel konstituiert. Die Argumentation des Lukas ziele vielmehr darauf ab, dass die sich bildende Gemeinschaft aus Juden und Heiden in Israel steht, und auch die Heiden an Heil und Verheißung teilhaben. Die Gemeinschaft aus jesusgläubigen Juden und Heiden sei also Teil Israels. Lukas wolle keine "neue“ Gemeinschaft legitimieren, sondern zeigen, dass die Gemeinde in Israel bleibt. Die Frage nach dem "Heilszustand“ der "ungehorsamen Juden“ thematisiere Lukas zumindest im Rahmen des Missionsschemas nicht. Wer wie Lukas so darum bemüht sei aufzuzeigen, dass die Heidenmission der Schrift entspricht, dass das Heilsangebot an die Nichtjuden auf der Basis der Septuaginta zu legitimieren ist, der habe wohl kein Interesse daran, Israel zu verwerfen, sondern er wolle deutlich machen, dass das, was sich in Jesus und der jungen Gemeinde erfüllt, Teil der Hoffnung Israels ist; die Ausweitung des göttlichen Heils über Israel hinaus konstituiere kein "neues“ Gottesvolk, vielmehr diene sie zur "Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,32).

 

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V. 47

 

Beobachtungen: Paulus und Barnabas ließen glauben, an sie selbst sei das "Gebot des Herrn“ ergangen; tatsächlich brachten sie jedoch ein Zitat aus dem Buch Jesaja (49,6LXX) vor, das eigentlich an den "Gottesknecht“ gerichtet war. Die beiden Missionare bezogen den Jesajavers also auf ihr eigenes Dasein und Tun.

Das "Gebot“ enthielt genau genommen nicht nur eine Handlungsanweisung, sondern auch eine Feststellung: "Ich habe dich zu einem Licht der Heiden gemacht“. Aus der Feststellung folgt die Anweisung "…dass du zum Heil sein sollst bis an [das] Ende der Erde“. Es stellt sich die Frage, wer mit dem Personalpronomen "dich“ bzw. "du“ gemeint ist. Im eigentlichen Zusammenhang des Zitates im Jesajabuch ist der "Gottesknecht“ gemeint. Dieser empfing das Gebot vom Gott Israels, JHWH, dem "Herrn“. Das "Licht der Heiden“ ist demnach mit dem Empfänger des Gebotes identisch. Nimmt man eine solche Identität auch für Apg 13,47 an, so lautet die Schlussfolgerung, dass mit dem Personalpronomen "dich“ bzw. "du“ Paulus und Barnabas gemeint sein müssen. Sie selbst wären demnach "Licht der Heiden“ gewesen. Ein solcher Sachverhalt hätte jedoch besser mittels des Personalpronomens "euch“ bzw. "ihr“ ausgedrückt werden können: "Ich habe euch zu einem Licht der Heiden gemacht, dass ihr zum Heil sein sollt bis an [das] Ende der Erde.“ Der Beibehalt des "dich“ bzw. "du“ kann damit erklärt werden, dass Paulus und Barnabas ein möglichst unverändertes Zitat vorbringen wollten. Möglich ist aber auch, dass nicht sie selbst "Licht der Heiden“ waren, sondern Jesus Christus, den sie verkündigten. Dann wäre das Personalpronomen "dich“ bzw. "du“ auf diesen zu beziehen. Dafür spricht, dass ja eigentlich Jesus Christus die Quelle des Heils ist und die Missionare dieses Heil nur verkündigten. Allerdings war für eine Verbreitung des Heils erforderlich, dass die Missionare "bis an das Ende der Welt“ verkündigten. Insofern können auch sie selbst "Licht der Heiden“ gewesen sein.

Wie auch immer: Indem Paulus und Barnabas das Gebot auf sich bezogen, legitimierten sie damit ihre Heidenmission. Diese erschien nun wie eine Erfüllung einer göttlichen Verheißung. Die Begründung der Heidenmission ist nicht mit einer grundsätzlichen Absage an jegliche Judenmission gleichzusetzen. Es ist nur ausgesagt, dass sich Paulus und Barnabas nun anderen Adressaten des "Wortes Gottes“ zuwendeten, weil sich die Adressaten, an die sich das "Wort Gottes“ an erster Stelle richtete, diesem verschlossen. Sobald sich die Gelegenheit ergab, wurde die Verkündigung weiterhin auch an die Juden gerichtet (vgl. Apg 18,4-6.19; 19,8).

Anders als der masoretische Text spricht die Septuaginta (Jes 49,6LXX) auch davon, dass Gott den "Gottesknecht“ auch zum "Bund des Geschlechtes (gemeint ist: des Geschlechtes der Israeliten/Juden)“ gemacht habe. Dieser Gedanke findet sich in Apg 13,47 nicht, vermutlich weil er in diesem Zusammenhang nicht von Interesse ist.

 

"Ethnôn“ kann mit "der Völker“ oder mit "der Heiden“ übersetzt werden. Im ursprünglichen Zusammenhang des Zitates Jes 49,6LXX ist die Übersetzung "der Völker“ passender, weil der Gott Israels, JHWH, sich ja nicht nur als "Licht der Heiden (= Nichtjuden)“, sondern als "Licht der Völker“, also auch als Licht der Juden, verstand. Ein solches Verständnis liegt auch Apg 13,46-47 zugrunde. An dieser Stelle ist jedoch die Übersetzung "Licht der Heiden“ passender, weil die Heidenmission im Mittelpunkt steht.

 

Der Begriff "Heil/Rettung“ ("sôtêria“) ist wohl im Lichte des "ewigen Lebens“ zu sehen, das in V. 46 als zentraler Inhalt der Verkündigung erscheint (vgl. V. 26, wo sich die Formulierung "Wort von dieser Rettung“ findet). Jesu Tod und Auferstehung sowie die Vergebung der Sünden zielten demnach auf das ewige Leben. Die Vernichtung, die in V. 41 in den Blick kam, wäre demnach als existenzielle Vernichtung gedacht, die aus dem versagten ewigen Leben resultiert.

 

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Weiterführende Literatur: Nach den Gründen für die Auswahl und die ganz bestimmte Anordnung der Zitate in 13,32-52 fragt H. van de Sandt 1994, 26-58. Dabei geht er nicht nur von den Formulierungen und den Zusammenhängen der Zitate in der Apg, sondern auch von den Formulierungen und den Zusammenhängen in der Septuaginta aus. Ergebnis: Alle drei Texte Jes 55,1-13; Hab 1,1-11 und Jes 49,1-6, denen die Zitate entnommen seien, handelten von Gottes Absichten mit den Heiden. Obwohl der Einschluss der Heiden in die Gemeinschaft der Israeliten problematisch gewesen sei, sei er jetzt, wo Jesus von den Toten auferstanden war, Gottes Wille gewesen. In allen zitierten Septuagintatexten erscheine die Absicht der Rettung der Heiden nach einem Muster, das Ps 2 zugrunde liege. Demnach stünde die Art und Weise menschlichen Denkens und Handelns zu derjenigen Gottes im Widerspruch.

 

D. E. Johnson 1990, 345-346 stellt als besonders bemerkenswert heraus, dass Paulus und Barnabas Jes 49,6 auf sich ("uns“) beziehen, denn in Lk 2,32 beziehe Simeon den Vers ausdrücklich auf Jesus, von dem das Heil komme.

P. Grelot 1981, 368-372 weist auf den Wechsel vom "uns“ zum "dich“ hin. Er legt dar, dass das Zitat Jes 49,6 LXX nicht so zu verstehen sei, dass Paulus und Barnabas das Licht der Heiden sind; vielmehr sei es der Christus in Herrlichkeit. Die Aufgabe der beiden Missionare sei es, das "Wort Gottes“ zu verkündigen. Aber dieses "Wort“, das Evangelium, sei insofern mit Christus, dessen Inhalt, zu identifizieren, dass seine Wirkmächtigkeit diejenige Christi selbst sei. Somit sei eine Zurückweisung des Evangeliums seitens der Juden mit einer Zurückweisung Christi gleichzusetzen.

 

Zur Legitimation der Heidenmission mittels Schriftbelegen in Lk 4,16-30; Apg 8,26-40; 13,44-47; 15,13-21; 28,23-28 und 10,1-11,18 siehe J. B. Tyson 1987, 619-631. Bei Apg 13,47 handele es sich im gesamten lukanischen Werk (Lk und Apg) um die Stelle, in der am deutlichsten mittels eines Schriftzitats aus den Prophetenbüchern die Heidenmission legitimiert wird.

 

 

Literaturübersicht

 

de Silva, David A.; Paul’s Sermon in Antioch of Pisidia, BS 151/601 (1994), 32-49

Deutschmann, Anton; Synagoge und Gemeindebildung: Christliche Gemeinde und Israel am Beispiel von Apg 13,42-52 (Biblische Untersuchungen 30), Regensburg 2001

Grelot, Pierre; Note sur Actes XIII,47, RB 88/3 (1981), 368-372

Johnson, Dennis E.; Jesus against the Idols: The Use of Isaianic Servant Songs in the Missiology of Acts, WTJ 52/2 (1990), 343-353

Kilgallen, John J.; Hostility to Paul in Pisidian Antioch (Acts 13,45) − Why?, Bib. 84/1 (2003), 1-15

Koet, Bart J.; Prophets and Law: Paul and Barnabas in Pisidian Antioch: A Disagreement over the Interpretation of the Scriptures (Acts 13:42-52), in: B. J. Koet [ed.], Five Studies on Interpretation of Scripture in Luke-Acts (Studiorum Novi Testamenti Auxilia 14), Leuven 1989, 97-118

O’Toole, Robert F.; Christ’s Resurrection in Acts 13,13-52, Bib. 60/3 (1979), 361-372

Pichler, Josef; Paulusrezeption in der Apostelgeschichte: Untersuchungen zur Rede im pisidischen Antiochien (Innsbrucker theologische Studien 50), Innsbruck 1997

Tyson, Joseph B.; The Gentile Mission and the Authority of Scripture in Acts, NTS 33/4 (1987), 619-631

van de Sandt, Huub; The Quotations in Acts 13,32-52 as a Reflection of Luke’s LXX Interpretation, Bib. 75 (1994), 26-58

 

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