Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (13-14)

Die erste Missionsreise des Paulus

Apg 14,8-10

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 14,8-10

 

 

Übersetzung

 

Apg 14,8-10:8 Und ein kraftloser Mann saß in Lystra auf den Füßen, lahm von seiner Mutter Leib an, der noch nie umher gegangen war. 9 Dieser hörte (den) Paulus reden. Der blickte ihn fest an, und als er sah, dass er Glauben hatte, geheilt zu werden, 10 sprach er mit lauter Stimme: "Stell dich aufrecht auf deine Füße!“ Und er sprang auf und ging umher.

 

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Der Abschnitt 14,8-20 handelt vom Aufenthalt der beiden Missionare Paulus und Barnabas in Lystra. Es werden verschiedene Begebenheiten geschildert, wobei die Schilderung der Heilung des Gelähmten 14,8-10 den Anfang macht. Der Abschnitt 14,8-20 ist eine selbstständige Einheit, die aus dem Gesamtzusammenhang herausgelöst werden kann, ohne dass dieser zerstört wird.

 

Der Bezug des Adjektivs "adynatos“ ("kraftlos“) ist unklar: Bezieht sich das Adjektiv auf "anêr“ ("Mann“), war also der Mann kraftlos, oder bezieht sich das Adjektiv auf "tois posin“ ("in/an den Füßen“), waren also die Füße kraftlos? Wählt man ersteren Bezug, der gemäß der Lesart des von Nestle-Aland, 27. Aufl. gebotenen Textes näher liegt, dann lautet die Übersetzung "Und ein kraftloser Mann saß in Lystra auf den Füßen, lahm von seiner Mutter Leib an, der noch nie umher gegangen war.“ Wählt man letzteren Bezug, dann lautet die Übersetzung "Und ein Mann in Lystra saß da, kraftlos in den Füßen, lahm von seiner Mutter Leib an, der noch nie umher gegangen war.“

Die ungewöhnliche Wortstellung war wohl der Grund für zwei Textvarianten, die beide den Vers im Sinne von "Und ein Mann in Lystra saß da, kraftlos in den Füßen, lahm von seiner Mutter Leib an, der noch nie umher gegangen war.“ verstehen. Die erste, eher schlecht bezeugte Variante lässt die Worte "en Lystrois“ aus, womit "adynatos“ direkt an "tois posin“ anschließt und folglich "kraftlos in den Füßen“ zu übersetzen ist. Auch die zweite Textvariante lässt "adynatos“ direkt an "tois posin“ anschließen, erreicht dies jedoch nicht durch Auslassung der Ortsangabe, sondern durch eine Umstellung der Worte: Es heißt nicht "adynatos en Lystrois tois posin ekathêto“, sondern "en Lystrois adynatos tois posin ekathêto“. Auch diese Textvariante stellt also klar, dass nicht der Mann kraftlos war, sondern der Mann in den Füßen kraftlos war. Obwohl diese zweite Textvariante sehr gut bezeugt ist, ist sie vermutlich doch nicht ursprünglich; die gute Bezeugung lässt sich nämlich so erklären, dass schon sehr früh die von Nestle-Aland gebotene, schwierige Lesart korrigiert worden ist.

 

Der Mann war vom Mutterleib an gelähmt. Die Lähmung war also nicht durch eine Krankheit oder einen Unfall verursacht worden.

 

"…der noch nie umher gegangen war“ ist im Sinne von "…der noch nie hat umher gehen können“ zu verstehen. Aufgrund der Lähmung vom Mutterleib an hat der Gelähmte noch nie gehen können.

 

Weiterführende Literatur: Eine in drei Schritte gegliederte narrative Analyse von Apg 14,7-20a bietet C. Dionne 2005, 5-33: In einem ersten Schritt geht er der Frage nach, welche Stellung der Text im gesamten Erzählzusammenhang einnimmt. In einem zweiten Schtitt befasst er sich mit der Abgrenzung des Abschnitts; und in einem dritten Schritt liest er den Abschnitt synchron (= in der uns heute vorliegenden Textfassung) und nimmt dabei den thematisierten Konflikt in Augenschein.

 

D. P. Béchard 2001, 84-101 vertritt die These, dass 14,8-20 als Verteidigung gegenüber dem Vorwurf abgefasst sei, die Missionare hätten mit ihrer Verkündigung nur bei der geistig beschränkten und leichtgläubigen Landbevölkerung Erfolg gehabt und deren Naivität zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt. Tatsächlich erscheine die Landbevölkerung − entsprechend einem von nach einer schlichteren Lebensart strebenden Dichtern, Philosophen und Politikern gemalten Idealbild - als aufrichtig fromm. Als ebenso aufrichtig erschienen die Missionare Paulus und Barnabas, die über ihre Zuhörer keinesfalls eine manipulative Kontrolle ausübten. Zwar werde die heidnische Landbevölkerung manipuliert, jedoch seien die beiden Missionare nicht die Urheber der Manipulation, sondern deren Opfer.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Im Gegensatz zu den vorausgegangenen Aufenthalten in den Städten scheint Paulus nicht in einer Synagoge gepredigt zu haben; zumindest wird eine solche hier nicht erwähnt. Wo der Gelähmte saß und wo Paulus predigte, bleibt offen. Es ist wahrscheinlich, dass der Gelähmte seinen Lebensunterhalt an einem öffentlichen Platz erbettelte und Paulus an eben diesem Platz predigte. Ein öffentlicher Platz als Predigtort würde auf das Fehlen einer Synagoge hinweisen.

 

Offen bleibt, ob der Gelähmte Paulus schon zuvor hatte predigen hören. Hier ist entscheidend, dass es diesmal zum Blickkontakt kam, wobei Paulus den Gelähmten fest anblickte.

 

Obwohl in der ganzen Erzählung 14,8-10 kein einziges Mal Jesus Christus erwähnt wird, ist die Sprache doch durch und durch christlich und von Heil geprägt: Der Begriff "Glauben“ ("pistis“) meint gewöhnlich den christlichen Glauben; hier ist konkret der Glaube an die Heilung gemeint. Das Verb "sôthênai“ bedeutet genau genommen "gerettet werden“, wobei es häufig im Zusammenhang der Rettung vor der existenziellen Vernichtung durch den Tod gebraucht wird. Diese Rettung erfolgt durch den Glauben an Jesus Christus, der den Tod durch seine Auferstehung überwunden hat und Grund für die "Rettung“ vor der Vernichtung ist. Wer vor der Vernichtung gerettet wird, hat das ewige Leben zu erwarten. Zwar ist in 14,8-10 weder von Jesus Christus noch von der Auferstehung von den Toten noch vom ewigen Leben die Rede, doch lässt die Kenntnis dieser Theologie die Wortwahl in 14,8-10 verstehen. Der Gelähmte mag zwar "nur“ an die "Rettung“ − in seiner Lebenslage die Heilung − glauben; theologisch betrachtet ist der Gelähmte ein potenzieller Christusgläubiger, der die "Rettung“, also die Überwindung von Unheil und Vernichtung sowie das ewige Leben erhofft. Die theologischen Bezüge erklären, warum sich die Wundererzählung im großen Zusammenhang mit der Predigt des Paulus über den Glauben an Christus, die Sündenvergebung, die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben (13,16-41; vgl. 13,46-48) findet

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Mittels der lauten Stimme wurde der Aufforderung Nachdruck verliehen. Durch die laute Stimme muss dem Gelähmten und den Umstehenden Paulus als Mann von großer Autorität erschienen sein.

 

Im Befehl "Steh auf!“ ("anastêthi“) klingt die Auferstehung von den Toten an. Zwar soll sich der Gelähmte "nur“ auf die bisher kraftlosen Füße stellen, doch war der gleiche Befehl auch an die verstorbene Tabitha ergangen, die daraufhin wieder zum Leben erwacht war und sich aufgesetzt und aufgerichtet hatte (vgl. 9,40).

 

Die Betonung, dass sich der Gelähmte aufrecht auf seine Füße stellen sollte, diente dazu, die zu erwartende Heilung deutlicher vor Augen zu führen. Tatsächlich ließen das Aufspringen des Gelähmten, das kräftige Füße und Beine voraussetzte, und das Umhergehen, das dem Gelähmten bisher noch nie möglich gewesen war, keinen Zweifel an der tatsächlich erfolgten Heilung aufkommen.

 

Paulus war aufgrund des festen Blicks, der mit lauter Stimme vorgetragenen Aufforderung und des erfolgten Heilungswunders den umstehenden Menschen als Wundertäter erschienen. Damit war dem Missverständnis Tür und Tor geöffnet, dass Paulus selbst das Wunder vollbracht habe. Wer Wunder vollbringen konnte, musste ein Gottesmann oder gar ein Gott sein. Dementsprechend fingen die Menschen an, Paulus selbst zu verehren, was in 14,11-13 geschildert wird.

 

Weiterführende Literatur: H.-J. Klauck 1994, 93-108 befasst sich mit zwei Themen, die zwar miteinander verwandt, aber dennoch voneinander verschieden seien: zum einen mit der Auseinandersetzung zwischen christlichen Predigern und Magiern und deren magischen Praktiken (vgl. Apg 13,4-12), zum anderen mit der Konfrontation der christlichen Prediger mit heidnischem Polytheismus (vgl. 14,8-20). H.-J. Klauck merkt an, dass im Heidentum die Grenzen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen verschwämmen. So träten Götter in menschlicher Gestalt auf und Menschen würden zu Helden und Göttern. Daher betone Lukas die notwendige Unterscheidung zwischen Gott, dem Schöpfer, und all seinen Geschöpfen. Dies rücke die Wundertaten der Missionare in ein rechtes Licht und stelle Jesus' einzigartige Stellung als einziger Sohn Gottes heraus. Heidnische Religion werde als offen für die christliche Botschaft dargestellt und umgekehrt richte Paulus die christliche Botschaft so weit wie nötig an den jeweiligen kulturellen Begebenheiten aus, um die heidnischen Kulturen mittels der Kraft des Evangeliums umzuformen. Dies sei ein dialektischer Prozess, der seit den Tagen des Paulus andauere. Zu Magie und Heidentum in der Apg siehe auch H.-J. Klauck 1996, der sich auf S. 69-76 mit dem Wunder in Lystra und seinen Folgen befasst.

 

Was es heißt, ein Apostel, ein vollmächtiger Beauftragter Christi zu sein, gehe gemäß K. Haacker 1988, 317-324 aus Apg 14,8-20 hervor. Als eine Erkenntnis festzuhalten sei, dass sich vollmächtiges Wort in doppelter Weise in Handlung umsetze, und zwar in paradoxer Gegensätzlichkeit: im Machterweis des Heilungswunders − und in der Ohnmachtserfahrung der Verfolgung. Die charismatischen Zeichen erleichterten die Verkündigung nicht, sondern sie intensivierten die Verkündigung und die Abwehr gegen die Verkündigung. Das Evangelium handele nicht von Heilungen, aber es führe immer wieder zu Heilungen. Die Heilung beginne beim Kranken; der Charismatiker habe nur zu reagieren, indem er die Situation erfasst und den Prozess durch seine Mitwirkung zum Ziel führt. Dass in 14,8-20 auf das Ereignis der Heilung eine kleine Predigt folgt, sei nicht ungewöhnlich. Auch in Apg 3 diene die Heilung eines Gelähmten als Sprungbrett für eine Predigt. Das Besondere in Apg 14 sei, dass die kleine Rede stark auf das Wunder bezogen bleibt, nämlich auf ein Missverständnis des Wunders, das bei der heidnischen Bevölkerung in Lystra aufgetreten ist. Es zeige sich, dass das echte, geistgewirkte Charisma gegen ein heidnisches Missverständnis, das die Wunderkraft im Menschen selbst lokalisiert und ihn folgerichtig vergöttert oder wenigstens kultisch verehrt, geschützt werden muss.

 

Mit der Bedeutung der lauten Stimme befasst sich R. Strelan 2000, 488-503. Das Sprechen mit lauter Stimme habe man in der Antike für ein typisches Kennzeichen von Göttern gehalten. Deshalb hätten die heidnischen Einwohner von Lystra Barnabas und Paulus daraufhin mit Göttern identifiziert. Tatsächlich habe sich jedoch Paulus durch das laute Sprechen als Werkzeug Gottes erwiesen. Seine Stimme sei gleichsam die Stimme Gottes gewesen und somit sein Befehl gleichsam ein Befehl Gottes.

 

 

Literaturübersicht

 

Béchard, Dean P.; Paul Among the Rustics: The Lystran Episode (Acts 14:8-20) and Lucan Apologetic, CBQ 63/1 (2001), 84-101

Dionne, Christian; L’épisode de Lystre (Ac 14,7-20a): une analyse narrative, ScEs 57/1 (2005), 5-33

Haacker, Klaus; Vollmacht und Ohnmacht − Charisma und Kerygma. Bibelarbeit über Apg 14,8-20, TBe 19/6 (1988), 317-324

Klauck, Hans-Josef; Magie und Heidentum in der Apostelgeschichte des Lukas (SBS 167), Stuttgart 1996

Klauck, Hans-Josef; With Paul in Paphos and Lystra. Magic and paganism in the Acts of the Apostle, Neotest 28/1 (1994), 93-108

Strelan, Rick; Recognizing the Gods (Acts 14.8-10), NTS 46/4 (2000), 488-503

 

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