Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 6, 12-20

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 6,12-20

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 6,12-20: 12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt. Alles ist mir erlaubt, aber ich werde mich von nichts beherrschen lassen. 13 Die Speisen für den Bauch und der Bauch für die Speisen; (der) Gott aber wird jenen und diese vernichten. Der Leib aber ist nicht für die Unzucht, sondern für den Herrn! Und der Herr für den Leib! 14 (Der) Gott aber hat den Herrn auferweckt und er wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. 15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich also die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne! 16 Oder wisst ihr nicht: Wer der Hure anhängt, ist ein Leib [mit ihr]?! Denn "es werden“, heißt es, "die zwei ein Fleisch sein.“ 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist [mit ihm]. 18 Flieht die Unzucht! Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen seinen eigenen Leib. 19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib Tempel des heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? 20 Ihr seid nämlich für einen Preis gekauft worden. Ehrt also (den) Gott mit eurem Leib!

 

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Angesichts der Tatsache, dass Paulus in 5,1 - 6,11 dargelegt hat, dass Christen durchaus nicht alles erlaubt ist und Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher usw. das Reich Gottes nicht erben werden, überrascht die Aussage "Alles ist mir erlaubt“. Entweder spricht Paulus nur von sich selbst, was aber eine Begründung für seinen Sonderstatus unter den Christen verlangen würde, oder er bezieht sich auf die mit der Taufe begründete Freiheit der Christen. Letzteres ist wahrscheinlicher: Weil die Christen in der Taufe (von Sünden) abgewaschen, geheiligt und gerechtfertigt worden sind, ist ihnen nun alles erlaubt, weil sie sich nicht mehr mittels ihres Handelns selbst abwaschen, heiligen und taufen müssen.

 

Das plötzliche Auftauchen der den vorherigen Aussagen scheinbar widersprechenden Feststellung "Alles ist mir erlaubt“ lässt annehmen, dass Paulus eine Parole korinthischer Gemeindeglieder aufnimmt, die sich in christlicher Freiheit und eschatologischer Vollkommenheit wähnen und deshalb so weltlichen Dingen wie der Unzucht keine große Aufmerksamkeit schenken und sich auch nicht an den vielen Prozessen der Christen untereinander stören. Paulus schränkt die Parole ein: "...aber nicht alles nützt.“

Dabei stellen sich die Fragen, wem und inwiefern das Handeln nützt. Nützen könnte es dem handelnden Individuum, dem Mitmenschen oder auch der ganzen Gemeinde. Nützen kann es, indem es einen irdischen Vorteil bringt oder auch einen beim Jüngsten Gericht am Ende der Tage. Da Paulus in 6,1-11 von den Beziehungen der Gemeindeglieder untereinander gesprochen hat, ist am nahe liegendsten, dass ein Nutzen für die gesamte Gemeinde im Blick ist. Eigennutz dürfte Paulus kaum thematisieren, höchstens im Hinblick auf das Ergehen im Jüngsten Gericht. Doch wieso sollte Paulus erst bestätigen, dass alles erlaubt ist, um anschließend zu erklären, dass man aufgrund bestimmter Handlungen nicht das Reich Gottes erben wird? Wahrscheinlicher ist, dass Paulus sagt, dass nicht jede Handlung zum Wohl der Gemeinde ist und das Zusammenleben fördert.

 

Nun kommt Paulus auf sich selbst zu sprechen, wie das betonte "ich“ zeigt: Dem Christen ist zwar alles erlaubt, doch Paulus selbst wird sich von nichts beherrschen lassen.

 

Weiterführende Literatur: Eine Auslegung zu 1 Kor 6,12-7,40 bietet H. Külling 2008.

 

Zu Fragen der Sexualität im christlichen Leben in 1 Kor 5-7 siehe A. S. May 2004, der auf S. 92-143 auf 6,12-20 eingeht.

 

C. Wiéner 1983, 88-93 legt die Struktur von 6,12-20 dar und fasst die wesentlichen Beobachtungen im Hinblick auf den theologischen Gehalt der Perikope zusammen.

 

Allgemein mit der Sexualethik von 6,12-20 befasst sich T. Radcliffe 1986, 306-314.

 

Laut N. Baumert 1992, 176-188 versuchten viele Autoren, 1 Kor 6,12-20 und 1 Kor 7 aus ein und derselben gnostischen Häresie heraus zu erklären: eine Geringschätzung des Leibes führe einerseits zu einer strengen Enthaltsamkeit, andererseits zu sexueller Freizügigkeit, weil der Leib doch unwichtig sei und man ihn gebrauchen könne wie man wolle. N. Baumert hält die Gnosis-These für fraglich und geht stattdessen von den Lebensproblemen einiger korinthischer Christen aus, die den Weg zur Dirne verteidigt hätten. Das seien zunächst einmal andere Leute als jene, welche die Enthaltsamkeit übertreiben. Am Text 6,12-20 entlanggehend werde gezeigt werden, dass die Freiheitsparole aus der Verkündigung des Paulus zu verstehen ist, dass er von einem präsentischen Geschehen her denkt und die in "Leib“ enthaltenen Bedeutungselemente in einem Wortspiel geschickt ausnutzt.

 

B. J. Dodd 1995, 39-58 setzt sich kritisch mit der Meinung auseinander, dass nicht der ganze V. 12 auf Paulus zurückgehe, sondern dass er den korinthischen Slogan "Alles ist mir erlaubt“ übernommen, jedoch zweimal korrigiert habe. Gegen eine solche Annahme spreche jedoch der für Paulus typische Gebrauch des paradigmatischen "Ich“ in diesem Vers. Paulus versuche zu überzeugen und benutze das paradigmatische "Ich“, um die Überzeugungskraft seiner Aussage zu verstärken.

 

M. D. Goulder 1999, 334-348 geht auf das Paradox ein, dass in 1 Kor 5,1-13 und 6,12-20 die korinthischen Gemeindeglieder als Libertinisten erscheinen, nach deren Meinung alles erlaubt sei, in Kap. 7 dagegen als sexuelle Asketen, die von anderen eine ebenso strenge Enthaltsamkeit gegenüber der Sexualität erwarten wie von sich selbst. Dieses Paradox lasse sich mittels folgender Annahmen erklären: Entweder sei die Interpretation von 5,1-13 und 6,12-20 oder die Interpretation von Kap. 7 verkehrt. Oder das Paradox wird mittels einer Harmonisierung der Interpretationen als scheinbares Paradox entlarvt. M. D. Goulder vertritt die Ansicht, dass die korinthischen Gemeindeglieder keine Libertinisten seien. Dass sie die Unzucht in dem einen Fall von 5,1-13 dulden, hänge damit zusammen, dass es sich bei dem Übeltäter um ein wichtiges Gemeindeglied handele. In 6,12 wende sich Paulus nicht direkt an die Adressaten, was zu erwarten wäre, wenn die Adressaten Unzucht üben und rechtfertigen würden Stattdessen sei der Kontext der Aussage "alles ist mir erlaubt“ unklar. Sie habe sich ursprünglich wohl nicht auf sexuelle Beziehungen bezogen, denn in allgemeinerer Form erscheine sie auch in 10,23 im Zusammenhang mit dem Essen von Götzenopferfleisch.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Wieso kommt Paulus plötzlich auf den Bauch - genau genommen den Magen - und die Speisen zu sprechen, die füreinander bestimmt sind? Was interessieren Paulus der Bauch und die Speisen? Sie interessieren ihn nicht besonders, deswegen betont er ja sogleich, dass Gott beides vernichten werde. Wenn Paulus weder Bauch noch Speisen sonderlich interessieren, warum erwähnt er sie dann? Vermutlich nimmt Paulus wiederum eine Lebenseinstellung von korinthischen Gemeindegliedern auf, die besagt, dass vergängliche, materielle Dinge ohne Belang für den Geist und damit unter ethischen Gesichtspunkten belanglos seien. Diese Haltung bestätigt Paulus zunächst.

Bezüglich des Körpers macht er jedoch eine gravierende Einschränkung: Der Körper ist nicht für die Unzucht, sondern für den "Herrn“, Jesus Christus (vgl. V. 14) da. Was darunter genau zu verstehen ist, sagt Paulus nicht. Vermutlich ist gemeint, dass sich der Christ im Machtbereich seines "Herrn“ befindet und ihm mit der Taufe sozusagen übergeben ist. Nicht nur der Geist des Menschen ist also für den "Herrn“ da, sondern auch der Leib. Damit ist Unzucht ausgeschlossen. Weil sich der Leib - wie auch der Geist - im Machtbereich des "Herrn“ befindet, ist der "Herr“ auch für den Leib da. Die Beziehung ist also von gegenseitiger Natur.

 

Weiterführende Literatur: R. Kirchhoff 1994, 194 interpretiert V. 13 wie folgt: So wie die Speisen aufgrund der Schöpfung dazu da seien, vom Magen verdaut zu werden, so sei ein getaufter Mensch dazu da, seiner Verpflichtung Christus gegenüber nachzukommen, und das bedeute in diesem Fall, Unzucht zu meiden.

 

F.-J. Ortkemper 1985, 125-132 gibt Denkanstöße aus der paulinischen Ethik. Dabei befasst er sich auch mit paulinischen Aussagen zu Sexualität und Ehe und geht auf S. 125-127 konkret auf 1 Kor 6,12-20 ein. Dabei macht er u. a. deutlich, dass Paulus dem korinthischen Slogan vom "Bauch“ den theologisch gefüllten Begriff "Leib“, der die ganze Person bezeichne, gegenüber stelle. Manche korinthischen Gemeindeglieder meinten, dass die Sexualität ein völlig natürliches Bedürfnis sei, ebenso wie es sich beim Essen und Trinken um sittlich völlig indifferente äußere Vorgänge handele. Paulus dagegen dagegen vertrete die Ansicht, dass man den Menschen nicht in Leib und Geist aufspalten könne. Kein Lebensbereich lasse sich aus der Bindung an den "Herrn“ ausklammern, auch nicht die Sexualität.

 

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V. 14

 

Beobachtungen: Paulus konkretisiert mit einer dogmatischen Aussage den Aspekt der Beziehung des "Herrn“ zum Leib der Christen: Die Auferweckung des "Herrn“ steht mit der Auferweckung der Christen in engem Bezug, denn er begründet sie. Die Konkretisierung ist jedoch nicht gänzlich passend. Genau genommen ist nämlich nicht der "Herr“ für den Leib bestimmt (und umgekehrt), sondern der "Herr“ für den Christen. In der Konkretisierung ist nämlich vom Leib nicht die Rede; vielleicht weil Paulus nicht die Auferstehung des Leibes betonen will, denn er unterscheidet ja zwischen dem verweslichen irdischen und dem unverweslichen himmlischen Leib (vgl. 1 Kor 15,40-44) und versteht die Auferstehung ganzheitlich.

 

Weil sich die Christen im Machtbereich Gottes befinden, wird Gott sie mittels seiner Kraft/Macht auferwecken. Was mit den Heiden geschehen wird, kommt nicht in den Blick.

Die Auferstehung der Christen wird in der Zukunft geschehen; einige minderwertige Textzeugen sehen die Auferweckung der Christen allerdings als schon erfolgt an. Dabei ist jedoch fraglich, ob es sich um eine theologisch durchdachte Änderung handelt oder um eine Anpassung der Verbform an die vorhergehende Vergangenheitsform (Aorist).

 

Weiterführende Literatur: U. Schnelle 1983, 217-219 hält V. 14 für eine nachpaulinische Glosse, die nachdrücklich die Heilsbedeutung der Auferweckung Jesu für uns betont. Begründung: V. 14 unterbreche die in V. 13 begonnene Argumentation und weise zum Kontext keinerlei Verbindung auf. Wäre Paulus der Autor auch von V. 14, dann wäre zumindest zu erwarten gewesen, dass er in diesem Vers "unsere Leiber“ statt "uns“ geschrieben hätte.

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Mit einer vorwurfsvollen Frage begründet Paulus, wieso sich die Adressaten nicht der Unzucht hingeben sollen. Dabei bleibt jedoch unklar, was darunter zu verstehen ist, dass die Leiber der Adressaten des Briefes die Glieder Christi sind. Dass die Christen in ihrer Gesamtheit als Kirche den Leib Christi mit seinen verschiedenen Gliedern darstellen (vgl. 1 Kor 12,27) ist hier wohl nicht gemeint, denn Paulus redet ja nicht vom "Leib Christi“, sondern von den Leibern der Christen. Auch geht es Paulus nicht um die einzelnen Glieder der Leiber der Adressaten, die sämtlich im Dienste des Heilsbringers stehen sollen, denn sonst würde er sie erwähnen. Es geht Paulus wohl nur darum, die Beziehung zwischen den Leibern der Adressaten und Jesus Christus zu betonen. Schon im Hinblick auf die Auferweckung von den Toten (V. 14) ist deutlich geworden, dass die Beziehung nicht gänzlich schlüssig ist und eigentlich eine Beziehung zwischen Jesus Christus und den Christen ist. Lässt man außer acht, dass in V. 14 vom Leib (Jesu Christi oder der Christen) nicht die Rede ist, so kann man auch von einer Beziehung zwischen den Leibern der Christen und dem Leib des "Herrn“ sprechen.

 

Fraglich ist, wie Paulus auf den Gedanken kommt, dass er selbst die Glieder Christi wegnehmen und Hurenglieder daraus machen könnte. Es liegt ja schließlich ferne, dass Paulus aktiv die Korinther zur Unzucht auffordern könnte. Viel näher liegt das Vergehen, dass Paulus trotz der offensichtlichen sexuellen Verfehlungen in der korinthischen Gemeinde passiv bleiben und Ermahnungen unterlassen könnte. Aber statt auf nahe liegendes fehlerhaftes Verhalten zu sprechen zu kommen, wendet er sich dem ferne liegenden zu und betont dann sogar noch, dass es ferne liegt. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass Paulus in seiner Emotion polemisch wird.

 

Bei der pornê handelt es sich wohl nicht um eine Frau, die gewerbsmäßig der Prostitution nachgeht, sondern um eine Frau, die sich illegitimem, d. h. außerehelichem Geschlechtsverkehr hingibt. Bei der Unzucht, die Paulus thematisiert, handelt es sich ja schließlich nicht um Prostitution, sondern um illegitimen Geschlechtsverkehr.

 

Weiterführende Literatur: Die Wirkung von "Unzucht“ und "Hure“ auf den handelnden Mann hat R. Kirchhoff 1994, 145-158 zum Thema.

 

Zu Entstehung und Gehalt des paulinischen Leib-Christi-Gedankens siehe H. Merklein 1985, 115-140, der auf S. 123-124 kurz auf 1 Kor 6,15 eingeht. H. Merklein versucht die These zu begründen, dass in den Homologumena von einem vorgegebenen oder (von Paulus selbst) vorgefassten Leib-Christi-Konzept nicht die Rede sein könne. Paulus entwickle vielmehr den Leib-Christi-Gedanken erst in der konkreten Auseinandersetzung mit der Gemeinde in Korinth. Unter dieser Prämisse werde auch die These von der Ekklesiologie als unmittelbarer Funktion der Christologie dahinfallen.

 

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V. 16

 

Beobachtungen: Paulus fragt erneut mit einer vorwurfsvollen Frage, ob sich das Verhalten der Adressaten mit Nichtwissen erklären lässt. Wenn die Adressaten Gen 2,24 LXX - diesen Vers zitiert Paulus - kennen, so muss ihnen die Verkehrtheit ihres Handelns bewusst sein.

 

Das Zitat begründet die Argumentation des Paulus. Allerdings entspricht die Wortwahl der Schlussfolgerung nicht genau dem Zitat, in dem vom "Fleisch“ und nicht vom "Leib“ die Rede ist. Genau genommen müsste die Schlussfolgerung aus Gen 2,24 LXX lauten: "Wer der Hure anhängt, ist ein Fleisch [mit ihr]?!“ Vermutlich wählt Paulus nicht das Wort "Fleisch“, weil diesem im Zitat in hohem Maße die Aspekte der Fleischlichkeit und der Sexualität anhaften. "Ein Leib“ sein beinhaltet dagegen stärker noch als die Aspekte der Fleischlichkeit und Sexualität den Aspekt der Beziehung bzw. Teilhaftigkeit. Außerdem ist nicht der materielle Leib im Blick, sondern ein Leib im übertragenen Sinn, so dass die Rede vom "Fleisch“ unpassend wäre.

 

Weiterführende Literatur: B. S. Rosner 1998, 336-351 befasst sich mit der Frage, worum es Paulus in 6,12-20 geht. Hat er allgemein sexuell unmoralisches Verhalten im Blick oder eine bestimmte Art Unzucht wie sakrale oder profane Prostitution? Oder bezieht sich Paulus auf den konkreten Fall von Unzucht, der in 5,1-13 Thema ist? B. S. Rosner setzt sich kritisch mit den verschiedenen Thesen auseinander und vertritt selbst die Ansicht, dass sich Paulus gegen die Prostituierten wende, die ihre Dienste nach festlichen Anlässen in heidnischen Tempeln anbieten. W. Deming 1996, 289-312 dagegen meint, dass 6,12-20 die in 5,1-13 thematisierte konkrete Problematik fortsetzend und abschließend behandle. Demnach wäre die "Hure“ mit der "Frau des Vaters“ des Unzüchtigen (5,1) gleichzusetzen.

 

G. Baldanza 1998, 317-340 befasst sich mit der seiner Meinung nach zentralen Bedeutung von Gen 2,24 für das Verständnis der Perikope 1 Kor 6,12-20.

 

R. Kirchhoff 1994, 16-68 geht der Frage nach, wer die "Hure“ ist. Ergebnis: Die Prostituierten seien v. a. Sklavinnen und Freigelassene gewesen, darunter viele Ausländerinnen. Sklavinnen hätten mit ihrem Herrn sexuell verkehren müssen, wenn dieser es wollte. Darauf habe der Herr durch den Erwerb der Sklavin den gleichen Anspruch gehabt wie auf ihre Arbeitskraft. Darüber hinaus hätten sie auch außerhalb des Hauses zur Prostitution angehalten werden können, oft im Zusammenhang mit einer Arbeit, die mit Publikumsverkehr verbunden war. Ebenso sei für Freigelassene, die in einer bessergestellten Schicht von Händlern bzw. Händlerinnen, Handwerkern und Wirten bzw. Wirtinnen lebten und/oder arbeiteten, die Prostitution ein Teil ihrer Arbeit gewesen, durch den sie den Umsatz des Geschäftes erhöht hätten. Prostitution sei also zumeist eine Weise neben anderen gewesen, den Körper als Produktionsmittel einzusetzen. Prostituierte seien weder gesellschaftlich ausgegrenzt noch schlecht angesehen gewesen. Die negative Konnotation, die das Wort "Hure“ bei Paulus trage, gebe keinen gesellschaftlichen Konsens über die Prostituierten wieder. Mit "Hure“ und "Unzucht“ drücke Paulus die Unrechtmäßigkeit dieser sexuellen Kontakte aus. Für ihn sei eine "Hure“ nicht speziell eine Prostituierte, sondern grundsätzlich jede Frau, für die der Christ nicht der einzige Sexualpartner ist.

 

S. E. Porter 1991, 105-106 hält die Übersetzung des Verbs kollaomai ("anhaften“) mit "to unite“ oder mit "to join“ für zu schwach. Stattdessen plädiert er für die Übersetzung "to sell himself into bondage (oder: to obligate himself)“, also für eine Metapher für wirtschaftliche Unterordnung. Die Unterordnung werde in Lk 15,15 deutlich, wo die Übersetzung des Verbs kollaomai mit "to unite“ fälschlicherweise Gleichheit annehmen lasse.

 

J. I. Miller 1980/81, 125-127 vertritt die Ansicht, dass Paulus das Verb proskollaomai statt kollaomai ("anhaften“) benutzt hätte, wenn er eine Metapher der körperlichen Vereinigung oder des Geschlechtsverkehrs hätte erhalten wollen.

 

B. S. Rosner 1996, 513-518 befasst sich mit der Funktion der Schriftzitate in 1 Kor 5,13b und 6,16. Bezüglich 6,16 kommt er zu dem Ergebnis, dass das Zitat eine entscheidende Rolle im paulinischen Argumentationsgang des Abschnitts spiele.

 

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V. 17

 

Beobachtungen: Wer dem "Herrn“ anhängt, ist nicht ein Leib mit ihm, sondern ein Geist. Dies beweist, dass es Paulus (v. a. in V. 15) nicht darum geht, die Zugehörigkeit der Christen zum "Leib Christi“ zu begründen. Vielmehr wird die Geistlichkeit der Beziehung betont. Und wenn alle diejenigen, die dem "Herrn“ anhängen, ein Geist mit dem "Herrn“ sind, dann sind sie auch untereinander eines Geistes (vgl 1 Kor 12,4).

Die Geistlichkeit, die in V. 17 unterstrichen wird, scheint geradezu die Leiber der Christen aufzulösen. Auch der "Herr“ wirkt leiblos, trotz seiner "Glieder“.

 

Weiterführende Literatur: K. Butting 2000, 79-90 befasst sich mit der Rezeption von Gen 2,24 bei Paulus und geht auf S. 83-84 konkret auf 1 Kor 6,13-17 ein. Gewöhnlich werde Gen 2,24 dahingehend interpretiert, dass Ehe eine göttliche Schöpfungsordnung sei. V.17 eröffne jedoch eine andere Auslegung, die eine andere grundlegende Ordnung in den Vordergrund rücke: Der menschliche Leib erscheine als Ort der Heiligung, als Glied des Leibes Christi. Paulus beschreibe und verlange mit seiner Aufnahme von Gen 2,24 die aktive Teilnahme aller Gemeindeglieder am Gemeindeleben. K. Butting weist auf das Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten“ der Gebrüder Grimm als eine Parallele zum paulinischen Verständnis der verschiedenen Gemeindeglieder als ein Leib Christi hin.

R. Kirchhoff 1994, 159-176 befasst sich mit der paulinischen Interpretation von Gen 2,24 und ihrer Leistung im Argumentationsverfahren sowie mit dem Verb kollasthai ("anhängen“) als Beschreibung der Beziehung eines christlichen Mannes zur "Hure“ und zum "Herrn“. Ergebnis: Mit seiner argumentativen Verwendung von Gen 2,24 stehe Paulus in einer Auslegungstradition, die Gen 2,24 als eine Grundordnung versteht, nach der ein Mann nur mit (s)einer (Ehe-)Frau sexuell verkehren soll. Diese Grundordnung sei wirksam, auch wenn Partner und Partnerin miteinander verkehren, die weder verheiratet sind noch die Ehe beabsichtigen; weil das unrechtmäßig sei, setze die Handlung in diesem Fall negative Tatfolgen frei. Die Besonderheit der paulinischen Interpretation von Gen 2,24 liege darin, dass sie von kollasthai eine Regel ableite, die für alle Beziehungen gilt, die so umschrieben werden müssen. Sie besage, dass ein Mensch mit jeder Größe, der er anhängt, eins wird.

 

R. Kirchhoff 1994, 172-176 geht u. a. der Frage nach, was "ein Geist (mit dem "Herrn’) sein“ bedeutet. Ergebnis: Die Christen sind mit Christus durch die Gabe des Geistes in der Taufe verbunden.

S. Vollenweider 1996, 163-192 geht der − anthropologisch zugespitzten − Frage nach, wie der Geist (pneuma) zum eigentlichen identitätsstiftenden Selbst der Glaubenden werden und doch die fremde, unverfügbare Sturmgewalt sein kann, in welcher der heilige Gott unnahbar über seiner Schöpfung waltet. Dabei geht er auf S. 182-183 knapp auf die Parallelisierung von "ein Fleisch werden“ und "ein Geist werden“ (gemäß 1 Kor 6,17) in der Christusbeziehung ein.

Zum Widerhall des paulinischen Themas "Einheit des Geistes“ in der spätmittelalterlichen mystischen Literatur siehe A. Cacciotti 2000, 273-282.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Aus dem Vorhergehenden folgt die Aufforderung, die Unzucht zu fliehen. Das Verb "fliehen“ betont stärker noch als das Verb "meiden“ die auf Entfernung bedachte Fortbewegung.

 

Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes. Damit ist wohl gemeint, dass sie ihn nicht betrifft. Wenn Paulus vom "Menschen“ spricht, so ist dies allgemein gemeint; Paulus hat also nicht nur eine bestimmte Gruppe Menschen wie die Christen im Blick, sondern er macht eine generelle Aussage, die alle Menschen betrifft.

 

Von dieser Allgemeinheit grenzt Paulus nun diejenigen ab, die Unzucht treiben. Deren Sünde betrifft den Leib, wobei nicht gesagt wird, was dies konkret bedeutet. Bedeutet dies nur, dass der Leib bei der Unzuchtsünde aktiv und damit betroffen ist? Oder hat der Leib auch eine Strafe zu erwarten?

Überhaupt verwundert, dass alle anderen Sünden wie beispielsweise die Säuferei nicht den Leib betreffen sollen. Es ist doch offensichtlich, dass die Säuferei sehr wohl den Körper betrifft und diesen sogar zerstören kann. So ist zu folgern, dass gemäß Paulus die Unzuchtsünde in einer besonderen Totalität den Menschen betrifft. Paulus hat konkret die Beziehung der Adressaten zum "Herrn“ und - im Falle der Unzucht - zur Hure im Blick. Ein Leib, der Unzucht begeht, ist in gewisser Weise ein anderer Leib als derjenige der enthaltsam ist oder dessen sexuelle Handlungen im erlaubten Rahmen bleiben. Gemäß 6,12-20 verändert einzig und allein die Unzucht die Art des Leibes, denn Paulus begründet den Wandel nur mit einer einzigen Bibelstelle, und zwar mit Gen 2,24 LXX. Säuferei kommt im Gegensatz zur Sexualität in diesem Vers nicht in den Blick und spielt auch in dem Abschnitt 6,12-20 keine Rolle. Folglich spricht Paulus nicht vom "Säuferleib“, dessen Glieder die Säufer werden.

 

Weiterführende Literatur: B. Fiore 1990, 135-143 vergleicht die Thematisierung der Leidenschaft in 1 Kor 5-6 mit derjenigen in Plutarchs Polemik gegen die Epikureer.

 

G. Dautzenberg 1989, 271-298 fragt nach dem Argumentations- und Begründungszusammenhang von 1 Kor 6,12-20 und speziell V. 18. Zwischen Paulus und dem Frühjudentum bestehe weitgehende, wenn nicht völlige materielle Übereinstimmung auf dem Gebiet der Sexualethik. Vergleiche man Paulus mit den frühjüdischen Zeugen, stehe er den Testamenten der Zwölf Patriarchen näher als Philo und Josephus. Eine Besonderheit von Paulus (vgl. Musonius) sei, dass sich seine Überlegungen auf den männlichen Täter beziehen. Paulus sei der erste Jude und Christ, der über die Wiederholung und Einschärfung des Verbots und die allgemeinen Qualifikationen der Testamente der Zwölf Patriarchen hinaus zu erklären versucht, weshalb "Unzucht“ etwas für den Täter Schlechtes ist, hierin Musonius vergleichbar. Seine Gedanken kreisten in der Fluchtlinie jüdischen Denkens aber nicht um die Personwürde des Täters, sondern um dessen "Leib“. Das organisierende Zentrum seiner Argumentation sei indes die den "Leib“ bestimmende gegenwärtige und zukünftige Herrschaft des Erhöhten.

Auch R. Dabelstein 1981 interpretiert V. 17-18 von den Testamenten der Zwölf Patriarchen und von Musonius her. In den Testamenten der Zwölf Patriarchen werde die Unzucht nicht nur als sexuelle Begierde verurteilt, sondern als Sünde gefürchtet, in der und durch die dämonische Mächte ihr Unwesen treiben, indem sie die Menschen schädigen und sie verführen. Dies sei möglicherweise der Hintergrund, auf dem die Formulierungen von V. 17-18 zu verstehen seien.

 

Einen Überblick über die Diskussion zur Frage, ob der Begriff sôma die Person oder/und den Körper meint, gibt R. Kirchhoff 1994, 130-137. Sie selbst ist der Meinung, dass der Begriff nicht nur die morphologische Größe "Körper“ meine, sondern auch die Beziehungen umfasse, in denen ein sôma genannter Mensch steht. Ähnlich B. Byrne 1983, 608-616. R. Kirchhoff hält es jedoch nicht für angemessen, die Bedeutung des Begriffs durch eine Verhältnisbestimmung zwischen Körper und Person zu ermitteln. Auf S. 138-145 legt sie den besonderen Charakter des sôma in 6,12-20 dar: Es handele sich nicht um den Körper, den alle Menschen haben, sondern nur um den Körper der Getauften. Dieser Körper habe nach Paulus mehr Fähigkeiten als der der Ungetauften. Sôma sei ein Verpflichtungsname, da Verpflichtung und Befähigung einander korrespondierten. Ein ähnlicher Verpflichtungsname sei in heutiger Zeit beispielsweise "Christ“. Wer eine Person so anspreche, erinnere sie an ein System von Normen, auf die diese sich verpflichtet weiß.

 

J. H. Neyrey 1986, 129-170 befasst sich mit der Rede vom "Leib“ im Ersten Korintherbrief. Er geht von M. Douglas These aus, dass der körperliche Leib den sozialen Leib symbolisiere. Die Pneumatiker in der korinthischen Gemeinde legten nur wenig Wert auf körperliche Aspekte wie Enthaltsamkeit, Essen und Aussehen, was mit schwach ausgeprägten sozialen Vorschriften und schwach ausgeprägter sozialer Kontrolle einhergehe. Dies entspreche ihrer individualistischen und freiheitlichen Ideologie. Paulus dagegen lege starken Wert auf körperliche Aspekte und habe zugleich einen stark ausgeprägten Sinn für Brauch, Struktur und Ordnung der Kirche.

 

B. Byrne 1983, 608-616 befasst sich mit der Bedeutung der Aussagen "Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen seinen eigenen Leib.“ Zunächst gibt er einen Überblick über verschiedene Auslegungen, wobei er sich von der Ansicht abgrenzt, dass Paulus in der ersten Aussage einen korinthischen Slogan aufgreife, den er in der zweiten Aussage korrigiere (diese Ansicht vertritt J. Murphy-O’Connor 1978, 391-396; J. Murphy-O’Connor 2008, 97-104, wonach die Korrektur unbegründet erfolge und einfach dem Slogan gegenüber gestellt werde). Beide Aussagen gingen auf Paulus zurück. Entscheidend sei die Deutung des Wortes "Leib“. Hier seien zwei Aspekte wesentlich: die Leiblichkeit und die Fähigkeit des Leibes zu kommunizieren. Der Leib solle gemäß Paulus einerseits vor Missbrauch, z. B. Unzucht, bewahrt werden, andererseits solle er als Instrument zur Verherrlichung Gottes dienen. Sexualität sei die intimste Form körperlicher Kommunikation zweier Menschen. Durch Unzucht werde diese Kommunikation pervertiert, so stark wie bei keiner anderen Sünde. Deshalb könne Paulus sagen, dass nur derjenige, der Unzucht treibt, gegen seinen eigenen Leib sündige. Die anderen Sünden seien (vergleichsweise) außerhalb des Leibes.

J. E. Smith 2008, 63-95 kann der These von J. Murphy-O’Connor durchaus folgen und meint, dass die sozialen, kulturellen und religiösen Rahmenbedingungen für das Entstehen eines entsprechenden Slogans in Korinth günstig gewesen seien. Die Korinther seien mindestens zwei Welten verhaftet gewesen: zum einen der hellenistisch-römischen Welt, zum anderen der Welt des neu erworbenen Glaubens, des Christentums. Da sei die Vorstellung, dass Sünde eine innere Angelegenheit der Motive und Absichten und nicht eine äußerliche, auf den Körper bezogene Angelegenheit sei, Allgemeingut gewesen. Auch in der volkstümlichen Philosophie, in der beginnenden Gnosis und selbst in den − falsch verstandenen − Lehren Jesu habe diese Vorstellung Wiederhall gefunden. J. Lambrecht 2009, 479-486 knüpft an J. Murphy-O’Connor und J. E. Smith an. Die Aussage "Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes“ könne so verstanden werden, dass auch die Unzucht nicht wirklich sündhaften Charakter habe. Um dieses Missverständnis nicht aufkommen zu lassen, schränke Paulus ein: "Wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen seinen eigenen Leib.“ Solche Einschränkungen fänden sich auch in V. 12a/b und V. 12 c/d. Dass es sich bei der eingeschränkten Aussage "Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes“ um einen korinthischen Slogan handelt, sei nicht konkret ausgesagt.

B. N. Fisk 1996, 540-558 fragt, inwiefern die sexuelle Sünde gemäß Paulus in einzigartiger Weise beschmutzend oder in einzigartiger Weise gegen den eigenen Körper ist. B. N. Fisk geht davon aus, dass Paulus eine Tradition jüdischer Weisheitsliteratur übernehme, mit dem Unterschied, dass er nicht die körperlichen und sozialen Folgen der sexuellen Sünde betone, sondern eher die unmittelbare und grundlegende Natur als körperliche Vereinigung und Schändung. Die V. 16-18 bildeten eine rhetorische Einheit.

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Der Körper der Christen ist nicht nur Glied des "Herrn“, sondern steht aucb in Beziehung zum heiligen Geist. Diesen haben sie von Gott. Nun ist er im Leib, wohin er eingegeben worden ist. Im Gegensatz zu 1 Kor 3,16 bildet also nicht die Gemeinde als Ganzes den Tempel Gottes, sondern jeder einzelne Leib, der den heiligen Geist umgibt. Beide unterschiedlichen Tempelmetaphern widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Einerseits ist die gesamte Gemeinde Wohnort des heiligen Geistes, andererseits aber auch jeder einzelne Leib. Daher sind sowohl die gesamte Gemeinde als auch der einzelne Leib Tempel Gottes.

 

Dass Paulus die Adressaten als "Tempel Gottes“ bezeichnet, ist insofern bemerkenswert, als zur Zeit der Abfassung des Ersten Korintherbriefes der Jerusalemer Tempel noch existiert. Da Paulus Jude ist, ist eigentlich dieser Jerusalemer Tempel und die Vorstellung der dortigen "Einwohnung“ Gottes auch für ihn maßgeblich. Seine Worte zeigen jedoch, dass er sich als Christ im Hinblick auf das Verständnis der Gemeinde Gottes und ihren Kult vom jüdischen Glauben entfernt hat

 

Mit der Eingabe des heiligen Geistes hat Gott vom menschlichen Leib Besitz genommen, so dass dieser nicht mehr dem Menschen gehört.

 

Weiterführende Literatur: Meint "euer Leib“ den Leib jedes einzelnen Christen oder den Leib, den die gesamte Christengemeinde bildet? Diese Frage erörtert N. K. Gupta 2010, 518-536. N. K. Gupta sieht einen engen Zusammenhang zwischen Jesus Christus, dem Leib jedes einzelnen Christen und der gesamten Gemeinde als ein Leib (Christi). Sexuelle Unmoral habe eine zerstörende Auswirkung auf das gesamte Beziehungsgeflecht. Auch das Bild vom "Tempel“ könne sich sowohl auf den individuellen als auch auf den gemeinschaftlichen Leib beziehen.

 

C. Böttrich 1999, 411-425 legt zunächst die jahrzehntelang vorherrschende These bezüglich der paulinischen Tempelmetaphorik dar. Sie gehe davon aus, dass nach urchristlichem Verständnis durch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus eine Substituierung des Jerusalemer Tempelkultes erfolge und alle kultische Terminologie im Sprachgebrauch der christlichen Gemeinde deshalb Ausdruck einer Spiritualisierung kultischer Vollzüge sei. Die paulinische Tempelmetaphorik sei das Ergebnis einer Abkehr von dem bestehenden Heiligtum. Diese These sei in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt worden. Denn wo vom Tempel die Rede ist, gehe es nie allein um das Bauwerk in Jerusalem. Der Kult in Jerusalem sei stets von einer umfassenderen Theorie getragen gewesen, die sich auch als "Tempelidee“ oder "Tempelkonzept“ bezeichnen lasse. Es liege nahe, dass Paulus mit der Tempelmetapher auf dieses Konzept statt allein auf den realen Tempel Bezug nimmt. Zuletzt habe G. Hagenow dieses sog. Tempelkonzept in Auswertung der bisherigen Forschung herauszuarbeiten versucht und dessen Anwendung vor allem in den nachpaulinischen und nachapostolischen Schriften verfolgt. C. Böttrich geht auf die paulinischen Aussagen (1 Kor 3,16-17; 6,16; 6,19) ein, die von G. Hagenow bewusst ausgeblendet worden seien. Fazit: Die paulinische Metaphorik beziehe sich auf die Idee, die dem realen Tempelkult zugrunde liege. Paulus gehe es nicht um Abgrenzung, sondern vielmehr um Anknüpfung. Er greife auf das Konzept zurück, weil er mit der Tempelmetapher nicht allein Judenchristen anzusprechen, sondern auch Heidenchristen zu erreichen vermöge.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Gott hat nicht einfach so von den Leibern der Christen Besitz genommen, sondern nur für einen Preis, d. h. gegen Bezahlung. Welches der Preis war, wird nicht gesagt. Es ist aber wahrscheinlich, dass Paulus auf den Kreuzestod Christi anspielt. Unklar bleibt auch, wer den Preis erhalten hat. Ist es der Satan?

 

Wenn der Körper Gott gehört, so ist zu erwarten, dass die Christen mit ihm Gott ehren. Zu dieser Ehrerbietung, die sich in Enthaltung von illegitimem Geschlechtsverkehr äußert, fordert Paulus die korinthischen Gemeindeglieder auf. Die Übersetzung "Ehrt also (den) Gott in eurem Leib!“ ist auch möglich. Sie würde besagen, dass Gott im Leib ist. Diese Übersetzung und Deutung ist jedoch unwahrscheinlich, weil Gott in V. 19-20 als Eigentümer der Leiber der Christen erscheint und nicht wie der heilige Geist als Bewohner.

Einige Textzeugen fügen "und mit eurem Geist, der von (dem) Gott ist“ hinzu. Sie meinen also, dass Christen Gott nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem (heiligen) Geist, den sie von Gott haben, ehren sollten. Damit verwischen aber die Grenzen zwischen dem Handeln Gottes (Kauf des Leibes mittels eines Preises und Eingabe des heiligen Geistes) und der konkreten Antwort des Menschen (Enthaltung des Körpers von Unzucht).

 

Weiterführende Literatur: S. C. Barton 2001, 69-82 hat die Aussage "Ehrt also Gott mit eurem Leib“ zum Thema. Er vertritt die Ansicht, dass wir uns nicht angemessen über die Sexualität Gedanken machen können, wenn wir es nicht verstehen, eine Gemeinde aufzubauen oder eine Kirche zu bilden. Sexualität sei eine Gabe Gottes.

 

Das paulinische Verständnis von Freiheit zeigt W. Harnisch 1999, 169-205 auf. Dabei stellt er eine Vorbesinnung über die Bedeutung des Begriffs "Leib“ bei Paulus sowie über die Eigenart des Denkens der korinthischen Pneumatiker voran.

 

 

Literaturübersicht

 

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Baumert, Norbert; Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Missverständnisses, Würzburg 1992

Böttrich, Christfried; “Ihr seid der Tempel Gottes”: Tempelmetaphorik und Gemeinde bei Paulus, in: B. Ego u. a. [Hrsg.], Gemeinde ohne Tempel (WUNT 118), Tübingen 1999, 411-425

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