Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 15,29-34

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 15,29-34

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 15,29-34:29 Denn was werden [sonst] diejenigen bewirken, die sich für die Toten taufen lassen? Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, weshalb lassen sie sich dann noch für sie taufen? 30 Warum sind wir dann noch jede Stunde in Gefahr? 31 Tag für Tag sterbe ich, so wahr ihr [mein] Ruhm seid, den ich in Christus Jesus, unserem Herrn, habe. 32 Wenn ich [nur] auf Menschenweise in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft habe, was nützt es mir? Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir. 33 Lasst euch nicht irreführen! Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten. 34 Werdet rechtschaffen nüchtern und sündigt nicht! Denn einige haben keine Erkenntnis Gottes; zur Beschämung sage ich es euch.

 

 

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V. 29

 

Beobachtungen: Die Leugnung der Auferweckung der Toten hat nicht nur Auswirkungen und den christlichen Glauben, sondern auch auf die christliche Lebensweise. Mit ihr befasst sich schwerpunktmäßig 15,29-34.

 

Paulus verweist nun auf eine Gruppe Personen, deren Handeln sinnlos wäre, wenn die Auferstehungsleugner Recht hätten. Daraus ist zu schließen, dass diese Personengruppe mittels ihres Handelns Auferweckung bewirken will, die ohne das Handeln nicht gegeben wäre. Paulus bewertet ihre Handlung nicht; wichtig ist ihm nur, dass sie an die Auferweckung der Toten glaubt. Weil in diesem Punkt Übereinstimmung besteht, kann es sich - folgt man Paulus’ Worten - nicht um Auferstehungsleugner handeln.

 

Wenn die Toten nicht auferweckt werden, so ist das Handeln dieser Personengruppe sinnlos. Es stellt sich die Frage, was sie dann - in der Zukunft - bewirken oder tun werden. Aus dem Futur wird deutlich, dass die geglaubte Auferweckung in der Zukunft, und zwar vermutlich am Ende der Tage stattfinden wird.

 

Doch was tun die Personen, die im Blick sind, um Auferweckung zu bewirken? Eins ist sicher: Sie werden getauft. Diese Taufe erfolgt - je nach Übersetzung der Präposition "hyper“ - über den Toten, also über deren Gräbern, oder für die Toten, also im Sinne einer stellvertretenden Taufe. Eine Taufe über den Gräbern könnte den Sinn haben, den Auferstehungsglauben zu stärken. Sie könnte allerdings schlechterdings in einem Gewässer erfolgen, wie es laut NT üblich ist (vgl. Mk 1,9-11 par.; Apg 8,24-26 u. a.). Außerdem hat die Präposition "hyper“ im NT gewöhnlich nicht die lokale Bedeutung "über“.

Wahrscheinlicher ist also, dass von einer stellvertretenden Taufe die Rede ist, die das Ziel hat, Heil zu vermitteln. Allerdings stellt sich die Frage, warum er auf einen solch merkwürdigen Brauch verweist. Eine Antwort lässt sich finden, wenn man sich den wesentlichen Unterschied zwischen der gewöhnlichen Taufe und der stellvertretenden Taufe deutlich macht. Die gewöhnliche Taufe vermittelt den Lebenden Heil, und zwar nach Paulus’ Meinung über den Tod hinaus. Konkret bewirkt sie im Hinblick auf die Toten die Auferweckung. Die Taufe eines Toten mittels der Taufe eines Stellvertreters vermittelt Heil ausschließlich an einen Toten. Hält man sich an die Worte des Paulus, so lässt sich das Heil als Ermöglichung der Auferweckung bestimmen. Auf die Auferweckung kommt es Paulus an; deshalb kann er nicht auf gewöhnliche Taufen verweisen, weil die Auferstehungsleugner dann wiederum auf die Heilswirkungen der Taufe bezüglich des jetzigen Lebens verweisen und die Auferstehung leugnen könnten.

 

Über die Nutznießer der stellvertretenden Taufe wird nur gesagt, dass es sich um Tote handelt. Getaufte lassen sich sicher ausschließen, weil diese keiner weiteren Taufe bedürfen. Also kann es sich bei den Toten nur um Nichtchristen handeln, wobei auch Taufanwärter in Frage kommen, die vor der Taufe gestorben sind. Wie eng das Verhältnis des Toten zu dem Menschen ist, der sich stellvertretend für ihn taufen lässt, bleibt offen.

 

Abschließend sei zu V. 29 gesagt, dass keinesfalls sicher ist, dass der Vers von der stellvertretenden Taufe spricht. Weitere Deutungsmöglichkeiten werden ermöglicht, wenn man den Begriff "Tote“ nicht wörtlich nimmt, sondern im übertragenen Sinn deutet, z. B. als Ausdruck für sterbende Körper. Dann würde Paulus fragen, was der Sinn der Taufe sein soll, wenn die Christen nicht mit ihrem Leib auferweckt werden.

Eine solche übertragene Bedeutung des Wortes "Tote“ liegt allerdings weniger nah als eine wörtliche Bedeutung.

 

Weiterführende Literatur: Mit der rhetorischen Konzeption und Strategie von 1 Kor 15 sowie mit der Wirkung auf die damaligen Adressaten und der potenziellen auf die heutigen Leser befasst sich M. I. Wegener 2004, 438-455.

 

Die Auferstehungshoffnung gemäß 1 Kor 15 reflektiert Schritt für Schritt A. Sisti 1995, 203-218.

Zur theologischen Notwendigkeit der Totenauferstehung siehe G. Sellin 1986, 230-289.

A. C. Thiselton 1995, 258-289 bietet eine knappe exegetische Diskussion von 1 Kor 15. Darüber hinaus geht er auf die vom frühen Barth geäußerte These ein, dass 1 Kor 15 der angemessenste Ausgangspunkt sei, wenn man sich die Argumentation und Theologie der ersten vierzehn Kapitel des Ersten Korintherbriefes erschließen will. Nicht explizit, jedoch implizit werde diese These auch von Luther und Calvin geäußert.

 

H. Hempelmann 1984, 98-113 versucht die Abklärung einiger exegetischer Fragen, die Einführung in die Diskussion einiger an der Auslegung von 1 Kor 15 entstehenden Probleme, die Zusammenschau der verschiedenen Aussagen in diesem Kapitel und deren Zuordnung zu dem Thema "Zukunftserwartung aus biblischer Sicht“. Auf S. 105-111 macht er Anmerkungen zu V. 12-34.

 

A. Eriksson 1999, 101-114 geht dem paulinischen Gedankengang in 15,20-34 nach. Die sorgfältige Erfassung des Gedankengangs sei unverzichtbare Grundlage der Auslegung.

 

W. O. Walker 2007, 84-103 vertritt die These, dass der Abschnitt 1 Kor 15,29-34 weder von Paulus verfasst noch von ihm eingefügt worden sei. Das lasse sich aus dem Kontext, Vokabular und eigenständigen Inhalt erschließen. Vielmehr handele es sich um einen nachträglichen Einschub. Die Vikariatstaufe sei in markionitischen und proto-markionitischen Kreisen praktiziert worden. Es sei anzunehmen, dass der Einschub bis Mitte des 2. Jh. n. Chr. seitens dieser Kreise erfolgt ist, um die Praxis im Ersten Korintherbrief zu verankern und als apostolischen Auftrag erscheinen zu lassen.

 

Mit der stellvertretenden Taufe befasst sich R. E. DeMaris 1995, 661-682. Er setzt voraus, dass tatsächlich von einer stellvertretenden Taufe die Rede ist, und fragt nach ihrem Grund und nach ihrer Bedeutung für die korinthischen Christen. Zunächst geht er auf die Vorstellung von der Welt der Toten gemäß dem Glauben der Korinther ein, wobei er unterstreicht, dass sowohl in griechischen als auch römischen Gesellschaften den Toten beträchtliche Aufmerksamkeit zugekommen sei. Dann untersucht er, warum gerade in Korinth die stellvertretende Taufe für die Toten aufkam und besondere Bedeutung erlangte. R. E. DeMaris begründet dies mit den eigentümlichen religiösen Begebenheiten in Korinth und Umgebung und betont die Bedeutung der stellvertretenden Taufe als Übergangsritus. Eigentlich sei die Taufe ein Initiationsritual der christlichen Gemeinschaft, doch habe sie vielleicht auch als Übergangsritus auf dem Wege vom Leben in den Tod gedient und sei daher mit dem Begräbnis verbunden worden. Dieser Einstellung stehe Paulus keineswegs neutral gegenüber, auch wenn aus 15,20-18 keine eindeutige Ablehnung hervorgehe. Es könne jedoch sein, dass Röm 6,1-11 auf dem Hintergrund der stellvertretenden Taufe für die Toten geschrieben worden ist. Paulus stelle in diesem Text die Taufe jedoch nicht als Übergangsritus vom Leben zum Tod, sondern − ganz im Gegenteil − vom Tod zum Leben dar.

O. Wierød 1987, 54-58 wendet sich gegen die Annahme, dass sich Paulus nicht gegen die stellvertretende Taufe für die Verstorbenen gewandt habe. Paulus sage vielmehr: Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann sind (auch) die Getauften wirklich tot, weil sie tot bleiben sollen.

D. Zeller 2007, 68-76 geht davon aus, dass in V. 29 von der Vikariatstaufe die Rede sei, bezweifelt jedoch, dass die Taufe für die Toten eine synkretistische Erscheinung ist. Er untersucht das Sündopfer für die Gefallenen 2 Makk 12,43-45, die angebliche orphische Weihe für die Toten, die Sühneinschriften aus Mäonien und die Taufe für die Toten im Rahmen des lokalen Totenkultes und kommt zu folgendem Ergebnis: Die Taufe für die Toten habe speziell christliche Voraussetzungen. Deshalb könnten nur entfernte religionsgeschichtliche Analogien dafür gefunden werden, am ehesten noch das Sündopfer, das Judas Makkabäus im Glauben an die Auferstehung für die Gefallenen veranstaltet, wenn es auch anders funktioniere als eine Initiationshandlung. Die griechisch-römischen Bestattungs- und Grabriten könnten das Milieu beleuchten, in dem eine derart ausgeprägte Sorge für die Toten gedeiht, lieferten aber kein Analogon für den Ritus.

 

Stimmen, die nicht davon ausgehen, dass in V. 29 von einer stellvertretenden Taufe für die Toten (Vikariatstaufe) die Rede sei:

J. D. Reaume 1995, 457-475 gibt zunächst einen Überblick über mögliche Interpretationen des V. 29, wobei er die Annahme einer Vikariatstaufe für die Mehrheitsmeinung hält. Dann bietet er eine eigene Exegese des Verses, wobei er folgende Interpretation für am wahrscheinlichsten hält: Kürzlich Bekehrte ließen sich aufgrund des Einflusses bzw. Zeugnisses inzwischen verstorbener Christen taufen.

J. C. O’Neill 1980, 310-311 bietet folgende Interpretation: "Tôn nekrôn“ sei der Genitiv von "ta nekra“ ("die Leichname“), nicht jedoch von "hoi nekroi“ ("die Sterbenden/Toten“); folglich sei er mit "(für) die Leichname“ zu übersetzen. Bei den "baptizomenoi“ handele es sich um noch Lebende, die jedoch im Sterben inbegriffen sind und sich taufen lassen. Dabei erfolge die Taufe für den Körper, der auf dem Wege ist, ein Leichnam zu werden. Die Formulierung "holôs nekroi“ sei mit "vollständig Tote“ zu übersetzen. V. 29 besage also: Warum lassen sich Sterbende für ihren Leichnam taufen, wenn die vollständig Toten doch nicht auferstehen?

J. Murphy-O’Connor 1981, 532-543 merkt kritisch an, dass es keinen inhaltlichen Zusammenhang zwischen V. 29 und den folgenden Versen gebe, wenn tatsächlich in V. 29 von der Vikariatstaufe die Rede sei. J. Murphy-O’Connor schlägt stattdessen folgende metaphorische Deutung vor: Die Formulierung "die sich für die Toten taufen lassen“ stamme von denjenigen korinthischen Gemeindeglieder, die sich für geisterfüllt halten und den Auferstehungsglauben ablehnen. Es handele sich um einen Spott über die Bemühungen des Paulus und seiner Mitarbeiter hinsichtlich der Nichtgeisterfüllten, der in existenzieller Hinsicht "Toten“. Die Spiritualisten folgten Philo von Alexandrien in der Ansicht, dass Tugenden nicht durch Anstrengung kämen, sondern eine Gabe Gottes seien. Paulus sehe sich angesichts dieser Einstellung dazu veranlasst, diejenigen zu stärken, die glauben, dass die Mühe Gottes Werk und nicht vergeblich sei. Wegen der Auferstehungshoffnung nähmen er und die anderen Missionare ihre Mühen auf sich.

J. E. Patrick 2006, 71-85, identifiziert die "Toten“ als verstorbene Apostel, deren Zeugnis durch die Nachfolger weiterlebe. Diese bekehrten Menschen zum christlichen Glauben, wobei diese dann "für“ die verstorbenen Apostel getauft würden. Dabei handele es sich um einen Ausdruck der Ergebenheit diesen gegenüber, um eine Ehrerbietung.

J. R. White 1997, 487-499 gibt zunächst einen Überblick über die wichtigsten Auslegungen des V. 29 und macht darauf aufmerksam, dass oft der Zusammenhang vernachlässigt werde, in dem V. 29 stehe. Sie knüpft an J. Murphy-O’Connors These an, dass es Paulus in V. 29 im Wesentlichen um die apostolischen Leiden gehe. Doch stelle sich die Frage, wie sich V. 29 in den Zusammenhang einfügt. J. R. White schlägt folgende Übersetzung vor: "Otherwise, what will those do who are being baptized on account of the dead (gemeint seien die Apostel)? For if truly dead persons are not raised, why at all are people being baptized on account of them (gemeint seien die Apostel)?” Paulus verstehe die Apostel deswegen als “Tote”, weil sie Leid auf sich nähmen, sich geradezu dem Tode weihten. Der Begriff "Tote“ sei also bildlich und nicht wörtlich zu verstehen.

R. A. Campbell 1999, 43-52 merkt an, dass der bisherige Konsens, dass in V. 29 von einer Vikariatstaufe die Rede sei, schwach begründet sei; dementsprechend seien in den letzten Jahren zahlreiche Artikel erschienen, die die Konsensmeinung in Frage stellen. Er bespricht kritisch die verschiedenen aktuellen Ansätze und legt dann seine eigene Interpretation dar: Es sei nicht von einer stellvertretenden Taufe die Rede, sondern von einer ganz gewöhnlichen Taufe. "Hoi nekroi“ bezeichne hier nicht die Toten, sondern die ungetauften Taufanwärter, die aufgrund ihrer Sünden "tot“ zum Wasser kommen, und die sich taufen lassen, um durch Christus am Leben Anteil zu bekommen. Die Formulierung "für die Toten“ weise nicht auf stellvertretendes Handeln hin, sondern habe finale Bedeutung.

Eine ausführliche Abhandlung über V. 29 bietet M. F. Hull 2005, der sich zunächst mit den gängigen aktuellen Auslegungen des Verses befasst. Die am häufigsten vertretene Auslegung gehe davon aus, dass von einer Vikariatstaufe die Rede sei: Noch lebende Personen, die zuvor nur für sich selbst oder für sich selbst und zugleich andere getauft worden seien, seien anstelle ungetaufter verstorbener Personen getauft worden. Manche Ausleger gingen jedoch davon aus, dass von einer gewöhnlichen Taufe die Rede sei. Dabei werde verschiedentlich auf eine Textvariante verwiesen oder eine Textkorrektur vorgeschlagen. Auch würden metaphorische Deutungen vorgebracht. M. F. Hull hält die vorgeschlagenen Deutungen trotz mancher dafür sprechenden Argumente für nicht überzeugend. Die Annahme, dass eine Vikariatstaufe im Blick sei, kranke an einem Mangel an historischen Parallelen, an einem völligen Fehlen einer biblischen Parallele und der entstehenden isolierten Stellung von V. 29 innerhalb von V. 28 und V. 30-34. R. E. DeMaris biete zwar detaillierte Informationen über heidnische Bestattungsriten in Korinth und Umgebung, jedoch blieben die Begräbnisriten der korinthischen Christen im Dunklen. So bleibe DeMaris den Beweis schuldig, dass diese tatsächlich eine Vikariatstaufe praktizierten. Allerdings sei der eingeschlagene Weg, bei der Deutung von V. 29 nicht nur den literarischen, sondern auch den historischen Kontext zu berücksichtigen, richtig. Auch die − teilweise metaphorischen - Auslegungen, die nicht davon ausgingen, dass von einer Vikariatstaufe die Rede sei, vermöchten laut M. F. Hull nicht zu überzeugen, weshalb eine neuartige Deutung von V. 29 erforderlich sei. Diese gehe von der Grundlage aus, dass V. 29 unzweifelhaft von den Verstorbenen handele, und dass es in dem gesamten Kapitel 1 Kor 15 um Auferstehung und den Sieg des Lebens über den Tod gehe. M. F. Hull kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei V. 29 um eine zweifache rhetorische Frage handele, die den Fragen V. 12 und V. 35 ähnelt. Paulus kritisiere nicht diejenigen, die sich − wie auch immer − aufgrund der Toten taufen lassen, sondern stelle sie vielmehr als lobenswertes Vorbild dar. Die Kritik richte sich gegen diejenigen, die die Auferstehung leugnen.

 

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V. 30

 

Beobachtungen: Wenn Tote nicht auferweckt werden, braucht man keine Gefahren auf sich zu nehmen. Dabei ist nicht allgemein von Gefahren die Rede, sondern Gefahren, in denen Paulus und möglicherweise auch andere Personen sich befinden. "Wir“ kann nur Paulus meinen, aber auch Paulus und den zweiten offiziellen Verfasser des Briefes, Sosthenes, oder Paulus und alle Missionare. Schließlich ist aber auch möglich, dass Paulus von sich, Sosthenes und allen Adressaten spricht. Letztere Möglichkeit ist jedoch eher unwahrscheinlich. Latenter Gefahr sind zwar alle Christen in einer heidnischen Umgebung ausgesetzt, doch ist das Leben in Gefahren ein typisches Merkmal missionarischer Existenz. Missionare sind es schließlich, die Heiden zu bekehren suchen und sich dabei unter diesen Feinde machen. Missionare sind es auch, die auf Reisen sind und dabei in Gefahr, Unsicherheit und Entbehrung leben (vgl. 1 Kor 4,8-13; 2 Kor 1,3-7; 4,8-10; 6,1-10; 11,23-29; Gal 6,17). Dies gilt auch für Sosthenes und Paulus. Dabei ist gut möglich, dass Paulus sein eigenes Dasein hervorhebt und mit dem Personalpronomen "wir“ ganz konkret sich selbst meint.

 

Paulus (wie auch die anderen Missionare) nimmt alle Gefahren auf sich, um möglichst viele Menschen zu Christen zu machen und vor dem Verderben am Ende der Tage zu retten (vgl. 1 Kor 9,22). Das Verderben kann aus einer fehlenden Auferweckung bestehen oder auch aus einer Verurteilung beim Jüngsten Gericht. Mit Sicherheit werden nicht alle Menschen gerettet, gleich ob Heide, Jude oder Christ, denn dann wären alle Mühen und Leiden unnötig. Das gilt auch für den Fall, dass kein Mensch im Jüngsten Gericht bestehen kann oder kein Mensch aufersteht, denn dann könnten alle Mühen und alles Leid nichts am Schicksal der Menschen ändern.

 

Weiterführende Literatur: Bisher wenig beachtete Parallelen zu Paulus’ Einwurf in V. 30-32 nennt G. Barth 1992, 192-200: Ciceros erstes Buch der Gespräche in Tusculum (I, 32-33), Platons Gastmahl (208d); Weisheit Salomons (8,13), zweites Buch der Makkabäer (7). Vermutlich habe Paulus einen Topos aus der allgemeinen Debatte um Recht und Begründung des Glaubens an ein ewiges Leben − sei es jüdisch gefasst als Auferstehungsglaube, sei es hellenistisch als Glaube an ein Fortleben der Seele nach dem Tode − aufgenommen und den konkreten Anlass des korinthischen Enthusiasmus mit seiner Spiritualisierung der Eschatologie benutzt, um darüber hinaus den Auferstehungsglauben überhaupt zu begründen und einzuschärfen. Dazu könnte er durchaus Anlass gesehen haben. Denn der Auferstehungsglaube im Judentum zur Zeit des Paulus sei keineswegs so allgemein verbreitet gewesen wie gemeinhin angenommen. Daher habe Paulus nicht nur bei weiten Kreisen seiner heidnischen Umwelt, sondern auch bei Teilen seines eigenen jüdischen Volkes mit einer Leugnung des Auferstehungsglaubens rechnen müssen.

 

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V. 31

 

Beobachtungen: Die ständige Gefahr bezeichnet Paulus als ein tägliches Sterben, was an die Formulierung "Ich sterbe vor Angst!“ denken lässt. Die Ich-Form des Verbs beweist, dass Paulus konkret von sich selbst spricht, auch in V. 30.

 

Paulus bekräftigt seine Worte, indem er bei dem Ruhm schwört, den er durch die Gemeinde hat. Dabei ist wohl an die Gemeindegründung in Korinth zu denken, die unter Gefahren erfolgt ist.

Den Ruhm hat Paulus "in Christus“. Dabei kann die Präposition "en“ statt mit "in“ auch mit "durch“ oder "bei“ übersetzt werden. Paulus hat sich den Ruhm also nicht allein aus eigener Kraft verschafft, sondern er hat ihn durch Christi Wirken erlangt. Und er hat ihn sich nicht bei den Menschen erworben, sondern bei Christus.

 

Dass Paulus sich den Ruhm nicht bei den Menschen, sondern bei Christus erworben hat, ist insofern wichtig, als es nicht die Menschen sind, die für die Bewertung des Verhaltens entscheidend sind. Entscheidend ist das Urteil Christi, des "Herrn“, dem die Christen zugeordnet sind und unterstehen.

Mit der Aussage, dass er sich durch und bei Christus Ruhm erworben habe, wendet sich Paulus unmissverständlich gegen die Annahme, dass die Toten nicht auferweckt werden. Mit dem Ruhm bei Christus ist nämlich untrennbar die Auferweckung verbunden.

 

Weiterführende Literatur: D. S. Deer 1987, 126-128 befasst sich mit der Frage, von wessen "Ruhm/Stolz/Freude“ Paulus in V. 31 spricht. Ist "unser(e)“, "dein(e)“ oder "mein(e)“ "Ruhm/Stolz/Freude“ zu übersetzen? D. S. Deer plädiert für letztere Möglichkeit.

 

D. R. MacDonald 1980, 265-276 vermutet, dass es sich bei V. 31c um einen sekundären Einschub eines Schreibers handele. Möglicherweise stamme er von dem gleichen Schreiber, der auch 14,33b-36 eingefügt hat. Die paulinische Fassung von 15,31-32 habe gelautet: "31 (a) I die every day! (b) By your own boast, brothers − 32 (a) if to speak in human folly, I fought with a beast in Ephesus, (b) what would I have gained?“ Demnach hätten sich die korinthischen Gemeindeglieder eine Legende vom Kampf des Paulus mit einem Löwen erzählt. In Angleichung an 2 Tim 4,17, wo Paulus davon spricht, dass er aus dem "Rachen des Löwen“ entrissen worden sei, habe der Schreiber folglich V. 31c eingefügt, so dass 1 Kor 15,31-32 nun laute: "31 (a) I die every day! (b) Brothers, by your own boast (c) which I also have − in Christus Jesus our Lord, 32 (a) if, as a man, I fought with a beast in Ephesus, (b) what have I gained?” Der Einschub bewirke, dass sich auch Paulus selbst des Löwenkampfes rühme.

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Paulus nennt ein Beispiel für eine Todesgefahr, in der er bei seiner missionarischen Tätigkeit gewesen ist. So musste Paulus in Ephesus mit wilden Tieren kämpfen, wobei man sich dies so vorzustellen hat, dass diesem Spektakel eine große Menge blutgieriger Menschen als Zuschauer beiwohnten. Ein solch schreckliches Erlebnis dürfte Paulus unvergesslich in Erinnerung geblieben sein, so dass er es im Hinblick auf die Leugnung der Auferweckung, die ihn sehr berührt, für seine Argumentation erwähnt. Dass das Ereignis von Paulus erfunden sein sollte, dafür gibt es im Text keinen Anhaltspunkt.

Allerdings sprechen einige Argumente dagegen, dass "mit wilden Tieren kämpfen“ ("thêriomacheô“) wörtlich zu verstehen ist. Erstens erwähnt Paulus ihn nicht im später verfassten Peristasenkatakog, einer Aufzählung verschiedener Leiden, in 2 Kor 11,23-29. Das wäre allerdings zu erwarten, wenn es sich um ein wirklich so eindrückliches Erlebnis gehandelt haben sollte. Zweitens hätte er durch den Tierkampf das römische Bürgerrecht verloren, auf das er sich bei seiner Appellation an den Kaiser gemäß Apg 22,25-29 berufen hat. Drittens findet sich auch in der Apostelgeschichte und im außerbiblischen Ersten Clemensbrief (5,6) kein Hinweis auf einen solchen Tierkampf. Und schließlich, viertens, hat in der Antike kaum jemand einen Tierkampf überlebt. Diese Einwände lassen annehmen, dass Paulus eine konkrete Todesgefahr bildlich als "Kampf mit wilden Tieren“ bezeichnet. So könnte es sein, dass sich hinter dem Begriff "wilde Tiere“ Menschen verbergen, die Paulus und seine Begleiter bedroht haben. Dass tatsächlich ein Kampf mit wilden Tieren stattgefunden hat, ist jedoch nicht ausgeschlossen.

Die Tatsache, dass Paulus nicht weiter auf die Todesgefahr eingeht, gibt zur Vermutung Anlass, dass die Adressaten von dem Ereignis wissen.

 

Die Stadt Ephesus, im Westen der heutigen Türkei, etwa fünf Kilometer vom Meer entfernt, spielte im Leben des Paulus eine bedeutende Rolle. Wenn man der Apostelgeschichte Glauben schenken kann, so lebte Paulus in Ephesus zwei oder drei Jahre (Apg 19,10; 20,31), wobei er sich in der multikulturellen und multireligiösen Stadt Feinde machte und in mache Turbulenzen geriet (vgl. Apg 19). In Ephesus hat Paulus auch den Ersten Korintherbrief verfasst (vgl. 1 Kor 16,8). Geht man davon aus, dass die Abfassung während des mehrjährigen Aufenthaltes erfolgt ist, so liegt die Todesgefahr noch nicht lange zurück.

 

Paulus unterscheidet das Kämpfen "nach Menschenweise“ von einer anderen Weise des Kämpfens, die er nicht nennt. Er macht deutlich, dass es zu nichts nütze gewesen wäre, wenn er nur "nach Menschenweise“ gekämpft hätte. Doch wie hat Paulus stattdessen gekämpft? Etwa "nach Gottes-/Götterweise“ oder "nach Engelweise“? Dann würde sich die Frage stellen, wie Gott bzw. die Götter oder die Engel kämpfen. Da Paulus die Kampfesweise mit einem Nutzen in Verbindung bringt, ist wohl unter einem Kampf "nach Menschenweise“ ein Kampf zu verstehen, der sich ausschließlich nach irdischen Aspekten richtet. Alle Anstrengung und Gefahr würde nicht mit Blick auf die zukünftige Auferweckung von den Toten erfolgen, sondern nur mit dem Ziel, hier auf Erden zu überleben und möglicherweise bei den Menschen Ruhm zu erlangen. Das Gegenteil davon ist ein Kampf mit wilden Tieren, der im Rahmen der Verbreitung des Evangeliums und in der Hoffnung auf die Auferweckung von den Toten erfolgt.

 

Wenn der Glaube an die zukünftige Auferstehung nicht wäre, dann wäre alle Unsicherheit, Entbehrung, Mühe und Gefahr umsonst, denn dann wäre das zukünftige Schicksal aller Menschen gleich traurig. Stattdessen wäre es als geradezu sinnvoll zu erachten, vor dem Tod, der jederzeit eintreten kann, zu essen und zu trinken. "Essen und trinken“ meint hier nicht die Grundbedürfnisse des Menschen, sondern steht für den kulinarischen Genuss und darüber hinaus für sämtlichen Lebensgenuss. Gäbe es also keine Auferstehung, so wäre es nur angeraten, das Leben möglichst zu genießen. Aus dieser Ansicht geht hervor, dass Paulus die Erwartung der Auferweckung der Toten in den Mittelpunkt stellt. Christliches Leben geschieht nicht nur aus ethischen Prinzipien, sondern als Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi und die dann erfolgende Auferstehung der Toten. Christliches Leben dient der Errettung vor dem Verderben am Ende der Tage und der Erlangen des Heils bei Christus.

 

"Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir.“ war in der Antike ein verbreitetes Lebensmotto, das sich bei Dichtern und in (Grab-)Inschriften des Öfteren findet.

 

Weiterführende Literatur: G. Williams 2006, 42-56 deutet den Kampf mit den "wilden Tieren“ wie folgt: Mit den "wilden Tieren“ seien böse Geister gemeint, die in den von Dämonen Besessenen, Zauberern und Götzendienern der Stadt Ephesus gewirkt hätten. Dabei führt er insbesondere folgende beiden Begründungen für diese Deutung an: Erstens sei "thêrion“ in jüdisch-apokalyptischen Kreisen als Begriff für böse Geister und übernatürliche Ungeheuer benutzt worden. Damit in Zusammenhang stehe die magische Tendenz, die "daimones“ als "wilde Tiere“ anzusehen, mit der Paulus wohl in Ephesus konfrontiert worden sei. Zweitens werde in der Apostelgeschichte der Aufenthalt des Apostels Paulus in Ephesus als eine Zeit der Exorzismen, magischen Rivalitäten und Auseinandersetzungen mit dem Götzenkult charakterisiert. Der Bericht der Apostelgeschichte stimme mit anderen historischen Informationen überein.

 

C. Janssen 2005 fragt danach, welche Bedeutung der Glaube an die leibliche Auferstehung für das konkrete Leben der Menschen hat, an die sich Paulus richtet. In welche Lebensrealität spricht er? Welche (körperlichen) Erfahrungen verarbeitet er, welche Praxis will er stärken? Der Fokus richtet sich dabei insbesondere auf die Verbindung eschatologischer Aussagen mit den Lebensbedingungen der Menschen und fragt danach, welche Perspektiven Paulus mit der Rede von der Auferstehung der Toten verbindet − für die Gegenwart und die Zukunft. Zu V. 20-38 siehe S. 83-146.

 

Bei der Diskussion der verschiedenen Thesen, gegen welche Einstellung sich Paulus wende, geht A. J. M. Wedderburn 1981, 229-241 in erster Linie auf die Frage ein, ob Paulus die Auferstehungsgegner missversteht oder ihre Einstellung falsch wiedergibt. Ergebnis: Beides sei vermutlich der Fall. Aufgrund seines pharisäischen Hintergrundes mache sich Paulus zwar für die christliche Vorstellung der Auferstehung der Toten stark, doch könne er sich nicht vorstellen, wie es zur Rettung kommen könne, wenn nur ein "Teil“ des Menschen, nämlich der körperlose, auferstehe. In V. 32-34 gebrauche Paulus vermutlich gängige Argumente gegen die Epikureer, die er sich jedoch hier in allgemeinerer und unangemessenerer Weise zu eigen mache.

 

Auf das Zitat von Jes 22,13 (wörtlich nach der Septuaginta) in 1 Kor 15,32 geht knapp A. Lindemann 1996, 221-222 ein. Das nicht gekennzeichnete Zitat biete nur ein Zusatzargument, es beweise nichts.

 

Einen Neuansatz der Deutung von 1 Kor 15 legt S. Schneider 2005 vor: Nach einem kritischen Forschungsüberblick geht er von der Arbeitshypothese aus, dass den Christen in Korinth nicht die zukünftige Auferstehung am Jüngsten Tag zweifelhaft gewesen sei. Zweifel hätten sie vielmehr daran gehabt, dass dieses Auferstehungsleben bereits jetzt wirksam ist. Die Absicht des Paulus in 1 Kor 15 wäre dementsprechend, ihnen die gegenwärtige Auferstehung nahe zu bringen. Grundlage der Ausführungen in 1 Kor 15 sei ein gegenwärtig-entwicklungshaftes Auferstehungsverständnis. V. 58 sei eine auf ganz 1 Kor 15 bezogene Zusammenfassung.

 

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V. 33

 

Beobachtungen: Die Korinther sollen sich bezüglich der Auferweckung der Toten nicht irren bzw. irreführen lassen. Da die Täuschung nicht eine reine Selbsttäuschung ist, sondern - wie das Sprichwort zeigt - die Täuschung von außen an die Korinther herangetragen wird, ist die Übersetzung "Lasst euch nicht irreführen!“ wohl sachgemäßer als "Irrt euch nicht!“

 

Den Spruch "Schlechter Umgang verdirbt die Sitten.“ hat Paulus entweder von dem antiken Komiker Menander (Thais, Fr. 218) oder vom Dichter Euripides (Fr. 1024). Vielleicht ist es aber zu Paulus’ Lebzeiten schon ein weit verbreitetes geflügeltes Sprichwort.

Mit dem Sprichwort möchte Paulus deutlich machen, dass Umgang mit Auferstehungsleugnern (eine Mehrzahl, wörtlich wäre also "schlechte Umgänge“ zu übersetzen) zum Abfall vom rechten Auferstehungsglauben verführt. Wer verführt nun die Korinther? Als Verführer sind wohl nicht diejenigen Korinther im Blick, die sich schon dem Auferstehungsglauben abgewandt haben. Diese gehören nämlich zu der Gruppe der Adressaten und werden in 1 Kor 15,12 als "einige von euch“ bezeichnet. Nicht von den innergemeindlichen Auferstehungsleugnern sollen sich die Korinther fernhalten, sondern von den außergemeindlichen, mit denen die Korinther in ihrer multikulturellen und multireligiösen Handelsstadt sicherlich Kontakt haben. Ob und - wenn ja - inwieweit die innergemeindlichen Auferstehungsleugner gemieden werden sollen, bleibt offen.

 

Weiterführende Literatur: S. Frutiger 1986, 199-229 befasst sich mit der Geschichte der Gesprächspartner und mit den paulinischen Ausführungen 1 Kor 15. Die V. 30-34 liest sie auf S. 206-208 unter dem Gesichtspunkt der Konfrontation.

 

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V. 34

 

Beobachtungen: V. 34 gibt einen guten Einblick in Paulus’ Einschätzung der korinthischen Gemeinde. Dabei geht es Paulus nicht um eine soziologische Studie, die ein möglichst differenziertes Bild der verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Gemeinde gibt. Paulus ist sich der Uneinheitlichkeit sicherlich (zumindest ansatzweise) bewusst, doch gibt er wegen seiner konkreten Aussageabsicht den dominierenden Wesenszug wieder. Demnach sind die Korinther nicht "nüchtern“, sehen also ihr eigenes religiöses Dasein und das der Gemeinde wie im Rausch, d. h. verklärt. Sie beanspruchen die Erkenntnis für sich (vgl. 8,1) und halten sich für "geisterfüllt“ (vgl. 2,6-16). Dabei sehen die Missstände nicht mehr; zumindest gehen sie gegen diese nicht im notwendigen Maße vor. Somit ist es notwendig, dass sie "nüchtern“ werden, wobei dies "dikaiôs“ erfolgen soll, also "recht/richtig“, "rechtschaffen“ oder in "rechter Weise“. Das Ziel ist, dass die Korinther rechtschaffen werden und nicht mehr sündigen. Dieses Ziel betrifft alle Gemeindeglieder, weshalb Paulus nicht zu differenzieren braucht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Gemeinde einheitlich wäre. Das macht schon die Aussage "einige von euch haben keine Gotteserkenntnis“ deutlich. Es gibt also Gemeindeglieder mit und Gemeindeglieder ohne Gotteserkenntnis. Zu letzteren gehören vermutlich auch die Auferstehungsleugner, um die es ja im Zusammenhang des Verses geht. Wie sich die sicherlich große Gruppe derjenigen aufteilt, die sich selbst im Besitz der Erkenntnis wähnt, bleibt offen. Auch ist nicht gesagt, dass die spirituellen Enthusiasten mehr - oder auch weniger - sündigen als die anderen Gemeindeglieder. Paulus geht es nicht um eine Zuordnung der verschiedenen Gemeindeglieder, sondern es geht ihm darum, dass die gesamte Gemeinde rechtschaffen lebt und nicht sündigt. Dazu ist notwendig, dass Verfehlungen und irregeleiteter Glaube erkannt und nach Möglichkeit eingedämmt bzw. korrigiert werden. Spiritueller Enthusiasmus steht diesem Ziel im Wege, weil er die nüchterne Einschätzung der Gemeinde verhindert.

 

Die Uneinheitlichkeit der Gemeinde, die Verschiedenheit der Aspekte, die er bezüglich des Gemeindelebens anspricht, und rhetorische Gründe lassen nachvollziehbar erscheinen, dass Paulus mal lobt und mal tadelt. Der Tadel in V. 34 betrifft das Verhalten mancher Gemeindeglieder, das die Gemeinde in ein schlechtes Licht stellt. Er betrifft aber auch die Wahrnehmung zahlreicher Gemeindeglieder. Sie selbst haben noch nicht gemerkt, dass in der Gemeinde einige keine Gotteserkenntnis haben und dem Irrglauben verfallen und/oder sündigen. Daher muss Paulus sie beschämen und es ihnen selbst sagen.

 

Weiterführende Literatur: S. Lewis 1999, 195-210 untersucht 15,12-34 im Lichte des apokalyptischen Paradigmas, wobei er insbesondere darauf eingeht, wie der "kosmische Christus“ die menschlichen und göttlichen Sphären miteinander versöhnt, und was daraus für die menschlichen ethischen Belange folgt. Er stellt heraus, dass die apokalyptische Theologie verlange, dass der Mensch mit Glaube und Tat antwortet. Alles Weltliche müsse nach den Maßstäben des Jüngsten Gerichtes und des kommenden Reiches Gottes beurteilt werden. Außerdem habe die apokalyptische Christologie, die Christus als Mittler für die Menschheit und den gesamten Kosmos sieht, eine besondere Relevanz für das Verhältnis der christlichen Theologie zu anderen Kulturen und Religionen.

 

 

Literaturübersicht

 

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