Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 7,2-4

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 7,2-4

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 7,2-4:2 Gebt uns [in euren Herzen] Raum! Wir haben niemandem Unrecht getan, niemanden zugrunde gerichtet, niemanden übervorteilt. 3 Ich sage [das] nicht zur Verurteilung, denn ich habe schon zuvor gesagt, dass ihr in unseren Herzen seid, um mitzusterben und mitzuleben. 4 Große Zuversicht habe ich euch gegenüber, groß ist mein Rühmen wegen euch; ich bin erfüllt mit Trost, ich fließe über vor Freude in aller unserer Bedrängnis.

 

 

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V. 2

 

Beobachtungen: V. 2 schließt an 6,11-13 an; bei der Ermahnung 6,14-7,1 handelt es sich um einen Einschub, bei dem unklar ist, ob er tatsächlich von Paulus stammt oder nicht.

 

Paulus fordert die Adressaten wie schon in 6,11-13 auf, ihm in ihren Herzen Raum zu geben. Zumindest ein Teil der Adressaten scheint ihm gegenüber also noch Misstrauen zu hegen. Dass dazu kein Anlass besteht, macht er deutlich, indem er seine Tadellosigkeit betont.

Die Betonung der Tadellosigkeit erzeugt eine gewisse Spannung zu 7,1 wo Paulus sich in die Ermahnung einschließt, sich von jeglicher Befleckung des Leibes und des Geistes fernzuhalten und die Heiligung zu vollenden. Aus V. 2 könnte man schließen, dass Paulus schon recht vollkommen geheiligt ist und sich nicht weiter heiligen braucht. Die Spannung lässt sich allerdings mindern, wenn man annimmt, dass Paulus grundsätzlich jeden Christen aufgefordert sieht, die Reinigung und damit verbunden die Heiligung zu vollenden. Die Taufe wäre der erste Schritt der Reinigung (= Zuspruch) und der Grund für die Aufforderung zu weiterer Reinigung (= Ermahnung) zugleich.

 

Paulus nennt drei wesentliche Aspekte, die seine Tadellosigkeit ausmachen: Er hat niemandem Unrecht getan, er hat niemanden zugrunde gerichtet, also jemanden seiner Existenz oder seines Lebens beraubt, und er hat niemanden übervorteilt, also aus niemandem einen unrechten (finanziellen) Nutzen gezogen. Übervorteilung könnte man ihm hinsichtlich seines Unterhalts und hinsichtlich der Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem vorwerfen. Aber Paulus hat sich nichts vorzuwerfen: Er hat lässt sich bei seinen Missionsreisen nicht von anderen unterhalten, sondern er verdient seinen Lebensunterhalt mittels seiner eigenen Hände Arbeit (vgl. 1 Thess 2,9; 1 Kor 4,12; 9,15). Und auch aus der Kollekte zieht er nicht seinen eigenen Nutzen, sondern sie erfolgt aus lauteren Motiven (vgl. 2 Kor 8-9). Alle drei von Paulus genannte Aspekte betreffen den rechten Umgang mit dem Mitmenschen.

 

Weiterführende Literatur: Die Stellung und die Rolle von 6,11-7,4 im Rahmen von 2,14-7,4 hat D. Patte 1987, 221-264 zum Thema, wobei sich seine Vorgehensweise an Prinzipien der Semiotik orientiert.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Paulus sagt dies nicht, um die Adressaten zu verurteilen, sondern aus reiner Liebe. Die Liebe drückt er mit der Formulierung "dass ihr in unseren Herzen seid, um mitzusterben und mitzuleben“ aus.

Handelt es sich bei dieser Liebe um eine Sympathie, um ein "Mitleiden“ mit den Adressaten hinsichtlich Leben und Tod? Zunächst fällt auf, dass nicht klar ist, ob Paulus mit den Adressaten mitstirbt und mitlebt, oder die Adressaten mit Paulus. Sollte also tatsächlich Sympathie gemeint sein, so ist unklar, wer wem gegenüber Sympathie empfindet. Die Aussagen des Zweiten Korintherbriefes zeigen, dass Paulus den Adressaten gegenüber durchaus Zuneigung zeigt, was umgekehrt nur eingeschränkt gilt. Von beidseitiger Sympathie im Sinne von Mitleiden - oder genauer: Miterleben - kann man folglich nur dann sprechen, wenn sie als existenzielle Verbundenheit gedeutet wird. Dass eine solche existenzielle Verbundenheit besteht, geht aus 2 Kor 1,7 hervor, wonach die Adressaten am Leiden und am Trost teilhaben. Es handelt sich jedoch nicht um eine rein profane schicksalhafte Verbundenheit, sondern um eine, die mit dem Heilsgeschehen um Jesus Christus verbunden ist. So fällt auf, dass Paulus zuerst das Verb "mitsterben“ und erst danach das Verb "mitleben“ benutzt. Es klingen also das Sterben und die Auferstehung Jesu Christi an. Daran haben sowohl die Adressaten als auch der Apostel Anteil. Der Grund für die Anteilhabe ist in der Bekehrung zu sehen, die in die Taufe mündete. Die Taufe kann man als ein Sterben verstehen (vgl. Röm 6,4-5). Dieses Sterben ist in der Vergangenheit erfolgt, was erklären würde, warum Paulus hinsichtlich des Verbs "mitsterben“ einen Infinitiv in der Zeitform Aorist (= Zeitstufe der Vergangenheit) benutzt. Die Getauften sind der alten, sündigen Welt abgestorben und leben nun ein neues, geheiligtes Leben. Leid und Sterben haben aber auch etwas mit dem christlichen Dasein in der feindlich gesinnten heidnischen Umwelt zutun, das von Verfolgung geprägt ist (vgl. 2 Kor 1,5-7). Diese Verfolgung, der insbesondere der Apostel und seine Mitstreiter ausgesetzt sind, ist jedoch nur von vorübergehendem Charakter und hat mit dem leiblichen Tod und spätestens mit der Wiederkunft Christi ihr Ende. Auch dieser kurzzeitige Charakter der Verfolgungen mag ein Grund für den Gebrauch des Infinitivs in der Zeitform Aorist sein. Schließlich ist der leibliche Tod das Schicksal eines jeden Christen - es sei denn, die Wiederkunft Christi kommt ihm zuvor. Sterben und Tod haben in der christlichen Existenz jedoch nicht das letzte Wort; ein Sachverhalt, der sich möglicherweise in dem Gebrauch des Infinitivs in der Zeitform Präsens hinsichtlich des Mitlebens widerspiegelt. Jesus Christus hat nicht nur gelitten und ist gestorben, sondern er ist aufgeweckt worden und gen Himmel gefahren, wo er nun lebt. An dieser Auferstehung und an diesem ewigen Leben bekommen die Menschen durch die Taufe und das folgende geheiligte Leben Anteil, indem sie selbst von den Toten auferstehen und ewig leben werden.

 

Weiterführende Literatur: M. Crüsemann 2004, 351-375 geht zunächst auf die Bedeutung des Herzens in der hebräischen Anthropologie ein, wonach es neben seiner zentralen Rolle im menschlichen Organismus auch das metaphorische Zentrum einer Person sei: Ort des Willens und aller Wünsche und aller Entschlüsse, die aus Verstand, Gefühl und Antrieb in ihm entstehen und von dort aus als Summe alles Bewussten und auch des im heutigen Sinne Unbewussten in Worte und Taten münden, die das eigene Leben und das der Mitmenschen bestimmen. M. Crüsemann meint, dass Paulus in dieser Tradition lebe. Sie zählt zunächst auf, an welchen Stellen Paulus im Zweiten Korintherbrief vom "Herz“ ("kardia“) spricht. Allein aus der bloßen Aufzählung werde schon ersichtlich, wie sehr dieser Begriff mit der Beschreibung von interpersonellen Verhältnissen verknüpft ist, und insbesondere denen zwischen Apostel und Gemeinde, einer Thematik, die praktisch den ganzen Zweiten Korintherbrief beherrsche. Dem geht sie in ihrer Untersuchung nach, um so einen Versuch der Verortung des "Paulus in Beziehung“ mit dieser Gemeinde zu leisten und damit die Struktur einer Beziehungstheologie aus der Sicht des Paulus und derer, die sich mit ihm gemeinsam schriftlich äußern, zu gewinnen.

 

J. Lambrecht 1994, 571-587 gibt einen Überblick über die Auslegungsschwierigkeiten bezüglich der Formulierung "um mitzusterben und mitzuleben“. Danach setzt er sich mit den beiden Infinitiven auseinander: Was ist ihr grammatikalisches Subjekt und was ist ihre genaue Bedeutung?

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Diese christologische Interpretation der Formulierung "dass ihr in unseren Herzen seid, um mitzusterben und mitzuleben“ erklärt auch V. 4, dessen Formulierungen nicht von der Tatsache geprägt sind, dass es unter den Adressaten des Briefes noch Misstrauen gegenüber Paulus gibt, sondern von der Tatsache, dass Paulus und die Gemeindeglieder in Korinth existenziell miteinander verbunden sind.

Die Verbundenheit zeigt sich zunächst in der "parrêsia“. Der Begriff enthält sowohl den Aspekt des Freimuts, als auch denjenigen der Zuversicht. Die Zuversicht kann zum einen die Hoffnung betreffen, dass die Adressaten vom letzten Zweifel an der Aufrichtigkeit des Apostels loslassen, dann aber auch die Hoffnung, dass die Adressaten in vollem Maße an Auferstehung und ewigem Leben teilhaben.

Mit dem Freimut und der Zuversicht verbindet Paulus den Ruhm. Eine solche Verbindung findet sich auch in 2 Kor 1,12-14. Aus diesen Versen geht auch hervor, dass sich Paulus der Adressaten rühmt, weil er deren Gemeinde gegründet hat. Die existenzielle Verbindung zwischen den Adressaten und ihm selbst geht auf sein Wirken zurück. Gleichfalls können sich aber auch die Adressaten ihres Gemeindegründers rühmen (vgl. auch 5,12), was in 7,4 nicht ausdrücklich gesagt wird.

 

Paulus und die von ihm gegründete korinthische Gemeinde haben Anteil an Jesu Christi Sterben und Auferstehen. Da trotz aller Bedrängnis im irdischen Leben nicht Leiden und Tod das letzte Wort haben, sondern Auferstehung und ewiges Leben, ist Paulus mit Trost erfüllt. Er fließt über vor Freude, trotz aller irdischen Bedrängnis.

 

Die Worte des Apostels lassen durchschimmern, dass das Verhältnis zu den Adressaten weit gehend bereinigt ist. Doch wie ist es dazu gekommen, nachdem das Verhältnis eine Zeitlang belastet gewesen ist? Den Höhepunkt der Belastung des Verhältnisses und der Betrübnis hatte eine nicht weiter konkretisierte Verfehlung eines Gemeindegliedes vermutlich dem Apostel gegenüber verursacht. Dieses Gemeindeglied ist zwischenzeitlich angemessen bestraft worden, was darauf hinweist, dass es in der korinthischen Gemeinde auch zahlreiche mehr oder weniger überzeugte Befürworter des Apostels gibt. Woher Paulus von den Ereignissen und von der positiven Entwicklung in Korinth Kunde hat, darüber informiert der folgende Abschnitt 7,5-16.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Crüsemann, Marlene; Das weite Herz und die Gemeinschaft der Heiligen. 2 Kor 6,11-7,4 im sozialgeschichtlichen Kontext, in: F. Crüsemann u.a. [Hrsg.], Dem Tod nicht glauben: Sozialgeschichte der Bibel, FS L. Schottroff, Gütersloh 2004, 351-375

Lambrecht, Jan; To Die Together and to Live Together. A Study of 2 Corinthians 7,3, in: R. Bieringer et al. [eds.], Studies on 2 Corinthians (BETL 112), Leuven 1994, 571-587

Patte, Daniel; Place et Rôle de 6:11-7:4 dans 2 Cor. 2:14-7:4, in: Dautzenberg, Gerhard; "Glaube“ oder "Hoffnung“ in 2 Kor 4,13-5,10, in: L. de Lorenzi [ed.], The Diakonia of the Spirit (2 Co 4:7-7:4) (Ben. 10), Roma 1987, 221-264 (Diskussion: 265-290)

 

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