Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 7,5-16

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 7,5-16

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 7,5-16:5 Doch auch als wir nach Makedonien gekommen waren, fand unser Fleisch keine Ruhe, sondern wir waren in jeder Hinsicht bedrängt: von außen [bedrängten uns] Kämpfe, von innen Ängste. 6 Doch der, der die Niedrigen tröstet, hat uns getröstet, (der) Gott, durch die Ankunft des Titus; 7 nicht nur durch seine Ankunft, sondern auch durch den Trost, mit dem er bei euch getröstet worden war; denn er erzählte uns von eurer Sehnsucht, eurem Wehklagen, eurem eifrigen Eintreten für mich, sodass ich mich noch mehr freute. 8 Denn wenn ich euch auch durch den Brief betrübt habe, so bereue ich das nicht. Wenn es mir auch Leid tat - ich sehe ja, dass jener Brief euch, wenn auch nur eine Weile, betrübt hat -, 9 so freue ich mich nun - nicht weil ihr betrübt worden seid, sondern weil ihr zur Umkehr betrübt worden seid; denn ihr seid nach Gottes [Willen] betrübt worden, sodass ihr in keiner Weise von uns geschädigt worden seid. 10 Denn die gottgewollte Betrübnis bewirkt eine nicht zu bereuende Umkehr zur Rettung; die Betrübnis der Welt aber bewirkt Tod. 11 Denn siehe, eben dieses gottgewollte Betrübtwerden - welch großes Bemühen hat es bei euch bewirkt, ja Inschutznahme, ja Entrüstung, ja Furcht, ja Sehnsucht, ja Eifer, ja Bestrafung! In jeder Beziehung habt ihr euch als lauter erwiesen hinsichtlich des Vorfalls. 12 Darum, wenn ich euch auch geschrieben habe, so doch nicht um dessentwillen, der Unrecht tat, und auch nicht um dessentwillen, der Unrecht erlitten hat, sondern damit euer Eifer für uns offenbar werde bei euch vor Gott. 13 Deswegen sind wir getröstet. Außer diesem unserem Trost haben wir uns aber noch viel mehr gefreut über die Freude des Titus, weil sein Geist durch euch erquickt worden ist. 14 Denn wenn ich etwas [vor] ihm zu eurem Gunsten gerühmt habe, bin ich nicht beschämt worden, sondern wie wir euch alles in Wahrheit gesagt haben, so hat sich auch unser Rühmen vor Titus als wahr erwiesen. 15 Und sein Herz ist euch umso mehr zugetan, als er sich an euer aller Gehorsam erinnert, wie ihr ihn mit Furcht und Zittern aufgenommen habt. 16 Ich freue mich, dass ich mich in jeder Hinsicht auf euch verlassen kann.

 

 

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V. 5

 

Beobachtungen: Zwischen 7,4 und 7,5 scheint auf den ersten Blick ein erheblicher Bruch vorzuliegen. Sachlich passt V. 5 nämlich weniger zu den vorhergehenden Versen als vielmehr zu dem Reisebericht 2,12-13, den er eindeutig fortsetzt. Wirklich glatt ist der Übergang vom Reisebericht zu 7,5-16 jedoch nicht. Zunächst einmal wechselt Paulus vom "ich“ zum "wir“, wobei er vermutlich weiterhin allein sich selbst meint. Da ein solcher Wechsel aber in den paulinischen Briefen nicht ungewöhnlich ist, dürfte er nicht als literarischer Bruch zu betrachten sein. Schwer wiegender ist die Tatsache, dass in 2,13 davon die Rede ist, dass Paulus’ Geist keine Ruhe fand, in 7,5 dagegen, dass sein Fleisch keine Ruhe fand. Eigentlich wäre als Fortsetzung die Aussage zu erwarten gewesen, dass auch in Makedonien sein Geist keine Ruhe fand. Diese Ungereimtheit lässt sich allerdings damit erklären, dass sich in Makedonien im Vergleich zu Troas das Umfeld stark verändert hat: In Troas hatte sich dem Apostel eine gute Predigtgelegenheit ergeben und das Umfeld scheint ihm nicht so feindlich gewesen zu sein, dass er körperliche Drangsal zu befürchten hatte. In Makedonien scheint Paulus dagegen körperlich bedroht worden zu sein, was in ihm Angstzustände hervorgerufen hat - zusätzlich zur Sorge um den Zustand in der korinthischen Gemeinde und um das Wohlergehen des Titus auf seiner Reise. Diese inhaltliche Auflösung der (scheinbaren) Ungereimtheit im Erzählverlauf beseitigt aber nicht zugleich das grammatische Problem, das das Wörtchen "gar“ ("denn“) mit sich bringt. Eigentlich ist es nämlich mit "denn“ zu übersetzen, doch gibt es in 2,12-13 nichts zu begründen. Begründet wird vielmehr, warum Paulus in 7,4 plötzlich solche Zuversicht und Freude äußert.

Schaut man sich jedoch 7,5 genau an, so fällt auf, dass der Vers nicht wirklich als Begründung für die frohe Stimmung des vorhergehenden Verses taugt. Ausgesagt ist nämlich nur, dass Paulus in Makedonien körperlich bedrängt worden ist. Es hat Kämpfe gegeben, wobei unklar ist, wie diese ausgesehen haben und wer in sie verwickelt war. Die körperliche Bedrängnis hat zu Ängsten geführt - eigentlich kein Grund zu froher Stimmung. Der wahre Grund, nämlich die Ankunft des Mitarbeiters Titus, der frohe Kunde aus Korinth brachte, wird erst ab V. 6 genannt - zu spät, denn der mit "gar“ ("denn“) eingeleitete Satz, und damit die eigentliche Begründung ist da schon abgeschlossen. Diese Ungereimtheit lässt sich am ehesten damit erklären, dass 7,5-16 erst nachträglich seitens eines Redaktors zu einer Begründung für V. 4 gemacht wurde, indem dieser das Wörtchen "gar“ ("denn“) eingefügt hat.

Diese Vermutung und die Tatsache, dass unwahrscheinlich ist, dass Paulus nach einem dermaßen großen Einschub wieder den Erzählstrang 2,12-13 aufgegriffen hat, legt die These nahe, dass ursprünglich 7,5-16 unmittelbar auf 2,12-13 folgte. Diese beiden Texte wurden jedoch später auseinander gerissen und es wurde aus verschiedenen Abschnitten möglicherweise unterschiedlicher Briefe der sogenannte Zweite Korintherbrief zusammengesetzt. Der Redaktor (oder die Redaktoren) hatte im Hinblick auf die Verse 7,4-5 keine Schwierigkeiten, einen halbwegs glatten Übergang zu schaffen, weil 7,5-16 wie eine direkte Begründung für die in 7,14 geäußerte Zuversicht und Freude wirkt, ohne es ursprünglich gewesen zu sein. Bei der Schaffung des halbwegs glatten Übergangs wurde in Kauf genommen, dass der früher deutlich erkennbare Erzählzusammenhang des Reiseberichts ge- und auch zerstört wurde, ohne ganz zu verschwinden. Diese Redaktionshypothese ist plausibel, allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben, denn zu V. 5 gibt es keine erwähnenswerten Textvarianten, anhand derer man den ursprünglichen Wortlaut und eine redaktionelle Bearbeitung erschließen könnte.

 

Weiterführende Literatur: Einen Überblick über die Debatte über die Frage, ob der Zweite Korintherbrief literarisch einheitlich ist, bietet R. Bieringer 1994, 67-105.107-130.131-179.

 

Die Abschnitte 2 Kor 1,1-2,13 und 7,5-16 werden oft als literarische Einheit betrachtet, die sekundär unterbrochen worden sei. L. L. Welborn 1996, 559-583 geht der Frage nach, ob sich im Hinblick auf diese Textpassagen gegenwärtige Vorstellungen (insbesondere von J. Weiss) von literarischer Einheitlichkeit mit denjenigen antiker griechischer und römischer Literaturtheoretiker decken. Er zieht insbesondere die antiken Kriterien der Fortdauer, der Vollständigkeit und des Zusammenhangs für seine Beurteilung heran und kommt zu dem Ergebnis, dass auch aus Sicht der antiken Literaturtheoretiker literarische Einheit der Abschnitte 2 Kor 1,1-2,13 und 7,5-16 vorliege.

 

L. L. Welborn 2001, 31-60 untersucht unter Berücksichtigung antiker Theorien, wie Paulus in 2 Kor 1,1-2,13; 7,5-16 die Emotionen der Adressaten anspricht.

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Mit V. 6 beginnt die eigentliche Begründung für die in V. 4 geäußerte Zuversicht und Freude: Paulus’ Mitarbeiter Titus, der in Korinth war und dessen Rückkehr Paulus eigentlich schon in Troas erwartet hatte (vgl. 2,13), ist in Makedonien angekommen und hat frohe Kunde vom Zustand der korinthischen Gemeinde überbracht.

 

Paulus bezeichnet Gott als "der, der die Niedrigen tröstet“, womit er Jes 49,13b aufgreift. Da er selbst Trost erfahren hat, scheint sich Paulus als einer der "Niedrigen“ anzusehen. Das Selbstverständnis als "Niedriger“ dürfte mit den Sorgen um die korinthische Gemeinde, den Feindseligkeiten samt körperlichen Bedrohungen, denen er sich bei seiner Mission ausgesetzt sah, und den verschiedensten Ängsten zu begründen sein.

 

Weiterführende Literatur: F. Wilk 1998, 297-299 meint, dass Paulus in V. 6 auf Jes 49,13b anspiele. Der Apostel sehe in Jes 49,13b Gottes eschatologisches Heilshandeln angekündigt, das "die Niedrigen“ − und so auch Paulus als Apostel Jesu Christi sowie Titus als seinen Mitarbeiter − mit "Trost“ erfülle.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Der Trost und die daraus resultierende Freude erfolgte in zwei Schritten, wobei sich Trost und Freude steigerten: Zunächst bewirkte die Ankunft des Titus Trost und Freude, dann erfuhr er weiteren Trost durch den Trost des Titus. Es fällt auf, dass sich die Gemütslage des Paulus an derjenigen des Mitarbeiters orientiert, als käme es nicht in erster Linie auf das Verhalten der korinthischen Gemeindeglieder an sich an, sondern auf die Wirkung, die es im Hinblick auf den Gemütszustand des Mitarbeiters hat.

 

Paulus präzisiert, warum Titus und er selbst mit Trost erfüllt worden sind: Es hat sich gezeigt, dass Paulus durchaus überzeugte Befürworter hat. Dass alle Gemeindeglieder hinter ihm stehen, ist angesichts des im Zweiten Korintherbrief problematisierten Verhältnisses zu der korinthischen Gemeinde nicht anzunehmen, doch ist die Schar der Unterstützer anscheinend so groß, dass sie es vermag, die gesamte Gemeinde positiv zu beeinflussen. Ansonsten wäre das Gemeindeglied, das Paulus betrübt hat, sicherlich nicht bestraft worden (vgl. 2,5-11). Gemeindeglieder sehnen sich nach Paulus und wehklagen, wobei die Wehklage einerseits Trauer über die Abwesenheit des Apostels, andererseits aber auch Reue im Hinblick auf das eigene Fehlverhalten sein dürfte. Sie treten für den Apostel ein - eine Tatsache, die darauf hinweist, dass weiterhin auch genügend Gegner des Paulus innerhalb der Gemeinde gibt, gegen die sie sich ereifern können. Bei allem Trost und aller Freude des Paulus ist offensichtlich, dass im Hinblick auf die Bewertung der Tätigkeit des Paulus in der korinthischen Gemeinde erhebliche Meinungsunterschiede herrschen, wobei die Befürworter die Oberhand gewonnen zu haben scheinen. Dass die Gemeinde ein einheitlicher Block ist, der als ganzer falschen Aposteln verfällt und sich dann wieder zu Paulus hinwendet und ausschließlich gegen außergemeindliche Widersacher streitet, ist nicht anzunehmen. Er wird nur dadurch vorgetäuscht, dass Paulus an die ganze Gemeinde schreibt und kaum zwischen einzelnen Gemeindegliedern differenziert.

 

Weiterführende Literatur: M. M. Mitchell 1992, 641-662 setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass Paulus drei Möglichkeiten gekannt habe, die Gemeinden seine "Parusie“ spüren zu lassen, wobei die Reihenfolge der Wertschätzung entspreche: Erstens die persönliche Anwesenheit, zweitens die Entsendung eines Boten in seinem Namen, drittens den Brief. M. M. Mitchell vertritt die Ansicht, dass Paulus durchaus die Aufrechterhaltung des Kontaktes mittels Boten nicht minder als die eigene Anwesenheit wertschätzte, sofern der Bote wie Timotheus Paulus repräsentierte. Die Boten des Apostels hätten − wie es auch hinsichtlich griechisch-römischer diplomatischer und persönlicher Korrespondenz bezeugt sei − eine zweifache Funktion innegehabt: Einerseits hätten sie den abwesenden Personen Botschaften übermittelt, andererseits aber auch von diesen Botschaften mitgebracht und von den persönlichen Eindrücken berichtet. Die Formulierungen in 2 Kor 7,7.13-15 ähnelten denjenigen der griechisch-römischen diplomatischen Korrespondenz.

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Die V. 8-13 nennen den Grund, warum Titus aus Korinth frohe Kunde übermitteln konnte und warum Paulus allen Grund zur Freude hat: Die korinthischen Gemeindeglieder haben Buße getan. Wie viele Gemeindeglieder sich nun wieder für Paulus einsetzen, bleibt offen, doch ist sicher, dass zumindest ein Teil wieder zu ihm steht. Es zeigt sich, dass nicht nur im Hinblick auf das Verhältnis zu Paulus zwischen den Gemeindegliedern Unterschiede bestehen, sondern auch die Einstellung jedes einzelnen Gemeindegliedes wandelbar ist. Die Wandlung ist nun zum Gunsten des Apostels ausgefallen, sodass er sie positiv als eine "Umkehr“ bezeichnet. Hier bezieht sich der Begriff also nicht auf die Taufe, sondern auf eine Reue innerhalb des christlichen Lebens. Umkehren konnten nur diejenigen Gemeindeglieder, die Paulus gegenüber bisher kritisch eingestellt waren. Es ist nicht anzunehmen, dass sich alle Kritiker von Anfang an gegen Paulus gewandt haben. Wahrscheinlicher ist, dass eine negative Beeinflussung seitens der inner- oder außergemeindlichen Gegner des Apostels stattgefunden hat.

Verursacht wurde die Umkehr von "jenem Brief“ des Paulus. Damit dürfte der Brief gemeint sein, den der Apostel in 2 Kor 2,3-4 erwähnt und den er nach seiner Aussage unter Tränen verfasst hat (sog. Tränenbrief). Dieser Brief hat Betrübnis verursacht, die wiederum zu einem Sinneswandel zumindest eines großen Teils der Kritiker des Paulus geführt hat.

 

Nachdem Paulus "jenen Brief“ verfasst und abgeschickt hatte, scheinen ihm die Formulierungen doch recht hart - vielleicht sogar zu hart - erschienen zu sein, sodass es ihm angesichts der Betrübnis bei den Adressaten Leid tat.

 

Weiterführende Literatur: Im Rahmen seiner exegetischen Überlegungen zur Frage, wie wir mit Schuld umgehen sollen und leben können, kommt K. Haacker 1988, 230-250 auf S. 237-238 auf 2 Kor 7,8-10 zu sprechen. Hier gehe es um die Trauer, die auch in der sozialpsychologischen Diskussion des Schuldproblems eine Rolle spiele. Der erste Schritt zur Aufarbeitung eigener Schuld sei eine Trauerarbeit: Damit die Schuld uns nicht tötet, müssten wir die Tödlichkeit der Schuld psychisch an uns heranlassen. Wir müssten einsehen und dem Gefühl Raum geben, dass wir unser Leben verwirken in dem Maße, wie wir anderes Leben zerstören, dass wir kein Recht auf Glück haben, wenn wir anderen Unglück gebracht haben. Bei der trauernden Verarbeitung der Schuld sei in erster Linie an die Möglichkeiten der Sprache (z. B. Klage, Bekenntnis) zu denken.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Nun hat der Brief jedoch nicht nur zu einer Betrübnis geführt, sondern auch zu einer Umkehr. Diese durch die Betrübnis bewirkte Umkehr freut Paulus, nicht die Betrübnis an sich. Die Betrübnis scheint auch abgeklungen zu sein, denn sonst würde Paulus nicht schreiben, dass "jener Brief“ die Adressaten nur eine Weile betrübt hat.

Es ging Paulus nicht darum, die Adressaten zu betrüben und zu verletzen und sie so zu schädigen, sondern es ging ihm darum, die Adressaten wieder auf den seiner Meinung nach richtigen Weg zu bringen. Das war nicht allein sein eigener Wille, sondern der Wille Gottes.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Die gottgewollte Betrübnis hatte also Relevanz für das Heil der Adressaten, denn sie führt zu deren Rettung, wobei mit der Rettung diejenige am Ende der Tage gemeint ist, wenn sich die Menschen vor dem Richter Jesus Christus verantworten müssen. Mag Paulus auch kurzzeitig die harten Worte in "jenem Brief“ bereut haben, so sieht er doch die Rettung am Ende der Tage als nichts zu Bereuendes an. Diese Rettung ist aus Paulus’ Sicht das Entscheidende.

Betrübnis und Zwietracht ohne jegliche Heilsrelevanz kann er dagegen nichts Gutes abgewinnen. Er bezeichnet sie als "Betrübnis der Welt“. Diese ist sicherlich nicht gottgewollt, sondern Sache der Welt, der Menschen. Sie führt nicht zur Rettung, sondern zum Tod, wobei wohl nicht nur der leibliche, sondern der Tod der gesamten Existenz gemeint ist.

Dass die "Betrübnis der Welt“ den Tod und nicht die Rettung bewirkt, mag damit zusammenhängen, dass die christliche Existenz im Lichte der bevorstehenden Rettung von Freude, Friede, Eintracht und von gegenseitigem Mitempfinden gekennzeichnet ist (vgl. v. a. 1 Kor 1,10-11; 12,12-26). Betrübnis ohne jegliche Heilsrelevanz und der Unfriede und die Zwietracht, die damit einhergehen, stehen dagegen zur christlichen Existenz im Widerspruch. Hätte Paulus mit "jenem Brief“ nur solche "Betrübnis der Welt“ anrichten wollen, dann hätte er die Adressaten nicht nur betrübt und verletzt, sondern - hätte er mit seinem verderblichen Tun Erfolg gehabt - auch ihre Rettung am Ende der Tage gefährdet.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 11

 

Beobachtungen: Die Formulierung "Denn siehe ...“ bekräftigt V. 20: Das gottgewollte Betrübtwerden hat bei den Adressaten tatsächlich eine Umkehr bewirkt, wie man aus deren Verhalten ersehen kann. Das Verhalten war durch Bemühen geprägt, vermutlich das Bemühen, wieder auf den rechten Weg zurückzukehren. Paulus konkretisiert dieses Bemühen mittels der Verwendung von sechs folgenden Substantiven, wobei jedes eine Steigerung des vorangehenden darstellt.

 

Bei der "apologia“ handelt es sich um eine Verteidigung, eine Rechtfertigung. Doch wer wurde verteidigt? Haben die korinthischen Gemeindeglieder ihr eigenes Verhalten verteidigt, oder gar das des Übeltäters, der Paulus betrübt hat (vgl. 2 Kor 2,5)? Das ist nicht anzunehmen, denn eine solche Selbstrechtfertigung oder gar Rechtfertigung des Übeltäters würde einer Umkehr entgegen stehen. Somit ist an eine Verteidigung des Apostels zu denken - an eine Verteidigung des Apostels, der zuvor kritisiert oder sogar angegriffen worden ist.

 

Paulus wurde nicht nur in Schutz genommen, sondern seitens der Gemeindeglieder wurde auch aufrichtige Entrüstung gezeigt, und zwar sicherlich nicht Entrüstung über die von Paulus ihnen selbst gegenüber geäußerte Kritik, sondern Entrüstung über die Kritik, die sich gegen Paulus richtete. Wahrscheinlich ist insbesondere der Angriff des Übeltäters, der Paulus verbal verletzt hat, im Blick.

 

Die Gemeindeglieder haben Furcht gezeigt, wobei sich die Frage stellt, wovor sie sich gefürchtet haben könnten. Am ehesten ist an zweierlei Furcht zu denken, die jeweils die Zerrüttung eines Verhältnisses betrifft: zum einen die Zerrüttung des Verhältnisses mit Paulus, zum anderen die Zerrüttung des Verhältnisses mit Gott. Im Hinblick auf erstere hat Paulus an anderer Stelle (1 Kor 4,21) deutlich gemacht, dass er statt in Liebe auch mit dem Stock zu den Korinthern kommen kann, also in mahnender und strafender Weise. Und es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass der Apostel die von ihm gegründete Gemeinde ganz aufgibt. Im Hinblick auf die Zerrüttung des Verhältnisses mit Gott haben die korinthischen Gemeindeglieder vielleicht befürchtet, dass dieser sie strafen könnte, weil sie sich gegen den "Gesandten an Christi Statt“ (vgl. 2 Kor 5,20) aufgelehnt haben.

 

Die Sehnsucht bezieht sich wahrscheinlich auf das Verhältnis zu Paulus. So sehnen sich die Gemeindeglieder seit ihrer Umkehr danach, dass der Apostel sie wieder besuchen möge.

 

Mit dem Eifer ist wahrscheinlich der Einsatz für Paulus gemeint - ein Eifer, der sich nicht auf die Verteidigung des Apostels gegen Angriffe beschränkt, sondern aus einem generell aktiven Eintreten für ihn besteht.

 

Im Hinblick auf das letzte Substantiv, die Bestrafung, bleibt offen, wer bestraft worden ist. Am ehesten ist an den Übeltäter zu denken, der Paulus verbal verletzt hat. Dieser Übeltäter ist auf den "Tränenbriefes“ hin, den Paulus nach seiner überstürzten Abreise aus Korinth geschrieben hat, angemessen bestraft worden (vgl. 2 Kor 2,5-11).

 

Auf diesen konkreten Vorfall dürfte sich auch das V. 11 abschließende Lob beziehen, dass sich die Adressaten "in der Sache“ in jeder Beziehung als lauter erwiesen haben. Auf jeden Fall ist ein konkretes Ereignis im Blick, denn dass der Apostel das verbreitete Fehlverhalten vor der Umkehr loben könnte, ist ausgeschlossen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Paulus macht deutlich, dass er "jenen Brief“ nicht wegen einer Privatfehde geschrieben hat: weder der Übeltäter selbst, noch derjenige, der Unrecht erlitten hat, waren der Grund für das Schreiben. Zu beiden Personen sagt Paulus nichts Genaueres, was den Anschein erweckt, dass der Zwischenfall - vermutlich ist der verbale Angriff des Gemeindegliedes, das Paulus betrübt hat, im Blick - absichtlich unklar bleiben und nicht wieder zur Sprache kommen soll. Paulus stellt heraus, dass es ihm auf das Verhalten der ganzen Gemeinde ankam.

Es ging um ein bestimmtes Verhalten ihm selbst gegenüber, und zwar um den Eifer (im Sinne des Bemühens gemäß V. 11) für ihn. Dieser Eifer sollte bei den Adressaten offenbar werden, woraus zu schließen ist, dass er bei den Adressaten schon vorhanden war, ohne deutlich zutage zu treten. Die Formulierungen lassen erkennen, dass Paulus der korinthischen Gemeinde keine Schlechtigkeit unterstellt; vielmehr geht er vom Guten aus, auch wenn das Verhalten der Korinther vor der Umkehr seinen Tadel hervorgerufen hat. Obwohl die Gemeindeglieder zu einem großen Teil auf Abwege geraten waren, konnte Paulus trotzdem darauf hoffen, sie mittels des unter Tränen geschriebenen Briefes wieder für sich zu gewinnen, was ihm auch tatsächlich gelungen zu sein scheint.

 

Weil die Adressaten ihr Verhalten nicht an erster Stelle vor sich selbst, vor Paulus oder anderen Menschen verantworten müssen, sondern vor Gott, spricht Paulus davon, dass ihr Eifer für ihn vor Gott offenbar werden solle.

 

Weiterführende Literatur: C. G. Kruse 1988, 129-139 vertritt die Meinung, dass der in 2 Kor 2,5 und 7,12 erwähnte Übeltäter mit dem Blutschänder in 1 Kor 5,1-13 identisch sei, vorausgesetzt, dass es sich bei dem erwähnten Angriff um einen persönlichen Angriff auf Paulus und seine persönliche Autorität im Rahmen seines Zwischenbesuches in Korinth handelt. Es sei anzunehmen, dass die von Paulus in seinem "Tränenbrief“ veranlasste Disziplinarstrafe zur Buße des Übeltäters geführt hat.

 

Mit dem Übeltäter und seinem Vergehen befasst sich auch M. E. Thrall 1987, 65-78. Zunächst diskutiert sie die traditionelle Ansicht, dass der Übeltäter mit dem in 1 Kor 5,1-5 erwähnten Unzüchtigen identisch sei. Dann stellt sie eine eigene These auf: Ein Gemeindeglied habe aufgrund bevorstehender längerer Abwesenheit Paulus seinen Kollektenbeitrag übergeben, damit dieser die Summe bestätigt und das Geld einem Schatzmeister zur Verwahrung übergibt. Nachdem Paulus das Geld erhalten hat, sei es jedoch gestohlen worden. Schließlich sei Paulus selbst verdächtigt worden und Aussage habe gegen Aussage gestanden. Der Fall sei nicht wirklich untersucht worden. Paulus sei persönlich verletzt gewesen und vorzeitig abgereist. Daheim angekommen habe er den "Tränenbrief“ geschrieben und darin eine eingehendere Untersuchung des Falles gefordert. Schließlich sei der wahre Täter überführt und bestraft worden.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Das offensichtliche Bemühen der Adressaten hat der Betrübnis des Apostels ein Ende bereitet; er ist nun getröstet.

 

Wichtiger als der Trost an sich scheint Paulus aber die Freude zu sein - und wiederum, wie schon in V. 7, orientiert(e) sich sein eigener Gemütszustand an demjenigen seines Mitarbeiters: Wegen der Freude des Titus hat sich auch Paulus gefreut.

Der Grund für die Freude ist, dass Titus’ Geist durch die korinthischen Gemeindeglieder erquickt worden ist. Titus scheint wegen der pauluskritischen Tendenzen innerhalb der korinthischen Gemeinde besorgt gewesen zu sein. Wenn sein Geist durch die Korinther beruhigt wurde, so bedeutet dies wahrscheinlich, dass der Grund für seine Sorge aufgrund ihres Verhaltens ausgeräumt worden ist.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 14

 

Beobachtungen: Dass Paulus der Freude eine solch überragende Bedeutung beimisst, mag darin seinen Grund haben, dass er den besorgten Titus beruhigt und eine bestimmte Sache zugunsten der korinthischen Gemeindeglieder gerühmt hat. Wiederum fällt auf, dass Paulus sehr vage formuliert. Es kann nur vermutet werden, dass der Apostel davon überzeugt war, dass die Reise des Titus aufgrund des Verhaltens der korinthischen Gemeindeglieder gut verlaufen werde. Diese zuversichtliche Einstellung schimmerte auch schon in V. 12 durch.

 

Dass Titus besorgter als Paulus ist, kann verschieden begründet werden: Entweder kennt er die korinthischen Gemeindeglieder nicht oder nicht gut und kennt daher ihr wahres Wesen nicht, oder er hat eine pessimistischere Grundeinstellung als Paulus. Sollte Letzteres zutreffen, so wäre nicht ausgeschlossen, dass Titus die Gemeindeglieder ähnlich gut kennt wie Paulus. Allerdings ist zu bedenken, dass Paulus schon aufgrund seiner langen und intensiven Tätigkeit in Korinth die dortigen Gemeindeglieder wahrscheinlich besser einschätzen kann als sein Mitarbeiter, von dem nicht bekannt ist, dass er schonmal die korinthische Gemeinde besucht hat.

 

Paulus scheint froh zu sein, dass er Recht hatte und somit nicht beschämt wurde. Ihm ist wichtig, dass er - sei es in weltlichen oder geistlichen Dingen - wahrheitsgemäß spricht, also keine Falschaussagen in die Welt setzt.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Titus ist von den korinthischen Gemeindegliedern positiv überrascht worden, sodass sich seine "splanchna“ diesen zugewandt haben. Bei den "splanchna“ handelt es sich um das "Innere“, die "Eingeweide“, den Sitz der Gefühle, die wir heutzutage insbesondere mit dem Herzen in Verbindung bringen. Ausgesagt ist also, dass Titus zu den korinthischen Gemeindegliedern Zuneigung gefasst hat.

 

Der Grund der Zuneigung ist der Gehorsam, den die korinthischen Gemeindeglieder gezeigt haben. Gemeint ist wahrscheinlich der Gehorsam gegenüber dem Apostel Paulus und seinem Mitarbeiter Titus. Worin sich genau der Gehorsam gezeigt hat, bleibt offen. Er kann die Befolgung von Anweisungen beinhaltet haben.

Vermutlich ist der Gehorsam jedoch in einem umfassenden Sinn zu verstehen. So lobt Paulus die Adressaten dafür, dass sie Titus "mit Furcht und Zittern“ aufgenommen haben. Damit ist wahrscheinlich nicht gemeint, dass sie vor diesem Angst hatten, sondern dass sie ihm wohlwollend zugewandt waren. Damit waren sie auch dem Evangelium zugewandt und bereit, sich entsprechend zu verhalten, denn Titus war ja anstelle des Apostels nach Korinth gereist - und dieser wiederum versteht sich als Verkündiger des rechten Evangeliums. Die Verkündigung erfolgt in Verantwortung vor dem "Herrn“, Jesus Christus bzw. Gott (vgl. 1 Kor 2,3; Phil 2,12). Auch die Aufnahme eines Predigers dürfte in Verantwortung vor dem "Herrn“ erfolgen. Wer einen verantwortungsvollen Prediger aufnimmt, dessen Handeln dürfte als verantwortungsvoll gegenüber dem "Herrn“ zu bewerten sein, wie möglicherweise durch die Wendung "mit Furcht und Zittern“ ausgedrückt wird. Angst vor dem "Herrn“ braucht ein solcher Gastgeber nicht zu haben, ganz im Gegensatz zu den Menschen, die verantwortungsvolle Prediger und insbesondere auch die frohe Heilsbotschaft vom Tod und von der Auferstehung Jesu Christi und von der damit verbundenen Vergebung der Sünden ablehnen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 16

 

Beobachtungen: In V. 16 drückt Paulus nochmal seine Freude aus. Es ist die Freude, dass er sich auf die Adressaten verlassen kann. Gemeint ist vermutlich, dass er nicht befürchten muss, dass sich die Gemeinde gegen ihn wendet. Angesichts der Tatsache, dass er in der Gemeinde in der Vergangenheit viele Kritiker bzw. Gegner hatte, dürfte er nicht so naiv sein, von zukünftig uneingeschränkter Zuneigung auszugehen. Ausgesagt ist in V. 16 vielmehr das Vertrauen, dass sich die Mehrheit der Gemeindeglieder nicht von Kritikern bzw. Gegnern des Apostels beeinflussen und vereinnahmen lässt, sondern weiter zu ihm und zur von ihm vertretenen Sache steht.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Bieringer, Reimund; Teilungshypothesen zum 2. Korintherbrief. Ein Forschungsüberblick, in: R. Bieringer et al. [eds.], Studies on 2 Corinthians (BETL 112), Leuven 1994, 67-105

Bieringer, Reimund; Der 2. Korintherbrief als ursprüngliche Einheit. Ein Forschungsüberblick, in: R. Bieringer et al. [eds.], Studies on 2 Corinthians (BETL 112), Leuven 1994, 107-130

Bieringer, Reimund; Plädoyer für die Einheitlichkeit des Zweiten Korintherbriefes. Literarkritische und inhaltliche Argumente, in: R. Bieringer et al. [eds.], Studies on 2 Corinthians (BETL 112), Leuven 1994, 131-179

Haacker, Klaus; Schuld und Schuldverarbeitung in biblischer Sicht und im Kontext deutscher Zeitgeschichte, TBe 19/5 (1988), 230-250

Kruse, Colin G.; The Offender and the Offence in 2 Corinthians 2:5 and 7:12, EvQ 60/2 (1988), 129-139

Mitchell, Margaret M.; New Testament Envoys in the Context of Greco-Roman Diplomatic and Epistolary Conventions, JBL 111 (1992), 641-662

Thrall, Margaret E.; The Offender and the Offence: A Problem of Detection in 2 Corinthians, in: B. P. Thompson [ed.], Scripture: Meaning and Method, FS A. T. Hanson, Hull 1987, 65-78

Welborn, Laurence L.; “Like Broken Pieces of a Ring: 2 Corinthians 1.1-2.13; 7.5-16 and Ancient Theories of Literary Unity, NTS 42 (1996), 559-583

Welborn, Laurence L.; Paul’s Appeal to the Emotions in 2 Corinthians 1.1-2.13; 7.5-16, JSNT 82 (2001), 31-60

Wilk, Florian; Die Bedeutung des Jesajabuches für Paulus (FRLANT 179), Göttingen 1998

 

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